23.9.10: Ein denkwürdiger Tag für katholische Organisten!

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Martin Dufais
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23.9.10: Ein denkwürdiger Tag für katholische Organisten!

Beitrag von Martin Dufais » Donnerstag 23. September 2010, 13:40

Heute ist ein Tag, an den katholische Organisten noch in Jahrzehnten mit Dankbarkeit zurückdenken werden: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Praxis der katholischen Kirche, geschiedenen Organisten und anderen Mitarbeitern zu kündigen, wenn sie einen neuen Lebenspartner haben, für rechtswidrig erklärt.

http://www.tagesschau.de/ausland/kathol ... ht102.html

Eine Kirche, die über Jahrzehnte hinweg Priester geschützt hat, die gegen die katholische Sexuallehre und ihr Keuschheitsgelübde auf kriminelle Weise verstießen, aber bei ihren Angestellten die Scheidung einer gescheiterten Ehe und Wiederverheiratung durch Entlassung sanktionierte, hat endlich Grenzen durch die Menschenrechte gesetzt bekommen. Welch ein Tag!

Regal8
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Beitrag von Regal8 » Freitag 24. September 2010, 18:45

Achtung: Wer "die strengen Regeln kennt und in herausragender Stellung nach außen ist", für den kann es dennoch in einer Glaubensgemeinschaft kritisch werden (siehe den letzten Absatz der Meldung!). Ich kann mir gut einen kirchlichen Rechtsanwalt vorstellen, der das zweite Kriterium in einem ähnlichen Fall hart auslegt...

Erschreckend ist aber im vorliegenden Fall, wie lange er sein Recht erstreiten musste, nämlich 13 Jahre!

Da ich selbst den Fall eines Organisten kenne, der vor über 20 Jahren aus demselben Grund seine (Traum-)Stelle verlassen musste, kann ich eine gewisse Genugtuung nicht verbergen.

Ippenstein
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Beitrag von Ippenstein » Freitag 24. September 2010, 20:02

Soweit ich das nun eruieren konnte, ist noch nichts wirklich entschieden. Das wird wohl eher noch ein langes Nachspiel haben.

Martin Dufais
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Beitrag von Martin Dufais » Freitag 24. September 2010, 20:35

Ja und nein. Angeklagt war in diesem Verfahren nicht die Kirche, sondern die Bundesrepublik. Sie könnte jetzt Rechtsmittel einlegen und die große Kammer des Europäischen Gerichtshofes anrufen. Da aber das Urteil die grundsätzliche Rechtslage nicht in Frage stellt, sondern nur die Rechtsprechung in diesem Einzelfall, ist die Sache für die Bundesrepublik nicht weiter interessant. Sie wird wohl kaum weiter prozessieren. Für die Kirche bedeutet das aber: Sie wird mit diesem Urteil und seiner Präzedenzwirkung leben müssen und sich auf die so geschaffene neue Lage einstellen müssen. Zumindest Organisten dürften jetzt in der Regel vor so begründeten Kündigungen sicher sein!

Die Entschädigung des Organisten muß jetzt allerdings erst noch ausgehandelt werden, wenn dies nicht gelingt, wird das Straßburger Gericht diese in 3 Monaten festlegen. Also auch keine lange Sache.

Was anderes ist der Wunsch des Organisten, wieder seine alte Stelle zu bekommen. Da muß er von neuem gegen die Kirche klagen, und das wird wieder länger gehen, mit offenem Ausgang.

Hausorgler
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Beitrag von Hausorgler » Donnerstag 28. Oktober 2010, 11:30

Ich bin auch froh um das Urteil - aus grundsätzlichen Erwägungen. Es geht nicht, daß die Geistlichen Wein trinken und den niederen Chargen Wasser predigen. Bis jetzt ist kein Priester supendiert worden, weil er seit Jahren eine Lebensgefährtin oder einen Lebensgefährten hat. Allerdings könnten sich die Bischöfe bei Priestern das auch nicht leisten. Sie haben zu wenige. Bei Organisten, Kindergärtnerinnen usw. ist man da nicht so kleinlich.
Ich weiß einen Fall, da hat ein Zuständiger im Ordinariat einer Lehrerin die Missio entzogen, weil sie als Geschiedene einen neuen Lebensgefährten hatte und sich zu dem bekannte. Pikanterweise hatte eben dieser Ordinariatsmensch als Priester und Lehrer in jungen Jahren ebenfalls eine Beziehung zu einer Frau, die seine Schülerin war.
Und genau wegen solcher Fälle ist das Urteil zu begrüßen.

Ronald Henrici
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Re: 23.9.10: Ein denkwürdiger Tag für katholische Organisten!

Beitrag von Ronald Henrici » Montag 1. Mai 2017, 19:28

Das Problem ist heute gar nicht mehr so im Mittelpunkt. Denn auch bei den Kindergärtnerinnen kommt man katholischerseits davon ab zu bestimmen, daß diese katholisch sein müsse, um angestellt werden zu können. Denn auch da gibt es Mangel an Kindergärtnerinnen. Daß man sagt, sie oder er müsse christlich orientiert sein, ist aus dem Grund verständlich: im Kindergarten wird erzieherisch im christlichen Gedankengut gearbeitet. Ob man geschieden ist oder nicht katholisch ist, hat damit wenig zu tun.
Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, daß bei den Organisten, die ihren Dienst überzeugend versehen, gar nicht so sehr darauf gesehen wird, ob dieser evangelisch oder katholisch ist, ob er geschieden oder in wilder Ehe lebt. Denn diese Dinge haben auf die überzeugende Arbeit keinen Einfluß, sondern sind persönlicher Natur, die keine negative Wirkung auf die verantwortliche Ausführung der Arbeit und des Dienstes haben. Der Dienst und die Verantwortlichkeit ist das Wichtige !
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

kernspalter
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Re: 23.9.10: Ein denkwürdiger Tag für katholische Organisten!

Beitrag von kernspalter » Samstag 6. Mai 2017, 13:39

Das kann ich im Großen und Ganzen bestätigen. Bei Kirchenmusikern, die hervorragende Arbeit leisten, scheuen sich die verantwortlichen Geistlichen (bis zum Bischof), mit der kirchenrechtlichen Keule zuzuschlagen. Da werden diskrete Lösungen gesucht und auch gefunden. Ich kenne einige solcher Fälle, auch solche, die sich schon vor Jahrzehnten zugetragen haben.
Anders sieht es aus, wenn es Konflikte zwischen Kirchenmusiker und Vorgesetzten gibt, die mit der fachlichen Leistung gar nichts zu tun haben. Die gibt es leider auch.
Mit kernspalterischen Grüßen

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