Zahl der Hörer in Orgelkonzerten

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Martin Dufais
Beiträge: 137
Registriert: Freitag 14. September 2007, 21:43
Wohnort: Erftstadt

Beitrag von Martin Dufais » Montag 12. April 2010, 11:03

Roland Eberlein hat geschrieben: ... Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich zukünftig viele weitere junge Orgelspieler in ähnlicher Weise betätigen werden und aus den bisherigen Einzelaktionen ein echter Trend in der Praxis des Orgelspiels entstehen wird. Derartige Musik wird schon jetzt in Kirchenkonzerten dargebotem, dies wird sich sicher zahlenmäßig beträchtlich ausweiten. Und auch vor den Gottesdiensten wird dieser Trend keineswegs halt machen - die jungen Organisten werden keine Hemmungen haben, und auch viele Geistliche werden dem nicht abgeneigt sein. Und so wird diese "weltliche" Orgelmusik nach und nach auch in die Gottesdienste einziehen, beginnend mit Hochzeitsgottesdiensten, dann auch als Postludium im Sonntagsgottesdienst, schließlich auch im Verlauf des Gottesdienstes, natürlich nicht in allen Gemeinden, aber in in einer stetig zunehmenden Zahl von Gemeinden.
...
Wir erleben derzeit einen Paradigmenwechsel in der deutschen Orgelwelt, den man unter den Begriff "Säkularisierung der Orgelmusik" zusammenfassen könnte - in den Konzertberichten der letzten zwölf Monate ist die Säkularisierung der Orgelmusik bereits deutlich sichtbar. Die langfristigen Auswirkungen dieser Entwicklung werden wahrscheinlich sehr viel tiefgreifender sein als die oberflächlichen Veränderungen, welche die Orgelmusikmoden der letzten 50 Jahre bewirkt haben.
Diese Thesen sind ja eigentlich ziemlich provozierend - aber da bisher keiner hier protestiert hat, scheint das hier keiner mehr als provozierend zu empfinden. Das zeigt wohl sehr deutlich, dass der beschriebene Umdenkungsprozess tatsächlich stattzufindet und schon weit fortgeschritten ist.

Im Prinzip habe ich auch nix dagegen, mal "Nothing else matters" von Metallica auf der Orgel zu hören, wie es Patrick Gläser macht ( http://www.youtube.com/watch?v=TWnzzCCt3Os ). Ich hätte es nicht gedacht, aber es klingt tatsächlich überraschend gut. Solange daneben auch noch originale Orgelmusik gespielt wird, kann ich damit ganz gut leben.

Die Frage ist natürlich, ob man damit wirklich Interesse für die Orgel weckt. Die Abrufzahlen auf Youtube sprechen doch eher dagegen: 25 Millionen Abrufe der Rockversion, aber nur 6600 Abrufe der Orgelversion von Gläser und 32.000 einer älteren (allerdings ziemlich schlechten) Orgelversion von Hel7808.

Niels

Beitrag von Niels » Montag 12. April 2010, 11:52

Roland Eberlein hat geschrieben:Inzwischen liegt ein zweiter Jahrgang von Konzertberichten mit Hörerzahlen vollständig vor. Von den 75 geschätzten Angaben über die Hörerzahl im jeweiligen Orgelkonzert betragen:

25 oder darunter: 6 Konzerte (8,0%, im Vorjahr 7,5%)
26 bis 50 Hörer: 20 Konzerte (26,6%, im Vorjahr 19,4%)
51 bis 100 Hörer: 30 Konzerte (40,0%, im Vorjahr 40,3%)
101 bis 200 Hörer: 6 Konzerte (8,0%, im Vorjahr 19,4%)
über 200 Hörer: 13 Konzerte (17,3%, im Vorjahr 13,4%)

Bild

Der Anteil von Konzerten mit weniger als 51 Hörern ist von 26,9% auf 34,6% gestiegen, der Anteil von Konzerten mit mehr als 100 Hörern von 32,8% auf 25,3% gesunken. Der 50%-Punkt der Verteilung hat sich von 100 Hörern zu 70 Hörern verschoben. Es gibt also einen sehr klaren Trend zu kleineren Publikumszahlen. Angesichts der Überalterung des Orgelpublikums ist genau das zu erwarten: Von den bisherigen Hörern werden manche altersbedingt nicht mehr in der Lage sein zu kommen und da keine jungen Leute an ihre Stelle treten, schrumpft die Hörerzahl. Aber natürlich sind die Fallzahlen und die Veränderungen in der Verteilung der Fälle zu klein, um statistisch signifikant zu sein. Es könnte auch ein Zufallsergebnis sein. Man muß die kommenden Jahre abwarten und sehen, ob der Trend anhält, oder ob er durchbrochen wird.

Auch in diesem Beobachtungsjahr bestand eine starke Abhängigkeit der Hörerzahlen von der Jahreszeit: 11 der 13 Konzerte mit mehr als 200 Hörern fanden im Sommer 08, nämlich zwischen dem 1. Juli und dem 30. September statt, also in den Sommerferienmonaten. Da Rentner den Großteil der Hörer bilden und diese von der Urlaubszeit unabhängig sind, ist der Zusammenhang überraschend. Ursache ist wohl in erster Linie die Sommerpause im klassischen Konzert- und Opernbetrieb: In Abwesenheit anderer Konzertangebote besuchen wohl viele Leute, die normalerweise in die Philharmonie oder Oper gehen, ersatzweise Orgelkonzerte. Allerdings nicht jedes: Auch im Sommer gibt es Konzerte mit weniger als 51 und sogar solche mit weniger als 26 Hörern. Da kommt es wohl erheblich auf die Werbung an. Vielbeworbene „Internationale Orgeltage“ und dergleichen sind im Sommer offenbar sehr gut besucht, das wenig beworbene „normale“ Orgelkonzert bleibt oft unbeachtet.

Auch die Zahl der Konzertberichte pro Quartal ist von der Jahreszeit abhängig: Die meisten Berichte (27) stammen aus dem Sommer-Quartal 08, die wenigsten (13) aus dem Winterquartal 09. Das dürfte die Häufigkeit von Orgelkonzerten wiederspiegeln und mag mit der kalten Witterung, den hohen Heizkosten, den Stimmungsproblemen bei Orgeln in der Heizsaison und vielleicht auch mit der Fastenzeit zusammenhängen.
Die Statistik hat einen kleinen, aber gravierenden Mangel.
Bei Orgelfestivals etc. hast du in dem einen Konzert 40, in dem anderen 500 Besucher (bei gleicher Qualität des Organisten).

Auch ich hatte schon ein Orgelkonzert mit 12 Besuchern - aber es regnete in Strömen. Ich persönlich wäre (als Besucher) auch lieber daheim geblieben. An anderes mal - schönstes Grillwetter. 10 Minuten vor dem Konzert waren 4 Leutchen da, ich hatte schon "fracksausen". Dann bei Beginn des Konzertes waren plötzlich 120 Leute in der Kirche.

Es gibt zig solcher Unabwägbarkeiten!

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Dienstag 13. April 2010, 09:27

Niels hat geschrieben: Bei Orgelfestivals etc. hast du in dem einen Konzert 40, in dem anderen 500 Besucher (bei gleicher Qualität des Organisten).

Auch ich hatte schon ein Orgelkonzert mit 12 Besuchern - aber es regnete in Strömen. Ich persönlich wäre (als Besucher) auch lieber daheim geblieben.
...
Es gibt zig solcher Unabwägbarkeiten!
Natürlich gibt es viele Unwägbarkeiten. Sie schlagen sich in der Statistik nieder in Form der "Ausreißer" nach unten, also die Säulen am rechten linken Rand.

Aber auch das beste Wetter, der beste Organist, der günstigste Termin, das beste Programm usw. ändern nichts an der Tatsache, daß sich nur ein vergleichsweise geringer Prozentsatz der Bevölkerung für Orgelkonzerte interessiert, und daß diese Personen weit überwiegend in einem stark vorgerücktem Alter sind und deshalb in absehbarer Zeit nicht mehr zu Konzerten werden kommen können.

Einige Konzertberichte aus dem letzten Jahr zeigen aber sehr deutlich, daß man mit Orgelmusik ein größeres Publikum ansprechen kann, sofern man auch andere musikalische Interessen berücksichtigt als bisher und die Konzerte ansprechender präsentiert - und das ist bei den wenigen Experimenten in dieser Richtung gelungen trotz des verstaubten Images von Orgelkonzerten. Wenn also das Image in den Köpfen der Leute durch solche Maßnahmen erst einmal aufpoliert ist, werden sich diese Maßnahmen noch sehr viel stärker auf die Besucherzahlen (und das Besucheralter) auswirken als in diesen ersten Experimenten.

Benutzeravatar
Administrator
Site Admin
Beiträge: 849
Registriert: Donnerstag 7. September 2006, 16:31
Wohnort: Celle
Kontaktdaten:

Beitrag von Administrator » Mittwoch 14. April 2010, 08:11

Bezüglich der Frage nach "neuen" Besuchern: Weiß jemand, wie die Besuche bei "Organ4U(th)" (http://www.orgelwelten-ratingen.de/organ4uth.php) in Ratingen sind? Dort versucht man, extra ein Programm für jüngere Leute auf die Beine zu stellen.
Herzliche Grüße

Daniel
(Admin)
_______________________________________
http://www.musik-medienhaus.de
http://www.orgel-information.de
http://www.buch-und-note.de
http://www.notenkeller.de

harald
Beiträge: 114
Registriert: Dienstag 11. März 2008, 17:05
Wohnort: gladbeck

Besuch bei Orgelkonzerten

Beitrag von harald » Montag 3. Mai 2010, 20:31

Gestern spielte auf der Klais-Orgel in Gladbeck
(Reihe Kulturhauptstadt Ruhr)
ein Instrument von 1960 mittlerer Größe (36 Register mit Chororgel 4 Register)

Herr Wolfgang Seifen
Omprovisationen zu Texten von John Henry Kardinal Newman.

Zuschauer und Hörer ca. 300.

Grund war der neue elektonische Spieltisch.

Ich wußte gar nicht, was Herr Seifen aus einer Orgel mittlerer Größe
alles rausholen kann.
Das Konzert wurde gottseidank aufgezeichnet.
Es war ein geniales Konzert.

Gruß

aus Gladbeck

Harald Kabbeck

Ronald Henrici
Beiträge: 662
Registriert: Sonntag 18. Juli 2010, 21:44
Wohnort: Bad Krozingen und Donaueschingen

Re: Zahl der Hörer in Orgelkonzerten

Beitrag von Ronald Henrici » Montag 1. Mai 2017, 20:28

Es geht hier im Thema um das"Reine Orgelkonzert". Für den Besuch eines Orgelkonzertes spielen leider sehr viele Faktoren hinein, die manchen Interessenten davon abhalten, ins Konzert zu gehen. Diese Faktoren haben wenig damit zu tun, daß der Organist "nahebringen" darf und soll, vielmehr um äußere Umstände, z.B. zu welcher Uhrzeit und an welchem Tag ein solches Konzert geschieht, es spielt eine Rolle, welches Programm geboten wird. Leider gibt es zu viele "Standartprogramme" mit Orgelmusik aus verschiedenen Jahrhunderten. Dann gibt es Programme mit "nur Bach", wobei es dabei in Erscheinung tritt, daß Bach als Einziger gute Orgelwerke komponiert hat.Ich könnte noch weitere Beispiele aufzeigen, wo dann die Organisten nur das bringen, was sie im Studium intensiv studiert haben, und danach aufgehört haben, sich weiter mit anderer Orgelmusik zu befassen.
Bei solcher Art Konzerte läßt die Besucherzahl sehr schnell nach, und die schnellt auf einmal in die Höhe, wenn der konzertierende Organist sein Konzert mit einem Werk von Max Reger beginnt...
Sollten die sonst wegbleibenden Besucher damit nicht gerechnet haben?
Ich will damit keinen Künstler angreifen, sondern vielmehr auf die Programmgestaltung verweisen, die in ihrer Vielfältigkeit manchen Besucher besonders neugierig macht...
Mit dem hier letzten Statement befinde ich mich auf dem Sektor der "Musikpsychologie", die auch bei den musiksoziologischen Betrachtungen von Roland Eberlein hineingreift...
So kann es durchaus sein, wenn Wolfgang Seifen in Kevelaer neben Bach auch eine Improvisation über den Choral "Wir wollen alle fröhlich sein" spielt, daß die sonst übliche Besucherzahl von 80 Personen auf einmal auf 200 Personen steigt.
Das nur als Beispiel.
Meine Frage: Warum bezieht man nicht auch das "Näherbringen" auf die Orgelmusik in den Gottesdiensten ?
Ein Beispiel aus dem "Erleben": Am Ostermontag hatte ich in einer Kirche mit einer großen Orgel (III/P/46) einen Gottesdienst zu begleiten bei 122 Besuchern und kräftigem Gemeindegesang, sodaß ich nicht zimperlich mit der Registrierung umzugehen brauchte. Da die Gemeinde "mir bekannterweise" nach dem Segen sich wieder hinsetzt, um das Orgelnachspiel zu hören, habe ich vor dem Gottesdienst gesagt, daß als Nachspiel eine Improvisation im französisch symphonischen Stil über "Christ ist erstanden" endend mit einem Finale erklingt. Mehr habe ich dazu nicht gesagt, sondern schließlich nur erklingen lassen.Bis heute werde ich im Ort des Geschehens darauf angesprochen, wieso ich auf der besagten Orgel eine solche beeindruckende Improvisation spielen konnte. Beantworten konnte ich das nicht, ich sagte den Menschen, die mich darauf ansprachen, nur: "Das war eben so."
Was ich mit dieser Darstellung des Geschehens betonen will: Der Zuhörer möchte Orgelmusik nicht nur hören, er möchte Orgelmuaik auch nachhaltig erleben !
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

Antworten