Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Principalbass16Fuss
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Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von Principalbass16Fuss » Donnerstag 23. Juni 2016, 23:48

Hallo und herzlich willkommen! :D

Hiermit gründe ich einen neuen Themenbereich, in dem es um die große Renaissance-/Barockorgel in St. Johannis, Lüneburg, einer der großen Hauptkirchen der Stadt Lüneburg (neben St. Michaelis und St. Nicolai) geht. Das Gehäuse der Manualwerke (Rückpositiv mit 8'-Prospekt, Hauptwerk mit 16'-Prospekt und Oberwerk mit 8'-Prospekt) geht auf eine große, dreimanualige Renaissance-Orgel zurück, die der Orgelbauer Hendrik Niehoff ('s-Hertogenbosch, Niederlande) in den Jahren 1551 bis 1553 erbaute. Das ursprünglich angehängte Pedal wurde bei einer Erweiterung der Orgel in den Jahren 1712 bis 1715 durch den Schnitger-Schüler Matthias Dropa (Lüneburg) selbstständig gemacht, indem er zwei Pedaltürme mit 16'-Prospekt errichtete und einen Teil der Pedalregister auf einer Zusatzlade hinter dem Hauptwerk unterbrachte. Im 19. und frühen 20 Jahrhundert erfuhr die Orgel zwei Eingriffe, die sie in ihrer klanglichen und technischen Substanz maßgeblich veränderten: 1852 veränderte Eduard Meyer (Hannover) - dem Zeitgeschmack entsprechend - die Disposition, indem er barocke Register (insbesondere Mixturen) durch romantische Flöten- und Streicherstimmen ersetzte. 1922 installierte die Firma Walcker (Ludwigsburg) pneumatische Trakturen, einen neuen Spieltisch, einen Schwellkasten um das Oberwerk sowie ein (ebenfalls schwellbares) Fernwerk als viertes Manual.

Glücklicherweise wurde diese wunderbare, wertvolle Orgel im Jahre 1953 sowie 1976 durch Rudolf von Beckerath (Hamburg) gründlich restauriert, rekonstruiert und dabei weitestgehend auf die Disposition von Matthias Dropa zurückgeführt. Spiel- und Registertraktur wurden wieder mechanisch angelegt und ein neuer Spieltisch installiert. Details findet Ihr unter folgenden Links:

http://www.st-johanniskirche.de/kirche/orgeln/#grOrgel

http://www.nomine.net/lueneburg-st-johannis

Viele Grüße vom Principalbass16Fuss :)

Principalbass16Fuss
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St. Johannis, Lüneburg - Rückpositiv (I)

Beitrag von Principalbass16Fuss » Donnerstag 23. Juni 2016, 23:56

Schauen wir uns doch als erstes einmal das Rückpositiv, gespielt vom ersten Manual, an. Es verfügt über 11 Register:

Prinzipal 8' (Prospekt), Gedackt 8', Quintadena 8', Oktave 4', Rohrflöte 4', Sesquialtera 2fach,
Waldflöte 2', Sifflöte 1 1/3', Scharff 5-7fach (1'), Dulzian 16', Bärpfeife 8', Tremulant

Ergebnis der Analyse:
- Prinzipalchor fast ausgebaut (Oktave 2' fehlt)
- Weitchor vollständig bis zum 1 1/3' ausgebaut
- eine vollbecherige und eine kurzbecherige Zunge
Ein typisches Rückpositiv mit "vermischten Registerfamilien"! :wink:
Zuletzt geändert von Principalbass16Fuss am Freitag 24. Juni 2016, 00:12, insgesamt 2-mal geändert.

malle235
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Re: Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von malle235 » Freitag 24. Juni 2016, 00:01

laut dem Orgelführer Deutschland ist das klangliche Prunkstück der Orgel der Prinzipal 16' aus fast reinem Blei
"ergibt einen unbeschreiblich singenden Ton voller Wärme und klanglicher Fülle"

gibts da irgendwelche Hörbeispiele zu? sind Bleipfeifen allgemein vorteilhaft für den Orgelklang?

Principalbass16Fuss
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St. Johannis, Lüneburg - Hauptwerk (II)

Beitrag von Principalbass16Fuss » Freitag 24. Juni 2016, 00:10

Ja, sowohl auf der Internetseite der Kirchenmusik St. Johannis Lüneburg (siehe oberer Link) als auch bei YouTube gibt es ein kleines Video, in dem die Orgel vorgeführt wird. Bleipfeifen klingen meines Wissens wärmer und "flötiger" als Zinnpfeifen, sind aber nicht unbedingt preisgünstiger als diese... hmmm, frag mich was Leichteres! :? :wink:

Nun zum Hauptwerk, gespielt vom zweiten Manual. Es verfügt über 14 Register:

Prinzipal 16' (Prospekt), Quintadena 16', Oktave 8', Gedackt 8', Oktave 4', Nachthorn 4', Quinte 2 2/3', Oktave 2', Bauernflöte 2',
Mixtur 6-8fach (1 1/3'), Scharff 4-5fach (2/3'), Trompete 16', Trompete 8', Trompete 4', Koppel RP/HW, Koppel OW/HW

Ergebnis der Analyse:
- vollständig ausgebauter Prinzipalchor von 16' bis 2/3'
- vollständig ausgebauter Weitchor von 16' bis 2'
- vollbecheriger Zungenchor mit drei Trompeten (16' 8' 4')
Ein deutlich SEHR reich besetztes Hauptwerk!!! :o

trommet16
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Re: St. Johannis, Lüneburg - Hauptwerk (II)

Beitrag von trommet16 » Freitag 24. Juni 2016, 20:55

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Ja, sowohl auf der Internetseite der Kirchenmusik St. Johannis Lüneburg (siehe oberer Link) als auch bei YouTube gibt es ein kleines Video, in dem die Orgel vorgeführt wird. Bleipfeifen klingen meines Wissens wärmer und "flötiger" als Zinnpfeifen, sind aber nicht unbedingt preisgünstiger als diese... hmmm, frag mich was Leichteres! :? :wink:
Da der Bleipreis deutlich niedriger ist als der Zinnpreis, sind bei Bleipfeifen grundsätzlich geringere Materialpreise zu veranschlagen. Deshalb waren (und z.T. sind) die Gemeinde auch so darauf aus Proben der verwendeten Metallplatten zu bekommen, damit sie kontrollieren können ob der Orgelbauer mehr billiges Blei eingemischt hat, als er in Rechnung stellt :wink:

Laut Studien der Uni Stuttgart (?) und Orgelbau Mühleisen hat das Material k e i n e n Einfluss auf den Klang. Die andere Hälfte der Orgelwelt sagt ungefähr das:

Holz weicher, obertonärmerer Klang
Blei etwas obertonreicher als Holz
Zinn obertonreicher als Blei
Zink obertonreich

Also so grundsätlich, natürlich kann man Zinkpfeifen die Obertöne auch wegintonieren und durch die Bauform weniger Obertöne begünstigen, umgekehrt ist es aber schwierig, aus einer Holzpfeife einen scharf streichenden Ton zu bekommen, alles natürlich etwas relativ. (Wie schon Einstein wusste)

Principalbass16Fuss
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St. Johannis, Lüneburg - Oberwerk (III)

Beitrag von Principalbass16Fuss » Freitag 24. Juni 2016, 22:57

Guten Abend, trommet16, und vielen Dank für Deine Info bezüglich Pfeifenmaterialien und deren Oberton-Eigenschaften! :) Wieder etwas dazu gelernt!! :D An dieser Stelle möchte ich nun mit dem Oberwerk der Orgel in St. Johannis Lüneburg, gespielt vom dritten Manual, fortfahren. Es verfügt über 12 Register:

Prinzipal 8' (Prospekt), Rohrflöte 8', Oktave 4', Blockflöte 4', Nasat 2 2/3', Gemshorn 2', Terzian 2fach,
Oktave 1', Mixtur 5-6fach (1'), Zimbel 3fach (1/6'), Trompete 8', Dulzian 8', Tremulant

Ergebnis der Analyse:
- fast vollständig ausgebauter Prinzipalchor von 8' bis 1/6' (Oktave 2' fehlt)
- ausgebauter Weitchor von 8' bis 2'
- zwei vollbecherige Zungen
Auf jeden Fall dem Rückpositiv sehr ähnlich! :mrgreen:

Gemeinsamkeiten von OW und RP:
- Basis auf Prinzipal 8' (im Prospekt)
- je eine Klangkrone auf 1'-Basis (OW: Mixtur 5-6fach, RP: Scharff 5-7fach)
- je eine Aliquot-Mixtur, die eine Terzreihe enthält (OW: Terzian 2fach, RP: Sesquialtera 2fach)

Bei den beiden "zerlegten" Kornett-Registern in RP und OW wäre meiner Meinung nach im HW ein "Kornett 5fach" (ab g° oder c°) nicht verkehrt gewesen. Die Pfeifenreihen des zweifachen Terzians im OW hätte ich persönlich vielleicht lieber getrennt spielbar gemacht, d.h. Terz 1 3/5' und Quinte 1 1/3, um im OW ein "echtes" Kornett möglich zu machen: Rohrflöte 8' + Oktave 4' oder Blockflöte 4' + Nasat 2 2/3' + Gemshorn 2' - Terz 1 3/5'. Im RP passt's einwandfrei mit dem Kornett: Gedackt 8' + Oktave 4' oder Rohrflöte 4' + Waldflöte 2' + Sesquialtera 2fach
Zuletzt geändert von Principalbass16Fuss am Freitag 24. Juni 2016, 23:23, insgesamt 1-mal geändert.

Principalbass16Fuss
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St. Johannis, Lüneburg - Pedal

Beitrag von Principalbass16Fuss » Freitag 24. Juni 2016, 23:22

Interessant ist die Aufteilung der Pedalregister, von denen ein Großteil (8 Register) in den seitlichen Pedaltürmen und der Rest (6 Register) auf einer Zusatz-Windlade hinter dem Hauptwerk untergebracht ist. Die Register der Pedaltürme können mithilfe zweier Sperrventile (Pedal I + Pedal II) entweder zusammen mit den hinterständigen Pedalregistern oder getrennt von diesen gespielt werden. Wie das Hauptwerk hat auch das Pedal in St. Johannis, Lüneburg, 14 Register:

Pedal I (Seitentürme):
----------------------
Prinzipal 16' (Prospekt), Oktave 8', Oktave 4', Nachthorn 2', Mixtur 6-8fach (2'), Posaune 16', Trompete 8', Trompete 4'

Pedal II (hinterständig):
------------------------
Untersatz 16', Gedackt 8', Bauernflöte 1', Rauschpfeife 2fach, Posaune 32', Kornett 2'

Koppeln: OW/P, HW/P, RP/P

Ergebnis der Analyse:
- Pedal I enthält größtenteils die Prinzipale (Chor von 16' bis 2' ausgebaut) und drei Zungen
- Pedal II enthält überwiegend den Weitchor (bis auf das Nachthorn 2') und zwei Zungen (darunter die Posaune 32')

An manchen romantischen Orgeln gibt es auch eine solche Ladenteilung, welche dann die Bezeichnungen "Forte-Pedal" und "Piano-Pedal" bzw. "Großpedal" und "Kleinpedal" trägt. Hier in Lüneburg könnte man demnach das Pedal II als "Klein- oder Piano-Pedal" bezeichnen, wobei aufgrund der Posaune 32' weder die Bezeichnung "Piano-Pedal" noch "Kleinpedal" zutreffen würde!!! :lol:

Ich persönlich hätte die Pedalregister folgendermaßen aufgeteilt:

PEDAL I: Prinzipal 16', Oktave 8', Oktave 4', Rauschpfeife 2fach, Mixtur 6-8fach (2'), Posaune 32', Posaune 16', Trompete 8'
PEDAL II: Untersatz 16', Gedackt 8', Nachthorn 2', Bauernflöte 1', Trompete 4', Kornett 2'

Was meint Ihr dazu? Kennt jemand von Euch diese wunderschöne Orgel in Lüneburg genauer bzw. hat sie schon einmal jemand von Euch gespielt? Eure Beiträge herzlichst erbeten...!!! 8)

kernspalter
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Re: St. Johannis, Lüneburg - Oberwerk (III)

Beitrag von kernspalter » Samstag 25. Juni 2016, 00:16

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Bei den beiden "zerlegten" Kornett-Registern in RP und OW wäre meiner Meinung nach im HW ein "Kornett 5fach" (ab g° oder c°) nicht verkehrt gewesen. Die Pfeifenreihen des zweifachen Terzians im OW hätte ich persönlich vielleicht lieber getrennt spielbar gemacht, d.h. Terz 1 3/5' und Quinte 1 1/3, um im OW ein "echtes" Kornett möglich zu machen: Rohrflöte 8' + Oktave 4' oder Blockflöte 4' + Nasat 2 2/3' + Gemshorn 2' - Terz 1 3/5'. Im RP passt's einwandfrei mit dem Kornett: Gedackt 8' + Oktave 4' oder Rohrflöte 4' + Waldflöte 2' + Sesquialtera 2fach
Ich habe die Orgel leider nie kennengelernt und kann nicht beurteilen, ob es beim Terzian dort klangliche Defizite gibt, aber:
Eine Orgel im norddeutschen Barockstil braucht ein "Kornett 5fach ab g° oder c°" ebensowenig wie eine französische Orgel eine Bauernpfeife 1' im Pedal braucht oder eine Bärpfeife 8' im Rückpositiv.

Es gibt so viele Orgeln, die "von allem ein bißchen" haben (und das ist ja auch gut so). Da darf eine Orgel mit dieser Geschichte (und so viel historischem Pfeifenmaterial) auch gerne mal stilistisch Farbe bekennen.
Zuletzt geändert von kernspalter am Montag 27. Juni 2016, 08:00, insgesamt 1-mal geändert.
Mit kernspalterischen Grüßen

Voceumana
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Re: St. Johannis, Lüneburg - Pedal

Beitrag von Voceumana » Samstag 25. Juni 2016, 15:44

Principalbass16Fuss hat geschrieben:An manchen romantischen Orgeln gibt es auch eine solche Ladenteilung, welche dann die Bezeichnungen "Forte-Pedal" und "Piano-Pedal" bzw. "Großpedal" und "Kleinpedal" trägt. Hier in Lüneburg könnte man demnach das Pedal II als "Klein- oder Piano-Pedal" bezeichnen, wobei aufgrund der Posaune 32' weder die Bezeichnung "Piano-Pedal" noch "Kleinpedal" zutreffen würde!!! :lol:

Ich persönlich hätte die Pedalregister folgendermaßen aufgeteilt:

PEDAL I: Prinzipal 16', Oktave 8', Oktave 4', Rauschpfeife 2fach, Mixtur 6-8fach (2'), Posaune 32', Posaune 16', Trompete 8'
PEDAL II: Untersatz 16', Gedackt 8', Nachthorn 2', Bauernflöte 1', Trompete 4', Kornett 2'

Was meint Ihr dazu? Kennt jemand von Euch diese wunderschöne Orgel in Lüneburg genauer bzw. hat sie schon einmal jemand von Euch gespielt? Eure Beiträge herzlichst erbeten...!!! 8)
Nun, was soll diese merkwürdig-barocke Aufteilung? Eine Erklärung:
Das romantische Forte- oder Piano-Pedal (oder Abteilungen, so nennt das Ladegast hin und wieder), ist eine Vorrichtung, mit der man die starken Stimmen zu- oder abschalten und so schnell die Dynamik des Pedals verändern kann, in den Manualen macht man das mit dem Manualwechsel von I auf II oder III oder gar IV (ff-f-mp-pp). Also: auf III (oder IV) mit dem Piano-Pedal spielen, und dann in Sekundenschnelle auf I gewechselt und das Forte-Pedal geschaltet. Im Prinzip ähnlich den Combinaisons der französisch-romantischen Orgel.


Bei der Barockorgel in Lüneburg hat man die Stimmen anders gruppiert und nach für Wind-Schwankungen am sensibelsten Stimmen aufgeteilt:

Für Pedal-c.f.-Spiel: Bauernflöte 1' wirst du nie alleine spielen, sondern immer mit Ocave 4' und/oder Nachthorn 2'. Somit bekommt der empfindliche 1' immer eigenständigen stabilen Wind. Will man die Zungen 4' und 2' im Pedal zusammen spielen, hat man ebenfalls getrennte Windversorgung.

Für Pedal-Pleno-Spiel: Zungenbatterie von 32'-2' durchgängig wird man damals selten registriert haben.
Der "schlimmste Windfresser", der 32' hat also eine eigene Windversorgung, und konkurriert nicht mit den Principalstimmen (hier vor allem die Mixtur) und den Zungen 16'-4' des Turmpedals. Im Plenum wird also (neben dem Pleno-Turmpedal) aus dem hinterständigen Pedal wohl nur die Zunge 32' (oder 2': Gibt's Historiker, die sich hier mehr auskennen?) registriert worden sein.

Principalbass16Fuss
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Re: Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von Principalbass16Fuss » Sonntag 26. Juni 2016, 23:59

Guten Abend zusammen und vielen Dank für Eure Einträge! :)

Zunächst einmal die Geschichte mit dem 5-fachen Kornett: Du hast Recht, kernspalter, dass es sich hierbei um ein für klassisch-französische Barockorgeln sehr typisches, für norddeutsche Barockorgeln eher untypisches Register handelt! :wink: War ja auch nur so eine Idee von mir... :D Wenn Du dir aber die Dispositionen süddeutscher Barockorgeln, z.B. von Karl Joseph Riepp (siehe Ottobeuren), Joseph Gabler (siehe Weingarten, Ochsenhausen etc.), Johann Nepomuk Holzhey (siehe Obermarchtal, Weissenau, Rot an der Rot, Neresheim etc.) oder mitteldeutscher Barockorgeln (Gottfried Silbermann) anschaust, findest Du auf jeden Fall ein Kornett :!: Okay, Gottfried Silbermann erlernte sein Orgelbauer-Handwerk bei seinem älteren Bruder Andreas in Straßburg, von dessen französischen Barockorgeln (siehe Ebersmünster, Marmoutier, Arlesheim etc.) er entsprechende Ideen in seine sächsische Heimat mitbrachte. In der Freiberger Domorgel befindet sich sogar zwei 5-fache Kornett-Register: Das eine im Hauptwerk, das andere als "Echo-Kornett" im Oberwerk. Auch der süddeutsche Orgelbauer Karl Joseph Riepp arbeitete zwischenzeitlich in Frankreich, was den Einbau französischer Register in seinen Ottobeurer Orgeln begründet.

Nun zu der Geschichte mit der Verteilung der Pedalregister auf Vorder- und Hinterladen in Lüneburg: Vielen Dank, voceumana, von Dir kann ich noch dazulernen!!! :mrgreen: Was Du mir hinsichtlich Windstabilität erklärt hast, erscheint mir völlig logisch: Stünde die Posaune 32' auf derselben Windlade wie der Prinzipal 16', würden diese beiden "windschluckenden" Register tatsächlich um ihren Wind konkurrieren und für einen instabilen Winddruck konkurrieren. Vielleicht würde ein solcher Druckverlust die Orgel sogar "abwürgen"! :shock: Wer weiß... Da fiele mir gerade noch ein möglicher Grund für die Ladenaufteilung im Pedal ein: Es könnte durchaus sein, dass die Becher der Posaune 32' in voller Länge gebaut sind, wodurch sie in den 16'-Pedaltürmen ja überhaupt keinen Platz hätten. Auch für die anderen Hinterladen-Pedalregister (Untersatz 16', Gedackt 8', Bauernflöte 1', Rauschpfeife 2fach, Kornett 2') wäre demnach kein Platz mehr in den Türmen gewesen. Um das Ganze mal zusammenzufassen: Es war sicherlich sowohl eine Winddruck- als auch eine Platzfrage, die Pedalregister auf mehrere Laden zu verteilen.

Schöne Grüße aus den Pedaltürmen des Principalbass16Fuss :D

kernspalter
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Re: Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von kernspalter » Montag 27. Juni 2016, 07:59

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Auch der süddeutsche Orgelbauer Karl Joseph Riepp arbeitete zwischenzeitlich in Frankreich, was den Einbau französischer Register in seinen Ottobeurer Orgeln begründet.
Er arbeitete sogar die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich. Auch die Ottobeurer Orgeln baute er von Dijon aus.

Die Ottobeurer Dreifaltigkeitsorgel ist eigentlich von der Disposition her eine französische Orgel, in die einige süddeutsche Register eingebaut sind.
Johann Nepomuk Holzhey (siehe Obermarchtal, Weissenau, Rot an der Rot, Neresheim etc.)
Holzhey war Riepp-Mitarbeiter und hatte seine Werkstatt in Ottobeuren.
Joseph Gabler (siehe Weingarten, Ochsenhausen etc.)
Da gibt es keine französischen Kornette.
Was Gabler als "Cornet" bezeichnet, sind Register mit enger Principalmensur, die über den ganzen Klaviaturumfang laufen und repetieren.
Es handelt sich also um terzhaltige Mixturen.
Mit kernspalterischen Grüßen

Principalbass16Fuss
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Re: Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von Principalbass16Fuss » Montag 27. Juni 2016, 23:04

Diese Kornett-Mixturen in (enger) Principal-Mensur, die Du da beschreibst, habe ich hin und wieder an spätromantischen (z.T. pneumatischen) Orgeln angetroffen, die um die Jahrhundertwende (d.h. zwischen 1890 und 1912) erbaut wurden. Beispiele:

- Cornett-Mixtur 3fach 2 2/3', bestehend aus Quinte 2 2/3', Octave 2' und Terz 1 3/5'
- Cornett-Mixtur 4fach 4', bestehend aus Octave 4', Quinte 2 2/3', Octave 2' und Terz 1 3/5'
- Cornett-Mixtur 3-4fach (wie die 3-fache Version, nur mit einem zusätzlichen 4' ab c')
- Cornett-Mixtur 3-5fach 8' (wie die 3-fache Version, nur mit dem 4' ab c° und dem 8' ab c')

Manchmal tragen diese spätromantischen Mixturen auch den Namen "Progressio", "Progressio harmonica" oder "Progessivharmonika". Mit "progressiv" ist gemeint, dass im Verlauf des Manuals vom Bass zum Diskant pro Oktave eine Pfeifenreihe mehr hinzukommt, z.B. 2-5fach. Cavaillé-Coll hat auch ein solches "Plein Jeu progressif" II-V gebaut.

Darüber hinaus findet man in den Schwell- und Fernwerken spätromantischer Orgeln die traumhafte Streicher-Mixtur "Harmonia aetherea". An der großen Furtwängler-&-Hammer-Orgel im Dom zu Verden ist sie im III. Manual in 4-facher Besetzung vorhanden. Soweit ich mich erinnere, ist die höchste Pfeifenreihe der "Harmonia aetherea" ebenfalls eine Terz 1 3/5', nur eben in (sehr) enger Streicher-Mensur.

Nun aber zurück zu der Renaissance/Barock-Orgel in St. Johannis, Lüneburg: Wer von Euch findet, dass sie eine ausgesprochen geniale und vor allem vielseitige Disposition besitzt? :D

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Re: Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von kernspalter » Dienstag 28. Juni 2016, 00:14

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Diese Kornett-Mixturen in (enger) Principal-Mensur, die Du da beschreibst, habe ich hin und wieder an spätromantischen (z.T. pneumatischen) Orgeln angetroffen, die um die Jahrhundertwende (d.h. zwischen 1890 und 1912) erbaut wurden. Beispiele:

- Cornett-Mixtur 3fach 2 2/3', bestehend aus Quinte 2 2/3', Octave 2' und Terz 1 3/5'
- Cornett-Mixtur 4fach 4', bestehend aus Octave 4', Quinte 2 2/3', Octave 2' und Terz 1 3/5'
- Cornett-Mixtur 3-4fach (wie die 3-fache Version, nur mit einem zusätzlichen 4' ab c')
- Cornett-Mixtur 3-5fach 8' (wie die 3-fache Version, nur mit dem 4' ab c° und dem 8' ab c')
Im Unterschied zu den Gabler-Cornetten repetieren diese Cornett-Mixturen nicht. Die Chöre 2 2/3', 2' und 1 3/5' laufen durch.
Bei Gabler treten die tiefen Quint- und Terzchöre erst im Diskant auf. Im Baß sind die Cornette von normalen Mixturen nicht zu unterscheiden und liegen mitunter sogar richtig hoch. Z. B. in Weingarten im Echowerk 1' + 2/3' + 1/2' + 1/3' + 1/4'.
Cavaillé-Coll hat auch ein solches "Plein Jeu progressif" II-V gebaut.
Bei Cavaillé-Coll heißt es "Plein jeu harmonique", soviel ich weiß.
Auf jeden Fall ist das aber keine Terzmixtur.


Wer von Euch findet, dass sie eine ausgesprochen geniale und vor allem vielseitige Disposition besitzt? :D
Trotz fehlender Cornette? :)
Mit kernspalterischen Grüßen

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Friedrich Sprondel
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Re: Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von Friedrich Sprondel » Dienstag 28. Juni 2016, 10:50

kernspalter hat geschrieben:
Cavaillé-Coll hat auch ein solches "Plein Jeu progressif" II-V gebaut.
Bei Cavaillé-Coll heißt es "Plein jeu harmonique", soviel ich weiß.
Auf jeden Fall ist das aber keine Terzmixtur.
Das bezieht sich wohl auf die berühmten und singulären Hauptwerks-Mixturen in Notre-Dame von 1868. Die heißen Fourniture harmonique II–V und Cymbale harmonique II–V. Die Fourniture hatte eine typische »progressive« Zusammensetzung:

C 2 2/3' + 4'
c 2 2/3' + 4' + 5 1/3'
c' 2 2/3' + 4' + 5 1/3' + 8'
c'' 2 2/3' + 4' + 5 1/3' + 8' + 10 2/3'

Die Cymbale progredierte in die entgegengesetzte Richtung, sie gewann also in der Höhe Chöre dazu, darunter tatsächlich ein Terzchor:

C 2 2/3' + 2'
c 2 2/3' + 2' + 1 3/5'
c' 2 2/3' + 2' + 1 3/5' + 1 1/3'
c'' 2 2/3' + 2' + 1 3/5' + 1 1/3' + 1'

Der Mixturenklang verbreiterte sich also zur Höhe hin zu einem intensiven Leuchtstreifen. Offenbar hielt Cavaillé-Coll diese Zusammensetzung – die er vorher nie benutzt hatte und auch nie wiederholte – für nötig und geeignet, das obertonschluckende Schiff von Notre-Dame zu beschallen. Soweit ich weiß, wurden diese Mixturen beim Cochereau-Umbau geändert und beim Umbau in den Neunzigerjahren wieder eingerichtet.

Viele Grüße
Friedrich

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Re: Freunde der Orgel in St. Johannis, Lüneburg (III/P/51)

Beitrag von kernspalter » Dienstag 28. Juni 2016, 20:31

Friedrich Sprondel hat geschrieben:Das bezieht sich wohl auf die berühmten und singulären Hauptwerks-Mixturen in Notre-Dame von 1868. Die heißen Fourniture harmonique II–V und Cymbale harmonique II–V.
Diese Kombination ist singulär, das Plein jeu harmonique gab es aber öfters, meine ich. Auf jeden Fall im Positif von Ste-Clotilde/Paris.
Mit kernspalterischen Grüßen

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