Olivier Latry in St. Antonius, D-Oberkassel: Neues Fernwerk

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Clemens Schäfer
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Olivier Latry in St. Antonius, D-Oberkassel: Neues Fernwerk

Beitrag von Clemens Schäfer » Montag 26. November 2018, 21:12

Secundo die post feriam Sancti Clementis episcopus auxiliaris Schwaderlapp organum remotum ecclesiae Sancti Antonii (Castrum superiore) sacravit.

Hallo Forum,

am 25.11.2018 wurde das Fernwerk der Orgel in der Kirche St. Antonius (Düsseldorf-Oberkassel) durch Weihbischof Schwaderlapp geweiht.

Disposition:
(Werkstätte für Orgelbau Mühleisen, Leonberg)

Lieblichgedackt 16’
Salizet 16’
Prinzipal 8’
Fernflöte 8’
Lieblichgedackt 8’
Ferngambe 8’
Vox angelica ab c 8’
Prinzipal 4’
Fernflöte 4’
Salizet 4’
Piccolo 2’
Harmonia aethera 3-4fach 2 2/3’
Fernhorn 16’
Fernhorn 8’
Vox humana 8’
Tremulant
Celesta
(alles im Schwellkasten)

Am gleichen Tag spielte Olivier Latry, NDdP, das Eröffnungskonzert. Alle waren gekommen. Sämtliche Plätze der großen Kirche, Kirchenbänke und Zusatzstühle waren besetzt. In der Mitte des Langhauses stand im Mittelgang der bewegliche untere Spieltisch. Das Fernwerk ist seiner Natur entsprechend nicht sichtbar. Es befindet sich im Vierungsturm oberhalb der Kuppel, die an der höchsten Stelle ein Loch von 1,8 Meter Durchmesser hat: Hier tritt der Schall des Fernwerks aus der Höhe der Kuppel in den Raum.

Mit dem Fernwerk ist der Plan der dreiteiligen Orgelanlage in St. Antonius jetzt vollendet: Hauptorgel auf der Empore am Ende des Langhauses, Chororgel im Seitenschiff nahe dem Pfeiler der Vierung und Fernwerk oberhalb der Vierungskuppel. Mit dieser Verteilung der reichlich bestückten Klangquellen lassen sich erstaunliche, überraschende und überzeugende Wirkungen erzielen.

Dies in einem ersten Konzert darzustellen, war Latry also am Nachmittag angetreten. Das Programm bot alle Möglichkeiten dazu. Latry begann mit einer Komposition die Grégoire Rolland (*1989), die dieser im Auftrag von NDdP zur 150-Jahr-Feier der dortigen C.-C.-Orgel verfertigt hatte. Das mit modernen Harmonien gut hörbare, nicht allzu lange Stück endet mit dem Zitat einer gregorianischen Melodie.

Dann ging es weiter mit Fantasie und Fuge BWV 542 g-moll. Latry spielte nicht das Original sondern eine (vermutlich eigene) Fassung nach der Klavierfassung von Franz Liszt. Bach doppelt gebrochen sozusagen. Das paßte irgendwie zum Kirchengebäude, ist dieses doch neoromanisch und damit auch eine Replik durch die Brille späterer Generationen.
Latry stieg mit voller Wucht ein, die leisen Einschübe kamen dann aber als gepflegte Unterhaltung gebildeter Leute, wobei die räumliche Trennung aus den verschiedenen Orgeln genutzt wurde. Die Fuge lief prächtig und nicht zu dick registriert: Der Raum hat viel Nachhall, da muß man mit Polyphonie vorsichtig umgehen. Aber das ist Latry ja gewohnt.

Es folgten die Fugen Nr. 4 und 5 aus den Fugen über BACH von Schumann. Bei Nr,. 5 nutzte Latry nur Fernwerk und Chororgel, was einen schönen Effekt ergab.

Danach stieg Latry mit Präludium und Fuge über BACH wieder groß ein. Er spielte auch hier nicht das Original sondern die manisch zugespitzte Fassung von Jean Guillou. Da blieb einem der Atem weg, wenn im Präludium die bizarr gezackten Kaskaden wie Blitze einschlugen. Aber Latry hatte alles im Griff: Zur Geburt des Fugenthemas war Ruhe eingekehrt. Und das entwickelte sich dann auch und drohte zu heftig zu werden, bevor es durch jene Pianissimo-Passage am Ende (natürlich aus dem geschlossenen Fernwerk) gebändigt wurde. Dazu noch Einzelheiten: Nach dem großen Fortissimo kam also jene Pianissimo-Passage. Gegen deren Ende machte Latry langsam auf, die Lautstärke stieg an. Genau auf diesem Dynamiklevel (und damit nicht gleich im ff) ging es dann in den Schluß, der kontinuierlich lauter wurde. So habe ich das noch nie gehört. Auch interessant.

Da hieß es erst mal durchatmen. Dazu gab es dann Gelegenheit mit Clair de lune von Debussy (Transkription Alexandre Cellier). Hier konnte man in herrlichen Klangfarben schwelgen.

Seine klavieristische Extraklasse zeigte Latry dann in Évocation II von Escaich. Der pochende Baß kam fast maschinell präzise, die Einwürfe - wie es schien - aus allen Seiten der Kirche. Hier sind solche Effekte wirklich hilfreich und erhellend.

Am Ende improvisierte Latry. Markus Hinz, Kantor und Organist an St. Antonius legte ihm GL 252 vor, wenn ich richtig gehört habe.

Riesiger Beifall, zwei Zugaben: Ein orchestraler Bach und dann über superzarten Harmonien aus dem Fernwerk gregorianische Aphorismen (vermutlich improvisiert). Zum Dahinschmelzen aber ernsthaft. Das muß man erst mal hinbekommen! Chapeau!

Gruß Clemens Schäfer

Weitere Konzerte:
Stefan Engels, Freitag, 30.11.2018, 19:30h, Eintritt frei: Bach und Karg-Elert
Markus Hinz, Sonntag, 09.122018, 16:00h, Bach, Liszt, Mahler und Hinz (UA)
St. Antonius, D-Oberkassel, Luegallee
öffentliche Tiefgarage neben der Kirche
Haltestelle Barbarossa Platz U74, U75, U76 (alle erreichbar am Hauptbahnhof)

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