Patrick Gläser: "Orgel rockt"

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z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
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Roland Eberlein
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Patrick Gläser: "Orgel rockt"

Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 5. Februar 2010, 15:29

Seit einiger Zeit führt der Kirchenmusiker Patrick Gläser Konzerte unter dem Titel "Orgel rockt" durch. Bei einem jüngsten Konzert in Öhringen war Radio Vatican dabei und hat darüber gestern auf seinen deutschsprachigen Kanälen einen Beitrag mit Interview und Publikumsstimmen gesendet. Dieser Beitrag ist nun auch ins Internet eingestellt worden - es lohnt sich, ihn anzuhören, es wird viel Bedenkenswertes angesprochen (Leider ist die Tonqualität der Tonbeispiele extrem schlecht, aber es geht primär um den Text des Beitrags). Der Originalbeitrag findet sich unter
http://www.oecumene.radiovaticana.org/t ... p?c=354781
und kann angehört werden, wenn man auf das kleine Lautsprechersymbol zu Beginn des Textes klickt. Softwarevoraussetzung zum Anhören des Originalbeitrags ist der kostenlos im Internet erhältliche Realplayer.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Samstag 2. Oktober 2010, 15:53

Es ist interessant zu beobachten, wie sich das Projekt "Orgel rockt" inzwischen entwickelt hat. Patrick Gläser hat allein in diesem Jahr bisher 12 Konzerte absolviert, drei weitere sind in diesem Jahr geplant, bereits 8 Konzerte stehen fest für 2011. Der Zuhörerandrang ist erstaunlich, die Konzerte füllen regelmäßig die Kirchen.

Angesichts dieser Zahlen ist anzunehmen, daß sich die Sache für Patrick Gläser auch finanziell lohnt, selbst wenn er sich mit einer Kollekte begnügen sollte. Bei vollen Kirchen dürften da allein in in diesem Jahr locker 10-15 Tausend Euro Gage zusammenkommen - für einen nebenamtlichen Organisten, der nicht Daniel Roth heißt, bestimmt nicht schlecht. Da fällt es nicht schwer zu prophezeien, daß sehr bald auch andere Organisten in anderen Landesteilen auf ähnliche Konzertideen kommen werden.

In der Mehrzahl der Fälle fanden und finden Gläsers Konzerte in katholischen Kirchen statt, nämlich in 14 katholischen und 9 evangelischen Kirchen. Zahlreiche Geistliche, Kirchenmusiker und Gemeinderäte beider Konfessionen haben inzwischen offenbar keine Bedenken mehr wegen der "weltlichen" Herkunft der Musik.

Musik von der Art, wie sie Gläser im Konzert spielt, scheint heutzutage sogar hin und wieder in Gottesdiensten gespielt zu werden: Auf Youtube ist beispielsweise ein Ausschnitt aus einer Improvisation auf der Orgel der Wallfahrtskirche St. Marien zu Kevelaer sehen, die im Rahmen der Messdienerwallfahrt 2009 nach Kevelaer gespielt wurde; in diesem Ausschnitt ist wurde der Soundtrack zu "Pirates of the Caribbean" zitiert.
http://www.youtube.com/watch?v=MteG2jyUw6E
Ein weiteres Video zeigt einen jungen Organisten an der Orgel der evangelischen Stadtkirche in Baden-Baden, der ebenfalls "Pirates of the Caribbean" spielt, und in den Kommentaren heißt es "ich hab das an der orgel, gleich nur zweimal gespielt, einmal bei der aufnahme, und am darauffolgenden tag im gottesdienst =)"
http://www.youtube.com/watch?v=xsm1Nd83rtY
Ein drittes Video zeigt eine Aufnahme der Musik zu "Comptine d'un autre été l'après midi" , gespielt in einem Gottesdienst (nach der Predigt) in der Hervormde Kerk Zeerijp (NL) auf der dortigen historischen Orgel von 1649 (mit mitteltöniger Stimmung!) http://www.youtube.com/watch?v=6VeTuMTd4fY
Ein viertes Video zeigt einen improvisierten Rock 'n Roll am Ende eines Sonntagnachmittagsgottesdienstes in der Gereformeerde Kerk Schildwolde (NL)
http://www.youtube.com/watch?v=74RSyRO48Tw
Wieviel derartige Sachen mögen da wohl jeden Sonntag ganz unbeachtet in den Gottesdiensten gespielt werden?

Gläser zitiert auf seiner Seite http://www.orgel-rockt.de/index.html zahlreiche Äußerungen von seinen Hörern, z.B.:
"fantastisch schön, ich könnte noch sehr lange zuhören; Musik, die allen Sinnen wohl tut; Danke - es war ein Stück Himmel auf Erden für mich"
"Ich weiß, dass die Orgel die Königin der Instrumente genannt wird - heute umso mehr."
"Ein wunderbares Konzert. Bitte wiederholen und ausbauen. Es zeigt auf, dass man mit der Orgel viel mehr machen kann. Wir kommen sicher wieder!"
"Total stark! Mir persönlich gefallen die richtig "rockigen", rhythmischen und vollen Stücke am besten. Gerade auch die ganz bekannten! Dort wird die Verfremdung des Altbekannten besonders deutlich und macht den besonderen Reiz aus..."
"20.10 Uhr: Sie spielen seit 10 Sekunden 'Eye of the tiger' und ich habe schon eine Gänsehaut (...)"
"Musik zum Träumen und Mitschwingen. Faszinierend, wie vielfältig Orgel sein kann. (...) Letztlich ist jede Musik ein Geschenk Gottes. Die Orgel lebt. Vielen Dank!"

Ganz offensichtlich findet die Orgel mit dieser Musik eine Vielzahl neuer Freunde - und das hat sie bekanntlich dringend nötig!

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Donnerstag 27. Januar 2011, 14:32

Nach 2 Konzerten in 2009 und 15 Konzerten im Jahr 2010 sind jetzt bereits 21 Konzerte für 2011 geplant.

Die Gesamtbesucherzahl der Konzerte in 2010 gibt Patrick Gläser mit 3000 Personen an, also rund 200 pro Konzert – eine Besucherzahl, von der die meisten Konzertreihen mit traditioneller Orgelmusik nicht einmal mehr träumen.

Die YouTube-Videos von »Orgel rockt« wurden binnen eines Jahres im Extremfall rund 30.000-mal angeklickt; im Minimum über 10.000-mal. Zum Vergleich: Videos mit Widor-Einspielungen von Daniel Roth wurden im gleichen Zeitraum maximal 10.000-mal abgerufen, minimal etwa 1.000-mal.

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Beitrag von perotin » Donnerstag 27. Januar 2011, 21:05

Roland Eberlein hat geschrieben:Die Gesamtbesucherzahl der Konzerte in 2010 gibt Patrick Gläser mit 3000 Personen an, also rund 200 pro Konzert – eine Besucherzahl, von der die meisten Konzertreihen mit traditioneller Orgelmusik nicht einmal mehr träumen.

Hrmpff... jetzt geht diese Propaganda schon wieder los!

"Patrick Gläser, der Retter der Orgelkultur!" Wir erstarren also in Ehrfurcht und geloben feierlich, nie mehr eine Note von Buxtehude anzurühren.

Haben Sie eigentlich schon mal erwogen, sich bei einem Fernsehsender anstellen zu lassen? Abteilung "Statistik und Einschaltquoten"...

p.
Zuletzt geändert von perotin am Freitag 28. Januar 2011, 01:43, insgesamt 1-mal geändert.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 28. Januar 2011, 00:42

Das ist mir wohl bewußt, daß den meisten Organisten die Aktivitäten von Herrn Gläser so wie Ihnen gegen den Strich gehen und sie davon nichts hören und nichts sehen wollen, so wie kleine Kinder sich die Augen zuhalten, wenn etwas Schreckliches passiert. Aber das Nichts-sehen-und-nichts-hören-wollen ändert nichts an der Tatsache, daß die Aktivitäten von Herrn Gläser höchst erfolgreich sind und sich in frappierender Geschwindigkeit ausweiten. Eine solche Entwicklung hat das Potential, das Orgelkonzertleben binnen weniger Jahre umzukrempeln: Es brauchen nur Nachahmer auf den Zug aufzuspringen. Also ist es ein Gebot der Klugheit, hinzuschauen und die Sache genau zu beobachten, egal, ob man sie gut oder schlecht findet. Und zum Genaubeobachten gehört eben auch die Erhebung von Zahlen. Und wo gehören diese Beobachtungen hin, wenn nicht in ein Orgelforum?

KarlM
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Beitrag von KarlM » Donnerstag 17. Februar 2011, 18:40

Hallo
ich war in einem Konzert von Herrn Gläser,
eventuell hat auch die sehr schlechte Orgel dazu beigetragen,
aber nach 15 min habe ich alles gehört, wenn ich nicht ein paar Leute gekannt hätte, wäre in mitten im Konzert gegangen.
Das großmundig angekündigte "alles ist improvisiert" war nicht so,
er kennt nur 3-4 verschiedene Stilmittel, und die kommen immer wieder und wieder und wieder......
aber die Leute waren total begeistert ob der für mich objektiv schlechten Qualität,

ein Tag vorher war ich in einem Konzert von Baptiste-Florian Marle Ouvrard,
die zwweite Hälfte ein reines improvisationskonzert, da kann man über Herrn Gläser nur müde lächeln
Karl

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Donnerstag 17. Februar 2011, 23:19

KarlM hat geschrieben: ... er kennt nur 3-4 verschiedene Stilmittel, und die kommen immer wieder und wieder und wieder......
aber die Leute waren total begeistert ...
Umso erstaunlicher ist die Begeisterung der Leute! Und man fragt sich, was wohl passieren wird, wenn ein richtig guter Organist und Improvisator solche Konzerte spielt ...

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Beitrag von KarlM » Freitag 18. Februar 2011, 06:20

Sehr geehrter Herr Eberlein,
genau das ist es, die Qualität des Konzerts war auf gut schwäbisch "hundsmiserabel", die der Orgel auch,
und der Franzose einen tag früher hat um Welten besser gespielt, besser improvisiert, und die Improvisationen waren besser zu hören, haben mehr "gerockt" und waren einfach begeisternd, vor allem aber, da ist Musik rüber gekommen zu mir.
Warum kommen dann die Leute zu Gläser, nur weil groß in der Zeitung angekündigt wird mit "Orgel rockt" ?

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 18. Februar 2011, 08:46

Sie kommen ganz offensichtlich deswegen in großer Zahl und mit Begeisterung, weil Gläser die Art von Musik spielt, welche zahllose Leute interessiert, während Ouvrard und andere Organisten mit herkömmlichen Repertoire und Improvisationsstil Musik spielen, welche die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung nicht interessiert ...

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 20. Februar 2011, 18:07

Schon wahr, aber das gilt für jeden Stil: Alle Musik nutzt sich irgendwann ab, wenn sie andauernd gespielt wird.

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Beitrag von Administrator » Montag 21. Februar 2011, 22:05

Ich denke, es ist wie bei vielen Dingen: Selbst hingehen, selbst hören und sich selbst ein Urteil bilden. Das gilt natürlich auch nicht für andere, aber nur so findet man raus, ob was an dem Thema dran ist.

Ob es sich länger halten wird? Das hängt davon ab, ob andere auf den Stil aufspringen, ob Patrick Gläser ständig Neues bringen kann, usw.

Das Konzert in Münster war auf jeden Fall gut besucht: http://www.ahlener-zeitung.de/lokales/m ... nzert.html
Herzliche Grüße

Daniel
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Beitrag von Axel » Sonntag 27. Februar 2011, 19:22

Zum eigentlichen Konzert kann ich mich nun mangels Kenntnis nicht äußern. Ich denke, wenn es entsprechend marktschreierisch beworben wird, funktioniert das erst mal aufgrund des Überraschungseffektes.

Fakt ist allerdings, dass das Hörvermögen unserer Zeitgenossen drastisch abnimmt. Polyphonie wird kaum noch erfasst, bestenfalls als melodieloses Durcheinander. Gar nicht zu reden davon, dass kaum noch einer die Finessen eines elegant komponierten Sonatensatzes erkennt. Diese Entwicklung kann ich als Musiker nicht neutral bewerten, einfach als Veränderung der Hörgewohnheiten. Nein, das ist Niedergang.

Fakt ist auch, dass jegliche Pop-Versuche auf der Orgel (soweit aus YT und gedruckten Varianten bekannt) mit entsprechend simplen Mitteln arbeiten, die durch die Orgel schonungslos offen gelegt werden. Wer sich das anhören mag...bitte sehr. Ich würde allerdings lieber weiterhin Werbung für interlektuell und emotional gehaltvolle Musik machen.

@Roland Eberlein: Wir sind mal wieder verschiedener Meinung :wink: Wer hätte es gedacht? Für mich gibt es Musik, die sich auch nach Jahren nicht abnutzt und die ich gerne immer wieder hören und spielen mag.

Grüße
Axel

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