Olivier Latry im Ludgerus-"Dom" zu Billerbeck

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Antworten
tournemire
Beiträge: 37
Registriert: Sonntag 17. November 2013, 00:10

Olivier Latry im Ludgerus-"Dom" zu Billerbeck

Beitrag von tournemire » Dienstag 16. Mai 2017, 22:31

Liebe Forianer,
am vergangenen Sonntag begann der diesjährige "Baumberger Orgelsommer" mit einem Konzert in der Propsteikirche St. Ludgerus in Billerbeck (im Volksmund: der Billerbecker Dom...). Ich hatte Gelegenheit, dieses Konzert zu hören und für "meine" Tageszeitung hier in Münster etwas darüber zu schreiben. Im Anschluss hier meine Zeilen - wobei sie auf die "ganz gewöhnliche" LeserInnenschaft just dieser Tageszeitung zugeschnitten sind, sich also NICHT an ein Fachpublikum richten, sondern im Idealfall an interessierte Laien, die nicht unbedingt mit der Materie vertraut sind! (Die "Baumberge" bezeichnen übrigens den Landstrich zwischen Coesfeld und Münster, der tatsächlich ein paar Hügel aufweist - halt die "Baumberge"!!)

Die Kirchenbänke im Ludgerusdom waren am Sonntag dicht besetzt, die Spannung im Publikum groß. Dann annoncierte Ludgerus-Kantor Lukas Maschke als Gastgeber den prominenten Solisten des Eröffnungskonzertes des Baumberger Orgelsommers 2017: Olivier Latry, seines Zeichens einer der drei Organisten der großen Hauptorgel der Kathedrale Notre-Dame in Paris! Einer seiner Kollegen, Philippe Lefebvre, war vor kaum einem halben Jahr bereits im Rahmen des Improvisationsfestivals in Billerbeck zu hören – nun also Latry, Jahrgang 1962. Für die überzeugten Orgelfans, die am Sonntag aus Nah und vor allem aus Fern in den Dom gepilgert waren, bedeutete Latrys Auftritt gewiss nichts weniger als ein Pontifikalhochamt der Orgelkunst!
Und diese Kunst beherrscht Latry wirklich mit bewundernswerter Perfektion in jeder Hinsicht: spieltechnisch steht ihm nirgends ein Stein im Weg, tauchen irgendwelche unumschiffbaren Klippen auf. Und musikalisch hatte er jede Menge zu sagen, trug nicht den großen Virtuosen bloß „zur Schau“ sondern erwies sich als subtiler Gestalter, der mit den Farben der Fleiter-Orgel spielte, der den imaginären Bildern, wie Claude Debussy oder Gabriel Fauré sie gemalt haben, plastisch Ausdruck verlieh. Debussys „Die versunkene Kathedrale“ war, was Kraft und Stärke der Orgel angeht, ein erster fulminanter Höhepunkt. Ganz offensichtlich, dass Latry nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte und deshalb zu Beginn seines Programms keinen „Knaller“ sondern Johann Sebastian Bachs eher stilles Concerto d-Moll (nach Antonio Vivaldi) präsentierte.
Ganz klar französisch-sinfonisch wurde es, als der sympathische Gast aus Paris seinem Vorgänger an Notre-Dame Louis Vierne huldigte: mit dem rasanten Finale aus dessen 4. Sinfonie. Insgesamt sechs Sinfonien hat Vierne hinterlassen, die Vierte wird am wenigsten gespielt. Umso schöner, deren letzten Satz hier im Dom hören zu können, zumal an klanglichen Ressourcen alles da ist, was man sich wünschen kann – erst recht für das überirdisch schöne „Andante“ aus der 9. Sinfonie von Charles-Marie Widor. Dies der Moment, da die raumgreifenden überblasenden Flöten ihr Solo hatten und die Zuhörer in Sphärenklänge hüllten!
Ein Luxus im Billerbecker Dom ist, dass dank Großbildschirm die Aktivitäten des Interpreten am Spieltisch via Kamera fürs Publikum sichtbar werden. Und jede Menge Aktivität verlangen Marcel Duprés „Drei Präludien und Fugen“ Opus 7, die nun wirklich die ultimativ hohe Schule des Orgelspiels bedeuten. Bei Latry sieht das alles so spielerisch aus und hört sich so tänzerisch leicht an. Das Gegenteil ist der Fall: harte Arbeit ist gefragt!
Ganz bei sich war der Maître von Notre-Dame, als es um die Kunst der Improvisation, des Spielens „aus dem Stegreif“ ging. Das ist ureigenste französische Organistentradition und bei Latry in besten Händen. Sein Thema: das österliche „Regina coeli“. Nun gut, wer Latry oder andere Improvisations-Talente häufiger hört, erkennt schnell die Muster, mit denen beliebige Themen auf je identische Weise verarbeitet werden: mal als „Fanfare“, mal als „Scherzo“, mal als „Meditation“ und – zum Schluss – als Futter für ein kraftvoll sich steigerndes Finale.
Rauschender Beifall im Ludgerusdom nach 70 Minuten Programm. Zwei Zugaben waren fällig: Bachs „Sinfonia“ aus der „Ratswahl-Kantate“ und Jehan Alains „Fantasmagorie“ – i-Tüpfelchen auf einer orgelmusikalischen Begegnung der besonderen Klasse!

---
Bis Anfang Oktober gibt es noch sieben weitere Konzerte. Mehr dazu im Netz unter www.baumberger-orgelsommer.de

Antworten