Kulturauftrag

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Antworten
Benutzeravatar
Administrator
Site Admin
Beiträge: 881
Registriert: Donnerstag 7. September 2006, 16:31
Wohnort: Celle
Kontaktdaten:

Kulturauftrag

Beitrag von Administrator » Dienstag 1. Mai 2018, 10:31

Liebe Orgelfreunde/Musikfreunde,

anlässlich einer aktuellen Diskussion hier im Kirchenkreis eine Frage an Euch mit der Bitte um Mitteilung Eurer Meinung:

Haben Kirchen einen Kulturauftrag?
Sind Kirchen nur für die Wortverkündigung und die Feier des Gottesdienstes da, oder gehört auch die Pflege von Kultur (Musik/Kunst) zu ihrem Aufgabenbereich?
Herzliche Grüße

Daniel
(Admin)
_______________________________________
http://www.musik-medienhaus.de
http://www.orgel-information.de
http://www.buch-und-note.de
http://www.notenkeller.de

Benutzeravatar
olds
Beiträge: 304
Registriert: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:43

Re: Kulturauftrag

Beitrag von olds » Dienstag 1. Mai 2018, 11:30

Innerhalb der Kunst und Kultur, wo wird bei dieser Frage denn die Grenze gezogen?

Geht es konsequent darum, dass Kirchenmusik nur innerhalb der Wortverkündigung und dem Gottesdienst stattfinden soll? Ist also das Konzert mit kirchenmusikalischen Werken am Sonntagabend schon ausgeschlossen?

Prinzipiell tendiere ich persönlich schon in eine Richtung, in der die Kirche ausschließlich für Kirchenmusik reserviert sein sollte. Nicht nur mir, auch einigen anderen kirchenmusikalisch Interessierten stößt es beispielsweise immer auf, dass im benachbarten Stadtteil (der zu unserer Pfarrei gehört), mit dem Konzert im Advent und besonders dem Benefizkonzert zum Erhalt der Kirche (wurde sehr aufwendig renoviert), ein Ort geschaffen wurde, in dem sich alle Musikschaffenden einbringen. Was dann dazu führt, dass auch eine BigBand nebst Sängerin auftritt, allerdings ohne ihren Vortrag dem sakralen Ort anzupassen. Artikuliert man nun Kritik heißt es, dass sich eben alle einbringen möchten und das zu honorieren sei und es ja "um die Kirche geht".

Bei der Thematik ist die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung für mich jedoch nicht ganz uninteressant.

Als ursprüngliches Landei, das sich auch immer fleißig im Dorf engagiert hat, ist mir die kulturelle Situation vor Ort doch sehr bekannt. Hier ist es dann doch durchgehend so, dass die Kirchen oftmals der einzige Raum sind, in der Kultur tatsächlich stattfinden kann. Das beginnt mit dem doch klassischen Problem, dass ein Dorfgemeinschaftszentrum in der Regel als Mehrzweckhalle konzipiert ist und keinerlei taugliche Akustik hat.

Noch klassischer ist die Tatsache, dass die Dorfvereine durchweg profitorientiert sind. Eine Veranstaltung mit Musik ist hier gleichbedeutend mit Umsatz. Durch die Bank führt das zu dem Problem, dass fähige Nachwuchsmusiker, egal welcher Coleur, auf die wenigen Kulturzentren ausweichen und dort 20-30 Zuhörer "ertragen" müssen, während die Vereine sich auf publikumswirksame TOP40-Bands beschränken. Zumal diese ja eine gewisse Bandbreite an Geschmäckern abdecken und nicht zum allzu aufmerksamen Zuhören animieren. Das Dorfbesäufnis ist damit gesichert.

Für mich stellt sich hier die Frage, ob die Kirche in dem Sinn nicht auch einen Bildungsauftrag hat. Eben als Raum, wo auch mal ein Streichquartett auftreten oder ein Liederabend stattfinden kann.

Die genannten Kulturzentren sind nämlich nicht immer weltanschaulich neutral. In der Regel gehen sie auf eher links orientierte Bevölkerungsgruppen zurück (das klassische Klischee des 68er-geprägten Oberstudienrates den es in die Provinz verschlagen hat) und sprechen die breitere Masse nicht an. Im Gegenzug sind die mehr in der Bevölkerung verwurzelten Angebote mehr auf die Heimat ausgerichtet.

Benutzeravatar
olds
Beiträge: 304
Registriert: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:43

Re: Kulturauftrag

Beitrag von olds » Dienstag 1. Mai 2018, 11:36

Innerhalb der Kunst und Kultur, wo wird bei dieser Frage denn die Grenze gezogen?

Geht es konsequent darum, dass Kirchenmusik nur innerhalb der Wortverkündigung und dem Gottesdienst stattfinden soll? Ist also das Konzert mit kirchenmusikalischen Werken am Sonntagabend schon ausgeschlossen?

Prinzipiell tendiere ich persönlich schon in eine Richtung, in der die Kirche ausschließlich für Kirchenmusik reserviert sein sollte. Nicht nur mir, auch einigen anderen kirchenmusikalisch Interessierten stößt es beispielsweise immer auf, dass im benachbarten Stadtteil (der zu unserer Pfarrei gehört), mit dem Konzert im Advent und besonders dem Benefizkonzert zum Erhalt der Kirche (wurde sehr aufwendig renoviert), ein Ort geschaffen wurde, in dem sich alle Musikschaffenden einbringen. Was dann dazu führt, dass auch eine BigBand nebst Sängerin auftritt, allerdings ohne ihren Vortrag dem sakralen Ort anzupassen. Artikuliert man nun Kritik heißt es, dass sich eben alle einbringen möchten, das zu honorieren sei und es ja "um die Kirche geht".

Bei der Thematik ist die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung für mich jedoch nicht ganz uninteressant. Für mich stellt sich hier die Frage, ob die Kirche in dem Sinn nicht auch einen Bildungsauftrag hat.

Als ursprüngliches Landei, das sich auch immer fleißig im Dorf engagiert hat, ist mir die kulturelle Situation vor Ort doch sehr bekannt. Hier ist es dann doch durchgehend so, dass die Kirchen oftmals der einzige Raum sind, in der Kultur tatsächlich stattfinden kann. Das beginnt mit dem doch klassischen Problem, dass ein Dorfgemeinschaftszentrum in der Regel als Mehrzweckhalle konzipiert ist und keinerlei taugliche Akustik hat.

Noch klassischer ist die Tatsache, dass die Dorfvereine durchweg profitorientiert sind. Eine Veranstaltung mit Musik ist hier gleichbedeutend mit Umsatz. Durch die Bank führt das zu dem Problem, dass fähige Nachwuchsmusiker, egal welcher Coleur, auf die wenigen Kulturzentren ausweichen und dort 20-30 Zuhörer "ertragen" müssen, während die Vereine sich auf publikumswirksame TOP40-Bands beschränken. Zumal diese ja eine gewisse Bandbreite an Geschmäckern abdecken und nicht zum allzu aufmerksamen Zuhören animieren. Das Dorfbesäufnis ist damit gesichert.

Die genannten Kulturzentren sind nämlich nicht immer weltanschaulich neutral. In der Regel gehen sie auf eher links orientierte Bevölkerungsgruppen zurück (das klassische Klischee des 68er-geprägten Oberstudienrates den es in die Provinz verschlagen hat) und sprechen die breitere Masse nicht an. Im Gegenzug sind die mehr in der Bevölkerung verwurzelten Angebote mehr auf die Heimat ausgerichtet.

Wo soll in so einem Rahmen z.B. ein Streichquartett auftreten? Jüngst gab es hier in der evangelischen Kirche ein Konzert eines Kosakenchores.
Die haben innerhalb ihrer Deutschlandtournee eine Auftrittsmöglichkeit gesucht, auf der Durchreise bot sich die Stadt hier als Nachtquartier an.
Die Pfarrerin ließ sich dann darauf ein unter dem Vorbehalt, dass auch russische Gesänge zum Advent und Weihnachten erklingen.

Die Bude war voll... . Die Kosaken leider nicht, die hatten sich etwas mehr erwartet.

kjz1
Beiträge: 101
Registriert: Sonntag 17. November 2013, 15:42

Re: Kulturauftrag

Beitrag von kjz1 » Mittwoch 2. Mai 2018, 09:31

Nun ja, unsere Kirche hat schon den Beinamen 'die Konzertkirche'. Weil sie wegen ihres stilvollen Ambientes gerne für Konzerte genutzt wird. Und die Akustik ist auch 'kathedralartig', was jedoch die Musikkritiker meist nicht erfreut, denn die wollen den 'knochentrockenen' Konzertsaal-Klang, wo man auch noch das Notenrascheln des 5. Geigers hinten links heraushört. Insbesondere ist die Kirche mittlerweile bei Niederländern beliebt, weil man dort gut und gerne singt und viele Chöre auch auf Konzertreise gehen. Auch der Rundfunk zeichnet hier mittlerweile recht regelmäßig ein Chorkonzert (in Bild und Ton) auf. Mittlerweile gibt es einen Mitarbeiter der Pfarrei, der sich um das 'Konzertmanagement' kümmert und zwei weitere Mitarbeiter, die dann die Konzertbetreuung am Abend übernehmen. Das ist also quasi schon 'institutionalisiert'. Allerdings natürlich nur klassische Musik und Gesang.

Andererseits: im Bistum wurden schon etliche Kirchen geschlossen und einige sogar abgerissen. Ein '2. Standbein' dient da quasi auch dem Erhalt der Kirche.

Nachthorn
Beiträge: 40
Registriert: Freitag 6. Februar 2015, 09:56

Re: Kulturauftrag

Beitrag von Nachthorn » Freitag 4. Mai 2018, 19:16

Religion und Kirche ist der Inbegriff von "Kultur". Die oben gestellt Frage erübrigt sich.
Die Kirche war in ihrer Geschichte immer der Ort der Kunst und Kultur, teilweise auch im Avantgarde-Bereich gefordert und gefördert hat. Für Gott ist nur das Beste gut genug. Das in Frage zu stellen bedeutet, unsere Religion im Kern anzuzweifeln.
Kultur ohne Religion / Kirche ist sicher möglich. Kirche / Religion ohne Kultur gibt es nicht.

Gruß, Nachthorn

Dorforganistin
Beiträge: 76
Registriert: Freitag 10. April 2015, 15:26
Wohnort: Wetterau, Hessen

Re: Kulturauftrag

Beitrag von Dorforganistin » Samstag 5. Mai 2018, 09:32

Dazu gab es neulich in der "Musik und Kirche" ganz interessante Beiträge.

Antworten