Orgelmusik/Kirchenmusik + Politik

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Orgelmusik/Kirchenmusik + Politik

Beitrag von Administrator » Montag 16. April 2018, 08:13

Guten Morgen,

wie ist Eure Meinung zur Verknüpfung von Musik und Politik?
Inwieweit hängen für Euch Musik und Politik zusammen? Wagt Ihr durch Euer Orgelspiel in der Kirche auch politisches Statement? Oder ist Orgelmusik als geistliche Musik strikt von weltlichen Themen getrennt?
Herzliche Grüße

Daniel
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kernbeißer
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Re: Orgelmusik/Kirchenmusik + Politik

Beitrag von kernbeißer » Montag 16. April 2018, 10:27

Sofern die Politik Musik vor Ihren "Karren" spannt und damit ihre Ziele oder Vorstellungen verwirklichen will, so ist dies in meinen Augen absolut verwerflich.

Man bedenke nur die Vereinnahmung der Orgel durch die Nationalsozialisten (Walcker-Orgel auf dem Reichsparteitagsgelände, Orgeln in HJ-Heimen ...)
oder die großartigen Leistungen der orgelbauenden VEB's in der DDR für die von ihr propagierte Kultur und der Niedergang vieler Orgeln in sakralen Räumen.

Politik als Förderin der Kultur im allgemeinen und im besonderen für die Orgel ist sicher richtig. Nehme man nur als Beispiel Musikunterricht in allgemeinbildenden Schulen, städtische Musikschulen, Hochschulen, Orchester, Orgeln in Konzertsälen. Das ist sicher eine sinnvolle Sache, da Musik als Teil der Kultur in dem Umfang wie sie sich derzeit darstellt sicher nicht ohne "Subventionen" überlebensfähig. Jedoch sollte die Politik keinen Einfluss auf die Art von Musik nehmen, die dargebracht wird.

Orgelmusik ist zwar teil der geistlichen Musik, aber sicher ist es zu kurz gegriffen, Orgelmusik nur als geistliche Musik zu verstehen. Es gibt ja auch Instrumente in säkularen Räumen und nicht jede Komposition für Orgel ist explizit Kirchenmusik. Also eine strikte Trennung ist da wohl nicht gegeben.

Da ich der Meinung bin, Kirche und Staat sollten strikt getrennt werden, hat die Musik in der Kirche wohl eher "verkünderischen" bzw. liturgischen Charakter. Die Kirchen können, wie andere religiöse Gemeinschaften oder Vereinigungen auch, ihre Meinung zu politischen Themen abgeben und sicher auch als Mahner und ethische Institution auftrteten. Aber dies ist immer deren Meinung und andere Meinungen dürfen dadurch nicht beeinträchtigt werden.

Dorforganistin
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Re: Orgelmusik/Kirchenmusik + Politik

Beitrag von Dorforganistin » Dienstag 17. April 2018, 18:00

Administrator hat geschrieben:
Montag 16. April 2018, 08:13
Wagt Ihr durch Euer Orgelspiel in der Kirche auch politisches Statement?
Wie darf ich mir das vorstellen? Dass man "Give peace a chance" spielt? Erklär doch mal bitte, was das sein könnte. Ich kann es mir gerade nicht so recht ausmalen.

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Re: Orgelmusik/Kirchenmusik + Politik

Beitrag von Administrator » Dienstag 17. April 2018, 19:31

Genau so meinte ich das. Die Liedauswahl. die Registrierung, usw.
Auch Konzertprogramme oder die Art von Vor-/Nachspiel haben ja eine Bedeutung. Macht Ihr Euch darüber Gedanken, ob das u.U. politisches Statement sein könnte? Z.B. in diesen politischen Krisen-Zeiten jedes mal "Give Peace a chance" als Vorspiel, nur immer etwas variiert ....
usw.

Auch Liedauswahl gemeinsam mit dem Pastor kann ja viel aussagen ....
Herzliche Grüße

Daniel
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Dorforganistin
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Re: Orgelmusik/Kirchenmusik + Politik

Beitrag von Dorforganistin » Donnerstag 19. April 2018, 08:50

Mein gottesdienstliches Orgelspiel hat keinen politischen Auftrag. Die Auswahl von Vor- und Nachspiel treffe ich anhand des Themas des Sonntags und der für den Gottesdienst ausgewählten Lieder.
Das einzige, was man politisch interpretieren könnte, wenn man es wollte, ist, dass ich Wert darauf lege, regelmäßig Musik von unbekannteren Komponisten und vor allem von Komponistinnen zu spielen. Aber das fällt auch nur denen auf, die meinen Infozettel lesen :wink:

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olds
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Re: Orgelmusik/Kirchenmusik + Politik

Beitrag von olds » Donnerstag 19. April 2018, 09:20

Aktuell sehe ich was die weltliche Politik betrifft keine Verbindung, aber auch keinen Gegensatz.

Allerdings ist mir über meinen Vater folgende Anekdote bekannt:

Nach dem 2. Vaticanum zogen mit dem neuen Pfarrer auch modernere Ansichten ins Pfarrhaus ein. Der neue Pfarrer (1965-1980 in der Pfarrei) lehnte die übliche Erinnerungskultur nebst Gestaltung des Volkstrauertages insbesondere das Lied "Ich hat einen Kameraden" ab.Das Lied betrauere zwar den Tod des Kameraden , würde sich allerdings auch nicht grundsätzlich vom Krieg als solchem distanzieren und für den Frieden werben.

Für die an sich konservative Dorfbevölkerung war trotz aller Ablehnung des Krieges und des Nationalsozialismus aber "Ich hat einen Kameraden" dennoch eine entscheidende Rolle im Erinnern. Ende der 1960er konnte man dem normalen deutschen Landwirt halt nicht mit "We shall overcome" oder "Blowin in the Wind" kommen. Oder mit Franz-Josef Degenhardt und Hannes Wader.

Als nun der Pfarrer am Volkstrauertag glühend gegen "Ich hat einen Kameraden" predigte, spielte der Organist ebenso glühend zum Auszug "Ich hat einen Kameraden". Daraufhin dreht der Pfarrer in der Sakristei die Sicherung für die Empore raus und schrie durch die Kirche, dass in seiner Amtszeit dieses Lied hier nicht erklingt. Der Organist hingegen brüllte von der Empore herunter, dass er sich die Erinnerung an seine Kameraden nicht nehmen lasse.

Kirchenpolitisch, also kirchenintern, sehe ich allerdings schon eher Probleme, da zeitgenössisches Liedgut und zeitgenössische Literatur nunmal nicht den Geschmack aller Gläubigen trifft. Gerade mit dem neuen Gotteslob zeigt sich doch gerne einmal, dass bestimmte Gläubige in den Gemeinden Lieder aus Trotz nicht mitsingen, nicht weil diese ihnen unbekannt sind, sondern weil sie nicht ihrer Vorstellung von Kirchenmusik entsprechen. Das merke ich besonders, da zwei solcher Exemplare nahe der Orgel sitzen.

Da insgesamt eher konservative Christen wieder auf dem Vormarsch sind, bzw. Priester wieder konservativere Ansichten pflegen, sehe ich auch für mich als Organist schon Konflikte anrollen.

Eine weltliche politische Frage bewegt mich persönlich allerdings schon:

Da wir aktuell wieder mehr auf die Nation schauen, habe ich schon mehrmals darüber nachgedacht, ob es langfristig nicht wieder zu einer "Orgelbewegung" kommen wird. Also zumindest zu einer Rückbesinnung auf barocke "deutsche" Orgelliteratur. Es würde mich nicht wundern.

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