Martin Schmeding, Jan Esra Kuhl: St. Antonius, D-Oberkassel

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Clemens Schäfer
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Martin Schmeding, Jan Esra Kuhl: St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von Clemens Schäfer » Samstag 8. Oktober 2016, 14:23

Hallo Forum,

War noch jemand da, so helfe er mir!

So viel Neues, so viel Interessantes, so viel Unerhörtes...da wird es schwer, einigermaßen angemessen zu berichten. Es geht um das Konzert mit Martin Schmeding und Jan Esra Kuhl in der Kirche des Heiligen Antonius von Padua zu Düsseldorf-Oberkassel. Die noch ganz neue Mühleisen-Orgel ist dort in der Erprobungs- und Findungsphase. Das Gerät steht fertig auf der Empore. Und technische Kinderkrankheiten traten nicht zu Tage. Wer sich einstellen muß, sind Spieler und Hörer. Und um es gleich zu sagen: Beiden gelang das vorzüglich. Die weit über 100 Hörer, die trotz der Ankündigung „mit live-Elektronik“ gekommen waren, hielten aufmerksam und diszipliniert durch. Dabei waren sie zu 95% über 50 Jahre alt.. Und die Musiker hatten sich offenbar in die neue Orgel und die hier vorhandenen Möglichkeiten verliebt. So strich Schmeding den eigentlich als Schlußstück angekündigten Polowetzer Tanz (Borodin) zugunsten der Komposition „Strophen“ für Orgel und Tonband von Zsigmond Szathmàry.

Aber der Reihe nach! Es ging los mit einer Komposition von Klaus Hashagen (1924-1998), Toccata 1 für Orgel und Live-Elektronik. Jan Esra Kuhl saß an einem kleinen Tischchen neben der Konsole (die war in im Mittelgang mittig plaziert) und überwachte CD-Laufwerke (fungierten auch als Tonband!), Mischpult und Laptop. Direkt neben ihm Schmeding am Spieltisch. Ich konnte von meinem Platz beiden auf den Rücken und damit auch auf die Noten sehen.
Bei Toccata 1 werfen sich Elektronik und Orgel die Bälle gegenseitig zu. Nach dem Notenbild zu urteilen, hatte die Orgel immer wieder eine Anspielphase, aus der sich dann, wohl auch improvisierend, weiteres ergab. Mitunter verschmolzen beide Klangquellen so gut, daß eine Ortung nicht mehr möglich war (die Elektronik wurde mittels zweier Lautsprecher vor den Bankreihen hörbar gemacht). Das war schon ein beeindruckendes Erlebnis, zumal die Elektronik nie als Gegenpart oder Konkurrent zur Pfeifenorgel in Erscheinung trat sondern immer als Ergänzung.

Nun folgten Toccata und Fuge a-moll op. 80 Nr. 11 und 12 von Max Reger. Schmeding spielte hier seine Erfahrung im Umgang mit Regers Musik aus. Eine Kostprobe seiner Gesamteinspielung offenbar, die auch am Ausgang zum Verkauf stand. Demonstration gelungen!

Nun gab es Schmeding und Kuhl in gemeinsamer Improvisation. Kuhl rückte zusätzlich auf die Orgelbank, hatte aber seine elektronischen Gerätschaften stets im Blick. Auch hier ging es um Ergänzung der Klänge, um Frage und Antwort, nicht um Wettkampf der Systeme. Mitunter ging es hoch virtuos daher, so kreuzten sich immer wieder Arme und Beine.
Jenes Quentchen mehr Zeit, das Wolfgang Abendroth bei seiner Aufführung von Fantasie und Fuge g-moll BWV 542 fehlte, brachte Schmeding gewiß mit. Er war deutlich langsamer und hätte die Dramatik dieser wunderbaren Fantasie durch stärkere Agogik zuspitzen können. Indes: Er hatte ein anderes Ziel. Bedeckt und grundtönig ging es los: Es waren die Klangfarben, die Schmeding hier ausspielen wollte. Und dabei scheute er vor Anachronismen nicht zurück: Die ruhigen Zwischenteile ließ er von der Klarinette blasen. Und bei der Wiederholung trat plötzlich ein Chor der Evangelikalen in Erscheinung (dort, wo es meistens näselt). Das war schon sehr eigenwillig; aber man nahm es gerne und schmunzeld hin. Bach ist halt strapazierfähig. Die Fuge begann mezzopiano unschuldig flötig, aber gegen Ende wechselten auch hier die Klangfarben. Toll gemacht. Hin und wieder lasse ich mir das gerne gefallen.

Nun kam wohl der Höhepunkt des Konzerts: „Wendeltreppe“ (2013/14) von Jan Esra Kuhl (*1988). Am Anfang scheinen die „einsagenden“ Lautsprecher mit ihren Orgelklängen und die antwortende Realorgel noch eng bei einander. Das Ganze driftet dann immer mehr auseinander, bis man ein Rudel Orgelwölfe zu heulen vermeint. Scheinbar finden beide Tonquellen wieder zueinander; das aber ist eine trügerische Einbildung: Am Ende zieht es die Musik immer unaufhaltsamer in den Abgrund (schwarzes Loch?). Was Kuhl hier geschaffen hat, ist einzigartig. Und Schmeding agierte kongenial. Da mußte man tief durchatmen.

Einmal in der Hölle, so dachte sich Schmeding wohl, kann ich mir die dortigen Geister dienstbar machen. Der nächtliche Hexentanz auf dem kahlen Berge (Mussorgsky, Orgelbearbeitung Zsigmond Szathmàry)) wurde fesselnd (und wild) inszeniert. Herrlich der lyrische Schluß mit Klarinette und Streichern.

Dann gab es „Exitation (2008/14) von Martin Kürschner (*1955) für Orgel und Live-Elektronik mit den Sätzen Toccata, Farbklang und Trio. Merkwürdigerweise ist bei mir von diesem Stück wenig haften geblieben. Zum Einsatz kamen freilich die Schlagwerke der Orgel (Marimba etc.)

Am Ende dann die schon erwähnte Komposition „Strophen“ (1988/2001) von Szathmàry. Hier konnte ich die Tonbandstimme (als CD den Noten beigepackt) als viertes System erkennen und beinahe mitlesen. Szathmàry setzt sowohl Töne aller Art als auch Geräusche ein. Der Orgelpart ist virtuos und Schmeding ging mir Verve zur Sache - ein Erzmusikant im besten Sinne.

Das war ein Konzert mit Überlänge. Trotzdem hatte kaum eine Handvoll Hörer die Kirche vorzeitig verlassen: Es war spannend vom Beginn bis zum Ende. So entlud sich die Spannung des Publikums denn auch in sofort einsetzendem Beifall, der sehr herzlich ausfiel und lange andauerte. Ein großes Konzert

Wenn die Konzertreihe in St. Antonius nur ungefähr auf diesem Niveau weitergeführt wird, dürfte man von St. Antonius bald noch viel hören. Die Orgel bestand diese Probe bestens.

Gruß Clemens Schäfer

SKB
Beiträge: 7
Registriert: Mittwoch 18. Februar 2009, 18:55

Re: Martin Schmeding, Jan Esra Kuhl: St. Antonius, D-Oberkas

Beitrag von SKB » Sonntag 16. Oktober 2016, 00:01

... es freut mich, dass dieses für mich wirklich grandiose Werk (in Idee wie Ausführung wie für mich als Ausführenden), dass die einmal als "jaulend" und "zunehmend kakophones Gemisch" empfundene "Wendeltreppe" von Jan Esra Kuhl mittlerweile so gut ankommt...

(bei der nordrhein-westfälischen Erstaufführung hieß es im Wortlaut: "Vom Band kam
Orgelmusik. Zunächst eine ostinate Akkordfolge, bei der sich die Erinnerung an verwirrende
Zeichnungen einer Treppe einstellten, deren letzte Stufe in die erste Stufe mündet (perspektivische
Unmöglichkeiten). Hierzu hatte Küchler-Blessing Einwürfe zu spielen. Zunächst wirkte das
ergänzend, dann aber entglitt das Band, wurde offenbar schneller oder langsamer, so daß die Musik
vom Band jaulte. Zusammen mit der “richtigen” Musik von der echten Orgel ergab das ein
zunehmend kakophones Gemisch." - zu finden unter http://forum.orgel-information.de/viewt ... =23&t=1118 )


Viele Grüße

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