Die "evangelische Orgel"

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Antworten
olds
Beiträge: 218
Registriert: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:43

Die "evangelische Orgel"

Beitrag von olds » Donnerstag 7. Juli 2016, 15:49

Betont wird immer wieder, dass bei den Protestanten (OK, bei Teilen davon), die Kirchenmusik und der Gesang im Gottesdienst eine größere Bedeutung hat als bei uns Papisten.

Erst letzten hat dann auch ein evangelischer Pfarrer davon geschwärmt, wie toll es ist einen guten Organisten zu haben, der sich punktgenau auch liturgisch auf die Feier vorbereitet und mit einem entsprechenden Präludium einleitet.

Schaue ich mir aber die bisher erlebten protestantischen Orgeln an, bemerkte ich davon eher wenig. Die Orgeln geben aus der verschiedensten Gründen nicht viel her. Ein wirklich imposantes Instrument habe ich bisher nur einmal erleben dürfen.
Ansonsten waren das meist recht verlebte kleine Orgeln mit 4-5 Registern.

Natürlich kann man auf den Instrumenten auch einen ordentlichen Wirbel veranstalten, aber so beeindruckend wie immer getan wird, nee, das empfinde ich nicht so.

Natürlich kann man jetzt auf die Tatsachen verweisen, dass den Gemeinden damals halt das Geld für "mehr" fehlte, aber in vergleichbaren katholischen Gemeinden klappte das doch ganz gut. Auch wenn´s nur ein 6-8 Registerinstrument ist.

violdigamb
Beiträge: 35
Registriert: Montag 23. Februar 2015, 11:53

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von violdigamb » Donnerstag 7. Juli 2016, 20:22

Hallo olds,

soweit ich weiß, kommst Du aus der Nähe von Trier. In dieser Gegend waren die Evangelischen schon immer in der Diasporasituation, d.h. die Gemeinden waren/sind eher klein und haben oft auch keine sehr lange historische Tradition, sondern meist eine, die ihre Wurzeln in der Zeit der Verpreußung des Rheinlands hat. Damals war Orgelmusik auch in der ev. Liturgie eine Marginalie.

Etwas anders sieht es aus, wenn Du Dich Richtung Hunsrück bewegst, oder auch einige lutherische Inseln an der Mosel (Trarbach und Enkirch) besuchst. Dort standen in ev. Kirchen sehr repräsentative und für kleine Kirchen stattliche Instrumente, die teilweise erhalten sind. Freilich sind diese Instrumente kaum von Berufsorganisten gespielt worden und werden es meist, von einigen durchaus respektablen Konzertreihen abgesehen, auch heute nicht. Eine hochstehende Orgelliteratur für diesen Instrumententyp gibt es leider nicht, auch wenn sich manches Hochkarätige auf diesen Orgeln hervorragend darstellen läßt.

Die eigentliche Hochblüte evangelischer Orgelkunst liegt zum einen auf denjenigen Territorien, die durch die Reformation lutherischer Ausrichtung am stärksten geprägt wurden (Nord- und Mitteldeutschland, Baltikum, teilweise Skandinavien, z.T. auch die reformierten Niederlande), und spielt sich zudem in einem eng umgrenzten Zeitraum ab, grob gesagt zwischen 1600 und 1750.

Auch die Ideen der Norddeutschen Orgelbewegung wurden überwiegend von lutherisch geprägten Protagonisten vorangetrieben. Ich würde diese Epoche daher ungeachtet aller Polemik und Irrwege als eine Zeit typisch evangelischen Denkens im produktiven Sinn bezeichnen.

Gegenwärtig ist die Orgel auch in der ev. Kirche einer Vielzahl von Kritikern und/oder Ignoranten ausgesetzt. Trotzdem gibt es sowohl im Bereich des Orgelbaus als auch in dem des Orgelspiels noch immer hervorragende Leistungen.

Das ist bei den Papisten aber wohl genauso - und auch ein mutmachendes Zeichen.

Viele Grüße,

violdigamb

olds
Beiträge: 218
Registriert: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:43

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von olds » Donnerstag 7. Juli 2016, 21:41

Ich bin Hunsrücker und weiß wovon Du redest, Richtung Kleinich, Traben-T., Enkirch..... .

Habe auch Anfang der "Nullerjahre" ein Jahr in einer großen protestantischen Gemeinde am Rhein gespielt. Dort gab es ein größeres Instrument, das war´s.

Wo ich hier jetzt lebe ist es auch nicht wirklich Diaspora, sondern rein "blaue Dörfer" und Katholiken wechseln sich ab.

Dorforganistin
Beiträge: 62
Registriert: Freitag 10. April 2015, 15:26
Wohnort: Wetterau, Hessen

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von Dorforganistin » Freitag 8. Juli 2016, 08:45

Die einzige wirklich kleine "evangelische" Orgel, die ich kenne, steht in meiner Hauptgemeinde. Ansonsten konnte ich bisher keinen Unterschied zwischen "evangelischen" und "katholischen" Orgeln feststellen. Gemeinden, die von der Größe her ähnlich sind, haben meist vergleichbar große Orgeln. Meine Erfahrung bezieht sich hierbei auf Teile von Hessen und Bayern.

Ich wäre bisher nicht auf die Idee gekommen, aus der Zugehörigkeit der Gemeinde auf die Größe der Orgel zu schließen...

Nebenbei bemerkt lässt sich auch auf kleinen Orgeln ganz wunderbar musizieren. Es müssen ja nicht immer "The organist's greatest hits" sein. :wink:

olds
Beiträge: 218
Registriert: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:43

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von olds » Freitag 8. Juli 2016, 21:15

Die Unterscheidung Evangelisch - Katholisch macht man ja eigentlich über die größe des Kirchenvorplatzes und die Entfernung zur Dorfkneipe.

Meine Frage kommt halt daher, dass Katholiken gerne tief stapeln und darauf rumreiten, dass ausführliche Musik ja eigentlich nicht typisch ist und ja eigentlich erst seit einigen Jahren die Bedeutung der Kirchenmusik gewachsen ist und das die evangelischen Kollegen es soviel besser haben - Betonung liegt auf sooooooooooooviel.

Nur kann ich eben das in den meisten mir derzeit bekannten protestantischen Pfarreien so nicht erkennen.

Nachthorn
Beiträge: 32
Registriert: Freitag 6. Februar 2015, 09:56

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von Nachthorn » Freitag 8. Juli 2016, 23:05

Wertschätzung drückt sich beispielsweise deutlich in der Höhe der Bezahlung aus.
In Baden und Württemberg ist die Vergütung für Nebenamtler auf evangelischer Seite fast doppelt so hoch wie bei den Katholiken.
In meiner Gemeinde bleibt die gesamte Gemeinde zum Nachspiel sitzen und viele Gottesdienstbesucher wollen genau wissen, welche Stücke gespielt werden. Ein evangelischer Gottesdienst ohne Musik ist in meiner Gemeinde nicht vorstellbar. Katholisch ist die Musik doch eher frommes Beiwerk bzw. eine verzichtbare Nebensache.

Gruß, Nachthorn

olds
Beiträge: 218
Registriert: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:43

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von olds » Mittwoch 13. Juli 2016, 08:06

Vor allem ist die evangelische Zahlweise transparenter, zumindest ich habe in dem einen Jahr Fremdgehen es so erlebt, dass alle Posten getrennt aufgeführt wurden (gefahrene Km, Stunden Üben, Stunden Gottesdienst).

Bei den Katholischen gibt es Mittelwert, für dessen Berechnung man schon fast einen Lehrgang braucht. Für meine Dienste 2002-2006 hat man mich auch sicherlich gut beschissen, weil die grundlegenden Werte vom Pfarrer wahrscheinlich immer falsch zur Rendantur gemeldet wurden. :D

Ronald Henrici
Beiträge: 654
Registriert: Sonntag 18. Juli 2010, 21:44
Wohnort: Bad Krozingen und Donaueschingen

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von Ronald Henrici » Freitag 29. Juli 2016, 15:53

Von der Bezahlung kann man die Wertigkeit einer "katholischen" oder "evangelischen" Orgel oder Orgelmusik nicht ablesen. ich kenne sehr viele "katholische" Orgeln, die hervorragend sind und eine sehr gute Musik vertragen, nur der Bezahlung nach müsste man sich im Anschluß an Gottesdienst oder Mese vor die Kirchentür zu den Bettlern setzen, um wenigstens das Fahrgeld und ein Brötchen mit Getränk bezahlen zu können.
Aber auch das hält mich nicht davon ab, auf den Orgeln zu spielen, auch wenn es gar keine Bezahlung gäbe.
Im Grunde meines Herzens will ich doch nur
[/u][/b] :) :lol: a u f d e r O r g e l s p i e l e n ! :) [/b]
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

Ronald Henrici
Beiträge: 654
Registriert: Sonntag 18. Juli 2010, 21:44
Wohnort: Bad Krozingen und Donaueschingen

Re: Die "evangelische Orgel"

Beitrag von Ronald Henrici » Freitag 13. Oktober 2017, 21:01

Evangelische Orgel - Katholische Orgel. Eine solche Unterscheidung zu treffen, ist mir recht fremd. Dabei kann ich sehr wohl Unterscheidungen treffen zwischen einer Konzertsaalorgel und einer Kirchenorgel. Allein schon die Akustik der unterschiedlichen Räume führt zu massiven Unterscheidungen. Denn Konzertsaalorgeln sind viel intensiver Repräsentations - Instrumente, die sehr selten gespielt werden bei recht geringer Nachhallakustik und meinstens eine Disposition aufweisen müssen, die wenig organisch alle Literatur spielbar machen muß - also Kompromisse bedeuten. Deshalb sind diese Orgeln auch nach kurzer Zeit nur noch "Schau" - "Objekte" hinter dem Orchester.
Bei den Kirchenorgeln ist das anders, denn diese werden sehr häufig gespielt, sowohl evangelisch als auch katholisch, neuerdings befasst sich auch die Neuapostolische Kirche damit, für ihren Gottesdienstraum eine ansehnliche Pfeifenorgel zu erhalten, selbst wenn diese von einem Gemeindemitglied gestiftet wird.
Meine Erfahrungen besagen, daß ich auf "katholischen" Orgeln herrlich "evangelisch" musizieren kann und darf, bei "evangelischen" Orgeln ist es nicht immer so herrlich, "katholisch" zu musizieren, weil die Bauprinzipien sehr häufig recht einseitig sind. Wobei sich das inzwischen auch seit 1965 ff. etwas geändert hat. Darf ich hier einmal ein Beispiel bringen: auf der Marienorgel der Basilika in Ottobeuren kann ich herrlich "evangelisch" über den Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" improvisieren, während ich auf der Orgel der Lutherkirche in Trossingen herrlich meditativ über das Marienlied "Gegrüßet seist Du Königin" dem Text nach improvisieren kann.
Es kommt mir nicht darauf an, welche "Konfession" die Orgeln haben, sondern was ich damit gestalten kann.
Konfessionsgebundenheit ist nicht unbedingt Maßgabe für den künstlerischen Orgelbau, selbst wenn die Orgelsachverständigen meistens konfessionsgebunden sind. Entscheidend im Orgelbau ist doch wohl mehr, nicht einen Nachbau zu konzipieren, die z.B. einer "Barockorgel" gleicht oder einer Orgel aus dem 19. Jahrhundert. Entscheidend ist doch wohl mehr, daß die Orgel in der Art "nur in der evangelischen Kirche" oder nur "in der katholischen Kirche" zu stehen hat, sondern daß ich auf dem Instrument herrlich musizieren kann, ganz nach dem Vorbild: "Er will doch nur spielen !"
Gruß
Ronald
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

Antworten