Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

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Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

Beitrag von Administrator » Montag 12. März 2018, 09:07

In unserem heutigen Blog habe ich folgendes zur Einleitung geschrieben:

Es gibt Menschen, die behaupten, die traditionelle Kirchenmusik sei an ihrem Ende angekommen. Sei hinfällig. Nicht mehr zeitgemäß. Spreche die Menschen nicht mehr an.
Ist das so?

Gestern erlebten wir mit der ganzen Familie die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach in der Celler Stadtkirche. Die Kinderkantorei, die Jugendkantorei und ein anderer Jugendchor - auch meine vier Kinder waren dabei - sangen in zwei Stücken mit. Ein eindrucksvolles Erlebnis.
Ich weiß nun nicht, wie es der Mehrzahl der Kinder ging. Aber meine eigenen Kinder waren von der Musik, dem Text (auch wenn manche Worte erst von mir erklärt werden mussten) fasziniert. Der Evangelist erzählte die ganze Geschiche so deutlich, die Musik umrahmte das Geschehen ganz markant. Nur die Arien waren für die Kinder arg lang ("warum müssen die das immer nochmal wiederholen?").

Wer behauptet, traditionelle Kirchenmusik sei nicht mehr zeitgemäß, hat wohl nur nicht geschafft, Zuhörer - allen voran Kinder - dafür zu begeistern. Ihnen - wie in diesem Fall - die Leidensgeschichte zu verdeutlichen. Aber es ist nicht nur die Vermittlung vom Kirchenmusiker. Unsere Kinder kennen aus ihrem Elternhaus die Geschichten der Bibel. Sie wissen, wer Jesus war. Sie wissen, was sein Leben und Tod für uns bedeutet. Und wenn sie diese Grundlagen kennen, dann wird Kirchenusik spannend.

Ich wage mal die These, dass nicht die traditionelle Kirchenmusik hinfällig sei. Sondern dass die Erziehung, die viele Kinder in ihrem Elternhaus nicht erleben, ein Problem für all unser kulturelles und gesellschaftliches Erbe ist. Wenn wir also zukünftig wieder traditionelle und zeitgenössische Kirchenmusik "rüberbringen" wollen, bedarf es auch einer Aufklärung der Eltern und Großeltern und einem Widerstand gegen den Zeitgeist und die Banalität unserer Gesellschaft.

Was meint Ihr dazu?
Herzliche Grüße

Daniel
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kernspalter
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Re: Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

Beitrag von kernspalter » Montag 12. März 2018, 11:20

Genauso isses.
Mit kernspalterischen Grüßen

malle235
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Re: Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

Beitrag von malle235 » Montag 12. März 2018, 12:31

Ich denke es hängt auch sehr von der Qualität ab

Wenn der Hilfsorganist zu Weihnachten " O du fröhliche" nur mit Gedackt 8' begleitet aus Angst sich laut zu verspielen, dann kann man damit kaum jemand für Kirchenmusik begeistern

Wer aber mal in Notre-Dame in Paris den Auszug der Messe gehört hat, oft Tutti und dissonante Akkorde - einigen gefällts sicherlich nicht, aber es bleiben auch viele Leute stehen und filmen das und Applaudieren am Ende - diese Musik hat irgendwie eine spirituelle Wirkung - weil der normale Tourist sowas noch nie gehört hat (z.B: im Radio) - und es somit eine völlig neue Erfahrung ist

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olds
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Re: Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

Beitrag von olds » Dienstag 13. März 2018, 14:24

Dabei möchte ich aber noch einen Schritt weiter gehen.Das Argument mit dem 8' trifft es natürlich. Kirchenmusik wird in meinen Augen sehr oft ohne einen Gedanken darüber gepflegt, welche Wirkung das musikalische Tun denn nun hat.

Mal völlig abgesehen von Bibel und religiöser Erziehung und Orientierung. Kirchenmusik muss sich für den Zuhörer offen zeigen und zwar offen in dem Sinn, dass sie sich nicht als abgetrennte Welt für sich zeigt.

Ich bin wahrlich kein Freund von rein poppigen Gottesdiensten, aber ich stelle mir schon lange die Frage, warum Kirchenmusik steif sein muss.
Stichworte hierzu:

Warum können viele Kantoren, Kirchenchöre und Organisten ihre Freude am Tun nicht nach außen leben? Selbst zu freudigen Anlässen zeigt man sich tot ernst, weil, man macht ja Kirchenmusik... .

Dazu gehört für mich auch, dass man sich einfach nicht mal was traut. Ein kontrapunktisches Vorspiel in drei Stimmen nach allen Regeln der Kunst beeindruckt die drei Kenner unten im Kirchenschiff. Der Rest nimmt es wahlweise hin oder findet es langweilig. Wenn es sich aus dem Charakter des Liedes ergibt, warum nicht modern intonieren? Muss ein Kirchenmusiker noch Jahre nach seinem Examen noch so spielen, wie es die Standesgenossen und Prüfer von damals erwarten?

Natürlich kann man das von einem diensterfahrenen Herrn oder einer diensterfahrenen Dame nicht erwarten (diensterfahren im Sinne von schon etwas älter), aber muss ein Kirchenmusiker immer ein ernsthafter Mensch in Schlips und Kragen sein? Natürlich sollte man nicht im Hawaiihemd die Empore erklimmen, aber ich kenne dann doch einige Musiker, die nicht wirklich den Anschein erwecken, dass sie in der gleichen Welt wie ihre Zuhörer leben.

Allgemein stehen wir da aber an einem Scheideweg. Nicht nur was die Musik betrifft. Einer der Priester in meinem Umfeld beschäftigt sich als Gymnasiallehrer, Jugend- und Studentenpfarrer und Dozent sehr mit der Religiosität junger Menschen. Diese ist durchaus stark vorhanden, wandert aber zu den katholischen Pfarreien, wo man mit aller Ernsthaftigkeit des Tuns eine gewisse Lockerheit an den Tag legt oder aber sie gehen direkt zu freikirchlichen Gruppen, denn die (Zitat eines Freundes von mir, engagierter Ehrenamtler in meiner Hauptorgelpfarrei) "mieten sich einen Kabuff, stellen zwei Sofas rein und singen zu einer Gitarre. Die brauchen den ganzen Proporz nicht."

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olds
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Re: Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

Beitrag von olds » Mittwoch 11. April 2018, 09:20

Ich rackere mich gerade durch das Jazz-Stück, dass die bereits erwähnte "Fee" zugeschickt hat.

Der Liedtext ist in seiner ursprünglichen Intention (Hochzeit) hochgradiger Kitsch, von kundiger Hand umbearbeitet und als Begleitung zum ersten Kommuniongang aber theologisch prägnant.

Es muss also nicht wirklich immer die Arie aus einer Bachkantate sein.

Ich bin wirklich am überlegen, ob ich mein Nord 3 mitschleppe und das mit Fender Rhodes E-Piano begleite. Mit etwas Choruseffekt sollte das in der Kirche richtig wirken.

(https://www.youtube.com/watch?v=RD1nBPRZc-I )

Nachthorn
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Re: Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

Beitrag von Nachthorn » Donnerstag 12. April 2018, 12:52

"Ich rackere mich gerade durch das Jazz-Stück, dass die bereits erwähnte "Fee" zugeschickt hat."

Welches Stück? Welche Fee?

Gruß, Nachthorn

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olds
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Re: Kirchenmusik ist nicht mehr zeitgemäß?

Beitrag von olds » Freitag 13. April 2018, 07:40


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