Tobias Aehlig in St. Antonius, D-Oberkassel

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Clemens Schäfer
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Tobias Aehlig in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von Clemens Schäfer » Sonntag 18. Juni 2017, 13:04

Hallo Forum,

Jan Wellmers (*1937) und Dominik Susteck (*1977) waren die Komponisten im Antoniuskonzert vom 18.06.2017 (St. Antonius, Düsseldorf-Oberkassel, Mühleisen-Orgel 2016). Es spielte Domorganist Tobias Aehlig, Paderborn.

Zwei zeitgenössische Komponisten mit entsprechend moderner Musik: Das war vom Veranstalter Markus Hinz schon mutig. Aber das Wagnis hatte sich gelohnt. Das Häuflein der 35 oder mehr Besucher war doch mächtig, blieb aufmerksam im Hören und bedankte sich nicht nur mit tapfer kräftigem Beifall sondern auch mit persönlichen Adressen an die Mitwirkenden - auch Susteck war zugegen.

Aehlig machte seine Sache bestens. Er hatte sich mit dem Instrument offenbar gut vertraut gemacht und traf jederzeit die richtige Registerwahl. Beeindruckend das Auf- und Abmontieren einer großen Steigerung in „Sequens“ (1979) von Wellmers. Da wartete man gespannt auf jeden Schritt. Mitunter war es schmerzlich scharf (Strahlen = Nr. 1 von Zeitfiguren (2014) von Susteck). Ausdauer war bei Wellmers gefragt, stupende Technik auch bei Susteck. Aehlig machte das mit Ruhe und Übersicht.

Die „Sequens“ von Wellmers gehört zur Gattung Minimal-Music. Das vierteilige Stück läßt dem Spieler die Freiheit, die Abschnitte A-C in beliebiger Reihenfolge zu spielen; auch darf man einzelne Abschnitte weglassen. Teil D soll dagegen immer gespielt werden Aehlig entschied sich für den Vortrag B-C-D in dieser Reihenfolge. Der Beginn erinnert an eine gregorianische Melodie, wird aber bald ergänzt und ausgebaut. Die große Steigerung (in D) hatte ich schon erwähnt: Sehr wirkungsvoll. Insgesamt 25 Minuten und keine langweilig. Das ist schon bemerkenswert. Ein Hörer meinte hinterher, er hätte jetzt die Evolution begriffen.

Die „Zeitfiguren“ sind eine sechsteilige Suite, komponiert 2014 im Auftrag des Erzbistums Paderborn. Die einzelnen Sätze sind überschrieben mit
I. Strahlen
II. Verschlungener Gang
III. Zeit
IV. Leuchten
V. Akkordechos
VI. Warten
In einem Begleittext von Susteck (im Programmblatt abgedruckt) meint dieser mit Strahlen die Gewalt der Sonne, die selbst Granit zum Schmelzen Bringt. Entsprechend heftig waren die Dissonanzen und Schwebungen hoher Stimmen. Das ging an die Schmerzgrenze. Bei Strahlen könnte man so auch an Strahlung denken.
Im verschlungen Gang gab es ein lebhaftes Frage- und Antwortspiel, ein Diskutieren und Debattieren.
Sehr beeindruckend die Darstellung zum Thema Zeit. Da tickt nicht nur eine Uhr, da dehnt und streckt sich die Zeit, läuft am Ende gar davon. Grandios gemacht.
Auch das Leuchten wußte zu beeindrucken, Immer neue Klangfarbenschichten wurden gegeneinander und übereinander geschoben. Hier konnte die Orgel wirklich zeigen, was sie drauf hat. Vom Feinsten!
Die beiden letzten Nummern fielen dagegen etwas ab. Die Akkordechos ließen sich mit Hilfe von Emporenorgel und Chororgel bestens darstellen, wirkten aber gegenüber den Vorherigen eher konventionell.
Bleibt das Warten. Laut Susteck sollte das Warten als grenzenlose Akzeptieren, das immer weiter führt, verstanden werden. Das schien mir so nicht gelungen. Ich dachte eher an Godot, wo das Warten ausweglos ist. Im Wartestand sind wir nach christlicher Auffassung von der Geburt bis zum Tod: Wir erwarten, danach die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Nicht weniger ist uns verheißen. In dieser Zeitspanne des Wartens stehen wir aber nicht untätig herum sondern gestalten unser Leben. Insofern schien mir die ruhige, bedächtige Gangart nicht schlüssig.

Diese letzteren Bedenken schmälern aber nicht den Wert dieses Konzerts insgesamt. Ich ging reich beschenkt nach Hause. Und danke auch auf diesem Weg nochmal für das Erlebnis.

Gruß Clemens Schäfer

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