Bedeutende Orgel von 1928 bedroht!

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
P.M.P.
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Beitrag von P.M.P. » Mittwoch 11. August 2010, 08:45

Hallöchen!

Hmmm, glaubt man dann http://www.kath-kirche-buehl.de/vor.htm (links unten in der Ecke steht es) und den dort genannten 750 000 Euro, die nur für eine Instandsetzung am bestehenden Ort fällig würden (man stelle sich vor, es kämen Ankauf, Ab-, Transport- und Aufbaukosten sowie evtl. Adaptierung/Umbau des Werks/der Emporenkonstruktion/Statik hinzu), dann reichen die 800 aber bei weitem nicht.

Viele Grüße

Ferdinand

Beitrag von Ferdinand » Donnerstag 26. August 2010, 21:37

Liebe Alle,

ich wurde nebenbei zufällig auf das Bühler Instrument im Zusammenhang mit dem angedachten Vorhaben in Gießen aufmerksam. Ich bin zwar kein absoluter „Vollprofi“ in Sachen Orgel, doch geht mir diese geradezu unglaubliche Sache sehr zu Herzen.

Die schöne englische Chororgel fungiert ja in Gießen zum quasi gegenwärtigen desolaten Hauptinstrument. Diese ist ja auf der HP "Perle der Empore" zu bewundern. Vor kurzem habe ich es mir dann in der schönen Ferienzeit gegönnt sowohl einen Ausflug nach Bühl und Gießen zu unternehmen, um dort neben zahlreichen anderen Instrumenten vielleicht neues zu entdecken.

Allein das Gießener Vorhaben einer möglichen teilweisen Umsetzung (Pfeifenwerk?) Schwarzorgel (mit einem Umbau unter einem Verzicht der pneumatischen Anlage?) auf die dortige Empore lässt in mir sehr große Fragezeichen reifen.
Auf deren Website wie im Original kann man perfekt erkennen, dass der Prinzipal 16’ des Pedals in Hamburger Manier noch unterhalb des Emporenniveaus auf Stahlträgern hängt.
Gehe ich jetzt von der Bühler Orgel aus, so hat diese etwa eine Gesamthöhe von 25 Fuß. Es gibt in Bühl gar einen 16’ Prinzipal im Prospekt.
Will man den in Gießen dann wie Mikadostäbe vor die Brüstung hängen, damit er unter die Decke passt oder verschwindet er einfach bei der Umsetzung weil er nicht ins Konzept passt? Das wäre nicht das erste Mal... Vergl. z.B. Arbeiten von Paul Ott. Im Pedal steht ja auch heftiges 16’ und 32’ Gerät, dann beide Schwellwerke die vielen Magazinbälge usw. Das kann man nicht einfach schön zusammenschrumpfen.

Wo soll letztlich der pneumatische Spieltisch hin? Quasi in der Orgel eingebaut oder doch eher vor der Kirche;-) ?

Schließlich ist das ganze, größte jemals erbaute Schwarz-Instrument – laut Nachfrage bei den öffentlichen Stellen in BW– komplett unter Denkmalschutz gestellt. Das betrifft dann also nicht nur die Pfeifen, sondern Laden, Bälge, Pneumatik. Das muss dann, wie oben gesagt, alles in Gießen in den vielleicht an den Seiten 10 Fuß hohen und verglichen mit Bühl wenig tiefen „Schwitzkasten“ von Empore.
Es geht hier letztendlich auch um praktizierenden und visionäre Kultur- und Denkmalpflege und nicht darum: „Ei, dat ist schön, dat wolle ma“, obwohl es beim genauen Hinsehen vom Volumen her gar nicht passen kann. Wo bleibt das Verantwortungsbewußtsein?

Wie können sich – jedenfalls meines Zollstockes nach – als Verantwortliche so krass verschätzen?

1:1 geht niemals, da fehlen ca. 6 Meter Höhe. In Bühl unterdessen hält man mit dem Verein sehr interessiert an dem Vorhaben fest, die Grande Dame der Zwischenkriegszeit zu behalten. Dafür spricht der Seltenheitswert des Instrumentes und auch die einmalige Situation, die ich als „Dornröschenschlaf“ einstufe.

Wo haben wird denn noch so etwas Originales vorzuweisen?

Gibt es vielleicht auch schon mittlerweile Neuerungen, die bekannt sind?

Vielleicht kann mir jemand über die nachstehenden Punkte nähere Angaben machen:

1.Die Gießener Chororgel soll, wie ich hörte, eine Interimslösung darstellen, bis eine mögliche Aufstellung einer „neuen“ Orgel auf der Empore – welchen Produktes auch immer – vollzogen ist. Danach soll diese wieder abgebaut werden. Das wäre aber ein Widerspruch, denn auf der Empore hat ja lt. „Perle der Empore“ kein Chor Platz?
Erst recht nicht mir dem Bühler Gerät.

2.Es gäbe in Gießen sicher noch weitaus zahlreiche günstigere Alternativen für das Pfeifenwerk oder komplette (teilweise) original erhaltene romantische Orgeln zu prüfen. Beim Blättern in den früheren Beiträgen hier im Forum wurde schon genannt, dass historische romantische Orgeln in Lagern auf ihre Auferstehung warten. Es war u.a. von Dr. Lampl in Valley die Rede. Das wäre doch mit weitaus weniger Umständen behaftet?

NB. So eine große Orgelanlage z.B. seiner sehr sauber verlegten Original-Pneumatik (siehe Bilder der HP des Vereines der Schwarzorgel Bühl ) zu entrauben, grenzt schon an Wahnsinn. Es dürfte sicher nie mehr so tun, weil man diese beim Wiederaufbau nicht mehr so original präzise verlegen wird, wie dies gegenwärtig vor Ort ist. Also neue Materialien einbauen. Die originalen Bleiröhrchen kann man dann in der Regel wegwerfen.

Denkmalgerecht?

Ich denke, dass demzufolge in nicht wenigen Köpfen der OSV, egal welcher Länder, eine eindringende außerordentliche Fortbildung mit dem Stichwort „Pneumatik“ dringend angeraten wäre. Auch ist hinlänglich bekannt, dass die originale Intonation der Pfeifen (auf Pneumatik) bei einem möglichen Umbau auf Schleifladen zu einer orgelbautechnischen und klanglichen Sackgasse reifen wird. Dafür gibt es nicht wenige bezeichnende Beispiele. So in Gelsenkirchen (Hans-Sachs-HS).

Ein abschließender Gedanke:

Ich glaube kaum, dass das Bühler Instrument unter den gegebenen Voraussetzungen seriös von einem Orgelbaubetrieb in Gießen aufgestellt werden kann, siehe meine Gedanken weiter oben.
Das Motto ist ganz einfach: das ganze Instrument in allen Bestandteilen zu versetzen, muss vorab nachweislich durch den Denkmalschutz 1:1 bewiesen werden. Ist das Instrument aber erst einmal in Bühl, im schlimmsten Fall gar aufgrund nicht haltbarer Versicherungen etwaiger Käufer, abgeschlagen, ist es dahin.

In Zeiten, in welchen nicht wenige Orgelfirmen händeringend um Aufträge suchen, wird man sicher wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, auch ungewohnte Wege gehen. Mit einem solchen Auftrag kann sich sicher manche Firma gut sanieren, so schmerzlich das für unseren deutschen Orgelbau auch sein mag. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass überhaupt hervorragende seriöse Orgelbaufirmen mit großer Erfahrung im restauratorischen Bereich, im Falle einer Anfrage, ein solches Angebot überhaupt erst annehmen werden?

Ich wünsche dem Vorhaben alles erdenklich Gute, dass die Schwarz-Orgel in Bühl erhalten bleibt. Es ist nach meiner Meinung und Auffassung, wie ich die Dinge dort am Ort erlebte, auch real zu schaffen. Mittel und Wege sind ja bereits vorhanden.

Meine Bitte gilt v.a. den darin involvierten Orgelsachverständigen in Baden und Hessen und der Gießener Pfarrgemeinde (Regionalkantor, Pfarrgemeinderat und Förderverein) doch bitte mögliche, sinnvollere Alternativen zu prüfen, die auf Augenhöhe des finanziell Machbaren in Gießen transparent umsetzbar sind und so das einzigartige Kulturgut in Bühl vor dem endgültigen Niedergang bewahrt.

Es grüßt Euch herzlich

Ferdi

P.M.P.
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Beitrag von P.M.P. » Donnerstag 26. August 2010, 21:53

Also erstmal danke für dieses sehr ausführliche Posting.

Wenn Du lieber Ferdinand nun die, hier im Thread bereits einmal früher kurz erwähnte, Platzfrage so gezielt ansprichst, wäre natürlich interessant, welche Gewölbehöhe/Breite/Tiefe in Bühl der in Gießen wirklich gegenübersteht. 1:1 ja oder nein, das ist doch die essentielle Frage die es zu klären gilt?

Trotz Dauerregen wünsche ich einen schönen Abend

Michael17
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Beitrag von Michael17 » Samstag 28. August 2010, 20:39

Hallo Roland,

du scheinst die Orgel ja besser zu kennen. Wenn ich dich richtig verstehe, ist die Orgel nach gut 30 Jahren Schlaf immer noch spielbar. Klanglich kann ich mir vorstellen, dass es eine sehr interessante Orgel ist, die ein romantisch breites Klangfundament mit barocken (wenn auch Neobarock) verbindet. Und selbst wenn es kreischende Mixturen gibt, ist dies reine Intonationssache, also relativ leicht zu beheben.

Nach so langer Zeit ist es selbstverständlich, dass ein Balg undicht werden kann. Auch nichts großartiges.

Was ich denke ist, dass die Taschen und Membranen wahrscheinlich ausgetauscht werden sollten. Die haben nun mal nur eine begrenzte Lebensdauer. Leder wird einfach irgendwann etwas steif; dadurch kann es zu Heulern kommen, bzw. wird die Tonansprache etwas träge.
Möglicherweise kommen noch kleinere Reparaturen hinzu, aber alles in allem kann ich die gewaltige Summe von 750 000 € niemals erklären. Da will eindeutig jemand der Gemeinde vorgaukeln, dass die Orgel schrottreif ist.

Lasst euch nur nicht unterkriegen! Vor allem kann ich mir nicht vorstellen, dass die voll neobarocke Rieger-Orgel auch nur ansatzweise an den Klang dieser Schwarzorgel herankommt.

Viele Grüße,
Michael

Ferdinand

Beitrag von Ferdinand » Dienstag 31. August 2010, 23:21

Liebe Alle,

nach wenigen Tagen meines ersten Beitrages in Orgel-Information.de bin ich über die eingegangenen Antworten sehr erfreut. Irgendwie laufe ich gerade so richtig zu Hochform auf, das ist ein brennend heißes Thema, das bei mir als altem Rechtsverdreher so seine besonderen Reize weckt ;-)

Mich würde einzig und allein brennend interessieren, wie man so pauschal auf die Summe von 750.000,- € kommt.
Aus welchen Positionen setzt sich denn sich solch eine horrende Summe im einzelnen zusammen?
Aus reinem Interesse habe ich gerade zwei sehr renommierte deutsche Orgelbaufirmen telefon. angefragt, was eine Restaurierung von Taschenladen in dieser Größe kosten wird. Das dürfte doch im Interesse der hiesigen Forumgemeinde und auch darüber hinaus sicher erlaubt sein. Man gab mir jeweils sehr bereitwillig Auskunft was in der Regel zu tun wäre. Was muss gemacht werden?

Reinigen, Bälge und Windkanäle neu dichten (ausspanen/papieren), altes Gebläse überholen, alle Lederbälgchen/Taschen austauschen und ggf. neu beledern und wenige Pfeifen richten. That's all.
Alles andere steht vor Ort – demnach ist nichts weiteres zu tun.

Als ich das Thema "Bühl" ansprach war man in beiden Betrieben sofort hellhörig. Doch war man dort eben zugleich sehr entsetzt über den Gedanken, wie mit dem Instrument im schlimmsten Falle verfahren werden soll.

„Stehen lassen - wir haben hier 100% Originalzustand, dass wir bisher bei einer Renovation selten so angetroffen haben, alles andere wäre fatal.“ --> beider Credo

Beide Firmen gaben mir gegenüber mündl. seriöse Schätzpreise ab, nicht um den großen Auftrag zu erhalten, sondern einzig und allein pietätsvoll im Sinne eines Denkmalgutes zu urteilen. Bei den genannten Preisen fiel ich fast vom Stuhl – es soll unglaublich viel billiger gehen als die 3/4 Mio.!!!! Die Herren in der einen Chefetage konnten nicht glauben, dass man das als offiziellen Richtwert angibt. Da muss was faul sein. . . Wenn eine genaue Summe feststeht, dann muss es doch wohl schon konkrete Angebote geben?

Nebenbei, warum gibt man dem rührigen Förderverein vor Ort nicht die faire Chance, das Instrument fachgerecht einer Restaurierung zu unterziehen und für die Betreuung und weitere Instandhaltung aufzukommen? Das ist doch hier das Forum-Credo?

NB.
Ein nicht wichtiger Aspekt scheint den Firmen nach der Unterschied zwischen Zu- und Abstromsystem zu sein. Das scheint mir in der zentralen Bewertung der Pneumatik eine wesentliche Fragestellung zu
sein, wenn ich mich nicht irre. Bei vielen dieser pneumatischen Kisten mit Abstrom-Taschen ist die Übertragung lt. beider Orgelbauer „affenschnell“. "Da geht mit Übung sogar barocke Ornamentik." Angesichts der im Thread herauszulesenden Fragen/Argumentation zu Bühl:
Wurde die Pneumatik denn auch vor Ort präzise in der Funktion (mit Stoppuhr oder so?) getestet oder verfährt man hier in der Beurteilung blind gemäß 1960er Standart: Pneumatik ist grundsätzlich Schrott? Ich hoffe doch inständig, dass hier doch endlich wirklich seriös darüber geurteilt wird!!!

Eines sollte jedoch sollte grundsätzlich vermieden werden:

ein zu schnelles Meinungsbild in der Beurteilung zu postulieren, um vermutlich möglichst das große Geld zu machen. Das kann doch echt nicht wahr sein, oder?

Soweit zu meinen wieder einmal viel zu langen Ausführungen – Verzeihung! Ich bin lediglich wie gesagt kein „Vollprofi“ und kenne mich nicht bis ins letzte Orgelbaudetail aus. Deshalb meine heutige "Hilfe von außen". Aber eine grundsätzliche Einsicht zum Verständnis der Materie ist vorhanden.

Mit herzlichem Gruß an die Forumleser

Ferdi

Martin
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Beitrag von Martin » Mittwoch 1. September 2010, 09:35

Guten Morgen!

Wenn man sich die wirklichen Arbeiten und Kosten vor Augen führt, so dürfte eine Restaurierung in Bühl vielleicht gar keine so große Utopie mehr darstellen, da der Verein vermutlich nur einen wesentlich geringeren Betrag als diese ominösen 750 000 zu stemmen hätte. (So wie ich es dort oben lese, ist derzeit für die Öffentlichkeit nicht erruierbar wer, oder besser welches Gutachten oder Angebot diese Summe, die jetzt scheinbar quasi als "Entscheidung gegen den Standort Bühl und den Verein" benutzt wird, in die Welt gesetzt hat. Dies wäre interessant zu wissen.) Wenn den offiziellen Stellen möglicherweise sogar konkrete Kostenüberschläge vorgelegt würden, die zeigen, dass diese Summe möglicherweise falsch wäre, dann könnte das vielleicht einige Kreise zum Nachdenken veranlassen und diese wunderschöne Orgel hätte, mit dem Verein, eine wirkliche Chance auf eine bessere Zukunft.

Mit freundlichen Grüßen
Martin

Ippenstein
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Beitrag von Ippenstein » Mittwoch 1. September 2010, 15:28

Hat sie nicht, solange der öffentliche Druck nicht so groß ist, daß danach Köpfe rollen würden:

Da sind Leute am Drücker, die zwei Dinge sehen:

1. Wir haben zwei Orgeln, brauchen aber nur eine.

2. Wenn wir die eine verschachern, bekommen wir ordentlich Geld.


Danach wird das Hirn ausgeschalten bzw. nur noch dazu benutzt, alles andere vom Tisch zu fegen und sein Ding durchzudrücken.

Grobgehackt
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Schwarzorgel Bühl

Beitrag von Grobgehackt » Samstag 30. Oktober 2010, 17:27

Gestern habe ich einen erfreulichen Anruf erhalten.
Ich wollte aber auf jeden Fall den entsprechenden Bericht in der Zeitung abwarten:
Die Schwarz-Orgel Bühl wird nicht verkaufft bzw. das Interesse aus Giessen ist verraucht....

http://www.badisches-tagblatt.de/html/c ... alten.html

Somit ist jetzt wieder eine gewisse "Ruhe" und Sicherheit eingekehrt, mit dieser Aussage kann etwas gemacht und bewegt werden.
Jürgen

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Samstag 30. Oktober 2010, 18:32

Das ist ein grandioser Sieg des Fördervereins und seines Vorsitzenden, zu dem man nur gratulieren kann! Und ein Gewinn für die ganze deutsche Orgelwelt! Jetzt ist bei mir ein Glas Sekt auf diese tolle Nachricht fällig - Prosit!

Martin Dufais
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Beitrag von Martin Dufais » Samstag 30. Oktober 2010, 23:00

Auch ich beglückwünsche den Bühler Förderverein zu diesem großartigen Erfolg! Ein Sieg der Vernunft! Hätten alle auf die Stimme der Vernunft gehört, hätten wir dieses gute Ergebnis viel früher haben können, vielleicht würde die Bühler Schwarz-Orgel dann schon längst wieder erklingen. Auf jeden Fall hätten sich zahlreiche Leute eine riesige Blamage erspart:

Der ehemalige Leiter des Orgelreferates im Erzbistum Freiburg, Willi Frank, und die ihm untergebenen Orgelsachverständigen haben sich als völlig inkompetent in Fragen des Orgeldenkmalschutzes gezeigt; Frank hat wohl auch deshalb seinen Job verloren;

der Kirchenmusiker an der Bonifatiuskirche Gießen Regionalkantor Ralf Stiewe, der zuständige Orgelsachverständige des Bezirks und die von ihnen mit Gutachten beauftragte Orgelfirma haben sich in der Öffentlichkeit als Banausen erwiesen, die eine wertvolle romantische Orgel zerstören wollten, um billig an Pfeifenmaterial für eine neue Orgel im neoromantischen Stil heranzukommen;

der Pfarrer und der Pfarrgemeinderat in Bühl haben sich als unwürdige Erben erwiesen, die ihr kunsthistorisch wertvolles Erbe verramschen wollten, statt es zu bewahren. Immerhin scheinen sie nun endlich unter dem Eindruck der Proteste des Fördervereins und der Orgelfreunde in Deutschland, Frankreich und der Schweiz zur Vernunft gekommen zu sein; dieser Geisteswandel ist ihnen hoch anzurechnen.

Hoffentlich dient dieser Ausgang des Streits um die Bühler Schwarz-Orgel als Warnung für alle, die glauben, mit alten, denkmalgeschützten Orgeln nach Belieben verfahren zu können!

thomas morus
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Beitrag von thomas morus » Samstag 30. Oktober 2010, 23:29

Naja, noch ist nichts gewonnen. Ein noch so historisches Instrument nutzt keinem was, wenn man es 30 Jahre im stillgelegten Zustand auf der Empore versauren lässt. Dann auf die nächsten 30 Jahre... :D

Davon abgesehen kann man natürlich zur historischen Bedeutsamkeit einer Orgel immer unterschiedlicher Meinung sein. Die Orgelsünden der 50er und 60er Jahre würde heute wohl auch niemand als "historisch wertvoll" betrachten. :wink:

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Samstag 30. Oktober 2010, 23:46

Es macht überhaupt nichts, wenn eine Orgel jahrzehntelang ungenutzt, aber gut geschützt herumsteht. Die Orgel in der Klosterkirche Maihingen stand von 1803 bis 1988 ungenutzt herum und ist genau deshalb heute eines der am besten erhaltenen und somit wertvollsten Instrumente aus der Barockzeit, die es in Deutschland gibt!

Und was die "Orgelsünden der 50er und 60er-Jahre" betrifft: Soll das heißen, daß alle in dieser Zeit gebauten Instrumente Orgelsünden sind? Dem würde ich heftig wiedersprechen. Es gibt auch aus dieser Zeit zahlreiche historisch wertvolle Instrumente. Und tatsächlich setzen sich ja auch viele Leute für den Erhalt dieser Instrumente ein, z.B. für den Erhalt der Walcker-Orgel von 1958 in der Reinoldikirche Dortmund.

Poupoulcorouse
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Beitrag von Poupoulcorouse » Freitag 5. November 2010, 09:52

Auch herausragende Beispiele neobarocker Orgeln sind zu schützen, ob man den Stil nun mag oder nicht.

Das heißt natürlich nicht, daß jede Alltagsorgel dieser Zeit erhaltenswert ist, aber es sollten zumindest aussagekräftige, nicht umintonierte Beispiele erhalten bleiben. Dies gilt auch in Sonderheit für die vielgeschmähten Bornefeld-Orgeln.

Die Tatsache daß man sich, wie im Fall von Ott, Kemper und Führer, bei "Restaurierungen" vielfach keinen Ruhm erworben hat und eher zweifelhafte Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat, sagt noch nichts darüber aus, ob besondere Neubauten aus deren Werkstätten erhaltenswert seien oder nicht.

Irgendwann wundert man sich dann, wenn nichts mehr da ist. Wie schnell das gehen kann, wissen wir aus den letzten 50 Jahren. Und sozusagen "Rache" an den Orgelbewegten zu üben für die Kulturschande, die sie vor 40-60 Jahren selbst verübt haben, mag zwar für manche verlockend erscheinen, ist aber ebenso verwerflich. Die Deutsch-Romantischen, die von den Orgelbewegten verdrängt wurden, haben selbst 50 Jahre zuvor alles Barocke, was wir heute mit Bewunderung ansehen, für wertlos erachtet. Dieselben Fehler sollten wir heute nicht wieder machen.


Auch wenn wir das heute vielleicht noch nicht so zu sehen im Stande sind, aber ohne Überblasende Rohrgemsquinten, Doppelkegelregale, Unruh', Terznone und Spanische Kreissägen wäre die Orgelwelt heute ärmer.

Auch nicht alles, was heute Mode ist (man denke nur an die "Hochdrucktubenseuche") wird man in ein paar Jahren als erhaltenswert betrachten. Trotzdem brauchen wir auch in 50 Jahren noch Beispiele von Universalorgeln im 90er-Stil.

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Beitrag von Administrator » Mittwoch 10. November 2010, 15:59

Herr Brahmser vom Verein zur Erhaltung der Schwarzorgel hat mir ein Mail mit interessanten Infos geschickt. Ich möchte davon gerne etwas weitergeben.

Er schreibt:
Um der Argumentation einer nach 34 Jahren gänzlich unspielbaren Orgel zu widersprechen, wurde diese bei einer, im ausdrücklichen Einvernehmen mit der Pfarrei erfolgten, zweiten Begutachtung (durch einen Sachverständigen) professionell durch hilfsbereite Orgelbauer mit zwei (leider aber zu schwachen) Ersatzgebläsen ausgestattet.
Die alte Elektrik wurde selbstverständlich in keiner Weise tangiert. Davon haben wir ein Video gemacht, welches unter diesem Link downloadbar ist:
http://www.schwarzorgel-buehl.eu/video/Buehl2.m4v

Leider waren wie erwartet nach 34 Jahren viele Funktionen durch feste, teils 82-Jährige Membranen usw. gestört, auch war die Windanlage unglaublich undicht, aber hören Sie selbst!
Der Klang hat uns völlig begeistert und in unserem Vorhaben, die Orgel hier in Bühl zu erhalten und wieder spielbar zu machen, bestätigt.

Martin
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Beitrag von Martin » Mittwoch 9. Februar 2011, 09:04

Guten Morgen Forum!

Nachdem die Orgel scheinbar -laut Zeitungsartikel (leider geht der Link nicht mehr)- in Bühl bleiben sollte, würde ich doch gerne in die Runde fragen, ob Neuigkeiten zu vermelden sind? Es ist wieder einige Zeit vergangen, in der es um die Sache ganz still geworden ist. Gibt/gab es ein offizielles Statement auf der Pfarreihomepage, oder wurde vielleicht der Beschluss zum Verkauf revidiert? Möglicherweise habe ich es einfach übersehen. . . Vielleicht wurden aber bereits neue Interessenten auf den Plan gerufen, die die Kriterien erfüllen könnten? In dieser Hinsicht sagte der Zeitungsartikel nichts aus! Wen es interessiert: Die Gießener Gemeinde hat sich zum Abbruch der Verhandlungen in ihrem Dezember-Pfarranzeiger (angeblich zudem via Internet einsehbar) geäußert. Eine aufschlussreiche Lektüre, so finde ich.
Es ist trotz alledem bemerkenswert, dass der Verein mittlerweile auf der Pfarreistartseite einen Link bekommen hat und das hier im Forum angesprochene Video der Orgel bei der Pfarrei unter "Aktuelles" aufgeführt wird. Vermutlich tut sich doch etwas? Man darf gespannt sein.

Herzliche Grüße
Martin

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