Gianluca Libertucci in St. Antonius, D-Oberkassel

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Clemens Schäfer
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Gianluca Libertucci in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von Clemens Schäfer » Montag 28. August 2017, 12:50

Hallo Forum,

Gianluca Libertucci, geb. 1967 in Rom, ist Organist der Päpstlichen Basilika St. Peter in Rom. Er wirkt ferner als Organist der Kapelle der Hll. Martin und Sebastian der Schweizer Garde, als Organist der Päpstlichen Generalaudienzen und als Titularorganist an Santa Maria dell’Orto in Trastevere. Am 27.08.2017 spielte vor deutlich über 200 Hörern in St. Antonius, Düsseldorf-Oberkassel.

Libertucci hatte Bach, Böhm, Petrali, Guilmant, Fletcher, Respighi, Bossi und Franck im Gepäck. Daß das kein leichtfüßiger Spaziergang werden würde sondern eine anspruchsvolle Wanderung, machte er gleich mit der Bach-Auswahl deutlich: es gab BWV 538 (dorische). Die Kirche ist groß. Und sie ist hallig. Dort Polyphonie zu bespielen ist also mit der Gefahr des Verschwimmens verbunden. Aber Libertucci hat Erfahrung mit solchen Räumen. Und er löste dieses Problem spielend über die Registrierung und den partiellen Einsatz der Chororgel. So entstand eine packende Wiedergabe mit Schwung und Drive, bei der fast alles bestens durchhörbar blieb. Chapeau!

Eine imitierte Streicherbegleitung und eine aparte Solostimme, das waren Böhms Zutaten für „Vater unser im Himmelreich“. Libertucci konnte sich hier im Registerfundus bedienen. Geschmackvoll und fast ein wenig romantisch. Schöner Gegensatz zum viel strengeren Bach.

Mit Vincenco Petrali (1830-1889) gab es danach einen Komponisten der Klasse Léfebure-Wély. Volkstümlich war die Musik zum Offertorium. Libertucci überzog aber nicht.

Ganz herrlich wurde dann Guilmants Prière (op. 16, Nr. 2): Die vox humana aus dem geschlossenen Schwellwerk ganz zart, ja brüchig über Akkordbrechungen, die an jene Begleitung erinnern, die Bach zu einem Ave Maria von Gounod geschrieben hat. Am Ende (jetzt Spiel auf drei Manualen gleichzeitig) eine festere Melodiestimme. Da mußte man durchatmen. Kein Kitsch!!!

Effektvoll danach die Festival Toccata von Perey E. Fletcher (1879-1932). Hier konnte Libertucci ein wenig aufdrehen. Lärm gab es freilich nie.

Sehr bemerkenswert danach eine Elevazione von Respighi; wie ich hinterher erfuhr, aus dem Manuskript gespielt - das Stück ist noch nicht verlegt. Schöne, an den Impressionismus gemahnende Klänge. Ein weiterer Italiener mit Orgelnähe war Bossi. Dessen Pièce héroique von 1906 (damals noch Pièce symphonique, 1907 umbenannt) war von großer Klangmacht. Irgendwann bricht es ab und dann setzt nach der Generalpause eine umwerfende Coda ein.

Am Ende Francks Final op. 21. Gewiß nicht Francks bestes Stück. Und wenn man es in kleinen Räumen mit bracchialer Gewalt hört, wirkt es schon etwas platt. Hier aber konnte sich das große Pedalsolo am Anfang entfalten. Die Kirche ist groß, der Hall gnädig. So zog denn das Tongemälde mit Macht vorbei.

Der Nachhall wurde abgewartet, dann gab es riesigen Beifall. Libertucci, der bescheiden, fast scheu, auftrat, bedankte sich mit einer Zugabe: Erst kam ein Rezitativ, dann eine Art Arie. Opernparaphrase? In stilo italiano? Aber nein! So etwas spielte man seinerzeit zur Wandlung. Und entsprechend hieß das Stück auch Elevazione! Komponist war Davide da Bergamo (1791-1863).

Ein sehr schönes Konzert.

Gruß Clemens Schäfer

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