Nachwuchs-Förderung

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
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Froschmaschine
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Froschmaschine » Montag 28. März 2016, 13:04

Holger hat geschrieben:Zum einen, da gebe ich Ronald Henrici völlig recht, fehlt eine gewisse Offenheit mancher Organisten, die ihr Revier durch Nachwuchs bedroht sehen. Andererseits, ist es überhäupt attraktiv Orgeldienst als Einzelkämpfer am Sonntagmorgen zu machen, wenn viele noch ausruhen.
Wer vom Sonntagsgottesdienst nichts hält, wird an der Orgel im Sinne eines Kircheninstruments ohnehin kaum richtig sein.
Holger hat geschrieben:Ist es da für den Nachwuchs nicht attraktiver in einer Gruppe z.B. beim örtlichen Musikverein, Posaunenchor oder einer Flöten- und Gitarrengruppe zu musizieren, wo Freundschften entstehen
Ich denke, für die Orgel braucht man ein spezielles Interesse – das wohlbemerkt auch bei der Beschäftigung damit entstehen kann. Jedenfalls ist es einem beim nötigen Interesse am Instrument nicht falsch (oder sogar gerade richtig), dass man bei dieser Tätigkeit viel allein ist.
Holger hat geschrieben:im Gegensatz zum häufig hier geschilderten Missverhältnis zwischen kirchlicher "Obrigkeit" und "Bediensteten", wo man getreten und gegängelt wird wo es auch nur geht? Da gehört schon eine gehörige Portion Idealismus dazu, den ich bei einem Heranwachsenden nicht voraussetzen will.
Ja, es ist schon nötig, dass da, wo man zu Hause ist und beginnt, halbwegs geeignete Verhältnisse herrschen. Aber wenn man dann erstmal halbwegs etwas auf die Reihe kriegt, ist man doch schnell an dem Punkt, dass man herumreist und sich aussuchen kann, wo man spielen will.
Holger hat geschrieben:Ich kenne wenige wenn nicht sogar keine Kirchengemeinde, die ihren kirchenmusikalischen Nachwuchs dergestalt fördert, dass dies in Form eines Stipendiums erfolgt.
Unsere Landeskirche finanziert die Ausbildung von Hilfskantoren. Der Schüler muss sich nur verpflichten, nachher für den Dienst zur Verfügung zu stehen, dann braucht er für theoretischen und praktischen Gruppen- oder Einzelunterricht in Chorleitung oder Orgelspiel keinen Cent auf den Tisch legen. Die Lehrenden sind dabei im Rahmen ihrer Anstellung tätig oder rechnen die geleisteten Unterrichtsstunden direkt mit der Kirche ab. Ähnlich ist es in der selbstständigen Bläserarbeit und für andere musikalische Aktivitäten gibt es auch einige derartige Bildungsangebote.

Zusatz zu den Betätigungsmöglichkeiten in der gymnasialen Oberstufe: Bei uns gab es ‚schon immer‘ „G8“ und weder muss unser Land als kulturell unterbelichtet gelten noch haben wir als Gymnasiasten groben Freizeitmangel gehabt. Ich versteh überhaupt nicht, inwiefern 12 Jahr allgemeinbildende Schule nicht reichen oder zu gedrängt sein sollten.

Holger

Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Holger » Dienstag 29. März 2016, 06:36

Tja, gedrängt ist G8 schon, wenn man den Stoff für G9 ungekürzt in G8 packt, wie dies in Baden-Württemberg der Fall ist. Aber wir haben zum Glück eine gegenläufige Tendenz, das G9 setzt sich (zum Glück) wieder durch. Und selbst da, meine Tochter besucht ein beruflich orientiertes Gymnasium, welches tatsächlich die 13. Klasse zum Abschluss hat, haben die Schüler 4-mal die Woche Nachmittagsunterricht. Unterricht, nicht Betreuung!

Sicher auch nicht der einzige Grund, warum so wenig Nachwuchs auf der Orgel herangezogen werden kann. Das Modell mit der Verpflichtung ist sicher auch nicht gerade prickelnd für Jugendliche, wie lange muss sich denn einer da verpflichten, um die Förderung zu erhalten?

olds
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Dienstag 29. März 2016, 12:57

Also Musikvereinen und Posaunenchören geht der Nachwuchs mal richtig dicke aus.

Vor allem den Musikvereinen, da brennt´s mal richtig. Hat aber hauptsächlich mit dem Selbstverständnis in dieser Subkultur zu tun.
Städtische Musikvereine und Blaskapellen kenne ich jetzt allerdings weniger, aber die ländlichen und die in ländlich gebrägten Vororten, da passen meine Beobachtungen, die mich 2001 nach 12 Jahren Musikverein demoralisiert flüchten ließen, doch ganz gut.

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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Dorforganistin » Mittwoch 30. März 2016, 09:17

Das kann man meiner Meinung nach nicht pauschalisieren. In meinem ehemaligen Fanfarenzug "aufm Land" gibt es z.B. eine so gute und intensive Jugendarbeit, dass keine Nachwuchsprobleme zu beklagen sind. Für das Blasorchester bei mir im Dorf gilt das nach meiner Beobachtung auch.
Man muss halt eine Menge dafür tun.

Grundsätzlich scheint es so zu sein, dass Menschen ihre Freizeit halt anders gestalten als früher, und dass es für alle Vereine, egal ob Musik oder Sport oder X, schwieriger wird, Menschen für eine dauerhafte Mitgliedschaft und entsprechende Aktivität zu begeistern.
Wenn man es schafft, dem Rechnung zu tragen, in dem man z.B. Projekte anbietet o.ä., dann kann man schon einiges auffangen.

Aber das ist in der Tat eine Frage des Selbstverständnisses und der eigenen Veränderungsbereitschaft.

olds
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Donnerstag 31. März 2016, 07:28

Entscheidend ist für mich - und das betrifft auch die Kirchenmusik -, dass Menschen nicht mehr bereit sind Attitüden mitzutragen.

Besonders gut sieht man das in meinen Augen eben bei den Musikvereinen. Zumindest von dort wo ich komme entsprechen Musikvereine doch sehr den Klischees des Volksmusikantentums. Trotz oft herausragender künstlerischer Beiträge (zumeist beim ebenso klischeebeladenen "Frühjahrskonzert") dreht sich doch vieles um ein zünftiges "Ein Prosit".

Viele junge Menschen sind durchaus bereit Zeit für ein Instrument und die Musik zu opfern, sehen sich aber in diesen Strukturen nicht vertreten.

Anderes nette Beispiel:

Mitte der 2000er Jahre kamen viele junge Kerle aus der Jugend in die 1. und 2. Mannschaft.
Die älteren dort sagten: "Was werden wir für ein Verein, wir kriegen nach dem Spiel noch nicht mal zusammen zwei Kisten Bier getrunken". (Entspricht in etwa 2 Flaschen pro Spieler, Betreuer, ...)

Die Nachwuchskicker sagte:
"Die alten Säcke spinnen doch. 2 Bier trinken und dann noch Autofahren."

olds
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Donnerstag 7. April 2016, 16:18

Dorforganistin hat geschrieben:
Das ist nicht allein ein Thema für die Mädchen, sondern für alle. Wie oft erlebe ich es, dass Mädchen als "frech" bezeichnet werden, obwohl sie einfach nur ein bisserl aus sich rausgehen. "Freches" Verhalten bei Mädchen und Jungen wird nach wie vor unterschiedlich bewertet. Genauso eckt man als erwachsene Frau immer mal an, wenn man eben keinen Kuchen backt, sondern lieber bei der Renovierung der Kirchenmauer hilft. Interessanterweise stört das häufiger andere Frauen als Männer, aber auch das könnte altersabhängig sein.
Zustimmung. Wir sind wirklich nicht soweit, wie immer getan wird. Erinnert mich an eine lustige Diskussion zwischen dem Hochschulpfarrer und unserem Juniorprofessor (ehemaliger Mönch) im Garten der Hochschulgemeinde. Es ging um einen Aufsatz, auf den der Juniorprofessor gestoßen ist, wonach die Sexuelle Revolution erst weit nach den eigentlich kolportierten 1968er und wilden 1970er stattgefunden habe.

Aber zurück zu einem (jahreszeitlich aktuellen :) ) Beispiel.

Zu meiner Zeit (1997) bis Mitte der 2000er Jahre - aber auch früher - war es üblich, dass Abiturfeierlichkeiten aus einem offiziellen Teil (Hauptsächlich Abschlußfeier und anschließender "Abiball") und eiem inoffiziellen Teil bestand. Dieser Teil folgt üblicherweise gewissen Traditionen und ungeschriebenen Gesetzen, ist kreativ, anarchisch, antibürgerlich, spontan. Auch die Gestaltung des Abiballs war nicht so ganz bürgerlich, ganz gern versuchte man sich an individuellen Noten.

In den letzten Jahren kann man aber nun beobachten, dass sich besonders die Abiturientinnen an den innoffiziellen Geschichten immer weniger beteiligen. Im Gegenzug steigt der Aufwand für die Abschlußfeier. Die Abendmode wird immer prunkvoller, der Aufwand, bis man ein passendes Kleid gefunden hat immer größer. Das ganze wird repräsentativ, die junge Frau nimmt wieder die Rolle des schmucken, hübschen Anhängsel an, reduziert sich auf "schön sein", "Dame sein". Und postet entsprechende Fotos in den entsprechenden Sozialen Medien.

Die Mütter sind um diese Rolle dann oft gar nicht so besorgt, also mit Blick auf die Anarchie der immer noch irgendwo Feiernden, mit dem Leiterwagen von Dorfkneipe zu Dorfkneipe ziehenden Jungs und "etwas anrüchigen Mitschülerinnen".

Auf Festen in der Gemeinde läuft es aber inzwischen genauso: Die Mädels laufen immer schicker rum, vermeiden Arbeiten die Nagellack, Absatz oder Make Up gefährden und sind einfach nur noch hübsch anzusehen.

Vor Jahren war es noch üblich in alter Jeans, T-Shirt, angeschwitzt und schmutzig was richtiges geschafft zu haben, an so einem Fest.

Ronald Henrici
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Ronald Henrici » Freitag 8. April 2016, 14:57

Mein Erlebnis gestern Mittag !
Zufallsfahrt nach Balingen, das erste Mal wieder seit September 2015, wo ich die Kirche zugeschlossen vorgefunden habe.
Welch ein Glück, die Kirche ist geöffnet wie jeden normalen Tag, an dem ich dienstags und/oder donnerstags in der Mittagszeit die Orgel habe erklingen lassen. Eine Tatsache, die dem Bezirkskantor - und wie ich gestern festgestellt habe - sogar dem Messner wohlbekannt ist...
Nun eben, die Kirche war wieder geöffnet, eine Schulklasse wurde von der Lehrerin durch die Kirche geführt, und auch auf die Orgelempore. Mit Verblüffung hat die Lehrerin vernommen, daß da jemnand in Gestalt meiner Person den Spieltisch öffnete und den Kindern so manches klanglich und in Erläuterung am Instrument vorstellte. So hatte keiner damit gerechnet, für mich auch eben ein Zufall mit der Schulklasse. Aber spontan die Gelegenheit ergreifen ! Nun , das ging für knapp eine halbe Stunde !! Orgel wieder abgeschlossen, die Lehrerin führte weiter durch die Kirche. Damit wurde dann die Doppel - Unterrichtsstunde für die Schulklasse außerhalb des Schulgebäudes ausgefüllt.
Nun, meine Person ging nach der "Vorführung der Orgel" in die Eisdiele zum Waffelessen, kam aber danach wieder in die Kirche, denn für mich war das vorherige Orgelspiel zu kurz geraten...
So geht es auch !
Warum gehen die Lehrer und Lehrerinnen nicht hin und bestellen einen Organisten, wenn sie Schülern schon die Kirche nahebringen wollen ?!?
Dann wäre das Problem mit den "Zufällen" nachhaltig gelöst.
Gruß
Ronald
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olds
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Sonntag 10. April 2016, 07:42

Ronald Henrici hat geschrieben:Mein Erlebnis gestern Mittag !

Warum gehen die Lehrer und Lehrerinnen nicht hin und bestellen einen Organisten, wenn sie Schülern schon die Kirche nahebringen wollen ?!?
Dann wäre das Problem mit den "Zufällen" nachhaltig gelöst.
Gruß
Ronald
Dazu eine Anekdote aus einem etwas anderen Bereich. Ende der 1990er kam kurz vor Ende des Schuljahres der Sohn meiner Cousine sehr verheult von einem Kindergeburtstag nach Hause. Seine Fußballkumpels ( E-Jugend also 8/9 Jahre alt, Saison war da schon beendet, man hatte sich wenig gesehen) hatten mit ihren Grundschulen an einem Turnier teilgenommen, seine Grundschule nicht. Wie gerne hätte er aber mit "seiner" Schule gegen "seine" Fußballkameraden gekämpft. Aber seine Schule hat da überhaupt nichts von gewusst!

Auf Nachfrage der Eltern erklärte die Schulleiterin recht forsch, dass die Einladung des Verbandsbürgermeisters zwar eingegangen sei. Da sie aber ein reines Frauenkollegium haben, sei Fußball kein Thema, keine Kollegin könne und wolle so etwas betreuen. Man habe das "im Team" kurz andiskutiert, aber keine Entschluß gefasst und die Sache erstmal nicht weiterverfolgt. Auch müsse sie zugestehen, dass die Sache dann in Vergessenheit geraten sei.

Auf den Vorschlag einiger den Jugendtrainerschein besitzenden Väter, hier gerne aktiv werden zu wollen, konterte Frau Schulleitung damit, dass die Aufsichtspflicht aber weiterhin bei der Schule liege, es müsse also eine Kollegin bereit sein, die Sache zu betreuen.

Und das ist für mich (mit meinem Lehramtsstudium Hauptfach Theologie :oops: ) leider das Problem. Der Horizont von Lehrpersonal reicht leider nicht immer soweit, dass man so kreativ wird und auch mal speziellere Punkte aufgreift und gegebenenfalls jemanden hinzuzieht:

Besonders Lehrerinnen unterrichten Religion gerne "kurzgefasst", das hat auch was mit Studienordnungen zu tun, zumindest in unserem Bundesland konnte man im Bereich Grundschule mal recht leicht das Examen mitnehmen, also als 3. Fach Religion. Also lieber basteln, malen und Geschichten im Sitzkreis hören als mal aufwendig werden und sich mit Dingen befassen, die etwas sperriger sind.

Es hat aber auch mit der Lehrerausbildung an sich zu tun. Zumindest bei mir war das noch eine reine Einzelkämpferausbildung.

Ich lese mich in das Thema ein
ich sortiere das Thema in einer Mindmap
ich formuliere das Grobziel
ich formuliere die Feinziele
Ich reduziere didaktisch
ich suche mir Unterrichtsmaterial
ich entscheide mich für folgende Sozialformen, Methoden, ...
ich...
ich...
ich...

Zuletzt dann:
Ich überlege mir, ob die Ziele mit den Methoden in der Zeit erreicht werden können.

Und hier kann ich Lehrer schon wieder verstehen. Externe schießen schnell über das Ziel hinaus. Nicht jeder, der eine Orgel, eine Schmiede oder eine Melkmaschine kindgerecht erklären kann, schafft das auch in einem Zeitansatz der dem der Lehrkraft entspricht. Da kann man böse auf´s Maul fallen.

Ronald Henrici
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Ronald Henrici » Dienstag 12. April 2016, 15:59

Dem Forumsteilnehmer olds darf ich als Kollege (Volksschullehrer a.D.) in vielen Punkten recht geben. Als Lehrer konnte ich auch nicht immer "über meinen Schatten springen" und war eingeschränkt durch den Lehrplan und die Zeitvorgaben des Unterrichts.
Aber das Argument der Schulleiterin kann ich keinesfalls nachvollziehen. Auch der Unterricht außerhalb der Schule, sei es im Sportlichen, sei es im musikalischen, sei es mit Hilfe von Sportvereinen, sei es - in dem anderen Fall - mit Hilfe des Opernhauses oder des Konzertsaales, ist immer abgesichert, wenn man das Schulamt darüber informiert und eine nachvollziehbare Begründung gibt.
Das Argument der Schulleiterin ist eine reine Bequemlichkeit ihrerseits !!
Ich habe oft mit meiner Schulklasse - sei es auch "nur" eine Klasse aus der Heimschule für Erziehungshilfe - außerhalb unterrichtet, ähnlich wie oben beschrieben, und bin dabei nicht schlecht gefahren !
Gruß
Ronald
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Samstag 15. Oktober 2016, 06:52

Wenn man "das auch so gut kann......" :mrgreen:

Erfahrungen aus dem Alltag eines flexiblen Organisten.

Durch einen Unfall ist der Chorleiter/ Organist hier im Stadtteil seit Wochen ausser Gefecht. Der Mann hat hier bald 30jähriges Dienstjubiläum und wenn irgendwo in die Tasten gegriffen wird, macht er das. Ansonsten gibt es noch einen jungen Mann, der an den Hochfesten oder wenn er mal bei den Eltern zu Besuch ist, Organistendienste übernimmt.

Man muss dazu sagen, dass hier eher akademisches kulturbeflissenes Volk lebt. Es gibt eine ganze Reihe begabter Musiker und Künstler, diese werden entsprechend verhätschelt und vertätschelt und wie es bei vielen Leuten in der Altersgruppe noch wichtig ist, betont man gerne die Laufbahn derjenigen.

Jetzt musste ich u.a. bei einer wichtigen Veranstaltung einspringen. Bei der anderen Sache habe ich einfach aus dem Orgelbuch zum Gotteslob vom Blatt runtergespielt, für die andere Sache innerhalb ca. 14 Tage mir die Begleitung für eine Messe draufgeschafft und für Einzug/ Kommunion/ Auszug gab´s ordentlich Literatur zu hören. Meine Liedbegleitung war auch nicht ohne, kann da halt oft nicht vermeiden, dass man raushören kann, dass ich mal klassische Rockmusik gemacht habe.

Irgendwann habe ich mir irgendwo halt angewöhnt flexibel zu sein ohne großartig Zinober drumrum zu machen.

Aber, es geht mir echt auf den Keks. Jeder kommt an und ist ganz erstaunt, dass ich "das auch so gut kann". :roll:

Ähm...ja...., das habe ich alles mal gelernt. Es gibt halt neben den örtlichen 2-3 Musikern auch noch andere.... :lol:

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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von kernspalter » Samstag 15. Oktober 2016, 10:37

olds hat geschrieben:Aber, es geht mir echt auf den Keks. Jeder kommt an und ist ganz erstaunt, dass ich "das auch so gut kann". :roll:
Ich versuche in solchen Fällen, ein freundliches Gesicht zu machen und denke mir: Sagt der, wenn er aus dem Bus aussteigt, dann auch zum Busfahrer: 'Sie können ja richtig gut Bus fahren'?

Sagt er wahrscheinlich nicht. Warum? Busfahren ist keine Kunst, aber Orgelspielen ist eine Kunst. Und von daher gesehen spricht aus solchen Sätzen doch eine echte Wertschätzung. Auch wenn sie einem auf den Keks gehen können.
Mit kernspalterischen Grüßen

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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Sonntag 16. Oktober 2016, 20:22

Natürlich ist das echte Wertschätzung.

Aber es ist neben dem nervigen Faktor halt eben auch entlarvend. Ich mache das ja nicht erst seit gestern und gute 5 Jahre läuft mein Orgelspiel in der anderen Gemeinde halt unter "ferner liefen....", bis es eben zu diesem Moment kam.

Ich habe da aber halt nichts anderes gemacht wie sonst auch. Jetzt ist es aber plötzlich eine große Sache.

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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Samstag 22. Oktober 2016, 06:24

Es betrifft mich jetzt nicht und ich kann nur drüber schmunzeln, aber die Aktion hat inzwischen ein zwischenmenschliches Nachspiel.

Wie - zumindest in meiner Wahrnehmung - jeder bessere Amateur - Musikus hat der derzeit erkrankte auch einige Adlatusse. (Oder heißt es Adlati :?: ).

Der Adlatus für Gesang ist eine Frau Anfang/ Mitte 30, die immer mal wieder im Chor aushilft und auch mal dirigiert. Allerdings hat die Frau keinen Kirchenmusikweg eingeschlagen, sondern kommt aus der Ecke weltlicher Kammerchor.

Als es nun darum ging, den Ausfall des Chorleiters bis nach Weihnachten zu kompensieren hatte dieser zwar geklärt, dass die Frau die nächsten beide Auftritte macht, zum Chorleiter meinte er aber, dass die wohl nicht mehr machen könne, aus beruflichen Gründen.

Inzwischen macht ein Pensionär mit A-Examen (der aber nie Kantor war!) die Karenzzeit und die Frau ist wohl mächtig stinkig. Verständlich. Als Notnagel darf sie immer einspringen, wenn sie sich aber mal selbst und ohne "Adlatus" zu sein einbringen könnte, kommt jemand ganz anderes. Sie wurde ja sogar nicht mal gefragt!

Der Vorsitzende vom Chor meinte, dass das ihm hätte auffallen müssen, der Name wurde nämlich nie diskutiert... . Die Frau hat halt eine etwas flippige Art und bringt ein paar Nachteile mit, beispielsweise kann sie nur schlecht Klavier spielen.

Einen Chor weiterentwickeln kann sie momentan sicherlich nicht, da fehlt noch ein wenig zu, aber für eine Rentnertruppe mit Repertoire über Weihnachten zu geleiten, sollte kein Problem sein. Aber nein, wir sind ja ein guter Chor und ein kulturbeflissenes Örtchen und da kommen ja nur die besten greifbaren Leute in Frage.

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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Ronald Henrici » Samstag 3. Dezember 2016, 20:56

Im Forum hier sind wir sehr stark in die Tiefe gegangen und haben sehr wichtige psychologische Motivationen und Nichtmotivationen diskutiert. Und das ist gut so !
Allerdings möchte ich derzeit nur einen Aspekt zur "Nachwuchsförderung" hier aufzeigen, der mir schon einmal in den 60er Jahren aufgestoßen ist und der wieder im Kommen ist:
Ich weiß durch einen Hinweis aus einer Kirchengemeinde, daß die Evangelische Badische Landeskirche den Orgelunterricht für Interessierte Erwachsene und besonders Schüler im Schulalter - hier in dem Fall Gymnasialschüler - mit finanziellen Zuschüssen unterstützt, wenn sie entsprechend eine nebenamtliche C- oder D-Ausbildung anstreben. In beiden Fällen sind auch musikgeschichtliche und kirchengescxhichtliche - theologische Themen mit von der Partie.
Und nun der Effekt meiner Beobachtungen seit ca. 2 Jahren !!
Es gibt tatsächlich Schüler, die dieses in Anspruch nehmen und es in der Tat bis zur D- und/oder C-Prüfung durchführen und ihr Zertifikat in der Hand halten. So schön und so gut ! Aber Organistendienst machen sie nicht, auch nicht einmal in Vertretung !Der Zweck dieses Geschehens ist überwiegend von den Eltern angeregt, aber nur, um in der Schule es im Fach Religion und/oder Musik zur Note Eins im Zeugnis zu bringen. Des im Abiturzeugnis macht sich das sehr gut, weil es den Notendurchschnitte des Zeugnisses angebt auf ein mindestens 2 - , um dann nach dem Abitur einen brauchbaren Abiturdurchschnitt für einen entsprechenden Studienplatz in bestimmten Fächern zu erlangen. :shock: :( :( :x :cry:
Hier werden Forumsteilnehmer mir wahrscheinlich Unterstellung vorwerfen. Ich unterstelle nicht, denn geschilderte Vorgänge sind Tatsachen !
Andere Frage zum "Nichtspielenwollens" des so herangebildeten D- oder C-Musikers: Warum spricht die Landeskirche nicht eine zeitlich limitierte Verpflichtung an die Ausgebildeten aus, zumindest in Vertretung Organistendienste auszuüben ? Denn schließlich wurden für die Auszubildenden Kirchensteuermittel anderer Personen ausgegeben!
Letztere Frage ist sehr wohl diskussionsfähig! :D
Gruß
Ronald
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Sonntag 4. Dezember 2016, 10:13

Stimm´ ich Dir absolut zu.

Das mit der Verbindung dieser Ausbildung mit der Schule kenne ich hier jetzt nicht so, aber insgesamt stimmt´s halt.

Interesse an der Ausbildung ja, aber danach ist es halt so eine Sache von vielen in denen man engagiert ist. Mich persönlich regt es ja speziell hier immer auf, dass fähige und geschulte junger Sänger/- und rinnen noch mit 16+ Messdiener sind und der Seniorensingkreis, oooops...... :oops:m *räusper*, der Kirchenchor, ist leicht bis ziemlich überfordert.

Habe ja schon mehrmals Andeutungen gemacht, dass ich mir auf Initiative der Chorleitung von Seiten des Pfarrers ein Machtwort wünschen würde, aber Hochwürden wird es immer sehr warm um´s Herz, wenn er mit 24-30 Messdienern aufmaschieren kann. Von denen dann aber gerade die älteren Sänger keine Aufgabe wahrnehmen.

Das mit der Verpflichtung wird aber heutzutage in dem Moment kritisch, weil selbst in einer Stadt wie unserer hier (100.000 Einwohner, Technologiezentrum) die jungen Leute eben nach dem Abitur wegziehen. Wie soll man da eine Verpflichtung durchsetzen? Und um den Stachel noch tiefer ins Fleisch zu treiben: Wie soll man eine Verpflichtung durchsetzen, wenn es immer weniger Gottesdienste gibt und die bereits vorhandenen Organisten sich "stauen"?

Aus meiner Sicht sollte das Signal aus einer völlig anderen Richtung kommen: Verpflichtung der Würdenträger vor Ort, die jungen Leute einzubinden. Oder Anrechnung der Ausbildung auf die verpflichtenden Dienste.

Die Kantoren die ich so kenne fluchen immer über ihre vielen Messen, die sie spielen müssen. Warum da nicht reduzieren und sagen, dass die jungen Leute ran sollen? Dann können diese zumindest gegen Ende ihre Ausbildung, bis sie in die Welt entfleuchen noch was tun. Bildet der Kantor einen guten Musikus aus, soll der diesen ohne Nachteile auf seine unliebsamen Dienste setzen dürfen.

Tatsächlich sieht die Sache dann aber völlig anders aus. Mit der Begründung, dass ein "hohes Niveau" gehalten werden muss, vertreten bei den unliebsamen Diensten andere ältere Organisten. Warum nicht offen kommunizieren, dass das Niveau halt bei den Sonntagabendgottesdiensten etwas niedriger ist, weil die C-Schüler des ehrwürdigen Kantors spielen?

Warum passieren so Sachen wie hier erlebt, dass der Dekanatskantor unter Zeitdruck eine Messe in einer Filialkirche begleitet, beim Einsingen dem Chor einen jungen Sänger (aus dem Chor) als hervoragenden C-Schüler anpreist, diesen aber nicht spielen lässt? Stattdessen gibt es ein Standardrepetiore mit kurzem Auszug, weil der Herr Kantor zum nächsten Termin muss.

Ein Jahr später fiel der Auszug bei der Neuauflage der Veranstaltung komplett aus, weil er wieder zum nächsten Termin musste. Da reicht doch ein kurzes Telefonat um dem Schüler oder einen der anderen ausgebildeten Organisten im Chor (z.b. mir) zwei Wochen vorher Bescheid zu geben, dass man weg muss und sich der andere Organist auf das Schlußlied und den Auszug vorbereiten soll.

Das ist dann zwar keine komplette Dienst, aber selbst diese 10 Minuten sind eine Sache, bei der sich der Nachwuchs mal einbringen und der Entlastung der Altvorderen dienen kann. Man muss das nur wollen!

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