Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Roland Eberlein
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Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 27. März 2009, 16:58

In der Martinikirche Halberstadt steht bekanntlich das Gehäuse der Orgel, die David Beck 1596 in der Schloßkirche zu Gröningen errichtete - damals nach Registerzahl die größte Orgel der Welt, und mit Kosten von 13000 Talern auf jeden Fall die damals teuerste. Es gibt wohl keine zweite Orgel, deren Prospekt derartig schmucküberladen ist. Bei der Orgeleinweihung, zu der 53 Spitzenorganisten aus halb Deutschland zusammengetrommelt wurden, ließ man allein für Trinkgelder an die Organisten 3000 Taler springen!!! Leider sind heute Hauptgehäuse und Rückpositivgehäuse getrennt, letzteres steht in Harsleben. Von dem Orgelwerk ist außer den Prospektpfeifen nichts erhalten.

Derzeit gibt es Überlegungen, beide Gehäuseteile wieder zusammenzuführen - an und für sich ein zweifellos lobenswertes Vorhaben. Die Orgel wird dann wieder diesen überwältigenden Anblick bieten:

http://www.kirchenmusik-halberstadt.de/daten/mar/1.jpg

Darüber hinaus bestehen folgende Überlegungen:

http://www.kirchenmusik-halberstadt.de/ ... d=99999999

"Ein großes internationales Kultur-Projekt müsste mit der Aufgabe betraut werden, die Rekonstruktion der David Beck-Orgel entsprechend ihrer originalen Disposition im restaurierten Gehäuse zu planen. Diese Arbeit könnte durch eine Zusammenarbeit der besten Spezialisten für den Orgelbau des Renaisance-Zeitalters durchgeführt werden. Für diese Rekonstruktion müsste zuvor eine Erforschung und Inventarisierung des sämtlich vorhandenen klingenden Materials erfolgen, das noch in den verschiedensten repräsentativen Instrumenten dieser Epoche und ihres Stils in Europa vorhanden ist. Die Existenz des Gehäuses und das musikalische und historische Umfeld dieser Region im Herzen Deutschlands stellen eine einzigartige Chance dar, heute eine der ganz großen Orgeln vom Ende des 16. Jahrhunderts wiedererstehen zu lassen."

Das scheint mir allerdings ziemlich fragwürdig. Von David Beck ist außer ein paar Principalpfeifen nichts erhalten. Es gibt keine Mensuren, keine Mixturzusammenstellungen, keine Laden, schlicht überhaupt nichts, auf das man eine Rekonstruktion basieren könnte. Ein paar Äußerungen von Praetorius im Syntagma musicum Bd. II kann man vielleicht(!) auf Beckorgeln beziehen. Das einzige original erhaltene Beispiel für eine mitteldeutsche Renaissanceorgel dieser Zeit ist die Compenius-Orgel in Schloß Fredericksborg. Aber die ist in vieler Hinsicht nicht typisch für den Orgelbau dieser Zeit: Alle Pfeifen sind aus Holz, es fehlen Mixturen und Principalchöre.

Eine „Rekonstruktion“ der Beckorgel wäre also zwangsläufig nichts weiter als eine dreiste Geschichtsfälschung für leichtgläubige Touristen.

Was aber soll man sonst mit den zusammengeführten Gehäuseteilen anfangen?

Pierre Lauwers
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Beitrag von Pierre Lauwers » Samstag 28. März 2009, 12:56

Keine einfacher Antwort ist dafür möglich....
Von Renaissance-Orgeln kennen wir -relativ!- gut die Werke
Hendrik Niehoffs und seiner direkte Vorfahren und Schülern.
Aber ja auch hier sind unseren Kentnissen irgendwo mangelhaft.
Vielleicht, doch, ein Niehoff-like Orgel in dieser prachtige Gehause wurde
etwas weniger nur ein Attrappe sein konnen...
Ein Orgel nach der Styl einer Niehoff-Folger besteht bereits in St-Jacques Liège (Séverin), dessen Ergebnis sehr interessant ist.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Samstag 28. März 2009, 14:58

Natürlich könnte man irgend eine Orgel dahinter setzen, egal in welchem Stil. Warum aber ausgerechnet eine Niehoff-Orgel? Die Stile von Niehoff und Beck sind die wahrscheinlich am weitesten von einander entfernten Stile, die es um 1600 gab - man lese nur einmal die Disposition der Beck-Orgel (siehe unten!). Allein schon das Pedal: Niehoff hat seine Pedale nur mit einer Trompete und manchmal einem Nachthorn besetzt; Beck hat in Gröningen ein Pedal mit 26 Registern geschaffen!! Niehoff baute dreimanualige Orgeln mit nur 25 Register - Beck baute bei 59 Registern nur 2 Manuale!! Und dann die irre Häufung von 16‘-, 8‘- und 4‘-Stimmen bei Beck - das war bei Niehoff vollkommen undenkbar.

Gröningen, Schloßkirche

David Beck 1592-96 (Zustand 1619 und vor 1704)

Oberwerk
CDE-c3
GroßQuintadehna 16'
Principal 8'
Groß Querflöit 8'
Grobgedact (rohrgedeckt) 8'
Gemßhorn 8'
Octava 4'
Nachthorn 4'
Klein Querflöite 4'
Hohlflöiten (1619: 8') 2'
Quinta (1619: 6') 3'
Mixtur 6-8f.
Zimbel 2f.

auf der Brustlade:
Rancket 8'
Regal 8'
Klein Gedact 2'
Repetirend ZimbelRegal 2'
Klein Octava 1'
Klein Mixtur 3f. 2'
Zimbel 2f.

Rückpositiv
CDE-c3
Sordunen 16'
Quintadehn 8'
Trommet 8'
Krumbhorn 8'
Principal 4'
Gemßhorn 4'
KleinRegal 4'
Gedact (rohrgedeckt) 4'
Zimbel 2f. 3'
Octava 2'
Spitzflöite 2'
Quinta 1 1/2'
Mixtur 4f. 4'
Subflöite (Sifflöt) 1'

Pedal
CDE-c1
in den beiden Seitentürmen
Groß PrincipalBaß 16'
Groß GemshornBaß 16'
PosaunenBaß 16'
SordunenBaß 16'
Groß QuerflöitenBaß 8'
TrommetenBaß 8'
GemßhornBaß 8'
QuintflöitenBaß 6'
KleingedactBaß 4'
SchallmeyenBaß 4'

obere Baßlade zum Pedal
Untersatz 16'
QuintadeenBaß 16'
OctavenBaß 8'
Klein QuintadeenBaß 8'
Klein OctavenBaß 4'
NachthornBaß 4'
RauschQuintenBaß 3'
HolQuintenBaß 3'
Mixtur 5f.
HolflöitenBaß 2'

in der Brust auf beiden Seiten:
RancketBaß 8'
KrumbhornBaß 8'
ZimbelBaß 2f. 3'
KleinRegalBaß 2'
QuintflöitenBaß (ged.) 1 1/2'
BawrflöitenBaß 1'
Tremulant, Manualkoppel
Quelle: Praetorius, Syntagma musicum II, S. 188 u. Werckmeister, Organum Gruningense, S. 9

Pierre Lauwers
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Beitrag von Pierre Lauwers » Samstag 28. März 2009, 21:11

"Die Stile von Niehoff und Beck sind die wahrscheinlich am weitesten von einander entfernten Stile, die es um 1600 gab"
(Zitat)

Sicher, aber was sonnst ?
Ein moderne Orgel in das alte Gehause ?

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Samstag 28. März 2009, 21:55

Vor nicht einmal 30 Jahren hätte man in der Tat ganz selbstverständlich eine komplett neue Orgel im neobarocken Stil in das Gehäuse gesetzt. Die Argumentation wäre gewesen:

1. Die Beck-Orgel ist unwiderruflich untergegangen, nichts und niemand kann sie zurückbringen.
2. Das jetzt hinter dem Prospekt des Hauptgehäuses befindliche Orgelwerk von Röver ist ein Fremdkörper: Es hat nichts mit dem Prospekt zu tun, ist sogar gar nicht für dieses Gehäuse geschaffen worden, es widerspricht in seinem Stil aufs Schärfste dem frühbarocken Stil des Gehäuses, und in seiner inneren Anlage der Anlage des Prospekts. Also muß es weg.
3. Folglich müssen wir eine Orgel unserer Zeit dahinterbauen, allerdings eine solche Orgel, die in ihrer inneren Anlage dem Prospekt entspricht, so daß der Prospekt wieder eine logische Folge der inneren Orgelanlage ist. Außerdem sollte die zu bauende Orgel in ihrer Klanglichkeit dem Stil des Prospektes entsprechen. Dumpfe, mulmige Klänge aus einem silbern und golden strahlenden Gehäuse, das paßt nicht. Ebenso paßt es nicht, wenn gefühlsduselige, dramatische spätromantische Musik aus einem verspielten, heiteren barocken Gehäuse kommt. Die Orgel sollte sich also vorzugsweise zur Darstellung der früh- und hochbarocken Musik eignen und entsprechende Plenumklänge aufweisen.

Heute haben wir aber den unwillkürlichen Drang, hinter den alten Prospekt eine Rekonstruktion des originalen Orgelwerks zu setzen, obwohl natürlich alle im Grunde wissen: Die Beck-Orgel ist unwiderruflich untergegangen, nichts und niemand kann sie zurückbringen. Gibt es irgend eine rationale Begründung für diesen Drang? Oder gibt es irgend ein Argument, das die skizzierte frühere Argumentation als falsch erscheinen läßt?

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Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Beitrag von RhönOrgelbauer » Sonntag 29. März 2009, 19:40

Die Formulierungen in der Projektbeschreibungen erinnern mich sehr an ähnliche Werbebotschaften für einen mittelfränkischen Orgelneubau.

Sollte in Halberstadt tatsächlich "Wiegleb Teil II" geplant sein?

Dann empfehle ich, Sinn und Unsinn der bereits verwirklichten Orgelrekonstruktionen zuvor gut zu studieren. Alles große internationale Kultur-Projekte, mit den besten Spezialisten ... , nach Erforschung sämtlich vorhandener ..., eine der ganz großen Orgeln ..., eine einzigartige Chance ..., wiedererstehen ...

Gut, dass wir wenigstens bei Orgeln die Auferstehung von den Toten im Griff haben! :wink:

Nichts für ungut
RhO

Pierre Lauwers
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Beitrag von Pierre Lauwers » Dienstag 31. März 2009, 13:34

Vielleicht sollte das Gehause allein restauriert werden,
und leer belassen, als ein Gelegenheit, zu erklären,
mann muss mehr sorgfällig mit unseren Kulturgütern sein...

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Dienstag 31. März 2009, 18:06

Die Idee hat was für sich!

Holger

Beitrag von Holger » Donnerstag 2. April 2009, 10:31

Mich stört das Wort "Rekonstruktion" - ersetzt das doch bitte gegen "Neubau unter Zugrundelegung des gegenwärtig mutmaßlichen Zustand von ca. 1600".

Das ist sperrig und geht nicht so leicht über die Lippen wie das missverständliche "Rekonstruktion". Um etwas rekonstruieren zu können muss auch eine Grundlage, Substanz da sein, die das ermöglicht. Alles andere ist ein Vorgaukeln eines nicht wieder erbringbaren sogenannten Originals, was wie Herr Eberlein richtig erkannt hat, durchaus tourismusfördend sein könnte

Wenn da wirklich nicht viel erhalten ist, ist das ganze in meinen Augen reine Spekulation. Und da erleben wir wieder einen der nur rückwärts gerichteten Rückschritte, die heut üblich sind. Und dies wäre sicher nicht im Sinne des für seine Zeit recht progressiven Orgelbauers Beck.

Poupoulcorouse
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Beitrag von Poupoulcorouse » Mittwoch 4. November 2009, 21:36

Um das Thema nochmal aufzugreifen:



Ich sag's mal so: Wenn man versucht, aus Indizien eine mitteldeutsche Renaissanceorgel nachzuempfinden und damit diesen schönen Prospekt zu füllen, dann ist das ein zu unterstützendes Vorhaben und würde eine Bereicherung der deutschen Orgellandschaft darstellen.

Genauso wäre es sinnvoll, dabei die alte becksche Disposition zugrundezulegen, der Gehäuseverhältnisse wegen und weil somit, zumindest nominell, ein schlüssiges Vorbild gegeben wäre.


Nur sollte man das eben auch als das benennen, was es ist.
Und nicht als Beck-Orgel.

Ansosten ist das Vorhaben ja völlig in Ordnung.
Was sollte man auch stattdessen in diesen Prospekt setzen, wenn man vorhat, ihn wieder mit Leben zu füllen ?

Ein modernes, immergleiches Klais-Kuhn-etc. Universalwerk ?



Natürlich sollte man die Chance nutzen, eine orgelbauerische Nische zu füllen und das Vorhaben als musikhistorisches Experiment begreifen.

Nicht als Rekonstruktion dieses bestimmten Werkes.



So könnte man wohlklingende Werbung für sich machen und gleichzeitig glaubwürdig bleiben.

Roland Eberlein
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Re: Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 5. August 2012, 23:15

Im Zuge der Vorbereitung einer "Rekonstruktion" der Beck-Orgel ist das bisher hinter dem Beck-Prospekt in der St. Martinikirche Halberstadt vorhandene Orgelwerk von Röver verkauft worden an die Kirchengemeinde in Calbe; es wird derzeit abgebaut. Gleichzeitig wird das Beck-Gehäuse von zwei beauftragen Orgelexperten nach Spuren der ursprünglichen Orgelanlage abgesucht: http://www.praetorius-beckorgel.de/aktuelles.php

Damit ist ein erster, unumkehrbarer Schritt in Richtung auf eine "Rekonstruktion" getan - ob freilich in absehbarer Zeit die hierfür notwendigen finanziellen Mittel durch den Förderverein aufgetrieben werden können, dürfte immer noch in den Sternen stehen. Immerhin zeichnet sich der Wille ab, das Projekt tatsächlich durchzuziehen und es nicht bei den Diskussionen zu belassen, die im Rahmen mehrerer Kolloquien in den letzten Jahren durchgeführt wurden.

Roland Eberlein
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Re: Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Beitrag von Roland Eberlein » Montag 20. August 2012, 22:46

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, einige Gründe zusammenzustellen, warum eine echte Rekonstruktion der Beck-Orgel weder möglich noch sinnvoll ist:

1. Wie bereits in diesem Thread erwähnt, gibt es außer dem Prospekt, den alten Gehäuseteile und der überlieferten Disposition keine Relikte, auf die sich eine Rekonstruktion stützen könnte: keine Laden, außer den Principalpfeifen des Prospekts keine Register, auch keine Mixturzusammenstellungen und Mensuraufzeichnungen. Von Beck sind auch keine anderen Orgeln erhalten. Aus der Umgebung des Orgelbauers Beck ist zwar die Compenius-Orgel in der Schloßkirche Fredericksborg erhalten – doch diese Orgel eignet sich nicht als Vorbild, weil sie als Kammerorgel ohne Principalchöre und ohne Mixturen konzipiert ist, überdies sind alle Pfeifen aus Holz in kammergerechten Mensuren konstruiert. Auch aus späterer Zeit gibt es zu einigen Registern der Beck-Orgel keine Vorbilder, z.B. für die Querflötenregister von Beck. Es handelte sich bei diesen Registern nicht um Querflöten heutiger Bauweise, sondern ungewöhnlicherweise um überblasende Gedackte – soviel geht aus den Beschreibungen durch Werckmeister und Praetorius hervor. Aber wie genau diese Register konstruiert und mensuriert waren, weiß kein Mensch. Zu Werckmeisters Zeiten gaben diese Register aus unbekannten Gründen keine vernünftigen Töne mehr von sich, weshalb sie schon damals ersetzt wurden. Selbstverständlich haben sich auch anderweitig keine derartigen Register erhalten. Wie soll man da "rekonstruieren"? Selbst bei scheinbar wohlbekannten, herkömmlichen Registern wie z.B. den Registern Posaune und Trompete gibt es keine vernünftigen Rekonstruktionsvorbilder. Wir wissen nur, daß die mitteldeutschen Orgelbauer diese Register bis weit in das 17. Jahrhundert hinein meist mit Bechern von stark verkürzter Länge konstruiert haben – aber wie lange diese Becher im Fall der Beck-Orgel waren, weiß kein Mensch; dies ist jedoch von elementarer Bedeutung für die zu rekonstruierende Klangwirkung!

2. Die Beck-Orgel wurde gebaut zu einer Zeit, als die Orgelbauer die benötigte Querschnittsfläche der Kanzellen, Ventile und Kanäle noch nicht berechnen konnten. Die Maße wurden einfach nach Gutdünken aufs Geratewohl festgelegt. Es gab auch keine Erfahrungswerte für Orgeln von der Größe der Beck-Orgel – eine solch große Orgel mit so vielen Grundstimmen war nie zuvor gebaut worden! Folglich wurde die Windzuführung zu den Pfeifen viel zu klein dimensioniert, mit der Folge, daß die Orgel verstimmt klang, wenn zu viele Register gleichzeitig auf einem Teilwerk gezogen wurden. Wegen dieser Probleme mit der Windversorgung wurden die Laden und Kanäle zu Werckmeisters Zeit überarbeitet. Gleichwohl wurde die Windversorgung der Pfeifen im frühen 19. Jahrhundert immer noch als völlig unzureichend empfunden.

Konsequenterweise müßte man heute diese unzureichende Windzuführung rekonstruieren, denn sie ist ganz wesentlich für die Klangwirkung der Orgel: Register mit knapper Windversorgung klingen anders als solche mit reichlicher Windversorgung! Überdies würde eine reichliche Windversorgung die Organisten dazu verleiten, diese Orgel ganz anders zu registrieren, als um 1600 möglich und angestrebt; den Registrieranweisungen aus dieser Zeit zufolge wurden damals in der Regel kaum mehr als 3 oder 4 Register zusammen gezogen, und das Zusammenziehen mehrerer windfressender Grundregister wurde vermieden. Die Renaissance-Orgel im allgemeinen war also kein raumbeherrschendes, lautstarkes Instrument, sondern eher kammermusikalischer Natur. Das gilt ganz besonders für die Gröninger Beck-Orgel, stand diese doch (trotz ihrer 59 Register!) ursprünglich in einer kleinen Schloßkirche, nicht in einem großen Dom! Diese Orgel sollte kammermusikalisch klingen, alles andere wäre bei 59 Registern in einem kleinen Raum fehl am Platze gewesen. Kurz: die gering bemessene Windzufuhr ist ein ganz wesentliches Charakteristikum dieser Orgel gewesen; wird die Windzufuhr großzügiger bemessen, entsteht eine Orgel ganz anderen Typs.

3. Andererseits soll die rekonstruierte Beck-Orgel in der Halberstädter Martinikirche erklingen, einer gotischen Kirche von recht beachtlichen Ausmaßen. Bisher steht sie auf der Westempore – aber von dort hat eine kammermusikalisch intonierte Orgel auch nicht den Hauch einer Chance, den Raum ausreichend zu füllen. Also muß diese Orgel an einen akustisch besser geeigneten Platz, den auch das Denkmalsamt mittragen kann – aber wo wäre der? Das Instrument ist ja alles andere als klein! Wenn daher die Orgel auf der Westempore bleiben muß, muß man Kanzellen, Ventile und Kanäle größer dimensionieren als sie ursprünglich waren und die Intonation sehr viel kräftiger machen – damit vergewaltigt man aber aufs neue die erhaltenen Principalpfeifen von Beck! Von einer klanglichen Rekonstruktion der Beck-Orgel kann dann natürlich überhaupt keine Rede sein.

Kurz: Für eine Rekonstruktion des ursprünglichen Orgelwerks steht der Beck-Prospekt im Grunde in der falschen Kirche am falschen Platz!

4. Ein weiteres Problem entstünde, sobald eine realistisch nachempfundene Beck-Orgel einmal fertiggestellt sein sollte: Diese Orgel würde in keiner Weise den Erwartungen entsprechen, welche heutige Organisten an eine Orgel stellen. Alle Zungenstimmen dieser Orgel würden nach heutigen Begriffen ziemlich plärrend klingen und müßten beinahe täglich nachgestimmt werden. Die Labialregister würden sich verstimmen, sobald auch nur ein einziges Register zuviel gezogen würde. Welcher heutige Organist würde ein solche Orgel gutheißen? Überdies würden viele fremde Organisten angesichts der grundstimmenbetonten Disposition mit der Vorstellung kommen, an dieser Orgel sogar romantische Literatur spielen zu können – und wären dann bitter enttäuscht von dieser Orgel, die es noch nicht einmal ermöglicht, zwei Achtfüße zusammen zu ziehen! Würde nicht jeder Organist über den Orgelbauer lästern, der diese Orgel verbrochen hätte – genau so, wie dies schon Werckmeister 1698 tat? Welcher Orgelbauer würde diese Rufschädigung riskieren? Würde also nicht jeder vorausdenkende Orgelbauer die Orgel klammheimlich so konzipieren, daß diese Rufschädigung nicht eintreten kann – und folglich keine Renaissance-Orgel rekonstruieren, sondern im Grunde eine moderne Orgel mit pseudoromantischem Einschlag? Wird also nicht das ganze Projekt – selbst bei den besten Absichten der Initiatoren – zwangsläufig auf eine Irreführung der Orgelwelt und der Touristen hinauslaufen? Wäre es dann nicht besser, gleich von einer modernen Orgel mit einer an die frühere Orgel angelehnten Disposition zu sprechen? Freilich – ob man für dieses Ziel die benötigte Millionensumme zusammen bekäme?

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Friedrich Sprondel
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Re: Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Beitrag von Friedrich Sprondel » Dienstag 21. August 2012, 09:25

Da wir keine Information über die Beck-Orgel haben, bleibt doch eigentlich nur eine Alternative:

Entweder, man versucht, alles an Wissen zusammenzukratzen, was man über den Renaissance-Orgelbau in Mitteldeutschland weiß, und entwickelt aufgrund der überlieferten Disposition und in Kenntnis der Werckmeister-Kritik eine Art Orgel-Hypothese mit vollem Risiko – von beschränkter Einsetzbarkeit, aber möglicherweise mit schönen Klängen, die sich für das Spiel vom Musik um 1600 anbietet. Vielleicht könnte man aus der Orgel in Harbke eine Art Kern konstruieren und diesen dann mit dem zusammenbringen, was man in Frederiksborg erleben kann. als Für alles andere bräuchte man dann eine weitere, in jeder Hinsicht verlässliche Orgel.

Oder man lässt einen in solchen Dingen bewährten Orgelbauer mit dem vorhandenen Material arbeiten: Gehäusemaße, Prospektpfeifen (wann wurden die denn das letzte Mal überarbeitet?), Raum. Er könnte ein Konzept entwickeln, das das historische Material so gut wie irgend möglich zur Geltung bringt und ein musikalisch sinnvolles Ganzes bildet. So etwas wie ein Prinzipalgerüst, eine Stimmtonhöhe und eine Stimmung zum Beispiel müssten sich doch recht gut konstruieren lassen; an die Prinzipalmensuren ließen sich dann die weiteren anlehnen. Je nach den Anforderungen – die wären natürlich festzulegen – ließe sich dann ein technisches Konzept entwickeln, das eine vielseitig brauchbare Orgel zum Ziel hat.

In beiden Fällen hätte man es natürlich mit Neubauten zu tun. Angesichts dessen, was erhalten blieb, hätte der Orgelbauer jedoch nicht einfach carte blanche. Mit den erhaltenen Pfeifen und Gehäusemaßen muss er arbeiten, er muss eine angemessen Traktur und Windversorgung konstruieren.

In beiden gilt außerdem: Je schöner der Klang, desto besser – desto mehr wird die Orgel gespielt und geschätzt werden. Ich könnte mir vorstellen, dass ein guter Orgelbauer den Ehrgeiz entwickelt, eine Orgel zu erfinden, die hält, was der kostbare Prospekt verspricht.

Dazu müsste man sich allerdings nachdrücklich vom Gedanken einer Rekonstruktion verabschieden. Irgendjemand muss einmal sagen: Wir wollen eine neue Orgel für dieses Gehäuse. Die Entscheidung, was für eine das werden soll, kann uns niemand abnehmen, auch wenn das Wort »Rekonstruktion« das vorspiegelt.

Gruß,
Friedrich

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Re: Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Beitrag von Poupoulcorouse » Sonntag 2. September 2012, 13:30

Zu Roland Eberleins Beitrag:


Danke für die vielen Ausführungen.
Aber den Gedanken in Punkt 4 kann ich so beim besten Willen nicht teilen.
Wenn ein Organist nicht in der Lage ist, sich mit einer Orgel, auf der er ein Konzert spielen möchte, vorher auseinanderzusetzen und sich ausreichend über deren Eigenarten zu informieren, dann soll er's halt bleiben lassen.


Von einer modernen Orgel nach alter Disposition muss man ohnehin sprechen. Das wissen wir hier alle, denke ich. Trotzdem muss man sich nicht jede Woche aufs neue darüber echauffieren, daß man nunmal mit dem Begriff "Rekonstruktion" mehr Spendengelder einfährt. Das kann man auch pragmatisch sehen.
Man muss nicht jedes interessante Klangexperiment gleich deshalb verbannen, weil es sich mit werbewirksamen Begriffen schmückt. Daß es nichtsdestotrotz bereichernd wäre, den Bau eines solchen Instrumentes einmal auszuprobieren, dürfte hier so gut wie niemand abstreiten. Oder täusche ich mich da?


Lassen wir den Initiatoren doch ihre Werbeslogans. Die müssen schließlich Geld für das neue Instrument zusammenbekommen. Egal, was dann letztlich dort erklingen wird.

Roland Eberlein
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Re: Rekonstruktion der Gröninger Beckorgel von 1596?

Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 2. September 2012, 15:28

Poupoulcorouse hat geschrieben: Wenn ein Organist nicht in der Lage ist, sich mit einer Orgel, auf der er ein Konzert spielen möchte, vorher auseinanderzusetzen und sich ausreichend über deren Eigenarten zu informieren, dann soll er's halt bleiben lassen.
Solche Organisten werden es aber nicht bleiben lassen: Sie werden kommen und öffentlich auf die Nase fallen. Und hinterher werden sie und ihr Publikum der Orgel die Schuld geben – und nicht einmal ganz zu Unrecht. Die Orgel wird also in Verruf geraten. Und es ist nicht schwer zu erraten, was passieren wird, sobald die derzeit bereits abebbende Welle der "historisch informierten Aufführungspraxis" ihr Ende erreicht hat: Das Orgelwerk, das mit einem Millionenaufwand bewußt in dieser Weise errichtet wurde, wird umgebaut (wie schon Anno 1704) oder gar ersetzt werden, damit man endlich an diesem Ort vernünftig konzertieren kann. Und gegen diese Bestrebungen werden dann noch nicht einmal Denkmalschützer etwas einzuwenden haben, denn es handelt sich ja bloß um ein Imitat, nicht um ein Original. Der Millionenaufwand wird sich also nach vielleicht nur 20 Jahren als totale Fehlinvestition erweisen. Und die noch lebenden Spender werden sich – zu Recht! - ärgern, dafür ihr Geld hergegeben zu haben.
Poupoulcorouse hat geschrieben:Von einer modernen Orgel nach alter Disposition muss man ohnehin sprechen. Das wissen wir hier alle, denke ich.
Nach meinem Eindruck wissen auch in der Orgelwelt die allerwenigsten, daß viel zu wenig über mitteldeutsche Orgeln der Zeit um 1600 bekannt ist, um eine Orgel in diesem Stil rekonstruieren zu können. Die meisten Organisten und Orgelfreunde würden selbstverständlich glauben, daß die vorgebliche "Rekonstruktion" der Beck-Orgel im Klang und im Spielverhalten dem Vorbild von 1596 nahekommt. Würde unter der Überschrift "Rekonstruktion" in Wirklichkeit eine moderne Orgel nach alter Disposition gebaut werden, so würde dieses Instrument völlig falsche Vorstellungen über die Orgeln der Zeit um 1600 verbreiten. Wenn z.B. die Windwege modern bemessen wären, würde diese Orgel die Vorstellung vermitteln, daß man schon damals nach Belieben fünf 8'-Register zusammenziehen konnte. Wenn sie Trompetenbecher in voller Länge hätte, würde der Klang ihrer Trompeten als "typisch" für eine mitteldeutsche Renaissance-Orgel gelten – es gibt ja keine originalen Trompetenregister von 1600, die dieser Annahme widersprechen können. Wäre sie wohltemperiert eingestimmt (von den Sachverständigen natürlich gerechtfertigt als Anlehnung an den historischen Zustand von 1704, um das Bachspiel zu ermöglichen!), so gäbe es bestimmt eine Menge Leute, die durch diese Orgel zu der Überzeugung kämen, daß man schon 1596 in E-Dur spielen konnte. Kurz: Diese Orgel würde wie eine gigantische Geschichtsfälschung wirken.

Ich finde, gegen solche Geschichtsfälschungen muß man von Anfang an protestieren. Wer eine moderne Orgel in das Beck-Gehäuse setzen will, darf dies von mir aus gerne tun. Aber er soll keinen Etikettenschwindel betreiben, indem er sein Vorhaben als Rekonstruktion anpreist, um so mehr Geld einwerben zu können. Wenn die Initiatoren mit dem Werbeslogan "Rekonstruktion der Beck-Orgel" antreten, dann ist es eben nicht mehr "egal, was dann letztlich dort erklingen wird"!

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