Orgelsachverständige / Studium "Organ Expert"

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Orgelsachverständige / Studium "Organ Expert"

Beitrag von Roland Eberlein » Dienstag 16. Oktober 2007, 17:31

Die Diskussion um den "Brandbrief" führte zu der fragwürdigen Rolle und Funktion der Orgelsachverständigen in der Orgelwelt und mündete in die Feststellung "Und nun werden Orgelsachverständige unglaublicherweise noch in einem europaweit gültigen Studiengang herangezüchtet." Damit ist natürlich der Master-Studiengang "Organ Expert" in Trossingen, Rom und Göteborg gemeint.

Braucht die Orgelwelt diesen Studiengang? Steht zu hoffen, daß die Absolventen dieses Studiengangs bessere Orgelsachverständige sind als die bisherigen?

Ich habe da erhebliche Zweifel. Denn was waren die Schwachpunkte der bisherigen OSV? Im 19. Jahrhundert übten zumeist normale Organisten, gelegentlich auch Pfarrer diese Funktion aus, ohne besondere Ausbildung, sie hatten sich allenfalls etwas belesen und gewannen dann im Amt gewisse Erfahrungen. Das beste, was man von ihnen sagen kann, ist: Sie redeten den Orgelbauern meist wenig hinein, da ihnen bewußt war, daß sie keine Ahnung vom Handwerk hatten. Sie stellten die Disposition auf oder beurteilten die vom Orgelbauer vorgeschlagene Disposition und nahmen am Ende die Orgel ab, meist mit einem ebenso lobenden wie ahnungslosen Gutachten.

Dann kam die Orgelbewegung, und die brachte einen neuen Typ von Orgelsachverständigen hervor: Dieser Typ war zwar ebenso wenig ausgebildet für seine Funktion, doch glaubte er alles besser zu wissen als die Orgelbauer. Orgelsachverständige dieses Typs legten nicht nur die Disposition fest, sondern auch die Mensuren und sprachen bei der Intonation ein gewichtiges Wörtchen mit. Ihr Wissen stammte überwiegend aus Büchern, war also rein theoretischer Natur, und in Unkenntnis der praktischen Folgen ihrer Theorien, wie eine gute Orgel zu sein haben, wurden auf ihrem Geheiß in der Praxis oft haarsträubende Fehler begangen: Überweite Mensuren, die keine Stimmung hielten, übergroße Mixturen, die kaum zu stimmen waren, selbsterfundene Register, die sich nicht bewährten, Verhunzungen von historischen Orgeln durch Erniedrigung des Winddrucks und der Aufschnitte oder durch Umbau und Anpassung an ein fremdes Stilideal usw.

Josef von Glatter-Götz hat damals diesen Typ von Orgelsachverständigen in einem launig geschriebenen Artikel karikiert (ISO Information Heft 27, 1987). Darin heißt es u.a.:

"Orgel ist ein Virus, der schon Kinder befällt. Orgelitis ist unheilbar. Aber einige kommen davon, indem sie Organisten oder Orgelbauer werden. Manche aber erwischt der Virus erst in reiferen Jahren ... aber es ist zu spät um Orgel spielen oder bauen zu lernen. Daher werden organopathische Heilmittel gesammelt: Bücher und Zeitschriften, sodann Dispositionen, Fotos, Prospekte, Schallplatten .... Letztlich lässt man sich ein Briefpapier drucken mit dem selbstverliehenen Titel Organologe, Orgelsachverständiger oder Orgelexperte .... und - schwupps - ist man was und wer. Aber wo und wofür? Man braucht nur noch ein Betätigungsfeld. Man suche eine Marktnische und mit Fleiß, Forschheit und Fortune findet man ein Fach und wird als Fachmann engagiert, um fürderhin Bau, Umbau, Restaurieren oder Wegschmiß in einer möglichst grossen Pfründe zu steuern. ... Und schon ist unser Freund im Geschäft. Zwar ist er weder erfahren, noch unparteiisch, aber er diktiert. Er diktiert Leuten, die Lehre, Studium, Praxis, Erfahrung, Prüfung und Diplome haben müssen, um rechtens tun zu dürfen, was sie tun."

In den 1970er-Jahren wurde das Fehlen jeglicher praktischer Kenntnisse im Orgelbauhandwerk als nicht mehr hinnehmbar angesehen und erstmals Fortbildungskurse zum Orgelsachverständigen eingerichtet. Glatter-Götz berichtet ironisch über die Auswirkungen solcher Kurse: "Dann haben alle zwei Töne einer Mixtur 6fach gestimmt und seither in ihren Dispositionen bei den Mixturen 14-16fach vorne den Einser weggelassen." Sein Fazit lautete: "Die Lösung ist einfach: Kurs in einer Schule oder Werkstatt mit Abschlussprüfung."

Immerhin haben sich die Orgelsachverständigen seit den 1980er-Jahren unter dem Eindruck solcher Kurse meist etwas mehr Zurückhaltung auferlegt und pfuschen den Orgelbauern nicht mehr unmittelbar ins Handwerk.

Nun also wird für den "Organ Expert" nicht mehr nur ein Fortbildungskurs, sondern ein zweijähriges Studium vorgesehen. Die Frage ist freilich, ob das wirklich die bisherigen Schwächen der Orgelsachverständigen behebt. Deren Schwächen waren ja keineswegs ein Theoriedefizit, sondern - trotz der Kurse - ein Defizit in der Kenntnis des Orgelhandwerks und seiner Vielfalt. Das Studium behebt dieses Defizit nicht, sondern steigert die Theorielastigkeit des Orgelexperten.

Aber im Gegensatz zu bisherigen Orgelsachverständigen, die sich oft einer gewissen Zurückhaltung befleißigen, eingedenk des weisen Satzes "ich weiß, daß ich nichts weiß", wird dieser studierte Orgelexperte nicht zu solcher Zurückhaltung neigen - schließlich hat er ja ein zweijähriges Studium an drei Hochschulen absolviert und darf sich "Master" nennen, während der Orgelbauer ja nur eine Lehre und eine Ausbildung zum Meister absolviert hat, also ein simpler Handwerker ist.

Dem zukünftigen Orgelbauwesen wird mit der Rückkehr zu theorielastigen Orgelsachverständigen mit riesigen Praxis-Defiziten und ebenso großer Überheblichkeit gegenüber den Orgelbauern ein Bärendienst erwiesen. Richtig wäre gewesen, Fortbildungsmöglichkeiten zu schaffen, die den angehenden Orgelsachverständigen einen verstärkten Einblick in die Orgelbaupraxis geben, etwa durch ausgedehnte Kurse in Orgelwerkstätten.

Möglicherweise wird sich das Orgelexpertenstudium aber in den kommenden Jahren von selbst erledigen: Da im Zuge des Schrumpfungsprozesses im Orgelbau zunehmend Orgelbauer, sogar solche mit Meisterabschluß, nicht mehr als Orgelbauer werden arbeiten können, bietet es sich für die Kirchen an, solche Orgelbauer als Orgelexperten zu engagieren. Und da diese den studierten "Organ Experts" haushoch überlegen sind, da sie sich im praktischen Orgelbau bestens auskennen und daher den Gemeinden wirklich raten können, wird wohl bald kein Hahn mehr nach den "Organ Experts" krähen und der Studiengang wird mangels Interessenten sanft entschlafen.

Holger

Beitrag von Holger » Mittwoch 17. Oktober 2007, 07:02

Da kann ich Ihnen, Herr Eberlein, nur recht geben in den Ausführungen, die Sie oben geschrieben haben. Warum macht man die gleichen Fehler, die wir bereits hatten, in Neuauflage wieder? Ist denn der Lobby-Sumpf so groß?

Auch ich befürchte, dass der Studiengang "Organ-Expert" überwiegend hochnäsige Theoretiker hervorbringt, die leider wenig Praxisbezug zum Orgelbauhandwerk mitbringen werden. Die neuen Organ-Experts werden wohl in erster Linie ausgebildete Organisten sein, die nun meinen Ihre "Dream-Organs" verwirklichen zu wollen. Und die reden dann den ausgebildeten Praktikern ins Handwerk und vergeben Aufträge nach ihren "Vorlieben".

Der erstsrebenswerte Experte wäre sicher in erster Linie ein ausgebildeter Orgelbauer (-Meister), der bereits seine Erfahrung mit der Species der Orgelsachverständigen gemacht hat, der ein gewisses Talent im Orgelspiel hat und auch durchaus über historisch / theoretische Kenntnisse verfügt.

Ich wage sogar zu behaupten, dass der Studiengang zum Organ-Expert jetzt schon völlig überflüssig ist. Wir haben sicher ausreichende Anzahl an Experten mit ausreichend Praxisbezug: Orgelbaumeister. Ich kenne Orgelbaumeister mit eingenem kleinen Betrieb, die sich hervorragend in theoretischen, wie in historischen Themen auskennen.

Weshalb überläßt man nicht diesen Spezialisten das Feld? Ich könnte mir vorstellen, dass manch ein Orgelbaumeister sich hier als freier Dienstleister bestens einbringen könnte, und auch in beratender Funktion tätig werden wollte.

Aber in unserer Gesellschaft ist leider der, der etwas handwerkliches vom Spänezusammenfegen bis zum Intonieren gelernt und ausgeübt hat viel weniger wert, wie der, der einen Orgelbaubetrieb nur vom hörensagen kennt. Hier stimmt einfach die Wertigkeit von "Arbeit" nicht mehr.

Hier noch ein Link, damit sich jeder ein Bild machen kann mit welchen Themen sich OSVs beschäftigen und wer dort maßgeblich beteiligt ist:
http://www.orgelexperte.de/

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Mittwoch 17. Oktober 2007, 10:22

Holger hat geschrieben:Weshalb überläßt man nicht diesen Spezialisten das Feld? Ich könnte mir vorstellen, dass manch ein Orgelbaumeister sich hier als freier Dienstleister bestens einbringen könnte, und auch in beratender Funktion tätig werden wollte.
Nun, die Befürchtung ist natürlich, daß ein Orgelbaumeister mit eigenen Betrieb als Orgelsachverständiger in Interessenskonflikte kommt: Beurteilt er Arbeiten der Konkurrenz, könnte das Urteil getrübt sein vom Eigeninteresse. Berät er hinsichtlich der Ausführung und Vergabe von Arbeiten, könnte er zugunsten seines eigenen Betriebs raten - oder sich mit der Konkurrenz so absprechen, daß man sich gegenseitig die Arbeiten zuschiebt. Nur bei einem Orgelbaumeister, der in seinem angestammten Beruf nicht mehr tätig ist, sind solche Eigeninteressen nicht zu befürchten.

Holger

Beitrag von Holger » Mittwoch 17. Oktober 2007, 14:29

Dass ein Orgelbauer dann seine Werksatt aufgibt ist sicherlich Voraussetzung für die Tätigkeit als Berater. Dies ist in anderen Wirtschaftszweigen sicher auch Voraussetzung um Interessenkonflikte zu vermeiden bzw. Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Aber hinsichtlich der Lage bei den Orgelbauern wäre dies vielleicht für den einen oder anderen eine passable Alternative.

Matthias
Beiträge: 29
Registriert: Montag 20. August 2007, 15:27
Kontaktdaten:

Beitrag von Matthias » Freitag 19. Oktober 2007, 12:31

Mal 'ne ganz naive Frage und ich hoffe, dass diese erlaubt ist: Erhalten Orgelsachverständige eine Art Provision, wenn sie erfolgreich ein spezifisches Produkt "empfehlen"?

Ich habe mal von einem Studienkollegen gehört, dass das bei anderen Instrumenten übliche Praxis sein soll. *schmunzel*

Frage anders herum: Sind Fälle bekannt geworden?

Beste Grüße,
Matthias

Niels

Beitrag von Niels » Freitag 19. Oktober 2007, 12:42

Meiner Ansicht nach müsste das Studium zweigeteilt sein.

1. Studium bis zur B-Prüfung
2. 2 Jahre in einer Orgelbaufirma.

Die Zeiten könnten untereinander gemischt werden.

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 19. Oktober 2007, 14:44

Niels hat geschrieben:Meiner Ansicht nach müsste das Studium zweigeteilt sein.

1. Studium bis zur B-Prüfung
2. 2 Jahre in einer Orgelbaufirma.

Die Zeiten könnten untereinander gemischt werden.
Das hätte zur Folge, daß ein Orgelbauer mit Meisterurkunde und C-Schein nicht als Orgelsachverständiger tätig werden dürfte - das scheint mir wenig sinnvoll. Ich würde die Anforderungen an das Orgelspiel weniger hoch hängen, denn was bringt die Orgelspielfertigkeit für die Qualität der Beratung bei Orgelneubauten, -umbauten und -restaurierungen? Eigentlich herzlich wenig. Das entscheidende ist doch, daß der Sachberater den Orgelbau aus dem "ff" und aus eigener Anschauung kennt. Und natürlich muß er sich in Orgelbaugeschichte und der Geschichte der Orgelmusik und ihren Ausprägungen auskennen. Das ließe sich durch entsprechende Fortbildungskurse vermitteln. Außerdem braucht der Orgelsachverständige Kenntnisse, die weder im Orgelbau, noch im Kirchenmusikstudium vermittelt werden: Raum- und Instrumentenakustik, Architektur, Restaurationstechniken zum Beispiel. Ferner muß er natürlich die gottesdienstlichen Anforderungen an die Orgel kennen - aber das weiß eigentlich jeder Orgelspieler, der regelmäßig im Gottesdienst spielt, ob mit C-Schein oder ohne.

Kurz, man müßte die ganze Sache genau umgekehrt aufzäumen: Nicht einen Berufsorganisten durch Fortbildungskurse in Orgelbaugrundlagen zum Orgelsachverständigen machen, sondern einen gelernten Orgelbauer durch Fortbildung in Orgelgeschichte, Raum- und Instrumentenakustik, Architektur, Restaurationstechniken u.ä. zum Orgelsachverständigen machen. Meinetwegen könnte man auch den Erwerb eines D- oder C-Scheins zur Voraussetzung machen, aber wichtig erscheint mir das nicht.

RhönOrgelbauer
Beiträge: 108
Registriert: Dienstag 17. Juli 2007, 10:04
Wohnort: Unterfranken / KG

Beitrag von RhönOrgelbauer » Samstag 20. Oktober 2007, 16:10

Hallo,

von technisch-fachlich umfassend ausgebildeten Orgelsachberatern halte ich wenig. Ausgenommen wirkliche neutrale, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige: Die müssen wirklich Bescheid wissen, werden aber selten, meist in Streitfällen gebraucht.
"Orgelarchitekten" aber habe wir schon genug!
Hat Rembrandt einen Sachverständigen gebraucht, der im einflüstert, wie er malen soll? Riemenschneider einen, der vormacht, wie er schnitzen soll? Lorin Maazel einen, der weiß, wie man dirigiert?

Eine Orgel ist ein Musikinstrument.

Mir persönlich sind daher unter den Orgelsachberatern die guten Musiker mit Charakter die liebsten. Am besten noch mit Blick für ihre eigenen Grenzen und die des Orgelbauers.

Wenn ein erfahrenen Musiker beurteilt, ob ein Musikinstrument seinen Ansprüchen und denen des Auftraggebers genügen kann, und gleichzeitig technisch oder finanziell nicht Machbares akzeptiert, dann genügt das vollkommen.


Wir diskutieren hier über ein Thema, das sich von außen anscheinend noch viel krasser darstellt.
Jack M. Bethards, Chef der Orgelbaufirma Schoenstein & Co. / USA, sagte in einem Interview:
„Ich bin jeden Tag dankbar, dass es mir möglich ist, in den Vereinigten Staaten zu arbeiten. Ich bin entsetzt, wenn ich mir das Elend meiner europäischen und englischen Kollegen anschaue, welches durch die Orgelsachverständigen verursacht wird, die die Orgelwelt in einem Würgegriff zu halten scheinen. Ich kann mir nicht vorstellen, unter solchen Bedingungen zu arbeiten.“ (ISO-Journal Nr. 16/2003)

Einen schönen Sonntag
wünscht
RhO
Zuletzt geändert von RhönOrgelbauer am Samstag 20. Oktober 2007, 16:23, insgesamt 1-mal geändert.

RhönOrgelbauer
Beiträge: 108
Registriert: Dienstag 17. Juli 2007, 10:04
Wohnort: Unterfranken / KG

Beitrag von RhönOrgelbauer » Samstag 20. Oktober 2007, 16:22

...
Und noch etwas zu diplomierten Orgelexperten oder auch umfassend weitergebildeten Orgelbaumeistern etc.:

Je aufwändiger und langwieriger die Ausbildung, desto mehr ist der Experte auf ein gutes Honorar und möglichst eine hauptberufliche Tätigkeit angewiesen.
Ob das der Markt auch in der Fläche - von einzelnen hochkarätigen Restaurierungs-Rekonstruktions-oder-Sonstwas-Projekten abgesehen - in Zukunft hergibt, möchte ich sehr bezweifeln.

Leisten doch schon jetzt viele Orgelbauer Forschungs- u. Dokumentationsarbeiten als unbezahltes Hobby, damit es überhaupt gemacht wird.

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 21. Oktober 2007, 11:28

RhönOrgelbauer hat geschrieben: Eine Orgel ist ein Musikinstrument.

Mir persönlich sind daher unter den Orgelsachberatern die guten Musiker mit Charakter die liebsten. Am besten noch mit Blick für ihre eigenen Grenzen und die des Orgelbauers.

Wenn ein erfahrenen Musiker beurteilt, ob ein Musikinstrument seinen Ansprüchen und denen des Auftraggebers genügen kann, und gleichzeitig technisch oder finanziell nicht Machbares akzeptiert, dann genügt das vollkommen.


Wir diskutieren hier über ein Thema, das sich von außen anscheinend noch viel krasser darstellt.
Jack M. Bethards, Chef der Orgelbaufirma Schoenstein & Co. / USA, sagte in einem Interview:
„Ich bin jeden Tag dankbar, dass es mir möglich ist, in den Vereinigten Staaten zu arbeiten. Ich bin entsetzt, wenn ich mir das Elend meiner europäischen und englischen Kollegen anschaue, welches durch die Orgelsachverständigen verursacht wird, die die Orgelwelt in einem Würgegriff zu halten scheinen. Ich kann mir nicht vorstellen, unter solchen Bedingungen zu arbeiten.“ (ISO-Journal Nr. 16/2003)
Daß ein Orgelbauer nicht daran interessiert ist, daß seine Orgel bei Ablieferung von einem Orgelsachverständigen auf "Herz und Nieren" überprüft wird, kann ich schon verstehen - notwendig ist es trotzdem, das haben nun einmal die 1000jähren Erfahrungen in Europa immer und immer wieder gezeigt. In Amerika scheint man wohl noch etwas länger schlechte Erfahrungen sammeln zu müssen.

Außerdem würde unser kulturelles Orgelerbe aus den letzten 500 Jahren nicht mehr existieren, hätte es nicht historisch interessierte Orgelsachverständige - angefangen bei Michael Praetorius über Jacob Adlung, Otto Wangemann, Albert Schweitzer bis hin zu Wilibald Gurlitt und Christhard Mahrenholz - gegeben, die unermüdlich auf den historischen und künstlerischen Wert alter Orgeln hinwiesen und sich für den Erhalt alter Orgeln einsetzten - entgegen den Interessen der Orgelbauer! -, bis schließlich dieser Gedanke Allgemeingut geworden ist. Auch hier hat man in Amerika möglicherweise noch Nachhohlbedarf.

Und drittens sollte man nicht vergessen, daß in Europa in den letzten 200 Jahren die wesentlichen Impulse im Orgelbau vorwiegend von Orgelsachverständigen ausgegangen sind: Eberhard Friedrich Walcker und Johann Simon Buchholz wurden stark beeinflußt von Abbé Vogler, Johann Friedrich Schulze und zahllose weitere deutsche Orgelbauer von Johann Gottlob Töpfer. Im 20. Jahrhundert waren die Impulsgeber Emile Rupp und Albert Schweitzer ("elsässische Orgelreform"), Wilibald Gurlitt, Hans Henny Jahnn und Christhard Mahrenholz ("Orgelbewegung"). Eine Unzahl neuer Orgelregister wurde im 20. Jahrhundert entwickelt von Paul Smets, Helmut Bornefeld, Ernst Karl Rössler und dem Duo Herbert Schulze und Karl Theodor Kühn. Gegenüber der stürmischen Entwicklung in Europa nimmt sich die Entwicklung in Amerika doch sehr beschaulich und weitgehend passiv-rezipierend aus - und das hat eine Menge zu tun mit den Unterschieden hinsichtlich der Stellung und Bedeutung von Orgelsachverständigen.

Das alles wäre sicher nicht eingetreten, wenn die Orgelsachverständigen immer nur "gute Musiker mit Charakter und Blick für ihre eigenen Grenzen und die des Orgelbauers" gewesen wären. Aufgrund dieser Erfahrung sollte man durchaus für einen umfassend gebildeten Orgelsachverständigen eintreten, auch wenn dieser dem Orgelbauer leicht unbequem werden kann.

Eine Orgel ist ein Musikinstrument, ja. Aber sie ist auch ein Handwerksprodukt, und als solches kann sie gut oder schlecht gemacht sein. Eine Orgel kann bei Ablieferung tadellos funktionieren, so daß der bloße Musiker voll des Lobes ist - und dabei doch so schlecht konstruiert oder gearbeitet sein, daß sie nach 10 Jahren praktisch unbrauchbar ist. Es war diese Erfahrung, die dazu führte, den Orgelsachverständigen einzuführen, der solchen Schund bereits während der Bauphase oder spätestens bei der Ablieferung erkennen und verhindern soll.
RhönOrgelbauer hat geschrieben:Leisten doch schon jetzt viele Orgelbauer Forschungs- u. Dokumentationsarbeiten als unbezahltes Hobby, damit es überhaupt gemacht wird.
Das zeigt, daß mancherorts die zuständigen Orgelsachverständigen, deren Aufgabe dies wäre, dazu nicht in der Lage sind mangels entsprechender Ausbildung. Die Lösung kann sicher nicht sein, dies weiterhin dem Interesse und guten Willen des jeweiligen Orgelbauers zu überlassen. Angesichts der beträchtlichen Summen, die bei Neubauten und Restaurierungen fließen, sollte es durchaus auch in Zukunft möglich sein, vergleichweise geringe Beträge für die Forschungs- und Dokumentationsarbeit durch den Orgelsachverständigen locker zu machen.

RhönOrgelbauer
Beiträge: 108
Registriert: Dienstag 17. Juli 2007, 10:04
Wohnort: Unterfranken / KG

Beitrag von RhönOrgelbauer » Sonntag 21. Oktober 2007, 19:41

Roland Eberlein hat geschrieben: ... daß seine Orgel bei Ablieferung von einem Orgelsachverständigen auf "Herz und Nieren" überprüft wird ...
Diesen Weg konsequent (d.h. für alle Details) zu Ende gedacht, fürchte ich, wird dazu führen, dass 1. dem Sachberater eine riesen Verantwortung aufgebürdet wird und 2. der Orgelbauer jeden Hammerschlag rechtlich absichern wird, um keinen wirtschaftlichen Mißerfolg zu erleiden.
Am Ende stünde eine Orgel nach DIN. Andernfalls könnte man über jedes Wellenärmchen munter prozessieren.
Roland Eberlein hat geschrieben: Das zeigt, daß mancherorts die zuständigen Orgelsachverständigen, deren Aufgabe dies wäre, dazu nicht in der Lage sind mangels entsprechender Ausbildung. Die Lösung kann sicher nicht sein, dies weiterhin dem Interesse und guten Willen des jeweiligen Orgelbauers zu überlassen. Angesichts der beträchtlichen Summen, die bei Neubauten und Restaurierungen fließen, sollte es durchaus auch in Zukunft möglich sein, vergleichweise geringe Beträge für die Forschungs- und Dokumentationsarbeit durch den Orgelsachverständigen locker zu machen.
Nicht nur mangels Ausbildung, sondern schlicht mangels Zeit bzw. dienstlichen Aufgaben. Die öffentlich-rechtlichen Auftraggeber müssten etliche neue Planstellen schaffen und bezahlen, oder aber extern vergeben.
Mein Erfahrung ist, dass die Mehrzahl der Auftraggeber angebotene Forschungs- und Dokumentationsleistungen mangels Geld und/oder Interesse lieber nicht bestellt.
Was ein "vergleichsweise geringer Betrag" ist, mag Ansichtssache sein. Oft ist der Aufwand vorher schwer kalkulierbar: Auch die drei, vier Tage Archivarbeit, in denen nichts gefunden wird, sind zu vergüten.

RhO

Holger

Beitrag von Holger » Montag 22. Oktober 2007, 06:52

Zitat:
Außerdem würde unser kulturelles Orgelerbe aus den letzten 500 Jahren nicht mehr existieren, hätte es nicht historisch interessierte Orgelsachverständige - angefangen bei Michael Praetorius über Jacob Adlung, Otto Wangemann, Albert Schweitzer bis hin zu Wilibald Gurlitt und Christhard Mahrenholz - gegeben, die unermüdlich auf den historischen und künstlerischen Wert alter Orgeln hinwiesen und sich für den Erhalt alter Orgeln einsetzten - entgegen den Interessen der Orgelbauer! -, bis schließlich dieser Gedanke Allgemeingut geworden ist. Auch hier hat man in Amerika möglicherweise noch Nachhohlbedarf.


Aber bitte nicht vergessen, dass in den letzten 62 Jahren durch das Wirken von Orgelsachverständigen eine Unmenge historischer Substanz vernichtet wurde, sei es nun durch widersinnige Orgelbewegtheit oder aber auch nur durch falsch verstandene Restaurierungswut.

Diesen Schaden kann man nicht beziffern!

Zwei Berühmte Beispiele (ließe sich wahrscheinlich endlos fortsetzen): Ochsenhausen: Restaurierung der 60-iger Jahre, Hamburg St. Michaelis: Abriss der über den Krieg geretteten Walcker-Orgel in den 50-iger Jahren.

Holger

Beitrag von Holger » Montag 22. Oktober 2007, 07:09

Und drittens sollte man nicht vergessen, daß in Europa in den letzten 200 Jahren die wesentlichen Impulse im Orgelbau vorwiegend von Orgelsachverständigen ausgegangen sind: Eberhard Friedrich Walcker und Johann Simon Buchholz wurden stark beeinflußt von Abbé Vogler, Johann Friedrich Schulze und zahllose weitere deutsche Orgelbauer von Johann Gottlob Töpfer. Im 20. Jahrhundert waren die Impulsgeber Emile Rupp und Albert Schweitzer ("elsässische Orgelreform"), Wilibald Gurlitt, Hans Henny Jahnn und Christhard Mahrenholz ("Orgelbewegung"). Eine Unzahl neuer Orgelregister wurde im 20. Jahrhundert entwickelt von Paul Smets, Helmut Bornefeld, Ernst Karl Rössler und dem Duo Herbert Schulze und Karl Theodor Kühn. Gegenüber der stürmischen Entwicklung in Europa nimmt sich die Entwicklung in Amerika doch sehr beschaulich und weitgehend passiv-rezipierend aus - und das hat eine Menge zu tun mit den Unterschieden hinsichtlich der Stellung und Bedeutung von Orgelsachverständigen.
Im 19. Jahrhundert waren damit wohl die Orgelbauer noch mit genug Sachverstand ausgestattet und im 20. Jahrhundert haben diesen Teil dann die Theoretiker übernommen?

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Montag 22. Oktober 2007, 15:39

Holger hat geschrieben: Aber bitte nicht vergessen, dass in den letzten 62 Jahren durch das Wirken von Orgelsachverständigen eine Unmenge historischer Substanz vernichtet wurde, sei es nun durch widersinnige Orgelbewegtheit oder aber auch nur durch falsch verstandene Restaurierungswut.
Richtig, das war so. Aber das zeigt nur, wie wichtig eine adäquate Ausbildung der der Orgelsachverständigen ist. Übrigens waren wichtige Orgelbauer dieser Zeit keinen Deut besser: Die Verhunzungen der Schnitger-Orgeln in Norddeutschland hat Paul Ott nicht als ausführendes Organ eines Orgelsachverständigen begangen, sondern aus ureigener Überzeugung. In der gleichen Region und z.T. unter Beiziehung der gleichen Orgelsachverständigen hat beispielsweise Rudolf von Beckerath keine solchen klanglichen Verwüstungen historischer Orgeln begangen, was zeigt, daß dies eine Sache des Orgelbauers, nicht des Sachverständigen war! Man sprach nicht ohne Grund von der "Ver-Ottung" der Orgeln. Paul Ott wird freilich bei seinem Tun auf die "Erkenntnisse" von Hans Henny Jahnn verwiesen haben, der die Mär vom niedrigen Winddruck der barocken Orgeln in die Welt gesetzt hat. Das war zwar eine pure Spekulation seiner blühenden Fantasie und wurde durch nichts von Jahnn belegt, trotzdem griffen es selbst Musikwissenschaftler wie Christhard Mahrenholz und Orgelbauer wie Paul Ott auf - ohne zu bedenken, daß Jahnn in Orgelsachen ein belesener Laie war, weiter nichts. Allerdings besaß er eine fantastische Gabe zur Hochstapelei. Hätte es damals in Deutschland gutausgebildete Orgelsachverständige gegeben, wäre Jahnn warscheinlich sehr rasch als Hochstapler entlarvt worden. Doch das war eben nicht der Fall.
Holger hat geschrieben:Im 19. Jahrhundert waren damit wohl die Orgelbauer noch mit genug Sachverstand ausgestattet und im 20. Jahrhundert haben diesen Teil dann die Theoretiker übernommen?
Hmmm, ich glaube, so kann man es nicht sehen. Die wesentlichen Impulse kamen in beiden Jahrhunderten von Musikern, die auch als Orgelsachverständige tätig waren und die die Orgel an Wandlungen in der Musikästhetik anpassen wollten: Nach 1800 ging es darum, die Orgel empfindsam zu machen, nach 1900 darum, sie wieder geeignet für polyphone, "objektive", d.h. nicht gefühlsselige Musik zu machen, die eine klare Darstellung ihrer Strukturen verlangt, allen voran die Musik von Bach. In beiden Jahrhunderten griffen manche Orgelbauer die neuen ästhetischen Prämissen frühzeitiger und konsequenter als andere auf, so im 19. Jahrhundert Walcker, im 20. Jahrhundert z.B. Paul Ott. Im Laufe des 20. Jahrhunderts trat dann noch der Gedanke hinzu, ganz neuartige Orgeln aufgrund von "Gesetzen" zu bauen, die an den barocken Orgeln abzulesen seien. Man strebte eben nicht ein "Zurück zur Barockorgel" an und wollte sich auf diese Weise dem Vorwurf des Historismus entziehen, der von Seiten der Befürworter der traditionellen, romantischen Orgel gemacht wurde. Die Abgrenzung vom Historismus war wiederum ein Anliegen besonders der Musiker-Orgelsachverständigen wie z.B. Bornefeld, die Orgelbauer ließ dieser Vorwurf relativ kalt. Und so bemühten sich hauptsächlich die Orgelsachverständigen darum, in ihren Dispositionen neuartige Register unterzubringen, die den Anschein des Neobarocken widerlegen und der Disposition den Stempel des Neuartigen, Zukunftsweisenden aufdrücken sollten. Mit "nicht genug Sachverstand" bei den Orgelbauern hat dies nichts zu tun.

Holger

Beitrag von Holger » Dienstag 23. Oktober 2007, 07:28

Recht haben Sie! Auch unter Orgelbauern gibt es immer welche, die eher en vougue schwimmen anstatt sich ernsthaft Gedanken über ihr Tun zu machen. Aber kein Orgelbauer kann etwas dafür, wenn ihm ein Orgelsachverständiger "vor die Nase gesetzt" wird, er muß halt tun was ihm in Auftrag gegeben wird.

Aber vielleicht sind die Schnitger-Orgeln ein gutes Beispiel für das Versagen der Orgelsachverständigen wie auch des Denkmalamtes. Hier hätten beide einschreiten und ein klares Veto einlegen müssen. Allerdings passierte damals nichts. Auch hier im Süden. Ich habe bereits Ochsenhausen als ein Beispiel angeführt.

Mag sein, dass sich inzwischen denkmalpflegerische Ansätze gewandelt haben. Früher wurde eher der Gebrauchswert einer Orgel im Vordergrund gesehen. Alles muß perfekt funktionieren, darf nicht klappern und man sollte der alten Dame auf der Empore auch nicht anmerken, dass diese annährend 200 Jahre alt ist. Tonhöhen wurden an "moderne" Verhältnisse angepaßt, am Winddruck wurde herumgespielt und die Stimmungen blieben meist die, die im 19. Jh. gelegt wurden.

Was dabei herauskam sind die immer gleichen ebegebügelten Klänge "nordischer" Herkunft, die vor allem in Süddeutschland nicht originär sind. Dies ging so weit, dass sogar die Spätbarocken streichenden Stimmen hier in Frage gestellt wurden, von den Zungenregistern ganz zu schweigen, die ja bereits früher entfernt wurden.

Wo noch eine einmanualige historische Orgel vorhanden war, wurde behauptet man braucht zum Orgelspiel ein zweites Manual. Also wurde kurzerhand die historische Spielanlage beseitigt und ein "Spieltischpositiv" oder noch schlimmer ein Rückpositiv angebaut, das sich mit dem Rest klanglich wie optisch einfach nicht verbinden ließ. Das Pedal wurde noch auf einen modernen Tonumfang erweitert und schon ließ sich Bach oder Buxtehude spielen. Bis heute ist nur wenig vom Schaffen süddeutscher und österreichischer Meister in weiten Kreisen bekannt.

Ganz zu schweigen von der "Bilderstürmerei" die hier betrieben wurde, mit fadenscheinigen Begründungen wie "die Orgel ist technisch überholt", "die Orgel entspricht nicht mehr dem heutigen Standard", "die Orgel ist nicht mehr zu reparieren". Ganz zur Freude der damaligen Orgelbauer, die da wohl gerne mitmachten und ihre Neubauten lieferten (vielleicht noch hinter historischer Fassade).

Bornefelds Orgeln müssen einem liegen. Als positiv sind sicherlich seine klanglichen Vorstellungen und seine Abkehr von der nur von barocken Vorbildern geleiteten Idealvorstellung. Er ging als Komponist an die Sache heran und versuchte dadurch neue Impulse zu geben. Hier kann auch Ligeti angeführt werden, der ähnliches versuchte (bei Gerhard Walcker-Mayer gibt es interessante Dokumente zu lesen), sich jedoch wieder von der Orgel abwandte.

Aber auch Bornefeld versuchte während seiner Wirkenszeit radikal alles aus dem 19. Jahrhundert zu beseitigen und veränderte viel historisches. Ein Glück, dass die Orgel in Giengen dem entging. Ganz zu schweigen vom Wirken Walter Suppers, der genau so systematisch vorging.

Wenn wir in die neuen Bundesländer schauen haben wir da ein ganz anderes Bild. Hier ging vielleicht viel verloren weil man zu wenig machte. Viel konnte jedoch jetzt nach der Wende gerettet werden, weil zu DDR-Zeiten von "Oben" nur gewisse prestigeträchtige Projekte gefördert wurden. Allerdings haben dort nun auch OSV das Sagen - und dabei kommt dann so etwas heraus wie in der Frauenkirche in Dresden.

Heute hat sich das Vorbild gewandelt, die französische Romantik hat das Feld der Idealvorstellungen übernommen, die Vorgehensweise einiger Orgelsachverständiger ist jedoch die gleich ideologische geblieben. Im Prinzip hat sich da nicht viel verändert nur mit anderen Vorzeichen.

Sachverstand möchte ich - früher wie heute - bei vielen Projekten einfach anzweifeln.

Antworten