Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Antworten
chp
Beiträge: 90
Registriert: Dienstag 28. Dezember 2010, 11:09

Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von chp » Montag 2. Mai 2016, 20:20

Hallo,

am Wochenende war ich mal wieder im Mecklenburgischen Orgelmuseum in Malchow, wo es ja mehrere kleine, aber sehr klangschöne und klangstarke Instrumente zu bewundern gibt.

Dabei habe ich mich gefragt, warum man bei so kleinen Orgeln (4-7 Register) eigentlich keine Schleifenteilung verwendet hat. Lütkemüller, Grüneberg, Winzer, Friese und Kollegen haben so solide und pfiffig gebaut, dass es dafür ja keine technischen Gründe geben kann. In Kastilien und auch Italien gabe es ja seit der Barockzeit eine lange Tradition, die den deutschen und Mecklenburger Orgelbauern des 19 Jahrhunderts doch vielleicht auch bekannt war. Und zumindest Friese III hat ja auch eine Zeit lang bei Cavaillé-Coll gearbeitet und hat seinen Horizont sicher stark erweitert.

Im Harmoniumbau des 19. Jahrhundert war Manualteilung ja auch üblich. Warum dann nicht bei kleinen Orgeln? Die musikalischen Möglichkeiten gerade einmanualiger Orgeln werden damit doch stark erweitert. Jedenfalls habe ich diese Erfahrung sehr eindrucksvoll an der Orgel in Briones (kastilischer Typ) und auch an meinem Harmonium machen können.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.

kernspalter
Beiträge: 671
Registriert: Mittwoch 18. Februar 2009, 12:36

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von kernspalter » Montag 2. Mai 2016, 20:52

Das Harmonium fand erst im späten 19. Jahrhundert große Verbreitung, zur Zeit eines Lütkemüller oder Friese III spielte das Harmonium als Orgelersatz in Deutschland noch kaum eine Rolle.
In der deutschen Orgelbautradition war die typische Dorforgel bis weit ins 19. Jahrhundert einmanualig, aber mit Pedal. Harmonien hingegen waren pedallose Instrumente.
Die Grüneberg-Orgel in Malchow hat übrigens ein Diskantregister (die Gamba 8') und ein Baßregister (den Pedal-16').
Mit kernspalterischen Grüßen

Holger

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von Holger » Dienstag 3. Mai 2016, 06:54

Du gibst die Antwort ja selbst im 17. + 18. Jahrhundert wurde diese Teilung von Registern praktiziert.

Vielleicht kannten die Orgelbauer im 19. Jahrhundert die Teilung, aber diese wurde nicht als reproduzierwürdig angesehen, so wie viele ältere Orgeln ersetzt wurden, durch technisch bessere und klanglich modernere Werke. Oder klanglich tiefgreifend umgestaltet wurden um den neuen Vorstellungen zu entsprechen.

Eine Notwendigkeit für kleine "Dorforgeln" bestand sicher auch nicht, da diese wohl nur zur Gemeindebegleitung eingestzt wurden und nich für künstlerisches Orgelspiel.

Solcena
Beiträge: 139
Registriert: Dienstag 29. Oktober 2013, 13:21
Kontaktdaten:

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von Solcena » Dienstag 3. Mai 2016, 16:40

Holger hat geschrieben: Eine Notwendigkeit für kleine "Dorforgeln" bestand sicher auch nicht, da diese wohl nur zur Gemeindebegleitung eingestzt wurden und nich für künstlerisches Orgelspiel.
Ja, das denke ich auch. Wenn ich mir Register anschaue, die - ob in Spanien oder in Frankreich oder in Deutschland - in historischen einmanualigen Orgeln in Schleifenteilung gebaut waren oder nur im Diskant vorhanden waren, so waren dies doch in aller Regel ausgesprochene Solisten wie eine Trompete oder ein Kornett. Die damit denkbaren solistischen / dialogischen Möglichkeiten ("Dessus de ..." / "Récit de ..." z.B. bei altfranzösischer Musik) brauchte man doch in der deutschen Romantik eher weniger, ich habe jedenfalls noch nie ein Solo für Geigenprinzipal gesehen ... 8)

Ich habe mich dagegen schon verschiedentlich über vorhandene Schleifenteilungen geärgert, ein paar Mal musste ich an Walcker-o.ä.-"Kisten" (Serienorgeln) spielen, die für den jeweiligen Raum total untermotorisiert waren, aber dann alle Register bis hin zum 1 1/3' und der spitzen Zimbel geteilt hatten. Das ist dann immer doppelter Registrieraufwand, man braucht dafür zwei Hände (Links / rechts), kann nicht im Spielen umregistrieren und die sich zusätzlich ergebenden musikalischen Möglichkeiten sind doch eher bescheiden - Solo für Schreizimbel oder "Basse de Quinte 1 1/3". Dann doch lieber auf die aufwendigere Technik verzichten und schauen, dass die Prinzipalbasis dem Raum angemessen ist.

Ansonsten - d.h. wenn sie zum Konzept der Orgel passen, die Grundstimmen ausreichen und Geld für entsprechende solistische Register vorhanden ist - sind Schleifenteilungen natürlich eine feine Sache.

kernspalter
Beiträge: 671
Registriert: Mittwoch 18. Februar 2009, 12:36

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von kernspalter » Dienstag 3. Mai 2016, 16:52

Eine ganz außergewöhnliche romantische Orgel mit Baß-Diskant-Teilungen gibt es in Elmstein:

Manual:

Flötenprinzipal 16' D
Prinzipal 8' B + D
Gedeckt 8'
Gamba 8' B + D
Voix Celeste 8'
Salicional 8'
Aeoline 8'
Nasard 5 1/3' B
Hohlflöte 4' B + D
Waldflöte 2'
Mixtur 4f. 2 2/3' B + D

Pedal:
Subbaß 16'
Oktavbaß 8'

http://www.schlimbach-orgel-elmstein.de ... 113385,8,1
Mit kernspalterischen Grüßen

trommet16
Beiträge: 48
Registriert: Samstag 6. Februar 2016, 10:52

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von trommet16 » Samstag 7. Mai 2016, 18:00

Eine romantische Orgel mit Schleifenteilung habe ich noch nicht gesehen, auch toll!

Ich bin eindeutig für eine Schleifenteilung bei einmanualigen Orgeln, allerdings sollten die Bass/Diskant Züge für ein Register zumindest dicht beieinander liegen, idealerweise direkt nebeneinander/als ein geteilter Zug. Das erleichtert die Bedienung durch weniger versierte Organisten ungemein, und wer kann und möchte kann die Schleifenteilung nutzen.

Wichtig ist mir dabei aber ein freies Pedal (16 +8 minimum)

chp
Beiträge: 90
Registriert: Dienstag 28. Dezember 2010, 11:09

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von chp » Samstag 7. Mai 2016, 22:16

Hallo,
trommet16 hat geschrieben:Ich bin eindeutig für eine Schleifenteilung bei einmanualigen Orgeln, allerdings sollten die Bass/Diskant Züge für ein Register zumindest dicht beieinander liegen, idealerweise direkt nebeneinander/als ein geteilter Zug. Das erleichtert die Bedienung durch weniger versierte Organisten ungemein, und wer kann und möchte kann die Schleifenteilung nutzen.
die Orgel in der Kirche des Klosters Nütschau (ex Aachener Musikhochschule) hat Schleifenteilung im 1. Manual. Die Register sehen aus wie "gespaltene" Manubrien, die rechte Hälfte ist für den Diskant, die linke für den Bass. Man kann auch bequem beide Hälften wie einen Manubrienknopf gleichzeitig ziehen.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.

trommet16
Beiträge: 48
Registriert: Samstag 6. Februar 2016, 10:52

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von trommet16 » Sonntag 8. Mai 2016, 13:06

chp hat geschrieben: Die Register sehen aus wie "gespaltene" Manubrien, die rechte Hälfte ist für den Diskant, die linke für den Bass. Man kann auch bequem beide Hälften wie einen Manubrienknopf gleichzeitig ziehen.
So denke ich mir das! :)

Grüße aus Ostfriesland ;)

Ronald Henrici
Beiträge: 641
Registriert: Sonntag 18. Juli 2010, 21:44
Wohnort: Bad Krozingen und Donaueschingen

Re: Schleifenteilung (Crossposting zum Pfeifenorgelforum)

Beitrag von Ronald Henrici » Samstag 2. Juli 2016, 22:25

Der Grund, Schleifenteilung nicht anzuwenden, hat mehrere Gründe: der Hauptgrund scheint mir zu sein, daß im Bau der orgel ein Mehraufwand entsteht, der sich dann schließlich auch preislich niederschlägt.
Schleifenteilung hat bei kleinen Orgeln einen erheblichen Vorteil: es lassen sich mehr Klangfarben ermöglichen. Wenn ein 16 Fuß im Pedal da ist, läßt sich sogar Triospiel ermöglichen, und vieles mehr.
Die Orgelliteratur der damaligen Zeit war so gestaltet, daß eine Schleifenteilung nicht erforderlich was und sogar hinderlich.
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste