Rohrpfeife 2'

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Daniel
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Rohrpfeife 2'

Beitrag von Daniel » Dienstag 17. Juli 2012, 09:12

In den 1950er/60er-Jahren hatten einige (Neo-Barock-) Orgeln im Hauptwerk eine Rohrpfeife 2‘ disponiert.
Neben Oktave 2‘ bzw. neben Mixtur 2‘.
Darunterliegend waren die üblichen Prinzipale und (Gedackt/Pommer 16‘), Gedackt 8‘/Gemshorn 8‘/Trompete 8‘/Hohlflöte 4‘/Quinte,Nasat,Kornett.
Wozu diente die Rohpfeife 2‘ ? – Als Flöten-Klangkrone oder Prinzipal-Ersatz ?
Klang sie dominanter als eine Oktave 2‘ ? (Mehr Grundton – höhere rauhe Obertöne? – bessere oder schlechtere Verschmelzung mit 8‘ und 4‘ ?)
Ich weiß jetzt im Moment nicht, ob sie schon bei Praetorius erwähnt wird, oder erst bei Mahrenholz.

Ronald Henrici
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Re: Rohrpfeife 2'

Beitrag von Ronald Henrici » Dienstag 17. Juli 2012, 20:53

Ich kann das erst beurteilen, wenn ich diese Orgel einmal genossen habe. Aber: Der Grund der Disponierung neben Oktave 2 ist durchaus verständlich, weil die Rohrpfeife grundtöniger sein kann, obwohl es ein überblasendes Register ist mit hohen dissonanten Obertönen. Bei Mahrenholz ist die Rohrpfeife beschrieben in "Die Orgelregister" Seite 119, Dritte unveränderte Auflage 1987.er ordnet dieses Register allerdings nicht eindeutig historisch zu. Bei E.K.Rössler ist die Bauart etwas in der Mensur verändert in Annäherung an die Schweizerpfeife (dies ein ganz klar überblasendes Register) experimentell in einigen Orgeln eingebaut worden.Eine Dokumentierung schriftlicher Art diees Rösslerschen Registers gibt es leider nicht. Ich würde dieses Register sehr gut klingend verstehen mit einem runden 8 Fuß allein (gute Verschmelzung), oder auch in der Kombination mit Prinzipal 8, Flöte 4, was einen sanften Klang mit einer reduzierten Obertönigkeit ergibt, gegenüber der Kombination Prinzipal 8, Flöte 4(oder Oktave 4), Oktave 2.
Sinnvoll ist ein solcher 2 Fuß allerdings nach meinem Ermessen an größeren Orgeln, nach meinen klanglichen "Vorstellungen", da Oktave 2 und Rohrpfeife 2 in Charakter und Klangfarbe sehr unterschiedlich zu intonieren sind.
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

kernspalter
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Re: Rohrpfeife 2'

Beitrag von kernspalter » Mittwoch 18. Juli 2012, 09:04

Daniel hat geschrieben:Wozu diente die Rohpfeife 2‘ ? – Als Flöten-Klangkrone oder Prinzipal-Ersatz ?
Wenn sie neben einer Oktave 2' disponiert ist, wird sie wohl kaum als Prinzipal-Ersatz gedacht sein.
Klang sie dominanter als eine Oktave 2‘ ? (Mehr Grundton – höhere rauhe Obertöne? – bessere oder schlechtere Verschmelzung mit 8‘ und 4‘ ?)
Da es sich bei der Rohrpfeife um eine Flöte handelt und Flöten im allgemeinen nicht dominanter sind als Prinzipale, werden auch die neben einer Oktave 2' disponierten Rohrpfeifen 2' im allgemeinen nicht dominanter geklungen haben als die Oktave 2'. (Gleichwohl würde ich nicht restlos ausschließen, daß es nicht irgendwo eine außerordentlich matt intonierte Oktave 2' neben einer außergewöhnlich rauh und penetrant intonierten Rohrpfeife 2' gegeben haben könnte...)
Ich weiß jetzt im Moment nicht, ob sie schon bei Praetorius erwähnt wird, oder erst bei Mahrenholz.
Laut Roland Eberlein, Orgelregister - ihre Namen und ihre Geschichte, Köln 2009 (ein für solche Fragen äußerst nützliches Buch, dessen Erwerb sehr zu empfehlen ist) erst bei Mahrenholz.
Zuletzt geändert von kernspalter am Mittwoch 18. Juli 2012, 09:19, insgesamt 1-mal geändert.
Mit kernspalterischen Grüßen

kernspalter
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Re: Rohrpfeife 2'

Beitrag von kernspalter » Mittwoch 18. Juli 2012, 09:17

Ronald Henrici hat geschrieben:Ich kann das erst beurteilen, wenn ich diese Orgel einmal genossen habe. Aber: Der Grund der Disponierung neben Oktave 2 ist durchaus verständlich, weil die Rohrpfeife grundtöniger sein kann, obwohl es ein überblasendes Register ist mit hohen dissonanten Obertönen.


Ich kenne etliche Orgeln mit Rohrpfeifen in 8'- 4'- und 2'-Lage. Von diesen Rohrpfeifen ist keine einzige überblasend; alle haben Rohrflötencharakter.

Bei der von Ernst Karl Rößler disponierten überblasenden Rohrpfeife handelt es sich um einen eher seltenen Sonderfall.
Eine Dokumentierung schriftlicher Art diees Rösslerschen Registers gibt es leider nicht.
Das im obigen Beitrag erwähnte Buch von Roland Eberlein enthält eine Beschreibung samt Mensurtabelle für eine Rößlersche überblasende Rohrpfeife.
Mit kernspalterischen Grüßen

Ronald Henrici
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Re: Rohrpfeife 2'

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 15. März 2018, 19:13

Gruß an Kernspalter !
besten Dank für den Hinweis. Ich glaube, ich muß mir das Buch von Eberlein doch intensiv zu Gemüte führen. Rössler hat mir leider kine Mesurentabelle zu dem Register zukommen lassen, obwohl er im fraunhoferschen Institut in Stuttgart gerade auch dieses Register hat analysieren lassen in der Zusammensetzung/Ausfilterung der Obertonreihe.
Ronald
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