Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
malle235
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von malle235 » Samstag 16. April 2016, 18:58

http://www.freundeskreis-nb.de/aktuelle ... ester.html

Da ist ne ganze Reihe aufgelistet, allerdings kenn ich auch praktisch nichts davon

Wahrscheinlich ist es deutlich einfacher einen Konzertorganisten aufzutreiben, als ein Orchester zu überzeugen ein unbekanntes Stück für Orgel+Orchester einzuüben...

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Friedrich Sprondel
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Friedrich Sprondel » Samstag 16. April 2016, 22:01

malle235 hat geschrieben:http://www.freundeskreis-nb.de/aktuelle ... ester.html
Da ist ne ganze Reihe aufgelistet, allerdings kenn ich auch praktisch nichts davon.
Wahrscheinlich ist es deutlich einfacher einen Konzertorganisten aufzutreiben, als ein Orchester zu überzeugen ein unbekanntes Stück für Orgel+Orchester einzuüben...
Leider ist es so. Oder man greift zum Poulenc und macht ihn mit einem Kammerorchester und einem Kontrabass statt mit allen Streichern, die man kriegen kann (habe ich so erlebt, bei einer wirklich lauten neuen Orgel). Und wundert sich dann, dass der sinfonische Orgelpart die armen Saitlinge totbläst.

Dabei gibt es wirklich so viele tolle Stücke. Ich muss auch zugeben, dass ich nur sehr wenige von den dort aufgeführten kenne. Aber z. B. die Jongen-Symphonie ist eine glatte Wucht und stellt die Saint-Saëns-Sinfonie dreimal in den Schatten – jedenfalls in puncto spannendes Wechselspiel Orgel gegen Orchester. Die Copland-Sinfonie ist ebenfalls irre gut, wenn auch sehr viel strenger. Sehr schön ist auch das “Snow Walker”-Konzert von Michael Colgrass (mit Wolfsgeheul vom Solohorn zu Beginn) oder, wenn’s etwas mehr Dekorum sein soll, das Poème von Jeanne Demessieux. (Die Stücke von Dupré sind dagegen ziemlich ströherne Kost.) Und wenn man ein Publikum mit einem Werk unter 40 Minuten umhauen will, muss man zu Barbers Toccata festiva greifen, wo’s nicht nur orchestral knallt, sondern auch wunderschön lyrisch singt und eine atemberaubende Pedalkadenz gibt – ich empfehle sehr die Aufnahme von den Proms 2004, als Simon Preston an der frisch renovierten Riesenorgel der Royal Albert Hall das Solo eins-A servierte, das Orchester ebenfalls mächtig aufdrehte und das Publikum auf die einzig angemessene Weise reagierte.

Doch, man könnte eine ganze Spielzeit lang nur Sinfonik mit Orgel spielen und wäre noch längst nicht fertig. Weiß bloß keiner.

Viele Grüße
Friedrich

violdigamb
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von violdigamb » Samstag 16. April 2016, 23:07

Guilmants 3. Orgelsonate gibt's glaub ich auch in einer Orchester-Orgel-Bearbeitung des Kompoisten - grandios!

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Friedrich Sprondel
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Friedrich Sprondel » Sonntag 17. April 2016, 00:48

violdigamb hat geschrieben:Guilmants 3. Orgelsonate gibt's glaub ich auch in einer Orchester-Orgel-Bearbeitung des Kompoisten - grandios!
Die erste und die siebte, soweit ich weiß. Ja, die machen beide was her, aber sie sind auch musikalisch eine Spur harmlos, harmloser z. B. als die Saint-Saëns-Sinfonie. Das Finale der ersten kommt aber immer sehr schön.

Außerdem gibt’s noch zwei konzertante Orgel-Orchester-Sinfonien von Widor und eine Orgel-Orchester-Bearbeitung von Kopfsatz und Finale der Sechsten, dazwischen das Andante aus der Zweiten. Diese Bearbeitungen finde ich aber nicht so schön und so interessant wie die Originale.

Viele Grüße
Friedrich
Zuletzt geändert von Friedrich Sprondel am Mittwoch 27. April 2016, 22:44, insgesamt 1-mal geändert.

malle235
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von malle235 » Sonntag 17. April 2016, 12:49

danke für die vielen "Hörtipps" - arbeite mich gerade bei youtube da durch

war also eine lohnenswerte Diskussion, wer weiß, vielleicht stolpert ja auch jemand von Schuke oder Klais über unseren Thread und kommt auf gute Ideen oder schüttelt nur den Kopf :lol:
aber ich glaube ganz so schlecht waren unsere Ideen nicht...

Dorforgler
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Dorforgler » Sonntag 17. April 2016, 16:37

Das Problem im professionellen Konzertbetrieb ist ganz einfach: Zeit ist Geld!
Wenn da der Solist alleine schon 3 Proben mit vollem Orchester nur zur Einrichtung seines Parts benoetigt, ist das alleine oft genug schon "K.-O.-Kriterium" :cry:

Ich denke, dass hier sowohl Organisten als auch Orgelbauer einmal komplett umdenken muesssen - hier muss sich einfach das Instrument schnellstmoeglich an den Bedarf anpassen lassen und nicht umgekehrt.
Einen ersten Schritt sehe ich im Generalschweller, den z.B. Rieger letztens in Paris verbaut hat: Der Organist kann ganz normal vorher seinen Part einregistrieren, kann aber auch ohne umregistrieren sehr einfach die Balance zwischen Orgel und Orchester einhalten, ohne dass sich der vom ihm gewuenschte Klang der Orgel veraendert. (Was immer sehr schwierig ist, da z.B. in Proben oft nicht die Musiker sitzen, die nachher auch das Konzert spielen...)
Sehr wichtig finde ich vor allem auch die klassischen Spielhilfen wie Walzen, Absteller,, Pianopedal, Werks- und Festkombinationen, die heutzutage mit Verweis auf den Setzer leider immer weniger verbaut werden und auch immer weniger von Organisten bedient werden koennen :roll:

Die andere Moeglichkeit waere natuerlich, komplett anders zu denken. Das Werksprinzip muesste komplett aufgegeben werden, die Register sinnvoll in kleineren Gruppen aufgeteilt werden, die seperat und differenziert nicht nur geschwellt, sondern auch durch flexible Akkustikelemente im Frequenzspektrum geandert werden koennten. Dann koennte sich der Organist - aehnlich wie der Pianist - vorher seine "Wunschdisposition" bestellen z.B. und nach der Probe durch den Techniker sehr schnell noch einige Details anpassen lassen...

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Friedrich Sprondel
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Friedrich Sprondel » Sonntag 17. April 2016, 23:27

Dorforgler hat geschrieben:Die andere Moeglichkeit waere natuerlich, komplett anders zu denken. Das Werksprinzip muesste komplett aufgegeben werden, die Register sinnvoll in kleineren Gruppen aufgeteilt werden, die seperat und differenziert nicht nur geschwellt, sondern auch durch flexible Akkustikelemente im Frequenzspektrum geandert werden koennten. Dann koennte sich der Organist - aehnlich wie der Pianist - vorher seine "Wunschdisposition" bestellen z.B. und nach der Probe durch den Techniker sehr schnell noch einige Details anpassen lassen...
Es gibt einen Entwurf von Dupré, der versucht, das grundsätzlich zu durchdenken. Da wird die Orgel in ihre grundlegenden Farben zerlegt, dann wird pro Farbe eine Multiplexreihe jeweils in einen eigenen Schwellkasten plaziert. Es gibt also Montre, Bourdon, Flûte (harmonique), Salicional, Gambe, Voix céleste (mit Gambe auf einem Stock), Bombarde/Trompette/Clairon, Basson-Hautbois, Voix humaine, Nasard, Tierce, Fourniture und ich glaube auch eine Tuba oder ähnliches. Konkret sollten die Register wohl auf chromatischen Einzelladen auf Sturz nebeneinander stehen, dazwischen Trennwände; die Schwellklappen wären dann in der Dachschräge über der Pfeifenreihe gewesen, alles mehr oder weniger nebeneinander und durch Stimmgänge gegliedert. Maximale Anpassbarkeit jeder Klangfarbe, maximale Rationalität und Sparsamkeit. Alles mit elektrischen Einzeltonladen.

Wenn man mal darüber nachdenkt, weicht anfängliche Faszination schnell der Ernüchterung. Der Vorbereitungsaufwand, bevor man auch nur eine einzige Note spielen könnte, wäre enorm. Selbst wenn man z. B. Schwellerstände in einen Setzer programmieren könnte, dann müsste man es eben für jede einzelne Registrierung auch tun – gleich mal die Nacht vor der ersten Probe freihalten und dem Partner vorweg Blumen auf den Tisch stellen … Oder der Orgelbauer/-planer hat ein Einsehen und stellt vorbereitete Standardmischungen zur Verfügung. Dann ist man aber ratzfatz wieder bei einer simulierten Werkorgel, nur ohne deren Annehmlichkeiten – von einer ausgewogenen Intonation ganz zu schweigen.

Ich habe es eine Weile versucht, auf andere Weise zu durchdenken, sozusagen nach Klangmodulen. Kleiner Prinzipalchor, großer Prinzipalchor, Trompetenchor, Bombardenchor, Flötenchor mit Aliquoten, Chor aus Überblasenden, Streicherchor scharf/lyrisch, lyrische Solozungen, Fortissimo-Solozungen, weite Pedalbässe usw., alle auf eigenen Laden und dann auf einen viermanualigen Spieltisch nach Belieben koppelbar.

Aber auch da müsste man Standardbelegungen auf Knopfdruck anbieten, damit ein schneller Einsatz möglich wird – und irgendwo müssen die Module ja auch stehen, in gemeinsamen Schwellkästen, hinter-, neben- und übereinander, in einer einheitlichen Mikroklimazone … Und ehe man sich’s versieht, hat man eben doch eine Werkorgel. Denn die Klangmodule überschneiden einander ja auch. Die überblasenden Flöten wollen die Gesellschaft von Prinzipalen und Gamben und passen gut zu französischen Trompeten- und Oboenstimmen. Die Prinzipale wünschen sich die Nachbarschaft von Gedeckten 16' und 8' und von Trompeten 16' und 8'. Ein lyrischer Basson-Hautbois rechnet damit, zusammen mit Bourdon, Flûte traversière und Gambe eingesetzt zu werden. Der große Prinzipalchor sehnt sich manchmal nach der Sesquialtera aus dem kleinen, diese wiederum nach einem tragenden Gedeckt 8' mit demselben Tremulanten, die Pedalposaune nach einem prompt ansprechenden Oktavbass …

Kurz: Die Werkorgel erscheint dann gar nicht mehr als so unattraktives Konzept. Nach jahrhundertelanger Entwicklung hat sie in allen ihren Spielarten Wesentliches zu bieten, im besten Fall ein schönes Gleichgewicht von Flexibilität, verlässlich funktionierenden musikalischen Nachbarschaften und lebendigen Kontrasten. Und ein fremder Spieler findet sich in der Regel rasch an ihr zurecht – was ich bei Konzertsaalorgeln sehr wichtig finde.

Sicher schadet es nicht, sie hier und da aufzubrechen. In England stehen z. B. oft die HW-Zungen auf einer eigenen Lade, die dann auch separat ans Positiv oder ans Pedal gekoppelt werden kann; so etwas kann man sich auch gut für Schwellwerkstrompeten vorstellen oder sogar für Pedalzungen. Und bei Konzertsaalorgeln kann es günstig sein, wenn die Laden nicht zu groß werden, weil sonst Druckabfall und Absinken der Stimmung drohten – das hasst jedes Orchester. Aber um eine Verteilung der Stimmen, die mindestens ansatzweise Ähnlichkeit mit Werkaufbau hat, kommt man meiner Ansicht nach nicht herum.

Viele Grüße
Friedrich

Holger

Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Holger » Montag 18. April 2016, 09:07

Danke, Friedrich Sprondel, dass Du nicht einfach eine, deine, Traumdisposition hier aufgeschrieben hast, sondern von einer ganz anderen Richtung an das Thema herangehst.

Eine Auflistung von Wunschregistern zu publizieren scheint auch mir nicht das eigentlich wesentlich zu diskutierende Thema für eine Konzertorgel zu sein. Jeder hat seine eigene Vorstellung wie ein Register mit der Bezeichnung XY klingen soll. Und da kann man lange hin und her schreiben ohne dass dabei eigentlich etwas sinnvolles heraus kommt. Und dann noch ohne die Größe und akustischen Gegebenheiten eines Raums, dessen Verwendugszweck und der musikalischen Ausrichtung des Instruments näher zu kennen, kann man eigentlich keine vernünftige Disposition erstellen.

Ich hinterfrage mal: Was ist eigentlich Sinn und Zweck einer Orgel in einem Konzertsaal?

Zum einen ist da die Orgel, die mit anderen Instrumenten oder Chören erklingen soll, zum anderen auch eine solistische Verwendung der Orgel ohne andere Instrumente möglich und wird auch praktiziert.

Sicher hatte Händel etwas anderes im Sinn wie Poulenc, die zwar jeweils Konzerte für Orgel und Orchester komponierten. Und dazwischen sind viele, viele, die für eine Orgel und Orchester etwas geschaffen haben.

In der Romantik, wie Spätromatik war da wohl eine richtige Mode entstanden, Orgel und Orchester gemeinsam und auch konzertant erklingen zu lassen. Einige Werke, in der die Orgel nicht als durchkomponiertes Solo-Instrument auftritt, sondern eher einen "Orchesterpart" einnimmt sind Saint-Saens Orgelsinfonie, Straußens Alpensinfonie, Mahlers 8. Sogar in Wagners Opern finden sich Orgelstimmen. Ich denke für die Aufführung solcher Werke sind die Anforderungen an eine ausgefeilte, spezifische Orgel nicht so hoch. Ich kenne eine Aufnahme, in der Orgel und Orchester nicht einmal im selben Raum waren, sondern gesampelt wurden.

Daneben gibt es eine ganze Reihe groß angelegter Konzerte für Orgel und Orchester, bei denen die Orgel den Solo-Part einnimmt. Hier sind die Anforderungen an eine Orgel schon spezieller. Neben den genannten Widor, Guilmant, Dupré und Jongen gibt es auch eine Reihe deutscher Komponisten: Bartmuß, Rheinberger, Rudnick, Heidrich, usw. In Italien war da noch Bossi. England Elgar

Imslp weist in dieser Kategorie 73 Werke auf, wobei keine stilistische oder musikhistorische Trennung erfolgt:

http://imslp.org/index.php?title=Catego ... e:Catintro

Daneben gibt es auch modernere Komponisten, die sich hier betägigt haben, Petr Eben, Flor Peters, Casella.

Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer noch etwas neues hat, bitte bei Gelegenheit nennen.

Vieles wird leider nicht mehr aufgeführt. Vielleicht auch weil das Publikum bei Tasteninstrument und Orchester viel zu fixiert auf die Kombination Klavier und Orchster ist.

Daneben kann eine Orgel natürlich auch solistisch in einem Konzertsaal gespielt werden.

Es gibt einige Konzertsäle, die noch historische Instrumente besitzen. Beispiele hierzu: Prag, Görlitz, Wien und Heidelberg. Dies schöne Instrumente der spätromantischen Epoche. Etliche Townhalls in England, und gerade hier gibt es eine interessante Tradition, beherbergen recht spezifische Instrumente.

Übrig und ohne festen Standort ist derzeit wohl das Instrument aus dem Hause Walcker, das ursprünlgich im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen beheimatet war. Diesem, restaurierten Instrument ist der Saal abhanden gekommen. Die Giganten-Orgel der Jahrhunderthalle in Breslau wurde nachkriegsbedingt auf mindestens 3 Instrumente aufgeteilt. Ein großer Teil davon kann heute im Dom in Breslau noch bestaunt werden.

In neu zu erbauenden Konzertsälen gehören Orgeln wohl zum guten Ton, denn es finden sich immer wieder Hinweise auf den Neubau von Orgeln im Zusammenhang mit dem Neubau eines Konzerthauses.

Die meisten Konzertsäle in den ehemaligen Sowjetrepubliken bekamen und bekommen noch heute in den Nachfolgestaaten Konzertorgeln. Exportiert wird auch viel in Ostasiatische Staaten. Sicher ein nicht zu unterschätzender, wie auch wirtschaftlich gewagter Faktor für die Orgelbauer in Deutschland und Westeuropa. Man kann sich hier gut auf den einschlägigen Internetseiten der großen Orgelbauer informieren.

In der Weideraufbauzeit in Deutschland wurden in viele Konzertsäle Orgeln, im Verständnis und Stil der damaligen Zeit, eingebaut.

Auch der Rundfunk geizte und geizt nach wie vor nicht mit Orgeln. Die Villa Berg erhielt in den 1950-igern eine bemerkenswerte Orgel, Radio France hat sich kürzlich eine neue geleistet.

Eine (nicht vollständige) Übersicht:

http://home.arcor.de/christoph_gaiser/konz.htm

Diese Liste ließe sich sicher noch ergänzen. Damait mal genug von dem was es schon gibt. Hier kann sich jeder seine Meinung bilden ob ihm das eine oder das andere Instrument mehr zusagt.

Zurück zu Friedrich Sprondel, die Idee der Orgel Duprés scheint mir in seiner Orgel in Meudon, die wohl noch nicht wirklich in den Zustand zurück versetzt wurde, der zur Zeit Duprés schon verwirklicht war, ziemlich realisiert worden zu sein. Dieses Instrument hat eine gigantisches Potential - auch ohne digitale Hilfen, was es auch wiederum schwierig macht alles zu nutzen und zu bedienen. Und auch mal abesehen von der Funktionssicherheit, die nötig ist. Aber immerhin ein zukunftsweisender Ansatz, wie ich finde.

Werkprinzip hin oder her. Irgend ein Ordnungsprinzip ist für eine Orgel schon hilfreich, da hat Friedrich Sprondel recht. Auch die Beziehungen einzelner Registerfamilien und Gruppen untereinander sind wichtig. Zudem rechnet die historsche Literatur mit einer "Werkorgel", wenn auch vielleicht das Prinzip des Werks unterschiedlich verstanden wird.

Einfach einen Pool von Registern zu bilden und diese dann nach belieben den einzelnen Manualen zuzuordnen würde ich jetzt nicht unbedingt als Prinzip wählen. Denkbar eine im Kern durchdachte Werkorgel mit einer oder mehreren Gruppen von Registern, diese dann zuschaltbar als "Auxilliares" zum einen oder anderen Manual, das gibt es schon und ist durchaus denkbar.

Ein anderes Prinzip, das wohl der Musizierpraxis der Romantik nahekommt wäre ein dynamisches Prinzip, abgestuft von laut nach leise. Wiederum ergänzbar durch Stimmen, die in einem separaten Pool stehen.

Verschiedene Windladen pro "Werk" mit unterschiedlichen Winddrücken haben ihren Reiz, das hat und Cavaillé-Coll schon gezeigt.

Vielleicht eine ganz andere Idee, die es schon gibt, mehrere in sich geschlossene, stilistisch unterschiedliche Orgel zu realisieren. Wie dies in Tokyo von Garnier bereits erbaut wurde:

http://organ-au-logis.pagesperso-orange ... /Tokyo.htm

Sicher eine kostspielige Lösung, die aber unterschieldichen Stilrichtungen rechnung trägt. Warum nicht eine separate "Händel-Orgel", die zusätzlich zu einer großen symphonischen Orgel, mobil, die den unterschiedlichen Anforderungen von Stil und Besetzung gerecht wird.

Dann noch, wie stellt sich eine Konzertorgel zur Gegenwartsmusik? Ist es legitim eine Orgel mit Klangerzeugern zu erweitern, die nicht auf dem Prinzip des Aerophons beruhen? Ich denke nicht nur an elektronsiche und digitale Klangerzeugung, es gibt auch eine ganze Reihe von anderen Möglichkeiten wie Röhrenglocken, Saiten, Trommeln, Pauken und diverse Geräuscherzeuger.

Ein wie ich finde interessantes Thema - ohne Festlegung auf eine konkrete Disposition.

Dorforgler
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Dorforgler » Mittwoch 20. April 2016, 01:40

Holger hat geschrieben: Dann noch, wie stellt sich eine Konzertorgel zur Gegenwartsmusik? Ist es legitim eine Orgel mit Klangerzeugern zu erweitern, die nicht auf dem Prinzip des Aerophons beruhen? Ich denke nicht nur an elektronsiche und digitale Klangerzeugung, es gibt auch eine ganze Reihe von anderen Möglichkeiten wie Röhrenglocken, Saiten, Trommeln, Pauken und diverse Geräuscherzeuger.
Das gibt es im Bereich der Theater- und Kinoorgeln seit etwa 100 Jahren 8)

Diese Orgeln haben natuerlich wieder ein ganz anderes "Werkprinzip" - hier wird in der Regel zwischen "Begleitung" und "Solo" unterschieden, wobei die Grenzen auch dort sehr unterschiedlich verlaufen. Mir faellt uebrigens spontan das Monster von Atlantic City ein, welches zumindest teilweise das umsetzt, was sowohl Friedrich als auch ich hier `vorher angedacht haben?
Das Great ist dort mehrfach unterteilt - einmal in diesen unglaublich grossen Prinzipalchor, dann die "Organtone division" (etwas enger?), die "Woodwind-Division" (lyrische Zungen?) und das Solo, was als sehr gemischt dasteht. Auf Grund der Groesse gibt es dann natuerlich auch drei "Stringdivisions": interessanter finde ich eigentlich die Teilwerke "Brass Chorus", "Fanfare" und "Echo"...
Nun ist diese Orgel leider nicht mehr komplett spielbar - aber ich sehe dort etwas, was auch bei kleineren und neueren Konzertsaalorgeln sowohl klassisch als auch zur Unterhaltung erstaunlich gut funktionieren koennte. Das Problem ist halt nur, dieses Konzept vernuenftig auf 70 Register herunterzuskalieren :roll:


Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt hier komplett "outen" sollte :twisted:
Bereits vor einigen Jahren bin ich auf dieses Viedeo gestossen. Das ist nicht nur deutlich virtouser als eine Bach'sche Triosonate, sondern hat auch meine persoenliche Sichtweise auf "Multiplex" und Kinoorgeln deutlich veraendert!
Hand aufs Herz: Warum ist es zwischen beiden Welten nicht moeglich, auch (und grade!) fuer Konzertsaalorgeln einen funktionierenden Kompromiss zu finden?

Holger

Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Holger » Mittwoch 20. April 2016, 07:19

Warum outen? Das sind definitiv auch Aeorophone!

In diese Richtung dürfte auch die Orgel im Wanamaker-Store in Philadelphia gehen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Orgel_des ... delphia%29

Aber ob so etwas bei uns realisierbar wäre ... ? Oder gar benötigt wird ....? Nun sklavisches Kopieren kann nicht der Weg sein, da gebe ich Dir recht, Dorforgler, das haben wir schon zu hauf mit den vielen, vielen (viel zu vielen) französischen Stilkopien. Die Idee weiterentwickeln, das sehe ich als Weg an.

malle235
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von malle235 » Mittwoch 20. April 2016, 08:57

die Wurlitzer klingt wirklich sehr orchestral - beeindruckend

hab glaube ich die Disposition gefunden:

http://www.theatreorgans.com/AU/opus/OP ... ILIPPO.htm

kjz1
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von kjz1 » Mittwoch 20. April 2016, 12:50

malle235 hat geschrieben:die Wurlitzer klingt wirklich sehr orchestral - beeindruckend
Allerdings dürfte es sich hierbei auch um die zur Zeit weltweit größte (funktionsfähige) Kinoorgel handeln, also quasi ein 'Kinoorgel-Monster'.

Voceumana
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Voceumana » Mittwoch 20. April 2016, 17:29

Dann oute ich mich mal, und zwar als ein Fan der traditionellen Kinoorgel.

Für die an der Sanfilippo Interessierten unter den Lesern, welche die größte Wurlitzer ist (Die Atlantic-City und auch Wanamaker-Store muss man, trotz großer Ähnlichkeit zur Kinoorgel, eher zu Konzertsaal- oder Hallen- oder Riesenorgeln zählen. Ihnen fehlt z B. die mehr oder weniger totale Unifizierung, also das relativ konsequente Anwenden der Multiplex-technik):

http://www.theatreorgans.com/walnuthill/feature1104.htm


Für den einen ist die Stoplist, für den anderen die Auflistung nach Ranks (Reihe und deren Ambitus) mit Beschreibung (der Mensur, des Winddruckes) aussagekräftiger. Ich bevorzuge am liebsten beide Quellen synoptisch, um mir ein Bild zu machen.

Sinn, wenn man mal vom Sinn einer solchen Mega-Orgel ausgeht (wie gesagt, das schreibe ich als Fan!), ist es offiziell auch, die verschiedenen Ranks der Wurlitzer Company aus diversen Schaffensperioden und in den diversen gebauten Mensuren (Standard, Large, Solo Scale z. B.) im Vergleich zu haben.

Hier mein Angebot zur Beantwortung von Fragen zu Kinoorgeln im Allgemeinen und Wurlitzer im Speziellen.

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Friedrich Sprondel
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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Friedrich Sprondel » Mittwoch 20. April 2016, 20:14

Dorforgler hat geschrieben:Das gibt es im Bereich der Theater- und Kinoorgeln seit etwa 100 Jahren 8)

Diese Orgeln haben natuerlich wieder ein ganz anderes "Werkprinzip" - hier wird in der Regel zwischen "Begleitung" und "Solo" unterschieden, wobei die Grenzen auch dort sehr unterschiedlich verlaufen …
Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt hier komplett "outen" sollte :twisted: Bereits vor einigen Jahren bin ich auf dieses Viedeo gestossen. Das ist nicht nur deutlich virtouser als eine Bach'sche Triosonate, sondern hat auch meine persoenliche Sichtweise auf "Multiplex" und Kinoorgeln deutlich veraendert!
Hand aufs Herz: Warum ist es zwischen beiden Welten nicht moeglich, auch (und grade!) fuer Konzertsaalorgeln einen funktionierenden Kompromiss zu finden?
Ich glaube nicht, dass das eine Lösung wäre. Kinoorgeln sind klanglich grundsätzlich anders aufgebaut, denn sie basieren nicht auf einem Prinzipalchor – wie sonst jede andere Orgel. Kinoorgeln können zwar imposante Zungen- und Basseffekte bringen, aber einen geschlossenen Prinzipalchor wird man bei ihnen immer vergeblich suchen. Der wird aber im Konzertsaal verlangt, denn er ist der Inbegriff des Orgelklangs. Eine gut gebaute traditionelle Orgel kann aber ihrerseits viele Kinoorgelklänge erstaunlich gut imitieren.

Ein Kompromissinstrument kann ich mir nur schwer vorstellen, weil auch die Technik der Kinoorgel grundsätzlich anders ist als die der traditionellen Orgel: hohe Drücke, extreme Mensuren (supereng oder superweit), knallige Zungen, umfassendes Multiplex-System mit Einzeltonlade, Dauertremulanten, elektrische Trakturen mit mehrfachen Druckpunkten … Vieles davon verhindert, was für traditionelle Orgeln wichtig ist, nämlich gute Klangverschmelzung und ausgewogene kontrastierende Ensembles.

Fazit: Wenn man beides im selben Saal will, dann braucht man eben zwei Instrumente, technisch und räumlich voneinander getrennt. Wenn nicht, ist es eine Richtungsentscheidung – ist es ein Konzertsaal für traditionelles Repertoire oder eher eine Mehrzweck-Unterhaltungs-Halle?

Viele Grüße
Friedrich

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Re: Konzertorgel-Neubau: Marienkirche Neubrandenburg

Beitrag von Dorforgler » Mittwoch 20. April 2016, 21:57

kjz1 hat geschrieben:
malle235 hat geschrieben:die Wurlitzer klingt wirklich sehr orchestral - beeindruckend
Allerdings dürfte es sich hierbei auch um die zur Zeit weltweit größte (funktionsfähige) Kinoorgel handeln, also quasi ein 'Kinoorgel-Monster'.
Mir ist schon klar, dass diese konkrete Orgel fuer das "Genre" eigentlich schon ueberrepresentativ gross ist - die meisten Serienmodelle duerften wohl bei etwa 30-50 Ranks gelegen haben? (Vocehumana, weisst du da mehr darueber?)
Auf jeden Fall scheint das Gesamtkonzept sehr gut nach unten hin skalierbar zu sein: Auf Youtube gibt es auf jeden Fall sehr viele Videos auch von deutlichen kleineren Modellen, die aber keineswegs weniger "orchestral" oder weniger beeindruckend sind!

Der direkte Vergleich ist natuerlich schwierig: Ein Rank beeinhaltet deutlich mehr Pfeifen als ein Einzelregister; auf der anderen Seite fallen systembedingt aber auch die mehrchoerigen Register komplett weg. "80 ranks" wuerde ich - zumindest nach deutschen Verhaeltnissen :wink: - noch nicht als "Monumentalorgel" oder "Monster" bezeichnen wollen...
Wenn man hier das Fernwerk (="Etheral Chamber") weglaesst, passt das schon gut in die Groessenordnung der angedachten 70 Register in Neubrandenburg.

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