Nachwuchs-Förderung

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
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Ronald Henrici
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Ronald Henrici » Sonntag 4. Dezember 2016, 20:25

Lieber Olds !
Zu Deinen letzten Ausführungen gibt es wiederum einiges zu berichten. Du forderst das so richtig heraus.
Aber auch zu Berichtendes kann zu Lösungen vorhandener Probleme führen.
Dazu erst einmal zu Deinem letzten Passus:
Seit etwa drei Jahren hatte ein Kantor einer großen Kirche mit einer großen Orgel (III/P/46) das Problem, sonntags morgens an zwei Stellen spielen zu müssen, erst um 10 Uhr in der großen Kirche, dann um 11 Uhr(!) in dem etwa drei Kilometer entfernten Ökumenischen Zentrum auch den vollständigen Gottesdienst mit einem anderen Pfarrer. Diese Kombination kam vierzehntägig vor. Und schon geschah es einige Male, daß der erste Gottesdienst etwas länger dauerte und er zum zweiten Gottesdienst erst um 11:05 Uhr anwesend war. Nicht ganz so gut, oder? Zumal diese Tatsache vom dort amtierenden Pfarrer negativ öffentlich moniert wurde.
Aber eine andere Lösung kam nicht in Frage, etwa daß der gleiche Pfarrer des ersten Gottesdienstes auch den zweiten Gottesdienst hält.Dann hätten sich Kantor und Organist zusammen auf den Weg gemacht. Diese Lösung wurde von der Pfarrerschaft strickt abgelehnt.
Der Kantor, der schließlich die Gemeinde sehr gut kennt - es tut da inzwischen 25 jahre Dienst - hat für die weiteren Gottesdienststätten seine Orgelschüler und - innen gut herangebildet, die dann auch in den beiden anderen Kirchen annähernd regelmäßig Dienst tun und auch gern gelegentlich in seiner Situation Dienst tun, also hintereinander in Kirche und Ökumenischem Zentrum.Leider waren die Schüler etwas überfordert damit, bei der zweiten Gottesdienststätte pünktlich zu sein.
Auch da hatte der Kantor wieder eine gute Lösung: er nahm seinen dritten Orgelschüler bei den fraglichen Gottesdiensten "arbeitsteilig in die Pflicht". Er ließ ihn entweder beim ersten Gottesdienst den Teil nach dem Vater unser spielen, also das Schlußlied und das Amen mit Orgelnachspiel. Und der Schüler freute sich ! Das ging sogar qualitativ so weit, daß die Gemeinde den "Personalwechsel" an der Orgel überhaupt nicht mehr registrierte. Ein ander Mal ging der Schüler vor 11 Uhr ins Ökumenische Zentrum, und begann den Gottesdienst mit Vorspiel und erstem Lied an der "kleinen" Orgel, manchmal auch mit noch folgenden Teilen der Liturgie... und der Kantor hatte Zeit und Ruhe, seinen Schüler dann abzulösen.
Man bedenke dabei den pädagogischen Effekt: der Schüler war nicht auf ein Instrument allein und auf einen Gottesdienstraum allein fokussiert, was schließlich auch eine gewisse Flexibilität fördert.Und der Schüler freute sich, daß er auch schon in der Phase seiner Ausbildung einige Parts im Gottesdienst spielen durfte!
Das mein Kommentar zum Thema "Motivation" !!
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

kernspalter
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von kernspalter » Dienstag 6. Dezember 2016, 15:21

Ronald Henrici hat geschrieben:Hier werden Forumsteilnehmer mir wahrscheinlich Unterstellung vorwerfen. Ich unterstelle nicht, denn geschilderte Vorgänge sind Tatsachen !
Wer sollte hier wem Unterstellung vorwerfen, und warum?
Gegen Tatsachen ist ja nichts einzuwenden.
:)
Mit kernspalterischen Grüßen

Dorforgler
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Dorforgler » Mittwoch 7. Dezember 2016, 01:31

Ich moechte hier einmal einen ganz anderen Aspekt der "Nachwuchsfoerderung" anbringen, der bisher noch nicht erwaehnt wurde: Wie sieht es eigentlich mit dem Ausbildungsstand der Unterrichtenden aus?!?!?!?
Spaetestens nach dem letzen Weltkrieg bis weit hin in die 2000er (wo dann die erste "Spezialisierungswelle" einsetzte), wurde es eigentlich als selbstverstaendlich angesehen und teilweise auch vorausgesetzt, dass sich ein hauptberuflicher Kirchenmusiker neben dem aktiven musikalischen Gemeindedienst halt eben so "nebenbei" noch so um seine 1-3 Orgelschueler kuemmerte.

Das Problem dabei: Die allerwenigsten Kantoren, die im aktiven musikalischem Gemeindedienst stehen, haben eigentlich eine entsprechende musik- oder instrumentpaedagogische Ausbildung dafuer, was ich mittlerweile als wirklich kritisches Problem ansehe! Die Tatsache , dass jemand die Orgel, Chorleitung o.a. persoenlich auf einem sehr hohem Niveau beherscht, ist nun wirklich keine Garantie dafuer dass dieser jemand auch ein guter Lehrer im Sinne der Weitervermittlung ist...

In den Letzten Jahrzehnten sind die Herausforderungen und auch die Anforderungen in der Instrumentalpaedagogik - ohne Zweifel! - deutlich anspruchsvoller geworden - und die Kirchen haben das eigentlich mal wieder "verpennt". Grade in Sachen REKRUTIERUNG braeuchten wir definitiv eine Spezialisierung - warum z.B. nicht den kirchenmusikalischen Mastergrad in Musikpaedagogik?!?!? (So weit ich weiss, gibt es dass so noch nicht)
Viele Landeskirchen/Kreiskirchen haben mittlerweile sog. "Pop-Kantoren" am Start - in gleicher Linie muesste es eigentlich jetzt bald mal "Paedagogenkantoren" geben, die sich - natuerlich in Zusammenarbeit mit den oertlichen Kantoren! - um die musikpaedagogische Ausbildung des Nachwuchses kuemmern.

Ronald Henrici
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von Ronald Henrici » Mittwoch 7. Dezember 2016, 19:41

Lieber Dorforgler !
Bei meinen Statements habe ich das Problem der Unterrichtenden bewußt ausgeklammert. Denn ich habe festgestellt, daß viele der Orgel - Unterrichtenden eigentlich pädagogisch nicht in der Lage sind, entsprechend mit Schüler, Methodik und Didaktik umzugehen. Es fehlt zwangsläufig das, was ein Lehrer an jeden Schularten in seinnem Studium gelernt hat, bzw. studiert hat.
Bei den reinen Kirchenmusikerausbildungsstätten fehlte bis vor kurzem noch dieser musik- und/oder allgemeinpädagogische Teil, weil er für das eigene berufliche Tun nicht von Bedeutung war.
Inzwischen hat man erkannt, daß ein gewisser Teil der Erwachsenenpädagogik notwendig ist, weil der Kantor, Organist und Kirchenmusiker mit Laien im Kirchenchor und der Kantorei, auch manchmal mit Instrumentalmusikern, die ihr Tun im Rahlen eines "Hobbys" ausüben, zu tun hat. Der pädagogische Konsens ist aber auch besonders wichtig, wenn man mit Kindern in Kinderchören oder auch Kindern als Instrumentalisten zu tun hat. Denn nicht jedes Kind genießt entweder einen privaten Unterricht bei einem Profi, noch kann jedes Kind in eine Musikschule gehen, in der überwiegend Musik -Pädagogen tätig sind.
Die Ausbildungsgänge haben sich seit etwa zwei Jahren an den Musikhochschulen und Pädagogischen Hochschulen - so meine eigenen Beobachtungen als Gasthörer und Seniorenstudent in beiden Einrichtungen - etwas grundlegend verlagert. Viele Studierende der Kirchenmusik gehen im Sudium weiter mit der Zielsetzung "Schuldienst", um später beruflich weitere Möglichkeiten zu haben als Kirchenmusik hauptamtlich in kirchlichen Diensten.
Das haben inzwischen auch die Landeskirchlichen Kirchenmusikschulen (Hochschulen für Kirchenmusik) deutlich erkannt. In den Vorlesungen und Seminaren tauchen immer mehr pädagogisch orientierte Konzepte auf. In zwei Fällen weiß ich, daß diese sogar gezielt von den Studierenden angenommen werden.
Das Problem pädagogischer Konzeptionen in der Ausübung zu kirchenmusikalischer Arbeit ist also inzwischen durchaus erkannt.
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

olds
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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Donnerstag 8. Dezember 2016, 19:43

Also ich gehöre zu denen, denen die Kirchenmusik durch einen kirchenmusikalischen Oberguru praktisch versaut worden ist.

Hätte ich nicht kurz danach meinen späteren Lehrer kennengelernt, pikanterweise ein Schüler eben jenes Obergurus, hätte ich meine Freude an der Orgel nicht (wieder-)entdeckt.

Problem bei der Geschichte damals war schlicht, dass ich aufgrund meiner persönlichen Eigenschaften wenig Biss mitbrachte. Interesse und Bereitschaft zum Üben ja, aber eben nicht Biss. War damals noch nicht so ganz der reifeste Jünglich, trotz frischem Abitur in der Tasche.

Der Herr Regionalkantor setzte den aber im Grunde vorraus, da es bei ihm halt nur wirklich richtig gute Schüler gab. Einen Mittelbau gab es bei dem Kerl wohl nie. Wer über die Zeit Schüler bliebt ist ohne C nicht nach Hause gegangen.... .

Zwar haben im Nachhinein mir viele Leute gesagt, dass das sehr schade sei, immerhin sei das ein hervorragender Musiker, aber der Mann kannte halt nur diese eine Schiene und auf der konnte ich nicht folgen. Meine vorherigen Heimorgel- und Klavierlehrer waren da ganz anders, die hatten verschiedene Tricks und Kniffe drauf... .

Unterschied aber war wohl auch, dass die selbst Kinder hatten und im Leben schon alles an Musik durch. Also nicht nur diese One-Trick-Pony Kantor mit großer Orgel und richtig gutem Chor.

Da lernte man tatsächlich erstmal "Roll over Beethoven" und nach ein paar Wochen lag zufällig der richtige Beethoven auf dem Klavier.... So ganz aus versehen und so ganz aus versehen probierte man dann halt auch mal..... .

Dass ich von elektrischer Heimorgel auf Klavier wechselte (was ich ursprünglich nicht wollte), hing damit zusammen, dass ich unbedingt ein bestimmtes Stück lernen wollte, mein Lehrer aber die Orgelnoten - angeblich, Lieferschwierigkeiten - noch nicht hatte. Ausser eben Klaviernoten. Klang auf der Orgel schrööööcklich. Also mal auf dem Klavier nebendran probiert und siehe da..... .

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Re: Nachwuchs-Förderung

Beitrag von olds » Dienstag 27. Dezember 2016, 10:10

Wir lieben sie doch, diese Momente.

Solange der Chorleiter und Hauptorganist noch gesund war, haben sich er und sein junger Adlatus die wichtigen Messen geteilt. Chef dirigiert, Adlatus begleitet, die Kirchenlieder spielte man abwechselnd, die teilweise knifflige Literatur gehörte ganz dem Adlatus.

Jetzt ist Chef halt nicht mehr in der Lage eine Orgel zu spielen, kann aber einhändig den Chor leiten.

Die Messe spielte jetzt komplett jemand anderes - vielen Chormitgliedern völlig unbekannt - , der Adlatus durfte also noch weniger als sonst.

So ist das halt. Der ist der "König" mal wegen Krankheit einige Wochen vom Thron und anschließend nicht mehr spielfähig, da fällen die Ursupatoren von den anderen Orgeln der Gemeinde nicht nur ihn, sondern auch sein Gefolge.

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