C.C., ein Phänomen eigener Art

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Antworten
Clemens Schäfer
Beiträge: 179
Registriert: Samstag 16. November 2013, 19:31
Wohnort: Düsseldorf

C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von Clemens Schäfer » Donnerstag 14. Dezember 2017, 14:12

Hallo Forum,

zunächst zu den Äußerlichkeiten: Das Podium der Tonhalle war in Dunkel gehüllt. Rot und blau schimmerten die Lautsprecher mit ihren eigenen Leuchtstreifen. Im Hintergrund die Saalorgel dezent rot angestrahlt. Die aber kam nicht zum Einsatz; dazu ist die Klaisine auch zu schwach. Cameron Carpenter erschien vor der Pause in beiger Hose mit schwarz glänzendem Sakko, nach der Pause - ein kurzer Schreck - wie es zunächst schien in einer Art Nato-Anzug (Tarnmuster), bei näherem Hinsehen war es wohl eher ein Seidenanzug, schwarzgrundig mit florealem, asiatischem Muster in Braun und Grün. Ansonsten machte Carpenter keinerlei Show um sich, ja verhielt sich fast scheu und bescheiden. Der Spieltisch war so aufgestellt, daß Carpenter mit dem Rücken zum Publikum saß. So war insbesondere die Beinarbeit bestens zu beobachten, auch die Griffe in die Registerleisten etc.

Das Programm bot vor der Pause Orgelmusik, original und in Bearbeitung, nach der Pause orchestrales und Potpourris/Improvisationen weihnachtlicher Art.

Es ist schon mutig, mit BWV 608, in dulci jubilo, anzufangen. Das Publikum war noch keineswegs ruhig, als das zarte und leise Stück begann. Aber schnell wurde klar, daß sich da außerordentliches ereignet. Und so war andächtige Stille, als das Werk beendet war. Cameron stürzte sich nun in die Welt vor der Ankunft des Herrn (Dupré, op. 23, 1. Satz). Ein erster Blick in die Virtuosenküche. Recht mechanistisch und klanglich ziemlich trocken. Dann Daquin, Livre de Noëls op. 2 XII. Hier spielte mit echt alten französischen Barockfarben und ließ mittels Stereo-Effekten auch eine Art Werkcharakter der Orgel entstehen. Perfekt gemacht.

Das einzige Stück dieses Abends, das er aus Noten spielte, war dann Weihnachten, III. aus op. 145 von Reger. Er traf Regers Tonsprache genau, die Orgel bot alle notwendigen Farben. Herrlich.

In doppelter Bearbeitung und so fast eine Zirkusnummer war dann BWV 734, Nun freut euch, lieben Christen g’mein, zu hören. Das Stück hatte zuerst Busoni (für Klavier?), dann Carpenter zurück für die Orgel arrangiert. Ein Feuerwerk. Johlen und Pfeifen.

Von großer Dichte und ausgetüftelt bis in die letzte Phrase, was mitunter maniristisch wirkte, war BWV 532, Praeludium und Fuge D-Dur. Das war wirklich ernsthafte Beschäftigung mit der Materie und wurde auch mit großem Beifall bedacht. Und dann setzte Carpenter mit Messiaen, Dieux parmi nous aus Nativité, noch eins drauf. Es gelang ihm ohne Probleme, das Publikum mitzunehmen. Sein Instrument bestand auch diesen Test bravurös. Pause.

Im zweiten Teil wurde dann zwar weniger musikalische Substanz geboten, kurzweilig und technisch spektakulär war es allemal. Das gilt sowohl für die stupende Spieltechnik des Künstlers als auch für die tausendfachen Möglichkeiten des Instruments. Los ging es mit einem eigenen Arrangement des Blumenwalzers (Tschaikowsky). Wunderbar gleich die Harfenglissadi!. Weiters gab es A Chrismas Festival (Leroy Anderson) in Carpenters Bearbeitung. Dann ein von ihm zusammengestelltes Potpourri über Have yourself a merry little Chrismas, I’ll be home for Chrismas und We need a little Chrismas. Schließlich noch eine dreiteilige Improvisation über deutsche Weihnachtslieder, in der eine fugierte Halle des Bergkönigs auftauchte. Das alles mit höchster Rafinesse und dabei sehr geschmackvoll gemacht: Nirgends sentimentaler Kitsch.

Riesiger Beifall, etwa 800 Besucher - die Halle also nur im Parkett verkauft und auch da mit Lücken. Zwei Zugaben: Die erste Bach, vermutlich aus dem WT, Linke Hand mit den Füßen gespielt. Die zweite eine (irr-)witzige Improvisation über O Tannenbaum.

Gerne zähle ich mich zu denjenigen, die Cameron Carpenter für einen ernsthaften Künstler von großem musikantischem und intelektuellem Format halten. Spieltechnisch ist er Extraklasse.

Gruß Clemens Schäfer

Ippenstein
Beiträge: 487
Registriert: Montag 3. August 2009, 15:23

Re: C.C., ein Phänomen eigener Art

Beitrag von Ippenstein » Donnerstag 11. Januar 2018, 07:06

Carpenter hat auch viele tolle Aufnahmen. Der spielt mMn bei den ganz Großen mit.

Antworten