Romantische Englische Orgeln

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malle235
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Romantische Englische Orgeln

Beitrag von malle235 » Freitag 29. April 2016, 21:33

Typisch für die englischen Orgeln des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist die starke Betonung der 8' Lage (bei großen Orgeln mehrere unterschiedliche Prinzipale im Hauptwerk) und kraftvolle Zungen (teilweise enorm hoher Winddruck), Streicher im Schwellwerk, bei großen Orgeln Solowerk mit imitatorischen Orchesterstimmen

Father Willis-Orgel in Salisbury IV/65:

I Chorwerk C–c4
1. Lieblich Gedackt 16′
2. Open Diapason 8′
3. Flute Harmonique 8′
4. Lieblich Gedackt 8′
5. Salicional 8′
6. Gemshorn 4′
7. Flute Harmonique 4′
8. Lieblich Gedackt 4′
9. Nazard 2 2/3′
10. Flageolet 2′
11. Tierce 1 3/5′
12. Trumpet 8′
Tremulant

II Hauptwerk C–c4
13. Double Open Diapason 16′
14. 1st Open Diapason 8′
15. 2nd Open Diapason 8′
16. Claribel Flute 8′
17. Stopped Diapason 8′
18. 1st Principal 4′
19. 2nd Principal 4′
20. Flute Couverte 4′
21. Twelfth 2 2/3′
22. Fifteenth 2′
23. Mixture IV
24. Trombone 16′
25. Trumpet 8′
26. Clarion 4′

III Schwellwerk C–c4
27. Contra Gamba 16′
28. Open Diapason 8′
29. Lieblich Gedackt 8′
30. Viola de Gamba 8′
31. Vox Angelica 8′
32. Octave 4′
33. Flute Harmonique 4′
34. Super Octave 2′
35. Mixture III
36. Vox Humana 8′
37. Hautboy 8′
38. Contra Fagotto 16′
39. Trompette 8′
40. Clarion 4′
Tremulant

IV Solowerk C–c4
41. Violoncello 8′
42. Cello Celestes 8′
43. Flute Harmonique 8′
44. Flute Harmonique 4′
45. Cor Anglais 16′
46. Clarinet 8′
47. Orchestral Oboe 8′
48. Tuba 8′
49. Tuba Clarion 4′
Tremulant

Pedalwerk C–f1
50. Double Open Diapason 32′
51. Open Bass 16′
52. 1st Open Diapason 16′
53. 2nd Open Diapason 16′
54. Violone 16′
55. Bourdon 16′
56. Lieblich Gedackt 16′
57. Octave 8′
58. Viola 8′
59. Flute 8′
60. Octave Viola 4′
61. Octave Flute 4′
62. Mixture IV
63. Contra Posaune 32′
64. Ophicleide 16′
65. Clarion 8′

Normalkoppeln, Sub- und Superoktavkoppeln

kernspalter
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Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von kernspalter » Samstag 30. April 2016, 22:23

malle235 hat geschrieben:Streicher im Schwellwerk
Streicher im Schwellwerk sind für alle romantischen Orgeln charakteristisch, die ein Schwellwerk haben.
Typisch für das englische Schwellwerk ist die Besetzung mit Zungen und mit einem Principalpleno.

Manche Charakteristika zeigen sich vielleicht noch besser, wenn man mittelgroße Dispositionen vergleicht. Ich habe drei Dispositionen aus den frühen 1870er Jahren ausgewählt. Zuerst eine Willis-Orgel von 1871:

Great Organ:
1. Double Diapason 16'
2. Open Diapason 8'
3. Claribel Flute 8'
4. Octave 4'
5. Harmonic Flute 4'
6. Twelfth 2 2/3'
7. Fifteenth 2'
8. Trumpet 8'

Choir Organ:
9. Gamba 8'
10. Lieblich Gedact 8'
11. Dulciana 8'
12. Concert Flute 4'
13. Nasard 2 2/3'
14. Piccolo 2'
15. Clarinet 8'

Swell Organ:
16. Lieblich Bourdon 16'
17. Open Diapason 8'
18. Lieblich Gedact 8'
19. Salicional 8'
20. Vox Angelica 8'
21. Gemshorn 4'
22. Flageolet 2'
23. Mixture 2 ranks
24. Contra Oboe 16'
25. Cornopean 8'
26. Oboe 8'
27. Clarion 4'

Pedal Organ:
28. Open Diapason 16'
29. Violone 16'
30. Bourdon 16'
31. Flute Bass 8'
32. Ophicleide 16'

(Ursprünglich London-Westgreen, heute Seeattle, http://www.orgbase.nl/scripts/ogb.exe?d ... LIJST=lang)

Das Hauptwerk hat keine Mixtur, die einzige Mixtur ist im Schwellwerk. Das Hauptwerk hat eine einzige Zunge, das Schwellwerk gleich vier, in 16'-, 8' und 4'-Lage.

Zum Vergleich eine Cavaillé-Coll-Orgel von 1872:

Grand Orgue:
1. Bourdon 16'
2. Montre 8'
3. Bourdon 8'
4. Flûte Harmonique 8'
5. Violoncelle 8'
6. Prestant 4'
7. Octave 4'
8. Cornet 5 rangs
9. Plein Jeu Harmonique 3-6 rangs
10. Basson 16'
11. Trompette 8'
12. Clairon 4'

Positif Expressif:
13. Bourdon 8'
14. Salicional 8'
15. Unda Maris 8'
16. Flûte 4'
17. Quinte 2 2/3'
18. Doublette 2'
19. Piccolo 1'
20. Clarinette 8'
21. Cor Anglais 8'

Récit Expressif:
22. Flûte Traversière 8'
23. Viole de Gambe 8'
24. Voix Céleste 8'
25. Flûte Octaviante 4'
26. Octavin 2'
27. Trompette 8'
28. Basson et Hautbois 8'
29. Voix Humaine 8'

Pédale:
30. Flûte 16'
31. Flûte 8'
32. Violoncelle 8'
33. Octave 4'
34. Bombarde 16'
35. Trompette 8'
36. Clairon 4'


(Chaumont, http://www.orgbase.nl/scripts/ogb.exe?d ... LIJST=lang)

Hier konzentriert sich die Kraft aufs Hauptwerk. Da befinden sich Mixtur und Cornett sowie die Zungen 16', 8' und 4'.
Im Schwellwerk gibt es kein Principal, keine Mixtur, keinen 16', Zungen nur in 8'-Lage.

Und dann noch zum Vergleich die Orgel eines deutschen Orgelbauers (Steinmeyer, Disposition von Joseph Rheinberger):

I. Manual:
1. Bourdon 16'
2. Principal 8'
3. Tibia 8'
4. Gamba 8'
5. Gedakt 8'
6. Quintflöte 5 1/3'
7. Octav 4'
8. Gemshorn 4'
9. Octav 2'
10. Mixtur 5 fach 2 2/3'
11. Trompete 8'

II. Manual:
12. Salicional 16'
13. Principalflöte 8'
14. Aeoline 8'
15. Lieblich Gedackt 8'
16. Fugara 4'
17. Flöte Trav. 4'
18. Flageolett 2'
19. Cornett 5 fach
20. Fagott-Clarinette 8'

III. Manual:
21. Geigenprincipal 8'
22. Wienerflöte 8'
23. Dolce 8'
24. Viola 4'
25. Flautino 2'

Pedal:
26. Principalbass 16'
27. Violon 16'
28. Subbass 16'
29. Quintbass 10 2/3'
30. Octavbass 8'
31. Violoncello 8'
32. Flötenbass 4'
33. Posaune 16'
Zuletzt geändert von kernspalter am Sonntag 1. Mai 2016, 00:24, insgesamt 1-mal geändert.
Mit kernspalterischen Grüßen

kernspalter
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Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von kernspalter » Samstag 30. April 2016, 23:42

Hier noch die Disposition einer Orgel, die Cavaillé-Coll 1875 nach England geliefert hat.

Die Disposition ist mehr englisch als französisch:

Grand Orgue:
1. Montre 16'
2. Diapason 8'
3. Flûte-Harmonique 8'
4. Prestant 4'
5. Doublette 2'
6. Plein-Jeu VII rangs
7. Trompette 8'
8. Clairon 4'

Positif:
9. Salicional 8'
10. Cor-de-Nuit 8'
11. Unda Maris 8'
12. Dulciana 4'
13. Flûte-Douce 4'
14. Doublette 2'
15. Clarinette 8'

Récit Expressif:
16. Bourdon 16'
17. Diapason 8'
18. Flûte-Traversière 8'
19. Viole de Gambe 8'
20. Voix-Céleste 8'
21. Flûte-Octaviante 4'
22. Plein-Jeu V rangs
23. Basson 16'
24. Trompette 8'
25. Basson-Hautbois 8'
26. Voix-Humaine 8'
27. Clairon 4'

Pedal:
28. Soubasse 32'
29. Contre-Basse 16'
30. Soubasse 16'
31. Flûte 8'
32. Bombarde 16'

(Blackburn, http://www.orgbase.nl/scripts/ogb.exe?d ... LIJST=lang)
Mit kernspalterischen Grüßen

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Friedrich Sprondel
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Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von Friedrich Sprondel » Samstag 30. April 2016, 23:54

Ist ’ne Nebensache, aber wenn der Komponist Rheinberger gemeint ist: Der hieß Joseph. Im Taufbuch finden sich die Taufnamen Gabriel Joseph (in dieser Reihenfolge), aber er selber hat sich nie anders als bei seinem Rufnamen Joseph genannt. Bis zu den Notenausgaben zum R.-Gedenkjahr hat ihn auch niemand, wirklich niemand, Joseph Gabriel genannt. Das ist eine reine PR-Maßnahme des Stuttgarter Verlags gewesen. Klingt irgendwie mehr nach Johann Sebastian oder so.

Offensichtlich hat sie verfangen.

Genervte Grüße
Friedrich

kernspalter
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Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von kernspalter » Sonntag 1. Mai 2016, 00:28

Friedrich Sprondel hat geschrieben:Ist ’ne Nebensache, aber wenn der Komponist Rheinberger gemeint ist: Der hieß Joseph. Im Taufbuch finden sich die Taufnamen Gabriel Joseph (in dieser Reihenfolge), aber er selber hat sich nie anders als bei seinem Rufnamen Joseph genannt. Bis zu den Notenausgaben zum R.-Gedenkjahr hat ihn auch niemand, wirklich niemand, Joseph Gabriel genannt. Das ist eine reine PR-Maßnahme des Stuttgarter Verlags gewesen. Klingt irgendwie mehr nach Johann Sebastian oder so.

Offensichtlich hat sie verfangen.

Genervte Grüße
Friedrich
Oh Schreck! Jetzt bin ich selber genervt, und zwar doppelt.
Ich schreibe eigentlich immer Joseph ohne "Gabriel".
Als ich den Beitrag zum ersten Mal schrieb, stand da auch "Joseph Rheinberger" geschrieben, da bin ich mir sicher.
Beim Absenden des Beitrags wurde ich aber aus dem Forum katapultiert wurde und mußte den ganzen Beitrag nochmal schreiben.
Die automatische Anmeldung funktioniert nach wie vor nicht, dafür die automatische Abmeldung.
http://www.orgel-informationen.de/Sub_F ... f=1&t=1442
Mit kernspalterischen Grüßen

violdigamb
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Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von violdigamb » Sonntag 1. Mai 2016, 09:06

Hallo Friedrich,

danke für den Hinweis! Bei Felix Mendelssohn finde ich das ganze allerdings noch gravierender, weil er sich selbst mit dem Namenszusatz "Bartholdy" wohl nicht so recht identifiziert hat.

Viele Grüße,

violdigamb

Principalbass16Fuss
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Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von Principalbass16Fuss » Sonntag 1. Mai 2016, 19:44

Vor vielen Jahren (...als ich 14 oder 15 war...) habe ich einmal auf einer schönen romantischen Dorfkirchenorgel im Westen Englands (Grafschaft: Herefordshire) gespielt. Sie wurde 1872 von der bekannten Orgelbaufirma "J. Walker & Sons" in London gebaut. Mit 15 Registern auf zwei Manualen hatte sie folgende Disposition:

GREAT: Open Diapason 8' (Prospekt), Stopped Clarionet & Flute Bass 8',
Dulciana 8', Principal 4', Wald Flute 4', Fifteenth 2', Mixture III, Trumpet 8'

SWELL: Open Diapason 8' (ab c°), Stopped Diapason 8',
Echo Gamba 8', Gemshorn 4', Piccolo 2', Oboe 8'

PEDAL: Bourdon 16'

KOPPELN: Swell to Great, Great to Pedal
FESTE KOMBINATIONEN: Piano, Mezzoforte, Forte

Mechanische Spiel- und Registertraktur (Schleifladen)

An den bezaubernden Klang der beiden Streicher (Dulciana und Echo Gamba) kann ich mich noch ganz gut erinnern... bemerkenswert für eine solche Dorfkirchenorgel sind auch die beiden Zungenregister (Trumpet und Oboe). Das Schwellwerk hatte meines Wissens keinen Tremulanten; ebenfalls fehlte die Koppel "Swell to Pedal", die sonst eigentlich an den meisten zweimanualigen Orgeln in England vorhanden ist. Die drei festen Kombinationen wirkten nur auf die Register vom Hauptwerk und wurden über mechanische Messing-Fußhebel getreten, die die Registerzüge herausgestoßen haben. Der Schwelltritt befand sich ganz rechts neben der Pedalklaviatur und war kein moderner Balancier-Tritt, wie man Schweller heutzutage kennt, sondern ebenfalls ein Messing-Fußhebel mit einer dreistufigen Raste aus Holz, mit der man den Tritt einhaken konnte: Jalousien offen, Jalousien halb offen, Jalousien geschlossen. Viele Grüße! :)

Dorforgler
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Registriert: Mittwoch 30. April 2014, 18:58

Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von Dorforgler » Montag 2. Mai 2016, 08:26

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Vor vielen Jahren (...als ich 14 oder 15 war...) habe ich einmal auf einer schönen romantischen Dorfkirchenorgel im Westen Englands (Grafschaft: Herefordshire) gespielt. Sie wurde 1872 von der bekannten Orgelbaufirma "J. Walker & Sons" in London gebaut.
Nach NPOR ist die Orgel tatsaechlich unveraendert, was ich jetzt so nicht erwartet haette. (Der beruehmte J.W. Walker ist uebrigens bereits 1870 gestorben...)

Stilistisch gesehen haette ich diese Orgel noch ein paar Jahrzehnte aelter eingeschaetzt; da haben einige andere schon deutlich mehr stilweisend in die Richtung gebaut, die man heute typischerweise als englisch-romantisch bezeichnet (Ein Beispiel wurde bereits in diesem Thread genannt).

Jonathan G.
Beiträge: 1
Registriert: Dienstag 13. September 2016, 21:26

Re: Romantische Englische Orgeln

Beitrag von Jonathan G. » Mittwoch 22. März 2017, 14:51

Guten Tag,

noch eine weitere schöne englisch-romantische Orgel von "Halmshaw & Sons" aus Birmingham (Baujahr 1860) steht in Neuenhaus nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Sie hat folgende Disposition:

GREAT
1. Open Diapason 8'
2. Stopped Diapason 8'
3. Viola di Gamba 8'
4. Principal 4'
5. Flute 4'
6. Twelfth 2⅔'
7. Fifteenth 2'
8. Sesquialtera IV
9. Trumpet 8'

SWELL
10. Bourdon 16'
11. Open Diapason 8'
12. Stopped Diapason 8'
13. Principal 4'
14. Fifteenth 2'
15. Cornopean 8'
16. Hautboy 8'

PEDAL
17. Open Wood 16'

DIe üblichen Koppeln.

Die Orgel wurde 1998 von F. R. Feenstra aus Grootegast in den Niederlanden restauriert und in Neuenhaus aufgestellt. Das Schwellwerk ist auch hier lediglich ein hölzerner Fußhebel, der, möchte man die Schwellbretter halb offen halten, mit dem Fuß gehalten werden muss, was ziemlich anstrengend ist. Also ist eigentlich nur "Schweller auf" und "Schweller zu" vorgesehen.

Mit freundlichen Grüßen

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