Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

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z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
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Clemens Schäfer
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Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von Clemens Schäfer » Dienstag 28. Juni 2016, 13:19

Hallo Forum,

Prof. Wolfgang Seifen gab am 26.06.2016 um 16 Uhr das “Eröffnungskonzert” an der am
Vormittag geweihten neuen Mühleisen Emporenorgel. Die große Kirche war im Mittelschiff - die
Bänke reichen bis unter die Vierungskuppel - bestens besetzt. Es dürften also mehrere Hundert
Neugierige dagewesen sein; richtig zählen hing bei der Menge nicht mehr.

Begrüßt wurden Besucher durch ein Mitglied der Kirchenmusikstiftung. Dieses gab denn nach der
üblichen Bitte, die Restfinanzierung (A.D. = auf Defizit) zu unterstützen, schnell die Konsole für
Wolfgang Seifen frei. Der riesige Spieltisch war vor dem Mittelgang unterhalb des Hochchors, aber
eine Stufe über dem Kirchenboden platziert und so gut einsehbar. Ich saß relativ weit vorne, schon
unter der Vierungskuppel.

Das Programm überraschte nicht. Wie bei Seifen zu erwarten, gab es Stilkopien - und davon nicht
zu knapp. Er improvisierte zunächst Präludium, Adagio und Fuge im Barockstil. Das Präludium
kam als Konzertsatz à la Bach/Vivaldi daher, das Adagio hatte eine Passionsstimmung in moll
(Dreiertakt, schöne Zunge!). Das Ganze dauerte 25 Minuten. “Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte,
dann hätte ich mich kürzer gefaßt” lautet eine bekannte Sentenz: Beim Improvisieren aber hat man
nicht die Zeit, zurückzublättern und nachzusehen, ob man etwas schon gesagt hat. So kommt es
zwangsläufig zu vielen unnötigen Wiederholungen. Und das kostet dann Zeit.

Danach improvisierte Seifen eine Syphonische Phantasie und Fuge im deutsch-romantischen Stil.
Liszt und Reubke grüßten von Ferne. Es gab mächtige Steigerungen, einige delikate Soli
(Klarinette!), scherzohafte Passagen, einen kurzen Adagio-Übergang zur ausgedehnten Fuge: 30
Minuten. Die endete mit gewaltigem Ausbruch. Als Seifen endlich das Ziel erreicht hatte, besann er
sich um, brach das fff ab und hängte eine p-Passage an, bei der er wieder nur mit Mühe das Ende
fand.

Und dann folgte das Ganze eigentlich noch einmal: Diesmal als Symphonie in fünf Einzelsätzen:
Allegro vivace. Andante cantabile, Scherzo, Adagio und Finale. Noch einmal knapp 30 Minuten.
Gewiß gab es wieder einige schöne Einzelregistrierungen zu hören. Die Streicher kamen mir
allerdings insgesamt zu kurz, auch gibt es offenbar bei den Zungen noch viel zu entdecken.

Bei dem Programm (es folgte nach standing ovations noch eine Zugabe, in dessen Figurenwerk sich
wohl ein Lied versteckte) konnte die Orgel natürlich nicht annähernd zeigen, was so in ihr steckt.
Die Schlagwerke hatten keinen Auftritt. Ausgiebige, ruhige Streicherpasssagen fehlten auch. Und
wie das Instrument bei zugespizter Harmonik, bei geschärfter Rhythmik klingt, war auch nicht zu
erfahren. Das 20. oder gar 21. Jahrhundert kamen nicht vor. So gesehen, wurden die Erwartungen
an ein Eröffnungskonzert doch ein wenig enttäuscht. - Merkwürdig auch, daß das erste Konzert
einer neuen Kirchenorgel keinerlei religiösen Bezug hatte (Zugabe evtl. ausgenommen?).

Hoffen wir also auf kommenden Freitag, 19:30h. Da spielt Markus Hinz. Schon verraten hat er, daß
es BWV 582 (nicht im Plenum, versteht sich!) und Karg-Elert (Jesu meine Freude) geben soll. Und
etwas minimalistisches aus eigener Feder wird auch dabei sein. Und Reger steht auch auf dem
Programm.

Gruß Clemens Schäfer

P.S. Es wäre schön, wenn andere Besucher mit mehr technischem Orgelverstand etwas von ihrem
Erlebnis des Eröffnungskonzert beisteuern könnten.

Und zu guter Letzt noch dieses: Da raunte in meiner Umgebung ein Hörer: “Und das alles
auswendig!”

kernspalter
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von kernspalter » Dienstag 28. Juni 2016, 20:19

Clemens Schäfer hat geschrieben:Das Programm überraschte nicht. Wie bei Seifen zu erwarten, gab es Stilkopien - und davon nicht zu knapp. Er improvisierte zunächst Präludium, Adagio und Fuge im Barockstil. Das Präludium kam als Konzertsatz à la Bach/Vivaldi daher, das Adagio hatte eine Passionsstimmung in moll (Dreiertakt, schöne Zunge!). Das Ganze dauerte 25 Minuten. “Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, dann hätte ich mich kürzer gefaßt” lautet eine bekannte Sentenz: Beim Improvisieren aber hat man nicht die Zeit, zurückzublättern und nachzusehen, ob man etwas schon gesagt hat. So kommt es zwangsläufig zu vielen unnötigen Wiederholungen. Und das kostet dann Zeit.
25 Minuten für ein barockes Präludium, Adagio und Fuge - das hört sich schon etwas hypertroph an.

Das kann passieren, ist aber nicht "zwangsläufig".

Ich habe schon etliche sehr gute Improvisationen gehört, bei denen kein einziger Takt zu viel war. Zum Beispiel von Karl-Bernhardin Kropf oder von David Franke...
Mit kernspalterischen Grüßen

olds
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von olds » Dienstag 28. Juni 2016, 20:56

Nix für ungut,

aber kann man sowas nicht irgendwie vorab steuern?

Hut ab vor jeder guten Improvisation, aber selbst als orgelbegeisterter Zuhörer empfinde ich sowas einfach nur als "overkill"

malle235
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von malle235 » Dienstag 28. Juni 2016, 21:07

also was ich von den UdK-Studenten in Berlin gehört habe, ist, dass Prof. Seifen sehr großen Wert auf eine gewisse Ordnung/Struktur bei den Improvisationen anmacht - 20 minütiges wildes Drauflosphantasieren ohne Sinn und Verstand kann ich mir da nicht vorstellen

also ich erlebe Konzerte von Prof. Seifen immer als sehr musikalisch, stilistisch vielfältig und technisch hervorragend - in Deutschland sicherlich einer von den absoluten Spitzenleuten, insofern wunderte mich doch der insgesamt relativ kritische Ton der Kritik, aber letztendlich ist ja alles Geschmackssache...
Wie schrieb schon Max Reger einem Kritiker: „Sehr geehrter Herr! Ich sitze hier im kleinsten Raum meines Hauses und lese Ihre Kritik. Noch habe ich sie vor mir. Bald werde ich sie hinter mir haben."

kernspalter
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von kernspalter » Dienstag 28. Juni 2016, 21:14

malle235 hat geschrieben:also was ich von den UdK-Studenten in Berlin gehört habe, ist, dass Prof. Seifen sehr großen Wert auf eine gewisse Ordnung/Struktur bei den Improvisationen anmacht - 20 minütiges wildes Drauflosphantasieren ohne Sinn und Verstand kann ich mir da nicht vorstellen
"Wildes Drauflosphantasieren ohne Sinn und Verstand" kann es ja auch nicht gewesen sein, das geht aus Clemens Schäfers Bericht unzweideutig hervor.

Eine Improvisation kann der geschulte Hörer ja nur dann als "Konzertsatz à la Bach/Vivaldi" identifizieren, wenn eine gewisse Ordnung/Struktur zu erkennen ist.
Mit kernspalterischen Grüßen

olds
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von olds » Dienstag 28. Juni 2016, 22:17

Was ich nicht in Frage stelle.

Mit einem Konzert verbinde ich aber ein Programm und Muße. Mir als doch recht in die Materie involvierter Mensch würde es nur vollkommen die Muße verhageln, wenn ich ständig auf Überraschungen gepolt sein müsste.

Mir ist also ein Programm lieber, wo ich mich auch ein wenig vorbereiten, mich entsprechend mal fallen lassen kann und nicht ständig in Hab Acht Stellung bin.

kernspalter
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von kernspalter » Mittwoch 29. Juni 2016, 00:06

olds hat geschrieben:Was ich nicht in Frage stelle.

Mit einem Konzert verbinde ich aber ein Programm und Muße. Mir als doch recht in die Materie involvierter Mensch würde es nur vollkommen die Muße verhageln, wenn ich ständig auf Überraschungen gepolt sein müsste.

Mir ist also ein Programm lieber, wo ich mich auch ein wenig vorbereiten, mich entsprechend mal fallen lassen kann und nicht ständig in Hab Acht Stellung bin.
Mir ist jetzt der Zusammenhang mit dem beschriebenen Konzert nicht ganz klar.

Da geht es um eine Improvisation, die offensichtlich Stil, Form und Struktur hatte, aber als zu lang empfunden wurde.
Mit kernspalterischen Grüßen

olds
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von olds » Mittwoch 29. Juni 2016, 08:39

Ich finde es halt erschlagend, ein ganzes Konzert gespannt sein zu müssen, wie der Vortragende denn nun seinen Weg weiterführt.

Bei einem Konzert mit Anteilen von eher bekannteren Stücken habe ich auch mal die Chance etwas durchzuatmen und nur zu schauen, wie er denn nun das bekannte Werk an eben diesem Instrument umsetzt.

kjz1
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von kjz1 » Mittwoch 29. Juni 2016, 20:24

Herr Schäfer hat doch mal geäussert, dass er kein Fan von reinen Impro-Konzerten sei. Dies vielleicht als Hintergrund zur Konzertkritik.

kernspalter
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von kernspalter » Donnerstag 30. Juni 2016, 08:48

kjz1 hat geschrieben:Herr Schäfer hat doch mal geäussert, dass er kein Fan von reinen Impro-Konzerten sei. Dies vielleicht als Hintergrund zur Konzertkritik.
Ich kann mich an diese Kritik erinnern:
http://www.orgel-informationen.de/Sub_F ... =23&t=1066

Seine Kritik an Konzerten, die ausschließlich aus improvisierten Stilkopien bestehen, kann ich sehr gut nachvollziehen, und dazu hatte ich mich damals auch zustimmend geäußert.

Und was er diesmal schreibt, kann ich auch nachvollziehen. Auch diesmal geht es um ein Konzert aus improvisierten Stilkopien. Auch die weiteren Kritikpunkte (wie z. B. "Das 20. oder gar 21. Jahrhundert kamen nicht vor.") kann ich sehr gut nachvollziehen.

Daß eine Improvisation zu lang(weilig) gerät, kann passieren. Ich stelle aber in Abrede, daß das "zwangsläufig" so sein muß.
Ich habe übrigens auch schon Konzerte erlebt, in denen ausschließlich Literatur gespielt wurde, die ich streckenweise als langweilig empfand. Das wird mich aber nicht davon abhalten, auch weiterhin in Konzerte zu gehen, in denen ausschließlich Literaturstücke gespielt werden. Und ich halte es auch weiterhin für sinnvoll, dass es Konzerte mit Improvisation pur gibt, Konzerte mit Literatur pur und Konzerte mit Literatur und Improvisation.



Olds nimmt einen ganz anderen Standpunkt ein: Er scheut Konzerte, in denen keine Stücke gespielt werden, die er schon kennt.
olds hat geschrieben:Ich finde es halt erschlagend, ein ganzes Konzert gespannt sein zu müssen, wie der Vortragende denn nun seinen Weg weiterführt.

Bei einem Konzert mit Anteilen von eher bekannteren Stücken habe ich auch mal die Chance etwas durchzuatmen und nur zu schauen, wie er denn nun das bekannte Werk an eben diesem Instrument umsetzt.
Zuletzt geändert von kernspalter am Donnerstag 30. Juni 2016, 23:03, insgesamt 2-mal geändert.
Mit kernspalterischen Grüßen

olds
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von olds » Donnerstag 30. Juni 2016, 09:37

Arrrrghhhhhh!!!!!.....Stopp!.....Neee............!!!!!

:oops:

kernspalter
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von kernspalter » Donnerstag 30. Juni 2016, 23:01

olds hat geschrieben:Arrrrghhhhhh!!!!!.....Stopp!.....Neee............!!!!!

:oops:

Nein?

Wie soll ich das denn sonst verstehen?
Ich finde es halt erschlagend, ein ganzes Konzert gespannt sein zu müssen, wie der Vortragende denn nun seinen Weg weiterführt.

Bei einem Konzert mit Anteilen von eher bekannteren Stücken habe ich auch mal die Chance etwas durchzuatmen und nur zu schauen, wie er denn nun das bekannte Werk an eben diesem Instrument umsetzt.
Mit kernspalterischen Grüßen

olds
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von olds » Freitag 1. Juli 2016, 08:11

Gut folgende Begebenheit.

Vor zwei Jahren war hier einer Kirche in der Innenstadt, Altstadt sogar, ein kleine Konzertreihe. Sonntagsmorgens nach der Messe, jeden Augustsonntag. Ich war dort zufällig, die Sache war an mir vorbeigegangen, ich kam mit meinem Rad vom Orgeldienst da vorbei und hielt natürlich an.

Die klassische Geschichte, da steht so ein Aufklapp-Aufsteller mit Plakat und macht Werbung. Ich las das Plakat, machte mir anhand der genannten Komponisten ein Bild von dem was mich da erwartet, einige Werke kannte ich, andere nicht, aber wenn da z.B. Jehain steht, weiß man in etwa, wo die Reise hingeht.

Zu Hause im Internet dann schlau gemacht, folgende Woche war ein Improvisationskonzert. Ohne jegliche Angabe, der junge Kerl der vortrug ging zwar vorher rum und fragte, welche Melodien (!) die Leute sich wünschen würden, aber keiner antwortete.

Also spielte er einfach und ich fühlte mich unwohl. Ein Fahrt ins Blaue. Und das mag ich höchstens, wenn mich eine schöne Frau wohin entführt.

kernspalter
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Re: Prof. Wolfgang Seifen in St. Antonius, D-Oberkassel

Beitrag von kernspalter » Freitag 1. Juli 2016, 12:22

olds hat geschrieben:Zu Hause im Internet dann schlau gemacht, folgende Woche war ein Improvisationskonzert. Ohne jegliche Angabe, der junge Kerl der vortrug ging zwar vorher rum und fragte, welche Melodien (!) die Leute sich wünschen würden, aber keiner antwortete.

Also spielte er einfach und ich fühlte mich unwohl.
Da kann ich nur sagen: Selber schuld.
Ich hätte ihm schon gesagt, über welche Melodien er bitteschön improvisieren soll.
Mit kernspalterischen Grüßen

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