Hat schonmal jemand bei der Beerdigung eines Familienangehörigen selbst den Trauergottesdienst gespieltgespielt?

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orgelspieler
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Hat schonmal jemand bei der Beerdigung eines Familienangehörigen selbst den Trauergottesdienst gespieltgespielt?

Beitrag von orgelspieler » Sonntag 19. November 2017, 19:15

Hat schon mal jemand bei der Beerdigung eines sehr nahen Familienangehörigen den Trauergottesdienst selbst gespielt? Oder ist davon wegen der zu großen psychischen Belastung abzuraten, im Extremfall könnte es ja dazu kommen, dass man plötzlich nicht mehr weiterspielen kann. Hat schon mal jemand damit eine Erfahrung gemacht? Was würdet ihr mir raten?

Ronald Henrici
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Re: Hat schonmal jemand bei der Beerdigung eines Familienangehörigen selbst den Trauergottesdienst gespieltgespielt?

Beitrag von Ronald Henrici » Montag 20. November 2017, 12:11

Im Alter von 21 Jahren habe ich bei der Beerdigung meines Onkels in Mainz zu seiner Beerdigung gespielt. Es ging mir zwar nahe, aber ich habe es getan, weil mein Onkel sehr an meinem musikalischen Tun interessiert war und auch oft, wenn ich in Mainz war, um ein privates Orgelspiel im dortigen Dom, in der dortigen Johanneskirche, in der dortigen Christuskirche, gewünscht gebeten hatte und auch entsprechend den Zugang zu den Instrumenten vorbereitend organisiert hatte. So war es mir ein besonderes Anliegen, auch zu seiner Beerdigung bei der Trauerfeier die Orgel zu spielen, zumal am Schluß das "Christ ist erstanden" ein noch zu Lebzeiten geäußerter Wunsch war. Es war schon zu seinen Lebzeiten die Bitte da, daß ich zu seiner Trauerfeier die Orgel spiele, eben besonders mit Berücksichtigung dieses Chorals und daß die Trauerfeier in der Mainzer Johanneskirche stattfinden soll.
Bei der Beerdigung meines Stief - Vaters im Jahr 1979 fiel es mir schon wesentlich schwerer, weil ich ihn in der Todesnacht im Krankenhaus bis zur letzten Minute zusammen mit meiner Mutter "sterbebegleitet" hatte.
Bei der Trauerfeier für meine Mutter im Jahre 1990 habe ich es aus psychischen Gründen nicht mehr gekonnt und deshalb von Anfang an nicht getan. Ich merke daran, daß es mit eigenem fortschreitenden Alter eine sehr starke psychische Belastung ist, wobei ich bei Fremdtrauerfeiern das Problem nicht so habe und vorbereitend sowie nachbereitend die psychische Anspannung in den Griff bekomme, indem ich musikalisch Gutes und Entsprechendes bringe zu Trost und zur Würdigung für die Angehörigen des Verstorbenen.
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

Dorforganistin
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Re: Hat schonmal jemand bei der Beerdigung eines Familienangehörigen selbst den Trauergottesdienst gespieltgespielt?

Beitrag von Dorforganistin » Mittwoch 22. November 2017, 16:34

Nein, und ich würde es auch nur dann tun, wenn es der ausdrückliche Wunsch des Angehörigen gewesen wäre.
Allerdings ist es auch nicht immer passend, gerade, weil die Trauerfamilie ja während des Gottesdienstes zusammen sitzt und man auf der Orgelbank ja doch ein gutes Stück weg ist. Da sollte man das Für und Wider gut abwägen. Und natürlich möglichst ehrlich zu sich sein, wie es um die eigene Emotionalität bestellt ist. Das ist ganz individuell und kann sich auch ändern, wie im vorstehenden Beitrag beschrieben.

NoliMeTangere
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Re: Hat schonmal jemand bei der Beerdigung eines Familienangehörigen selbst den Trauergottesdienst gespieltgespielt?

Beitrag von NoliMeTangere » Mittwoch 29. November 2017, 08:30

Ich hoffe, die Antwort kommt noch nicht zu spät.

Vor ein paar Jahren ist mein Vater gestorben. Auf der Trauerfeier in der Friedhofskapelle habe ich auf einem Harmonium gespielt.
Mein Vater hatte schon lange vorher einmal nach einem Gottesdienst zu mir gesagt, daß ich ein bestimmtes Stück, das ich damals gespielt hatte, auf seiner Beerdigung spielen soll. Bei seinem Testament fand sich dann noch ein überraschender Musikwunsch. Die Vorbereitung für die Trauerfeier hat mich dann auf Trab gehalten, neben allem anderen.
Insofern war für mich immer klar, daß ich für ihn spiele. Aber unmittelbar nach seinem Tod hatte ich doch die gleichen Bedenken wie Du. Ich habe das in einem Gespräch mit einem meiner Pfarrer erwähnt. Der erzählte mir, daß er wenige Zeit vorher seinen Vater beerdigt hatte und es ihm genauso ging. Aber bei der Beerdigung selbst war er dann ganz ruhig und es ist alles problemlos gelaufen. Und so ging es mir dann auch: Die Zeit vor der Beerdigung war hektisch und aufregend. Ich habe die Wunschstücke reichlich geübt und den Ablauf der Trauerfeier genau abgesprochen, das war beides hilfreich. Und als es dann soweit war, war die nötige Kraft da und alles lief glatt.

orgelspieler
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Re: Hat schonmal jemand bei der Beerdigung eines Familienangehörigen selbst den Trauergottesdienst gespieltgespielt?

Beitrag von orgelspieler » Dienstag 5. Dezember 2017, 19:53

Danke für die Antworten.
Ich habe die Beerdigung selbst gespielt. Ich war völlig auf das Spielen fokussiert, wahrscheinlich war ich noch nie so konzentriert wie bei diesem Gottesdienst. Ich würde es auf alle Fälle wieder machen und wirklich sehr froh, selbst gespielt zu haben. Die Lieder hatte ich alle selbst ausgesucht, auch die passenden Strophen dazu ausgewählt. Der einzige Nachteil daran war, wenn man es Nachteil nennen kann, dass ich nicht bei der Familie in der Bank sitzen konnte. Ich bekam für das Orgelspiel sehr positive Resonanz, was mir dann nochmal zeigte, dass meine Entscheidung richtig war.
Ich kann eigentlich nur die Empfehlung geben, dass, wenn man selbst spielen will, dies auch tun sollte, man würde sich im Nachhinein nur ärgern, es nicht gemacht zu haben.

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