Stephen Tharp in St. Lambertus, D-Altstadt

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Clemens Schäfer
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Stephen Tharp in St. Lambertus, D-Altstadt

Beitrag von Clemens Schäfer » Dienstag 8. September 2015, 14:42

Hallo Forum,

Da es ja - dem Himmel sei’s geklagt - kaum originale Orgelliteratur gibt, müssen Organisten
zwangsläufig auf Transkriptionen ausweichen. So könnte man ätzen. Über Wert und Unwert von
Transkriptionen ist hier und in den Vorgängerforen schon viel diskutiert worden. Da nach
Erfindung der Tonträger das Argument der Vermittlung ausfällt, müssen andere Gründe her.
Wichtigstes Argument ist wohl das Klangfarbenangebot der Orgel. Damit läßt sich gegenüber dem
Original der eine oder andere Gedanke des Komponisten verdeutlichen, Stimmungen anders und
mitunter auch stimmiger wiedergeben. Am wichtigsten erscheint mir aber die Befriedigung des
Spieltriebs von Arrangeur und Spieler: Es muß nun einmal Spaß machen, ein Werk etwa für
Orchester einzudampfen, ohne dabei wesentliches aufgeben zu müssen.

Stephen Tharp spielte im Septemberkonzert der “Internationalen Orgelkonzerte” an St. Lambertus
in Düsseldorf (Altstadt) ausschließlich Transkriptionen. Nur die Zugabe war Originalliteratur. Er
begann mit Rachmaninoff, Etude-Tableux op. 39 Nr. 9 in eigener Bearbeitung. Der Gestus von
Rachmaninoffs Musik war jederzeit präsent. Die Klavierläufe hörbar. Tharp spielte, wie auch im
weiteren, tadellos, ja virtuos, ohne das besonders hervorzukehren.

In Listzs Orpheus (1854), einer Bearbeitung von Jean Guillou, kam Klangsinn und die Kunst dazu,
Abschnitt für Abschnitt spannend zu erzählen, ohne daß irgendwo der Faden gerissen wäre.
Wunderbar der Signalruf aus der Chororgel und die Antwort aus dem SW der Hauptorgel zu
Beginn. Eine famose Darstellung, die zweifellos ihren Eigenwert hat. Hier gab es zu Recht
Zwischenbeifall.

An dritter Stelle standen die sechs Klavierstücke op. 118 von Johannes Brahms. Der war 1853 in
Düsseldorf und spielte damals in eben dieser Kirche auf der damals neuen Ibach-Orgel. Nun also
Werke aus seiner allerletzten Schaffenszeit; ruhig, abgeklärt, ein wenig resignierend und traurig.
Tharp wußte das richtig einzuschätzen. Er traf die Stimmung der Stücke genau, registrierte dezent
und verfiel nicht der Gefahr, die Musik (angesichts der Möglichkeiten der Orgel!) aufzublasen. Sein
großer Klangsinn zeigte sich auch hier. Und die Tugend, große Bögen spannen zu können. Die
Transkription stammte von Tharp selbst; die Aufführung des kompletten Zyklus war eine
Uraufführung. Und so gab hier auch Zwischenbeifall.

Am Ende Tschaikovsky, Scherzo aus der 6. Symphonie op. 74. Transkription: Jean Gulliou. Das
ging recht filigran und fast kammermusikalisch los. Gegen Ende aber mußte Tharp alles ziehen; es
wurde heftig und dröhnend. Dennoch stellte sich nicht der rabiate Effekt einer Orchesteraufführung
ein. Es fehlten dann doch die Schlagzeuger, und die Schlußakkorde(-schläge) verwischten im
reichlich vorhandenen Nachhall. Das hätte etwa in der Auferstehungskirche besser funktioniert.
Schmerzlich vermißt wurde nach dem Scherzo das Lamentoso (letzter Satz der Symphonie), einen
so scharfen Stimmungsumschwung gibt es in der Musik selten. Fahl, ausweglos, nihilistisch. Zum
Heulen. Natürlich wartet man darauf. Aber das war im Programm nicht vorgesehen. So kam zum
Problem Transkription noch das der Nichtachtung des Zusammenhangs dazu.

Der Beifall (fast vollbesetzte Kirche) kam sofort, stark und begeistert. Zugabe: Boellmann,
Élevation aus einer Sammlung kleiner Stücke. Wunderbar im Streichersatz.

Gruß Clemens Schäfer

kernspalter
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Re: Stephen Tharp in St. Lambertus, D-Altstadt

Beitrag von kernspalter » Dienstag 8. September 2015, 18:26

Clemens Schäfer hat geschrieben:Wichtigstes Argument ist wohl das Klangfarbenangebot der Orgel. Damit läßt sich gegenüber dem Original der eine oder andere Gedanke des Komponisten verdeutlichen, Stimmungen anders und mitunter auch stimmiger wiedergeben.
Bei guten Transkriptionen Klavier-Orgel ist das sehr oft (nicht immer) der Fall.
Der Zugewinn an Klangfarben kann den unvermeidlichen Verlust an dynamischen Nuancen aufwiegen oder sogar mehr als aufwiegen.

Bei Transkriptionen Orchester-Orgel fällt dieser Vorteil weg. Da fehlt mir immer etwas. Ich kenne bisher keine Orchester-Orgel-Transkription, die ich dem Original vorziehen würde.
Mit kernspalterischen Grüßen

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