Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

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dieterich
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Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

Beitrag von dieterich » Mittwoch 23. August 2017, 16:01

Hello!
Es kommt ja nun in Mode, im Winter Gottesdienste außerhalb der Kirche stattfinden zu lassen, da deren Heizkosten unbezahlbar erscheinen und die Gemeinden ohnehin schrumpfen.
Wenn dafür nur ein ohnehin schlecht reguliertes und sich jeden Tag mehr verstimmendes Piano steht (und die Möglichkeit fehlt, ständig nachzustimmen):
Wer entscheidet in den deutschen ev. Landeskirchen, ob der hauptamtliche Kirchenmusiker ein verstimmtes Piano benutzen kann oder gar muss, gar für ein "schönes" solo Vor- und Nachspiel?!
(Digitalpianos sind zwar gestimmt, haben aber andere große Nachteile.)
M. E. wäre es skandalös, dies vom Profikantor zu verlangen! Ausweg wäre, mit der kleinen Gemeinde zusammen die gesamte Kirchenmusik nur a capella zu bestreiten oder eine gute Digitalorgel zu verlangen!
Wenn die betr. Landeskirche dem hauptamtlichen Kantor Verantwortung und Gestaltungsfreiheit gibt, müsste doch der Kantor darüber entscheiden können!
Der häufige Spruch "Die zu schlechte Qualität einer Orgel oder die Verstimmung eines Pianos hört doch außer Profimusikern keiner" ist falsch!
Meiner Erfahrung nach reagiert die laienhafte Gemeinde (unbewusst) sehr sensibel auf die Qualität von Orgel oder Piano und auch auf Pianoverstimmungen.
Und es genügen nach meiner Erfahrung einzelne Gottesdienstbesucher, die verbreiten, der arme, doch eigentlich tüchtige Kantor müsse leider auf einer schlechten Orgel/verstimmten Piano auftreten, damit dann viele Mitleid mit dem Kantor haben. Skandalös!
Und gleichzeitig sind alle Menschen immer mehr von der Perfektion von Musik über Multimedia (unbewusst) geprägt und ihre Ansprüche an Musik(er) wachsen (unbewusst) immer mehr - z. B. hören wir über YouTube die besten Pfeifenorgeln, beste Konzertflügel, optimal präpariert:
Soll die Kirche zukünftig werben mit: "Wenn Ihr mal eine schlechte Orgel/ein schlechtes, verstimmtes Piano hören wollt, dann geht in den Gottesdienst"?!
Wie sind da Eure Erfahrungen, Einschätzungen, Tipps? Vielen Dank dieter

Dorforganistin
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Re: Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

Beitrag von Dorforganistin » Mittwoch 23. August 2017, 20:03

Ich bin zwar nur Nebenamtlerin, aber wenn ich meinem Kirchenvorstand (der bei uns in erster Instanz über das Geld wacht) sage, dass wir neben der turnusmäßigen Stimmung zusätzlich Geld für die Orgel ausgeben müssen, dann gibt es da keinerlei Probleme, wenn ich das so erkläre, dass jeder versteht, warum es nötig ist.

Auch eine Stimmung des Klaviers im Gemeindehaus lässt sich einfach arrangieren.

Und wenn wir einen Gottesdienst im Freien feiern oder an einem anderen "instrumentenlosen" Ort, begleite ich die Gemeinde meist mit dem Akkordeon, oder manchmal auch mit der Gitarre, je nach Liedauswahl.

Bisher kam auch noch niemand auf die Idee, die Wintergottesdienste ins Gemeindehaus zu verlegen, auch wenn wir manchmal gerade mal ein Dutzend Leute sind.

Ronald Henrici
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Re: Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 26. Oktober 2017, 21:37

Bei meiner "Wandertätigkeit" als Organist habe ich schon erlebt, daß die Wintergottesdienste ins Gemeindehaus verlegt wurden, auch weil im Kirchenraum die Orgel vestimmt war und es der Gemeinde peinlich war, dem extra zu ihr gewanderen Organisten ein Instrument zu bieten, was nicht so ganz in Ordnung war.
Aber die Gemeinden sind schon wieder davon abgekommen, ins Gemeindehaus zu gehen, weil auch viele Gemeindeglieder nicht ihre Kirche vermissen wollten, selbst wenn diese nur 12 bis 14 Grad Celsius aufwies. Die Gemeindeglieder kamen dann eben im dicken Mantel, und die Orgel wurde eben bei 14 Grad Kirchentemperatur mit Beginn der kalten Jahreszeit gestimmt. (In katholischen denkmalgeschützten Kirchen mit Holzaltären und Holzschnitzereien ist letzters ohnehin gegeben, weil diese Kirchenräume nicht beheizt werden sollen. Bei der Nikolaikirche in Kalkar am Niederrhein ist dies sogar nachdrücklich von dem Rheinischen Denkmalpflegeamt vorgeschrieben worden.)
Im Übrigen stelle ich immer wieder fest, daß selbst Gemeinden, die keinen haupt- oder nebenamtlichen ständigen Organisten haben, stolz darauf sind, ihre Instrumente in stimmlicher Ordnung zu halten. Denn ich werde oft gefragt, ob das Instrument in Ordnung ist. Und es nimmt mir niemand übel aus der Mitarbeiterschaft in der Gemeinde oder dem Gemeinderat, wenn ich auf Misslichkeiten hinweise. Beim nächsten Besuch waren evtl. Misslichkeiten abgestellt.
Insofern ist es ganz richtig, wenn der hauptamtliche Kirchenmusiker in seiner Gemeinde nachhaltig anmahnt, was an den Instrumenten nicht in Ordnung ist, außerdem wird ihm in den meisten Gemeinden die Verantwortung für die Instrumente übertragen, weil Kirchenmusiker/-in. schließlich fachlich kompetent ist und mit sachlichen Begründungen aufwarten kann.
Mir ist sehr wohl bewußt, daß es aus finanziellen Überlegungen in manchen Gemeinden gerade in Punkto Instrumente Probleme gibt, deshalb geht von mir her auch an einzelne Pfarrgemeinderatsmitglieder immer wieder der Apell, Wartungsarbeiten nicht schleifen zu lassen. Denn die Vernachlässigungen führen immer wieder später zu erheblich höheren finanziellen Belastungen.
Frühzeitig Mängel zu beseitigen, ist immer vorteilhaft, auch wenn es nur um "Verstimmungsmängel" geht.
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

Vargonautas
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Re: Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

Beitrag von Vargonautas » Sonntag 5. November 2017, 17:07

Moin zusammen,
Leider habe ich als Orgelbauer bisher feststellen müssen, dass die meisten Gemeindemitglieder,
Zuhörer nicht auf verstimmte Instrumente reagieren, zumindest nicht bewusst:
-Verstimmter Flügel, Kindertotenlieder von Brahms, Profisänger. Der letzte Ton in einem Stück, auf dem Flügel gespielt, war gut verstimmt und hatte damit schon fast etwas ironisches. Ist aber nur mir aufgefallen.
-Verstimmte kleine Orgel, ich habe einen Gottesdienst begleitet (miserabelst improvisiert...) Die Gottesdienstbesucher fanden mein Spiel schön...!
Als ich dem Pfarrer sagte, ich könne doch die Orgel stimmen, meinte er, für den Gottesdienst wäre sie doch gut...
-Konzert: Zungen an der Orgel verstimmt, Mixtur einige Töne arg daneben. Fiel nur mir auf, alle anderen fanden, das die Orgel "majestätisch" klingt.
-Orgelsachverständiger an der Orgel. Ihm fällt nicht auf, das sich in der kleinen Oktave des Registers Rohrflöte drei schlanke Prinzipale befinden...
War allerdings in Litauen, nicht in Deutschland.

Gruß, Vargonautas

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Re: Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

Beitrag von Dorforganistin » Montag 6. November 2017, 08:30

Ich halte es nicht für die Aufgabe der Gemeindemitglieder, derlei "Misstöne" zu hören.
Schaut doch einfach mal in eine typische Gehörbildungsklasse, in der Anfänger sitzen - wohl gemerkt, Anfänger im Bereich Gehörbildung, nicht, was ihr Instrument angeht. Das ist ein aktiver Lernprozess, der sinnvollerweise immer Teil des Unterrichts sein sollte und nicht erst begonnen, wenn die erste Prüfung naht. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Herausforderung scheint mir eher zu sein, als Profi (oder Semiprofi), der Misstöne hören kann, denjenigen mit dem Geld oder der Entscheidungsgewalt über das Geld, klar zu machen, dass da etwas gemacht werden sollte, weil es mittel- und langfristig sonst noch mehr kostet.

Ich habe wie schon geschrieben in meiner Gemeinde keinerlei Probleme, aber ich höre regelmäßig gerade von nebenamtlichen Kolleginnen und Kollegen, dass sie da kämpfen müssen. Interessanterweise gehört es aber zumindest in meiner Landeskirche zu den offiziellen Aufgaben des Kirchenvorstandes, dafür zu sorgen, dass die Dinge, die der Kirche gehören, in einem brauchbaren Zustand sind und auch gewartet werden. Manche ehrenamtlichen KV-Mitglieder muss man wohl intensiver daran erinnern als andere.

Ronald Henrici
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Re: Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 9. November 2017, 22:02

Werte Dorforganistin !
An Hand der Daten erlese ich, daß es sich bei Ihnen um die Hessisch-Nassauische Landeskirche handelt.
Dazu darf ich ergänzen: Gerade diese Landeskirche - wie fast alle Landeskirchen in der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland - legt Wert darauf, daß auch bei den Musikinstrumenten der Gemeinden dafür gesorgt werden sollte, daß diese brauchbar in Ordnung sind. Dafür stehen Haushaltsmittel zur Verfügung, die jährlich festgelegt werden können für das übernöchste Jahr. Leider versäumen es viele Pfarrgemeinderäte, in ihren Bedarfsforderungen diesen Etat - Titel einzubringen, weil durch die anderen Titel der Gesamtetat schon überschritten ist.
Konkret weiß ich, daß bei der Hamburgischen Kirche und in der Rheinischen Kirche es vom Landeskirchenamt zur Pflicht gemacht ist, den Haushaltstitel "Wartung der Instrumente" zweckmäßig zu belegen. Allerdings gibt es gerade in Hamburg Gemeinden, die diesen Titel wirklich nicht zu belegen brauchen, weil Privatpersonen mit Spenden und in einem Fall mit einer "Stiftung des Instruments" die Wartung zweckmäßig mit übernommen haben.
Inzwischen ist dies auch bei einem Instrument in Mitteldeutschland der Fall und bei einer Saalorgel in Westfalen (da schon seit Jahrzehnten !)
Meine Erfahrungen als "Wanderorganist" zeigen mir gerage in den meisten Gemeinden, daß z.B. in den Orgelspieltischen Wartungshefte liegen, in die man Mißlichkeiten eintragen kann, die dann entweder in den darauffolgenden 4 Wochen abgestellt werden - bei akuter Fehlerhaftigkeit - oder die dann beim nächsten Wartungstermin laut Wartungsvertrag abgestellt werden.
Aus diesen Erfahrungen möchte ich auch jedem nebenamtlichen Kirchenmusiker oder auch jedem Instrumentenbenutzer in der Gemeinde dazu animieren, sebst ein solches "Mängelheftchen" anzulegen und hinzulegen mit entsprechenden eventuell auch laienhaft formulierten Eintragungen. Das hat einen geissen erzieherischen Effekt für manchen Verantwortlichen in der Gemeinde, der ja auf andere Weise nicht darauf hingewiesen wird und deshalb von der "Mißlichkeit" nichts erfährt.
Somit erst einmal eine kleine Hilfe... !
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

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Re: Nur Verstimmtes Piano für Gottesdienst - wer entscheidet über Einsatz?

Beitrag von Dorforganistin » Sonntag 12. November 2017, 18:16

Bei uns ist es üblich, dass der Orgelbauer ein solches Heft zur Verfügung stellt. Wo das nicht der Fall ist, lohnt es sich natürlich, eines anzulegen.

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