Elbphilharmonie-Orgel

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Pommer
Beiträge: 5
Registriert: Donnerstag 3. Januar 2008, 14:25
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Elbphilharmonie-Orgel

Beitrag von Pommer » Sonntag 2. März 2008, 13:16

Hallo zusammen,
ich war zwar eine Woche im Urlaub, aber da hat sich ja wohl Entscheidendes getan im hohen Norden!
Manchmal habe ich den Eindruck, im Forum spielt sich Orgelbau nur im Süden der Republik ab.
Da Bonn und die Fa. Klais ja nun südlich der Elbe liegt, stößt der geplante Neubau der Konzertorgel in Hamburg vielleicht doch auf ein gewisses Interesse.
http://www.orgelbau-klais.com/m.php?sid=77

Benutzeravatar
Administrator
Site Admin
Beiträge: 830
Registriert: Donnerstag 7. September 2006, 16:31
Wohnort: Celle
Kontaktdaten:

Beitrag von Administrator » Sonntag 2. März 2008, 15:35

Ich muss zugeben, ganz überrascht war ich nicht. Es gibt zwar viele gute Orgelbauer, aber der Name Klais hat doch inzwischen in Deutschland schon einen Klang ganz eigenen Stils. Ich will nicht sagen, dass Klais übermächtig ist, aber sie bauen ja scheinbar Orgeln die gefallen und auch zuverlässig sind. Und die bisherigen Werke mit ihren teilweise auffälligen Standorten auch im Ausland machen schon was her.

Ob da nun der Name mehr zählt als das Können, da halte ich mich raus, ich kenne die versch. Firmen zu wenig. Eigentlich dürfte es bei der Ausschreibung ja nicht relevant sein, welcher Name dahintersteht, oder?

Wenigstens dürften manche aufatmen, dass eine deutsche Firma diese Orgel baut.

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 2. März 2008, 18:18

Schön, eine große neue Orgel entsteht - ein Ereignis, das heut nicht mehr so sonderlich häufig ist. Der Firma Klais sei es gegönnt.

Gut daran ist auch, daß diese Orgel in einem weltlichen Raum zu stehen kommt - wo doch viele Leute Orgelkonzerte allein schon deswegen nicht besuchen, weil sie zumeist in Kirchen stattfinden. Und mit Kirche haben allzuviele nichts mehr am Hut.

Aber wenn ich die Pressemitteilung lese, erfaßt mich unwillkürlich die Befürchtung, daß diese Orgel dasselbe Schicksal erleiden wird wie fast alle Orgeln in weltlichen Räumen - selten gespielt, und wenn, dann nicht vor ausverkauftem Haus, sondern vor kleinem Publikum.

Wo sind die Pläne und Überlegungen, wie man dieses Schicksal von vornherein verhindern will? Über die Konzeption heißt es: " Die Klangcharakteristik soll insbesondere dem Repertoire ab dem 19. Jahrhundert, aber auch den Bedürfnissen zeitgenössischer Musik entsprechen. ... Überzeugt hat uns vor allem auch das klangliche Konzept: eine klare, konsequente Linie, die von der Spätromantik ausgeht und ein authentisches Klangbild des großen Repertoires für Orgel und Orchester hervorrufen wird."

Ja glauben denn die Verantwortlichen im Ernst, sie könnten mit einer spätromantischen Orgelkonzeption die jungen Hörer anlocken, die heute in Orchesterkonzerten mit spätromantischem Programm meist durch Abwesenheit glänzen?? Und warum, bitte schön, soll man Widor und Reger in einer trockenen Saalakustik hören, für die deren Orgelmusik nicht gedacht ist? Die Orgelmusikkenner werden sich so etwas lieber in einer Kirchenakustik anhören, nicht in der Elbphilharmonie! Wer also wird in den Orgelkonzerten der Elbphilharmonie sitzen, sobald der Reiz des Neuen verflogen ist?

Es wäre den Verantwortlichen dringend anzuraten, jetzt neue Konzepte für die Nutzung der Orgel zu entwickeln, damit die Orgel diesen Konzepten entsprechend gebaut werden kann.

Pierre Lauwers
Beiträge: 305
Registriert: Freitag 23. Februar 2007, 16:31
Wohnort: Profondeville, Belgien
Kontaktdaten:

Beitrag von Pierre Lauwers » Sonntag 2. März 2008, 18:58

"Ja glauben denn die Verantwortlichen im Ernst, sie könnten mit einer spätromantischen Orgelkonzeption die jungen Hörer anlocken, die heute in Orchesterkonzerten mit spätromantischem Programm meist durch Abwesenheit glänzen?? Und warum, bitte schön, soll man Widor und Reger in einer trockenen Saalakustik hören, für die deren Orgelmusik nicht gedacht ist? "
(Zitat)

Und was anderes machen ?
Neue Pfeifen, die elektrische Gitarren imitieren sollten ?
(Das existiert bereits: ich kenne eine Voix céleste, von sehr dünne Zink,
und dazu schlecht von die Rästern unterstütz; das Ergebnis lautet etwa
wie "tzaaaoiiiiïnggg") :twisted:

Es gibt eine Orgelbauer, der hervorrangende orchestrale Orgeln in trockene Raüme bauen kann.
Kennen sie Schoenstein ?

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 2. März 2008, 20:44

Das Problem ist nicht, eine in trockener Akustik gutklingende Orgel zu bauen - das geht durchaus. Das Problem ist vielmehr, daß die gängige Orgelliteratur, zumal die französische Orgelmusik, mit der Kirchenakustik rechnet. Ohne die verschleiernde Wirkung der Kirchenakustik wirken z.B. manche Begleitfiguren bei Franck - Akkordwiederholungen, stereotype Akkordbrechungen - ziemlich einfallslos und stupide. In manchen anderen Fällen mag die Musik in trockener Akustik objektiv durchaus annehmbar klingen, aber die Kenner sind die andersartige Wirkung unter den Bedingungen der Kirchenakustik gewohnt und empfinden die Musik als reizlos oder gar leierkastenartig unter Saalbedingungen.

Die Lösung kann also nur sein, ein anderes Repertoire ins Auge zu fassen, eines, das gewöhnlich nicht in der Kirche erklingt.

Man könnte z.B. regelmäßig Jazz-Sessions auf der Orgel planen. In diesem Fall sollte man Musiker wie Barbara Dennerlein fragen, was die Orgel können und haben sollte. Da werden sicher Wünsche kommen, die über das hinausgehen, was eine spätromantische Orgel hat.

Oder man könnte regelmäßige Filmmusikdarbietungen auf der Orgel ins Auge fassen - vielleicht sogar mit Filmdarbietungen oder Light-Show oder was auch immer. Dann sollte man Musiker, die so etwas schon einmal gemacht haben (die gibt es!), fragen, wie man eine solche Orgel konzipieren sollte. Z.B. könnten dann Anleihen bei der alten Kino-Orgel sinnvoll sein.

Oder man könnte regelmäßig Musicaldarbietungen mit Orgelbegleitung planen - und sollte sich dann jetzt schon überlegen, wie dafür die Orgel konzipiert sein muß.

Der Möglichkeiten gäbe es viele - man muß nur Fantasie entwickeln. Leider mangelt es daran heute am meisten.
Zuletzt geändert von Roland Eberlein am Sonntag 2. März 2008, 21:22, insgesamt 1-mal geändert.

Pierre Lauwers
Beiträge: 305
Registriert: Freitag 23. Februar 2007, 16:31
Wohnort: Profondeville, Belgien
Kontaktdaten:

Beitrag von Pierre Lauwers » Sonntag 2. März 2008, 21:07

Dafür existiert bereits eine wirksame, interessante, und ganz ausreichende Form des Pfeifenorgels: die Kino Orgel (Wurlitzer, usw),
die auch geschutz werden muss.
Falls ihr Jazz und kinomuzik wollen, dann ist es eine Gelegenheit, solch ein Orgel zu retten.

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Sonntag 2. März 2008, 21:31

Die Wurlitzer-Kino-Orgel ist eine Antwort auf den Stummfilm. Wer heute Filmmusik wie z.B. die Musik der Starwars-Filme auf der Orgel spielen will, braucht nicht die vielen Geräusch-Imitationen der Wurlitzerorgel, dafür aber andere Ressourcen. Überdies verbietet sich heute das Multiplex-System vieler Kino-Orgeln schon aus musikalischen und qualitativen Gründen - es war damals eine Antwort auf die Kosten- und Platzfrage. Ein Zurück zur Wurlitzer-Orgel kann niemals die richtige Antwort auf heutige Probleme sein. Eine Restaurierung der wenigen überkommenen Kino-Orgeln ist zwar zweifellos richtig, löst aber auch nicht die Orgelfrage in der Elbphilharmonie. Die braucht kein Museumsinstrument, sondern ein Instrument für die heutigen und zukünftigen Bedürfnisse.

Niels

Beitrag von Niels » Montag 3. März 2008, 06:54

Für mich ist doch eines klar,

welche OBF sind denn in der Lage, derartig große Werke zu schaffen. Dazu gehört auch Erfahrung in ähnlichen Größenordnungen und Solvenz. Natürlich zählt der Name auch.

Holger

Beitrag von Holger » Montag 3. März 2008, 06:59

Aber gerade in Konzertsälen sind uns doch etliche der "spätromantischen" Orgeln erhalten geblieben, z.B. Görlitz, Heidelberg, Wien, Moskau (leider Gelsenkirchen nicht mehr), London weitere Beispiele ließen sich da bestimmt noch finden. Da hat sich damals eine doch sicher ernst zu nehmende Konkurrenz zur Orgel in der Kirche entwickelt.

Und gerade für diese Orgeln wurde auch in großer Anzahl von Literatur geschrieben mit und ohne weiteres Instrumentarium - besonders im englischsprachigen Raum. Auch kann ich mir die Adaptierungen von Guilmant und Widor für Orgel und Orchester schlecht auf einer Kathedralorgel vorstellen. Grund: auf frz. Orgelemporen passt außer der Orgel meist kein großes Orchester mehr. Und denken wir an Reger und die für die Einweihung der Orgel der Breslauer Jahrhunderthalle geschriebene Passacaglia - ein Musterbeispiel für eine Konzertsaalorgel.

Wenn ein Anknüpfen an eine "Tradition" dann schon an die in der Spätromantik praktizierte - Eine Barockorgel (wie z.B. im Konzertsaal in Oberndorf/Neckar) ist, so denke ich, am ehesten fehl am Platz, da am wenigsten für weiterreichende Literatur geeignet.

Jazz-Musiker schätze ich als so flexibel ein, dass diese mit dem was zur Verfügung steht, auch etwas anfangen können. Und die Idee in einer Konzertsaalorgel z.B. eine "Cinemax-Vision-Division" einzugliedern wäre doch mal reizvoll. Wer die nicht nutzen will braucht das ja auch nicht zu tun.

Und Improvisationskonzerte kann man auf jedem Orgeltypus interpretieren - aber die gibt es ja leider viel zu selten.

Hier noch ein Link auf die Seite von Herrn Walcker-Mayer, die anschaulich macht wieviele Konzertsaal-Orgeln allein dieser Orgelbauer fertigte:

http://www.walckerorgel.de/gewalcker.de ... lorgel.htm

Pierre Lauwers
Beiträge: 305
Registriert: Freitag 23. Februar 2007, 16:31
Wohnort: Profondeville, Belgien
Kontaktdaten:

Beitrag von Pierre Lauwers » Montag 3. März 2008, 08:55

Noch ein Meinung dazu: die Traditionshause Klais ist tief in der Spätromantik verwurzelt.
Bereits zur Hans-Gerd Klais Zeiten war klar, dass die romantischer Orgel nie unterschatz war.
Aber die "grote cheffekes" entscheiden, der Orgelbauer muss folgen.
Lass die Leute von Klais machen, was sie sehr gut tun, und besser wissen, als wir allen "Paper-Tigers".

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Montag 3. März 2008, 11:49

Holger hat geschrieben:Aber gerade in Konzertsälen sind uns doch etliche der "spätromantischen" Orgeln erhalten geblieben, z.B. Görlitz, Heidelberg, Wien, Moskau (leider Gelsenkirchen nicht mehr), London weitere Beispiele ließen sich da bestimmt noch finden. Da hat sich damals eine doch sicher ernst zu nehmende Konkurrenz zur Orgel in der Kirche entwickelt.

Und gerade für diese Orgeln wurde auch in großer Anzahl von Literatur geschrieben mit und ohne weiteres Instrumentarium - besonders im englischsprachigen Raum. Auch kann ich mir die Adaptierungen von Guilmant und Widor für Orgel und Orchester schlecht auf einer Kathedralorgel vorstellen. Grund: auf frz. Orgelemporen passt außer der Orgel meist kein großes Orchester mehr. Und denken wir an Reger und die für die Einweihung der Orgel der Breslauer Jahrhunderthalle geschriebene Passacaglia - ein Musterbeispiel für eine Konzertsaalorgel.
Das ist schon richtig. Die Frage ist nur, wie oft heute spätromantische Orchesterwerke mit Orgel überhaupt gespielt und von den Hörern auch besucht werden. Wenn ich mir z.B. das derzeitige Programm der Kölner Philharmonie mit ihrer großen Klaisorgel ansehe: Es findet in dieser Saison (1.8.07-31.7.08 ) ein einziges Konzert mit Orgel und Orchester statt und darin werden nicht etwa Rheinberger, Widor, Guilmant oder andere Romantiker, sondern Bach und Haydn gespielt.

Daß dies in der Elbphilharmonie grundsätzlich anders sein wird, wage ich zu bezweifeln. Die Orgel wird nur ganz selten zusammen mit einem Orchester erklingen. Orgelsolodarbietungen mit spätromantischer Musik wird es zwar geben, aber die werden schlecht besucht sein, also trotz der vergleichsweise geringen Kosten nicht sonderlich häufig stattfinden. Und irgendwann versinkt das Instrument dann in einen Dornröschenschlaf, so wie die Orgeln in Görlitz, Heidelberg, Wien, Moskau .... - das war ja der Grund, warum diese Orgeln erhalten blieben: Keiner interessierte sich für sie, keiner wollte diese Orgeln spielen, keiner wünschte sich Modernisierungen dieser Orgeln. Was zählte, war die Orchestermusik, nicht die Orgelmusik. Das wird in der Elbphilharmonie ganz genauso werden, wenn sich die Veranstalter nicht neue Nutzungskonzepte für die Orgel überlegen und diese schon heute bei den Planungen berücksichtigen.

Pierre Lauwers
Beiträge: 305
Registriert: Freitag 23. Februar 2007, 16:31
Wohnort: Profondeville, Belgien
Kontaktdaten:

Beitrag von Pierre Lauwers » Montag 3. März 2008, 12:03

Hier gibt es ein Amateur-Video einer stuck der erfolgsreichste Konzert von 2007, in Forbach (F), dann in Auvelais (BE), und in Brüssel Kathedral
(Die drei waren randvoll):

http://fr.youtube.com/watch?v=Wo5JbNSwx ... re=related

Holger

Beitrag von Holger » Dienstag 4. März 2008, 06:39

Leider ist es Tatsache, dass viele Orchester-Konzerte nur Standard-Programme mit gängigem Repertoire, leicht verdaulich, allseits bekannte Werke, zu hören sind. Außergewöhnliches wird selten geboten. Ich bin jedoch der Meinung, dass man vor dem gewöhnlichen Konzertbetrieb nicht kapitulieren sollte.

Klar Standard-Konzerte füllen die Kassen der Veranstalter. Dies kann jedoch auch die Chance sein, außergewöhnliche Konzerte mit zu finanzieren und den "Kulturbetrieb" farbiger zu machen. Wenn nicht irgendwo in der Republik Zeichen gesetzt werden, sackt das Niveau unserer Musikkultur immer weiter in Richtung Fast-Food ab - zu Lasten hochrangiger Interpretationen auch aus Nischen der Musik. Irgendwann wird dann auch "Tokiohotel" von gewissen Kreise als "klassisch" von gewissen empfunden.

Roland Eberlein
Beiträge: 742
Registriert: Sonntag 24. Juni 2007, 21:53
Wohnort: Köln

Beitrag von Roland Eberlein » Mittwoch 5. März 2008, 08:29

Scheint mir eine ausgesprochen gute Idee zu sein - aber ob sich die Verantwortlichen in den Philharmonien dazu durchringen können, obwohl es gegen die althergebrachte Konzerttradition verstößt??

Holger

Beitrag von Holger » Donnerstag 6. März 2008, 06:53

Da ich auch der Meinung bin, dass das Standard-Konzertpublikum eher "Konservativ" ist, klappt das wahrscheinlich nicht. Es ist zu befürchten, dass ein großer Teil des Publikums erst nach dem "Vorspiel" in den Saal strömt - im Kino ist es auch nicht anders, während der Werbung geht man doch normalerweise noch Popkorn und Bierchen holen. Und dann noch das Argument mit den Kosten - ein Organist - zumal ein guter - spielt nicht kostenlos. Zudem würde das der "Wertigkeit" der Orgel Abbruch - so als Pausenclown - nein Danke!

Spezielle Veranstaltungen ziehen allerdings immer Publikum an. Im Februar war in der Philharmonie in Essen ja eine C. Franck-Veranstaltung. Laut Veranstalter waren die Konzerte sehr gut besucht. Wie die Struktur des Publikums war, kann ich nicht sagen.

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Yahoo [Bot] und 2 Gäste