Zahl der Hörer in Orgelkonzerten

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Roland Eberlein
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Zahl der Hörer in Orgelkonzerten

Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 13. April 2008, 21:55

Seit April 2007 wurde bei den zahlreichen Konzertberichten in einem anderen Orgelforum stets die Zuhörerzahl vermerkt. Da nun solche Beobachtungen aus einem kompletten Jahr vorliegen, habe ich mir mal die Mühe gemacht, diese Daten zusammenzutragen und auszuwerten:

Von den vorhandenen 65 geschätzten Angaben über die Hörerzahl im jeweiligen Orgelkonzert betragen

5 (7,6%) 25 oder darunter;
11 (16,9%) zwischen 26 und 50;
27 (41,5%) zwischen 51 und 100;
13 (20%) zwischen 101 und 200;
9 (13,8%) oberhalb 200.

Die Zahlen variieren zwischen 7 Hörern (!!) und 500 Hörern. In der Regel wurden die Orgelkonzerte von ca. 60-100 Personen besucht. Das ist nicht gerade üppig. Die Jahreszeit scheint einen gewissen Einfluß zu haben: Die Hörerzahlen aus den Monaten Januar-März sind auffallend niedriger als die Zahlen aus den Frühlings-, Sommer- und Herbstmonaten: Zahlen über 100 fehlen hier völlig, und 50% der Zahlen betragen 50 oder weniger.

Allerdings stammen die allermeisten dieser Daten aus Düsseldorf und Umgebung; andernorts mögen die Dinge sehr anders aussehen. Immerhin hat man jetzt Daten, die man mit dem Düsseldorfer Konzertbesuch in den kommenden Jahren vergleichen kann.

harald
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zuhörer in den orgelkonzerten

Beitrag von harald » Montag 14. April 2008, 09:33

hallo zusammen,

habe auch die erfahrung gemacht das die orgelkonzerte hier im mittleren ruhrgebiet starken schwankungen unterworfen sind.
als fleißiger konzertbesucher habe ich sämtliche orgelkonzerte im bereich essen, gelsenkirchen, bottrop/gladbeck und bochum in den jahren 1974 - 2007 besucht .
hier meine persöhnliche erfahrungen damit:
die sommerlichen orgelkonzerten (in den sommerferien, jede woche in jeweils 3 kirchen)im bistum essen, die es ja seit 1974 gibt, sind eigentlich sehr gut besucht.
wobei in der urbanuskirche ge-buer die meisten zuhöhrer anzutreffen sind

die konzerte im hsh gelsenkirchen die leider immer sommtags 11 uhr stattfanden mit ausnahme weniger konzerte am abend waren die besuche eher mäßig
sellten das mal mehr als 60 zuhöhrer anzutreffen waren.
das konzert was mir da am besten in erinnerung geblieben ist, war das konzert mit robert duksch (ehem. ufa-kino organist) der auf dieser riesen orgel film-musik aus den 30-40iger jahren spielte.
ich habe einem bekannten orgel-forum einer ehemaligen weltbekannten orgelbaufirma diese historische aufnahme zur verfügung gestellt.
da es doch eine grosse anzahl von orgelkonzerten hier im ruhrpott gibt, kann man doch zwischen den einzelnen veranstaltungsorten wählen.
meistens sitzen in den konzerten zwischen 30 und 100 zuhöhrer.

mit freundlichem gruß für heute

harald

RhönOrgelbauer
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Beitrag von RhönOrgelbauer » Montag 14. April 2008, 09:38

Aus den Erfahrungen beim Bad Kissinger Orgelzyklus (10 - 12 Konzerte zwischen April und Oktober) kann ich die Tendenz dieser Auswertung bestätigen. Die Zuhörenzahl schwankt etwa zwischen 50 und 100, abhängig von Parallelveranstaltungen, Wetter und Programm (reines Bach-Programm auffällig gut besucht).
Der Besucherzuspruch ist weniger von der Bekanntheit des Künstlers abhängig, als von Begleitumständen, z. B. wenn das Konzert zum Rahmenprogramm einer Tagung gehört. Dann sind Spitzenwerte von 200 Zuhörern möglich.

Folgende Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen:
- Kleinstadt (23.000 Einw.)
- Konzertreihe mit 20-jähriger Tradition und leicht regionaler Ausstrahlung
- Kurstadt mit ca. 8000 Gästen (die abends nix zu tun haben)

Gruß
RhO

Niels

Beitrag von Niels » Montag 14. April 2008, 10:51

Auf eine - mir - wichtige Angelegenheit möchte ich hinweisen.

Bringe ich nur das bekannet "Wohlfühlprogramm" sind zunächst mehr Besucher da. Oder die Kiste ist rappelvoll.

Will ich aber die Zuhören auch "erziehen", anderes auch wunderschöne Werke zu hören: Bedard, Hakim etc., habe ich
zunächst weniger Zuhörer (meistens). :arrow: :arrow:

Aber haben wir nicht auch einen Auftrag?
Müssen mir nur auf die "nackten" Zahlen sehen.

harald
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titel

Beitrag von harald » Montag 14. April 2008, 11:39

hallo zusammen,

früher habe ich so ziemlich alle konzerte hier in der region abgegrast wenn es meine zeit zuließ.
heute bin ich da auch wählerisch.
in den von mir genannten sommerlichen orgelkonzerten im bistum essen, die ja auch schon eine sehr lange tradition haben, wird natürlich die standard (bewährte) literatur gespielt.
selten mal was neues.

gruß

harald

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Beitrag von Orgel » Montag 14. April 2008, 20:28

Ich bin mir aber nicht so sicher, ob wir die Zuhörer "erziehen" sollten. Lehrveranstaltungen kommen beim Publikum selten gut an. Dennoch ist es leider wahr, dass sich viele Organisten mit einem sehr eng begrenzten Standardrepertoire begnügen (Warum ist das so? Zeitmangel? Vorgaben der Orgelkonzertveranstalter?). Es gibt heutzutage doch so viele Möglichkeiten um die Noten von lohnenswerten selten gespielten Stücken zu kommen.
Ob man bei einem "Wohlfühlprogramm" wirklich mehr Publikum hat, wage ich zu bezweifeln. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass viele "orgelmusikunkundige" Leute einfach aus Neugier, Freude, Interesse etc. kommen. Dabei spielt das angekündigte Programm meistens kaum eine Rolle. Im günstigen Falle gelingt es dem Organisten, bei dem einen oder anderen Zuhörer den Appetit auf mehr Orgelmusik zu wecken. Wenn ein Stück oder gar mehrere Stücke beim Zuhörer in besonders guter Erinnerung bleiben wird man gelegentlich von den Leuten darauf angesprochen. Diese Leute besuchen dann auch weitere Orgelkonzerte.

Niels

Beitrag von Niels » Dienstag 15. April 2008, 10:05

Vielleicht sollte man das Wort "erziehen" durch "näher bringen" ersetzen.

Mit den normalen "Wohnfühlprogrammen" ist es allein nicht getan. Bei Konzertreihen, kann man diese Konzerte nutzen, um Einnahmen zu machen. Einnahmen für die Realisation weiterer Konzerte nutzen.

Bach galt seinen Zeitgenossen damals als viel zu modern - und so ging es vielen Komponisten.

Dir richtige Mischung macht es.

Natürlich sind Schnupperkonzerte mit bekannten Stücken, die jeder kennt (auch wenn er kein Orgelfan ist) gut geeignet - Einstiegsdroge -, das erste Interesse für die Orgel zu wecken.

Stefan
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Beitrag von Stefan » Freitag 30. Januar 2009, 10:28

Niels hat geschrieben:Vielleicht sollte man das Wort "erziehen" durch "näher bringen" ersetzen.
Das denke ich auch. Nach meiner Erfahrung sind die Leute sehr dankbar, wenn man ihnen ein bißchen was zu den Stücken erzählt. Das darf aber auch nicht gleich wieder fachlich zu sehr in die Tiefe gehen.
Niels hat geschrieben:Mit den normalen "Wohnfühlprogrammen" ist es allein nicht getan. Bei Konzertreihen, kann man diese Konzerte nutzen, um Einnahmen zu machen. Einnahmen für die Realisation weiterer Konzerte nutzen.
Ich bin schon froh, wenn "Wohlfühlprogramm"-Konzerte kostendeckend sind :-) Aber ich empfinde es als Spieler selbst irgendwann doch unbefriedigend, mich auf entsprechende Literatur zu beschränken.
Außerdem ist es gar nicht so einfach, ein "Wohlfühlprogramm" zu bauen. Da streut man in bester Absicht in ein weihnachtliches Orgelkonzert noch ein-zwei Sätze aus Widors 5. ein - und als Reaktion bekommt man verständnisloses Kopfschütteln und Fragen, was das denn mit Weihnachten zu tun hätte. Nach einem anderen Konzert kamen wiederum Leute, die ausgerechnet Ligeti am allerbesten fanden. Viernes Westminster-Carillon ist aber wieder "ganz schön modern"; Bachs C-Dur-Toccata klingt am Anfang, "als hätte man sich verspielt", bei der Fuge ist der kurze Schluß irritierend, Triosonate aber ist wiederum total toll. Ergo: das Publikum ist höchst unberechenbar.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Dienstag 31. März 2009, 18:34

Inzwischen liegt ein zweiter Jahrgang von Konzertberichten mit Hörerzahlen vollständig vor. Von den 75 geschätzten Angaben über die Hörerzahl im jeweiligen Orgelkonzert betragen:

25 oder darunter: 6 Konzerte (8,0%, im Vorjahr 7,5%)
26 bis 50 Hörer: 20 Konzerte (26,6%, im Vorjahr 19,4%)
51 bis 100 Hörer: 30 Konzerte (40,0%, im Vorjahr 40,3%)
101 bis 200 Hörer: 6 Konzerte (8,0%, im Vorjahr 19,4%)
über 200 Hörer: 13 Konzerte (17,3%, im Vorjahr 13,4%)

Bild

Der Anteil von Konzerten mit weniger als 51 Hörern ist von 26,9% auf 34,6% gestiegen, der Anteil von Konzerten mit mehr als 100 Hörern von 32,8% auf 25,3% gesunken. Der 50%-Punkt der Verteilung hat sich von 100 Hörern zu 70 Hörern verschoben. Es gibt also einen sehr klaren Trend zu kleineren Publikumszahlen. Angesichts der Überalterung des Orgelpublikums ist genau das zu erwarten: Von den bisherigen Hörern werden manche altersbedingt nicht mehr in der Lage sein zu kommen und da keine jungen Leute an ihre Stelle treten, schrumpft die Hörerzahl. Aber natürlich sind die Fallzahlen und die Veränderungen in der Verteilung der Fälle zu klein, um statistisch signifikant zu sein. Es könnte auch ein Zufallsergebnis sein. Man muß die kommenden Jahre abwarten und sehen, ob der Trend anhält, oder ob er durchbrochen wird.

Auch in diesem Beobachtungsjahr bestand eine starke Abhängigkeit der Hörerzahlen von der Jahreszeit: 11 der 13 Konzerte mit mehr als 200 Hörern fanden im Sommer 08, nämlich zwischen dem 1. Juli und dem 30. September statt, also in den Sommerferienmonaten. Da Rentner den Großteil der Hörer bilden und diese von der Urlaubszeit unabhängig sind, ist der Zusammenhang überraschend. Ursache ist wohl in erster Linie die Sommerpause im klassischen Konzert- und Opernbetrieb: In Abwesenheit anderer Konzertangebote besuchen wohl viele Leute, die normalerweise in die Philharmonie oder Oper gehen, ersatzweise Orgelkonzerte. Allerdings nicht jedes: Auch im Sommer gibt es Konzerte mit weniger als 51 und sogar solche mit weniger als 26 Hörern. Da kommt es wohl erheblich auf die Werbung an. Vielbeworbene „Internationale Orgeltage“ und dergleichen sind im Sommer offenbar sehr gut besucht, das wenig beworbene „normale“ Orgelkonzert bleibt oft unbeachtet.

Auch die Zahl der Konzertberichte pro Quartal ist von der Jahreszeit abhängig: Die meisten Berichte (27) stammen aus dem Sommer-Quartal 08, die wenigsten (13) aus dem Winterquartal 09. Das dürfte die Häufigkeit von Orgelkonzerten wiederspiegeln und mag mit der kalten Witterung, den hohen Heizkosten, den Stimmungsproblemen bei Orgeln in der Heizsaison und vielleicht auch mit der Fastenzeit zusammenhängen.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 3. April 2009, 09:08

10 Hörer für Koopman?! Daraus muß man wohl schließen, daß schon vor 15 Jahren nur noch ein verschwindend kleiner Bruchteil der allgemeinen Bevölkerung die Einschätzungen der Orgelfachleute darüber, was ein interessantes Orgelkonzert ist, teilten. Und diese verhängnisvolle Entwicklung ist seitdem weitergegangen. Die Interessen sind im Laufe der Jahre himmelweit auseinandergedriftet - und das allein schon zwischen den Experten und den wenigen,an klassischer Musik interessierten Leuten, von der Kluft zwischen den musikalischen Vorlieben des Normalhörers (Rock, Pop) und jenen der Organisten ganz zu schweigen.

Die Isolation der Orgelwelt in einem selbstgewählten musikalischen Elfenbeinturm, in den nichts hineingelassen wurde und wird, was draußen an Musik in den letzten 50 Jahren neu entstanden ist, wird sich in den kommenden Jahren bitter rächen.

Ich versuche seit nunmehr 5 Jahren auf die Isolation der Orgelwelt, die fortschreitende Überalterung und das daraus folgende Schrumpfen ihres Publikums, das zunehmende Fehlen von Nachwuchs bei den Organisten, das Schrumpfen der Gesellschaft der Orgelfreunde und die zwangsläufige langfristige Konsequenz, nämlich das Ende unserer Orgelkultur, hinzuweisen. Jedoch scheint so gut wie niemand in der Orgelwelt sein Verhalten geändert zu haben. In den Konzertberichten ist jedenfalls rein garkeine Veränderung in Programmgestaltung oder Konzertablauf zu bemerken - alles wie vor 10 Jahren.

Wahrscheinlich wird es wirklich zu einem totalen Zusammenbruch der Orgelwelt kommen müssen. Erst wenn zwar ein Haufen altersschwacher Orgeln herumstehen, aber keine Organisten mehr da sind, die durch ihr Spiel den Leuten das Interesse an der Orgel nehmen können, wird die Orgel wieder ein Chance haben: Wenn nämlich irgendwelche Keyboarder sich der unbenutzt herumstehenden Instrumente bemächtigen und völlig unvorbelastet von 500 Jahren Orgelmusikgeschichte einfach Musik machen, die ihnen und ihren Hörern gefällt.

Holger

Beitrag von Holger » Freitag 3. April 2009, 11:32

War erst kürzlich in einem Orgelkonzert - 1000 Zuhörer oder mehr, schwer abzuschätzen.

Aber das hatte wahrscheinlich auch Einmaligkeitscharakter und am freien Eintritt lag es wohl auch kaum, Pierre Cochereau hat halt nur einmal 25. Todestag!

Die Organisten waren Houbart - Baker - Lebfèvre in Notre-Dame. Die hört man nicht alle Tage in einem Konzert.

Durchaus ein Erlebnis der besonderen Art. Auch von den Massen der Besucher her gesehen.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 3. April 2009, 12:07

Naja, das ist Notre-Dame in Paris. Übrigens sind über 1000 Hörer in einer Metropole von 14 Millionen Einwohnern für ein einmaliges Ereignis nicht viel! Jede einzelne Musical-Aufführung aus einer wochenlangen Reihe von Wiederholungen zieht in der Köln-Arena locker das 5- 10fache an Publikum an - in einer Großstadt von "nur" 1 Millionen Einwohnern. Erst an solchen Vergleichen sieht man, wie klein eigentlich das Publikum ist, das durch Orgelmusik selbst bei echten "Events" mobilisiert wird.

Holger

Beitrag von Holger » Montag 6. April 2009, 06:54

Und in Notre-Dame war die extra aus Deutschland angereiste Gemeinde erheblich! Einige der großen Namen aus unserem Heimatland konnten dort begrüßt werden. Selbst für die Verhältnisse Paris könnte der Besuch tatsächlich als "unterdurchschnittlich" bezeichnet werden! Da geb ich ihnen absolut recht.

Nun Salem am Samstag war das Gegenbeispiel - ca. 20 - 30 Zuhörer.

Klar kein Reisser im Programm, dann zieht das auch nicht. Tournemires Letzte Worte sind zum einen nicht bekannt und zum anderen natürlich auch ein nicht zu kleiner Brocken.

Allerdings die Qualität natürlich entsprechend hoch.

Steht kein Bach, möglichst d-moll Toccata oder Widor 5. - Finale auf dem Programm - jetzt überspitzt - kommt halt keiner.

Tiefgründiges ist leider ein Nischenprodukt, das nur wenige anspricht!

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Dienstag 30. März 2010, 10:06

Es liegt nun ein dritter Jahrgang von Konzertberichten mit Hörerzahlen vollständig vor. Von den 88 geschätzten Angaben über die Hörerzahl im jeweiligen Orgelkonzert betragen:

25 oder darunter: 7 Konzerte (8,0%, im Vorjahr 8,0%)
26 bis 50 Hörer: 19 Konzerte (21,6%, im Vorjahr 26,6%)
51 bis 100 Hörer: 30 Konzerte (34,1%, im Vorjahr 40,0%)
101 bis 200 Hörer: 17 Konzerte (19,3%, im Vorjahr 8,0%)
über 200 Hörer: 15 Konzerte (17,0%, im Vorjahr 17,3%)

Bild


Der Anteil von Konzerten mit weniger als 51 Hörern ist von 34,6% auf 29,6% gesunken, der Anteil von Konzerten mit mehr als 100 Hörern von 25,3% auf 36,3% gestiegen. Der 50%-Punkt der Verteilung hat sich von 70 Hörern zu 80 Hörern verschoben.

Diesmal ist also ein ganz erfreulicher Trend zu größeren Hörerzahlen festzustellen. Das ist eine recht erstaunliche Entwicklung. Was waren die Ursachen dafür, daß in der diesjährigen Stichprobe ungewöhnlich viele Konzerte ein relativ großes Publikum angezogen haben?

Unter den insgesamt 32 Konzerten mit mehr als 100 Hörern finden sich drei Konzerte, die in unmittelbaren Zusammenhang standen mit der Einweihung einer neuen Kirchenorgel. Ein weiteres Konzert fand wenige Wochen nach der Einweihung einer neuen Orgel statt - in diesen vier Fällen sind also zeitlich begrenzte Sondereffekte wirksam gewesen. Doch auch wenn man diese Konzerte deshalb nicht mitzählt, bleibt ein bemerkenswerter Anstieg der Konzerte mit mehr als 100 Hörern übrig!
Unter den übrigen 28 Konzerten mit mehr als 100 Hörern fallen 8 Konzerte durch eine neuartige, ungewohnte Gestaltung auf:

- in drei Konzerten erklangen auf der Orgel Transkriptionen von sehr bekannten und beliebten Orchesterstücken: Ravels "Bolero", Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung", Smetanas "Moldau", Dvoraks "Symphonie aus der neuen Welt". In einem weiteren, weniger frequentiertem Konzert wurden Teile aus Schumanns Rheinischer Symphonie und Beethovens 5. Symphonie auf der Orgel gespielt. Solche Transkriptionen von Orchestermusik waren in Orgelkonzerten der letzten Jahrzehnte vollkommen unüblich und bei den Organisten streng verpönt!

- In zwei Konzerten improvisierte Barbara Dennerlein vor großem Publikum Jazz auf der Orgel;

- In einem Konzert wurde Ragtime und Filmmusik auf der Orgel dargeboten

- In einem Konzert war der Orgel eine Bigband beigesellt und das Programm bestand aus Musik im entsprechenden Stil, z.T. als Transkription, z.T. als Komposition, darunter auch zwei Uraufführungen.

- In zwei Konzerten wurde der Konzertablauf abwechslungsreicher gemacht durch Moderationen; eines dieser Konzerte lockte das Publikum zudem mit Kerzenschein anstelle von elektrischem Licht.

Ganz offensichtlich haben viele Konzertveranstalter in diesem Jahr auf die zunehmende Überalterung und Verkleinerung des Publikums von Orgelkonzerten reagiert und neue Wege erprobt - und zwar sehr erfolgreich, wie es scheint!

Im Vorjahr dagegen waren solche Bemühungen nur in zwei Konzertberichten zu bemerken: Ein Konzert fand schon damals bei Kerzenlicht und mit Moderation statt, ein zweites Konzert ging im Programm neue Wege mit Musik von Frank Zappa, Astor Piazolla (Tangos), Steve Reich und anderen.

Läßt man solche Konzerte neuen Typs sowie die Einweihungskonzerte außer Betracht, dann unterscheiden sich die Konzertbesucherzahlen des Jahrgangs 2009/10 kaum noch von denen der beiden vorangegangenen Jahrgänge. Die Verbesserung im Konzertbesuch 2009/10 ging also auf diese neuen Ansätze in der Konzertgestaltung und auf die Einweihungs-Sonderffekte zurück.

Die ausgewerteten Berichte stammten wieder weit überwiegend aus Düsseldorf und Umgebung. Die Bemühungen um eine andersartige, ein breites Publikum ansprechende Musikauswahl in Orgelkonzerten ist jedoch nicht auf die Region Düsseldorf beschränkt, und sie reicht weit über die inzwischen etablierte "Jazz auf der Kirchenorgel"-Szene mit ihrem Star Barbara Dennerlein hinaus. Das zeigt das Beispiel des Öhringer Organisten Patrick Gläser, der seit Sommer letzten Jahres in mehreren Konzerten unter dem Titel "Orgel rockt" Orgeltranskiptionen von Rock-, Pop- und Filmmusik vorgetragen hat ( http://www.orgel-rockt.de/ ) - mit einem Publikumsandrang, der um ein Vielfaches höher ist als bei klassischen Orgelkonzerten. Im laufenden Jahr sind von ihm etliche weitere derartige Konzerte an anderen Orten in Deutschland geplant.

Ein Blick in Youtube zeigt ferner, daß auch andere, durchweg jugendliche Orgelspieler aus Deutschland solche Musik auf der Orgel spielen - es sind dort in den letzten 1-2 Jahren eine ganze Reihe von entsprechenden Aufnahmen auf Kirchenorgeln eingestellt worden (Man suche z.B. nach Aufnahmen von ChristianWidor, jpsteinway1994, organist0024, ockyfrank, chromatickeys, Orgel87). Auch wenn fast alle diese Aufnahmen qualitativ nicht wirklich überzeugend sind, sie finden anscheinend ein dankbares Publikum, wie den Abrufzahlen, Kommentaren und Bewertungen zu entnehmen ist. Überdies werden aus dem Ausland zunehmend häufiger Orgel-Einspielungen von Orchestermusik (z.B. Mozart, Ouvertüren zum Figaro und zur Zauberflöte, Ravels Bolero, Tschaikowskys Nußknackersuite), von Klaviermusik (Beethoven, Pathetique, Mondscheinsonate), von Filmmusik (zu Star Trek, Star Wars, Superman, Harry Potter, Titanic, Pirates of the Carribean) oder von Musicalausschnitten (Phantom of the Opera) auf Youtube eingestellt, gespielt von meist jungen, spieltechnisch oft brillianten Organisten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich zukünftig viele weitere junge Orgelspieler in ähnlicher Weise betätigen werden und aus den bisherigen Einzelaktionen ein echter Trend in der Praxis des Orgelspiels entstehen wird. Derartige Musik wird schon jetzt in Kirchenkonzerten dargebotem, dies wird sich sicher zahlenmäßig beträchtlich ausweiten. Und auch vor den Gottesdiensten wird dieser Trend keineswegs halt machen - die jungen Organisten werden keine Hemmungen haben, und auch viele Geistliche werden dem nicht abgeneigt sein. Und so wird diese "weltliche" Orgelmusik nach und nach auch in die Gottesdienste einziehen, beginnend mit Hochzeitsgottesdiensten, dann auch als Postludium im Sonntagsgottesdienst, schließlich auch im Verlauf des Gottesdienstes, natürlich nicht in allen Gemeinden, aber in in einer stetig zunehmenden Zahl von Gemeinden.

Nicht weniger bemerkenswert ist, daß sich auch die Einstellung weiter Organistenkreise zu solcher Musik auf der Orgel bereits grundlegend verändert hat. Als ich im Jahr 2004 in einem vielbeachteten und vielzitierten Leserbrief in "Ars Organi" auf die Überalterung und Schrumpfung des Orgelpublikums hinwies und genau die Gegenmaßnahmen vorschlug , die heute von vielen Veranstaltern erfolgreich erprobt werden, hatte dies noch einen Sturm der Entrüstung in Leserbriefen und Internetdiskussionen zur Folge (Zitate aus meinem Leserbrief und einige der empörten Diskussionsäußerungen von damals finden sich heute noch z.B. hier: http://forum.sakral-orgel.de/viewtopic. ... c4887a76f5 ). Viele Organisten lehnten Orgeltranskriptionen von weltlicher Orchestermusik und erst recht von Rock-, Pop- und Filmmusik strikt ab. Inzwischen ist der mentale Wandel soweit fortgeschritten, daß die Orgel-rockt-Konzerte von Patrick Gläser selbst im gelben Orgelforum kaum noch als Aufreger taugten; selbst dort dominierten die Haltungen "erst mal anhören, bevor man sich aufregt" und "es gibt Schlimmeres".

Wir erleben derzeit einen Paradigmenwechsel in der deutschen Orgelwelt, den man unter den Begriff "Säkularisierung der Orgelmusik" zusammenfassen könnte - in den Konzertberichten der letzten zwölf Monate ist die Säkularisierung der Orgelmusik bereits deutlich sichtbar. Die langfristigen Auswirkungen dieser Entwicklung werden wahrscheinlich sehr viel tiefgreifender sein als die oberflächlichen Veränderungen, welche die Orgelmusikmoden der letzten 50 Jahre bewirkt haben.

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