C.C., ein Phänomen eigener Art

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Clemens Schäfer
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C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von Clemens Schäfer » Donnerstag 14. Dezember 2017, 14:12

Hallo Forum,

zunächst zu den Äußerlichkeiten: Das Podium der Tonhalle war in Dunkel gehüllt. Rot und blau schimmerten die Lautsprecher mit ihren eigenen Leuchtstreifen. Im Hintergrund die Saalorgel dezent rot angestrahlt. Die aber kam nicht zum Einsatz; dazu ist die Klaisine auch zu schwach. Cameron Carpenter erschien vor der Pause in beiger Hose mit schwarz glänzendem Sakko, nach der Pause - ein kurzer Schreck - wie es zunächst schien in einer Art Nato-Anzug (Tarnmuster), bei näherem Hinsehen war es wohl eher ein Seidenanzug, schwarzgrundig mit florealem, asiatischem Muster in Braun und Grün. Ansonsten machte Carpenter keinerlei Show um sich, ja verhielt sich fast scheu und bescheiden. Der Spieltisch war so aufgestellt, daß Carpenter mit dem Rücken zum Publikum saß. So war insbesondere die Beinarbeit bestens zu beobachten, auch die Griffe in die Registerleisten etc.

Das Programm bot vor der Pause Orgelmusik, original und in Bearbeitung, nach der Pause orchestrales und Potpourris/Improvisationen weihnachtlicher Art.

Es ist schon mutig, mit BWV 608, in dulci jubilo, anzufangen. Das Publikum war noch keineswegs ruhig, als das zarte und leise Stück begann. Aber schnell wurde klar, daß sich da außerordentliches ereignet. Und so war andächtige Stille, als das Werk beendet war. Cameron stürzte sich nun in die Welt vor der Ankunft des Herrn (Dupré, op. 23, 1. Satz). Ein erster Blick in die Virtuosenküche. Recht mechanistisch und klanglich ziemlich trocken. Dann Daquin, Livre de Noëls op. 2 XII. Hier spielte mit echt alten französischen Barockfarben und ließ mittels Stereo-Effekten auch eine Art Werkcharakter der Orgel entstehen. Perfekt gemacht.

Das einzige Stück dieses Abends, das er aus Noten spielte, war dann Weihnachten, III. aus op. 145 von Reger. Er traf Regers Tonsprache genau, die Orgel bot alle notwendigen Farben. Herrlich.

In doppelter Bearbeitung und so fast eine Zirkusnummer war dann BWV 734, Nun freut euch, lieben Christen g’mein, zu hören. Das Stück hatte zuerst Busoni (für Klavier?), dann Carpenter zurück für die Orgel arrangiert. Ein Feuerwerk. Johlen und Pfeifen.

Von großer Dichte und ausgetüftelt bis in die letzte Phrase, was mitunter maniristisch wirkte, war BWV 532, Praeludium und Fuge D-Dur. Das war wirklich ernsthafte Beschäftigung mit der Materie und wurde auch mit großem Beifall bedacht. Und dann setzte Carpenter mit Messiaen, Dieux parmi nous aus Nativité, noch eins drauf. Es gelang ihm ohne Probleme, das Publikum mitzunehmen. Sein Instrument bestand auch diesen Test bravurös. Pause.

Im zweiten Teil wurde dann zwar weniger musikalische Substanz geboten, kurzweilig und technisch spektakulär war es allemal. Das gilt sowohl für die stupende Spieltechnik des Künstlers als auch für die tausendfachen Möglichkeiten des Instruments. Los ging es mit einem eigenen Arrangement des Blumenwalzers (Tschaikowsky). Wunderbar gleich die Harfenglissadi!. Weiters gab es A Chrismas Festival (Leroy Anderson) in Carpenters Bearbeitung. Dann ein von ihm zusammengestelltes Potpourri über Have yourself a merry little Chrismas, I’ll be home for Chrismas und We need a little Chrismas. Schließlich noch eine dreiteilige Improvisation über deutsche Weihnachtslieder, in der eine fugierte Halle des Bergkönigs auftauchte. Das alles mit höchster Rafinesse und dabei sehr geschmackvoll gemacht: Nirgends sentimentaler Kitsch.

Riesiger Beifall, etwa 800 Besucher - die Halle also nur im Parkett verkauft und auch da mit Lücken. Zwei Zugaben: Die erste Bach, vermutlich aus dem WT, Linke Hand mit den Füßen gespielt. Die zweite eine (irr-)witzige Improvisation über O Tannenbaum.

Gerne zähle ich mich zu denjenigen, die Cameron Carpenter für einen ernsthaften Künstler von großem musikantischem und intelektuellem Format halten. Spieltechnisch ist er Extraklasse.

Gruß Clemens Schäfer

Ippenstein
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von Ippenstein » Donnerstag 11. Januar 2018, 07:06

Carpenter hat auch viele tolle Aufnahmen. Der spielt mMn bei den ganz Großen mit.

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olds
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von olds » Freitag 23. März 2018, 08:53

Clemens Schäfer hat geschrieben:
Donnerstag 14. Dezember 2017, 14:12
[...]
Das alles mit höchster Rafinesse und dabei sehr geschmackvoll gemacht: Nirgends sentimentaler Kitsch.

Riesiger Beifall, etwa 800 Besucher - die Halle also nur im Parkett verkauft und auch da mit Lücken. Zwei Zugaben: Die erste Bach, vermutlich aus dem WT, Linke Hand mit den Füßen gespielt. Die zweite eine (irr-)witzige Improvisation über O Tannenbaum.

Gerne zähle ich mich zu denjenigen, die Cameron Carpenter für einen ernsthaften Künstler von großem musikantischem und intelektuellem Format halten. Spieltechnisch ist er Extraklasse.

Gruß Clemens Schäfer
Ich habe mich mit dem Herrn noch nicht sonderlich beschäftigt, kann aber die Ressentiments gegen ihn aus einer Abwehrhaltung heraus verstehen.

Er geht halt etwas andere Wege, vor allem entkoppelt er sich von dem Proporz, der um Orgeln herum gemacht wird. Was nicht abwertend verstanden werden soll!

Carpenter nimmt in meinen Augen dem kundigen Hörer und Kritiker aber nun mal Wind aus den Segeln, indem er sein Instrument mitbringt. Die Frage, wie er nun welches Werk wie auf dem Instrument darstellt, entfällt. Er spielt einfach. Worüber soll der kundige Zuhörer aber nun diskutieren?
Für mich ist das wie Essen gehen. Da wird erlesene Kochkunst serviert und die "Fachleute" in der Tischgesellschaft diskutieren über das Ambiente und ob die Kerzen auf dem Tisch stilistisch passen.

Betreffend dem Intelektuellem Format. Es ist und bleibt eine intellektuelle Leistung auch andere Wege zu gehen. Nehmen wir das Beispiel der damaligen deutschen Gruppe CAN. Drei studierte Musiker, darunter ein damals aufstrebendes Talent, kommen nach viel Nachdenken zu dem Schluss Musik jetzt mal ganz anders zu denken (zu müssen).

Heraus gekommen ist für die Ohren der meisten Leute "Krach", dieser basiert aber auf intelektuellem Format.

Legendär die Aufforderung Jaki Liebezeits (Erfinder des hochvirtuosen repetitiven Schlagzeugspiels. "Er spielt wie eine Maschine. Nur viel besser.") an Holger Czukay, doch mal nachzudenken und aufzuhören immer zwei Töne zu spielen. Er solle endlich den einen richtigen finden.

Natürlich: Für die meisten Leute ist und bleibt es Krach. Da haben aber Leute nachgedacht, die Stimmung der Zeit erfasst und entsprechend einen neuen musikalischen Weg gefunden.

kernspalter
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von kernspalter » Freitag 23. März 2018, 22:48

olds hat geschrieben:
Freitag 23. März 2018, 08:53
Ich habe mich mit dem Herrn noch nicht sonderlich beschäftigt, kann aber die Ressentiments gegen ihn aus einer Abwehrhaltung heraus verstehen.
Ich habe bisher noch keine Kollegen kennengelernt, die Ressentiments gegen den Herrn hegen.

Ich kenne einige, die beim ersten Anhören überwältigt waren (es kommt sicher darauf an, was man beim ersten Mal hört).
Den Effekt, daß die Begeisterung abnimmt, je mehr man kennt, habe ich auch schon öfter festgestellt. Auch bei mir selber.

Über Virtuosität und Unterhaltungswert dürften die Auffassungen kaum auseinandergehen. Ich finde manches genial, manches albern. Da liegen die Geschmacksgrenzen bei jedem etwas anders. Und das ist auch gut so.
Mit kernspalterischen Grüßen

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olds
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von olds » Samstag 24. März 2018, 09:02

Das meinte ich ja. Kollegen haben zu einem Künstler einen anderen Zugang als das Publikum. Und - um ehrlich zu sein - welcher Organist würde sich nicht manchmals wünschen, sich auf Konzertreisen nicht immer auf neue Instrumente einstellen zu müssen?

Aber im Kreise der Zuhörer gibt es immer genug Menschen, denen das reine Konzerterlebnis nicht reicht, präziser ausgedrückt: Für die kleinteilige Diskussionen über dieses und jenes zu einem Konzert dazugehören. Carpenter bietet mit seinen doch eher glatten Vorträgen da wenig Diskussionsstoff.
Er kommt mit dem, was er ausdrücken möchte auf den Punkt. Das gelingt ihm natürlich nur durch seine Virtuosität.

kernspalter
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von kernspalter » Samstag 24. März 2018, 09:53

olds hat geschrieben:
Samstag 24. März 2018, 09:02
Das meinte ich ja.
Warum sprichst Du dann von "Ressentiments"?
Mit kernspalterischen Grüßen

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olds
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von olds » Sonntag 25. März 2018, 06:36

Wenn ich den Kreis derer, die etwas mit Orgel zu tun haben oder sich für Orgel interessieren in Kantoren und Organisten auf der einen sowie die "interessierte Öffentlichkeit" auf der anderen Seite aufteile, habe ich schon das Gefühl, dass auf Seiten dieser "interessierten Öffentlichkeit" mit einem gewissen Abstand auf Carpenter reagiert wird.

Die Frage "Na, und wie hälst Du es als Organist mit Carpenter?" begegnete mir schon öfters und kann durchaus abschätzig verstanden werden.

kernspalter
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von kernspalter » Sonntag 25. März 2018, 08:08

olds hat geschrieben:
Sonntag 25. März 2018, 06:36
... habe ich schon das Gefühl, dass auf Seiten dieser "interessierten Öffentlichkeit" mit einem gewissen Abstand auf Carpenter reagiert wird.
Und wie kommst Du in diesem Zusammenhang auf den Begriff "Ressentiment"?

https://de.wikipedia.org/wiki/Ressentiment
Mit kernspalterischen Grüßen

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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von olds » Sonntag 25. März 2018, 21:17

Fremdwort falsch benutzt?

Ronald Henrici
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Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von Ronald Henrici » Montag 26. März 2018, 21:28

das falsch benutzte Fremdwort tut dem keinen Abbruch, was der Forumteilnehmer meint. Carpenter versteht sein Handwerk eben und bringt es beim Publikum mit einer gezielten Sozial - Werbe - Psychologie ans Hörerpublikum.
Warum machen es nicht gestandene Konzertorganisten an den vielen guten und großen Orgeln auch so, um das Publikum zur Konzerbesuch zu begeistern ?!?!
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

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