Spar-Orgel

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
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olds
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von olds » Mittwoch 6. April 2016, 13:21

Da ich selbst eine Sparorgel spiele(n muss) und auch irgendwie immer an kleinere Orgeln gelange, finde ich solche Instrumente oft weitaus interessanter als ein Instrument mit 3 Werken und 40 Registern.

Allerdings erwecken diese meist älteren Orgeln nicht den Eindruck, ein "Ikea-Instrument" zu sein. Und so wirkt diese "Sparorgel" erstmal. Ich dachte da wirklich im ersten Moment an Ikea.

Wirkt auf mich ziemlich verschlimmbessert. Denke auch, statt 2. Manual einen 16' für das Pedal und noch was Kräftiges statt einer Spielerei ins Manual.
(Bin nicht sonderlich versiert in Orgelbau und Disposition.)

Meine "erste Dienstorgel" mochte ich damals. Auch wenn sie zwei totale Kuriositäten enthielt.

Disposition:

Subbass 16'
Großgedackt (oder so ähnlich) 8'
Viola da Gamba 8' (als Schwebung, für Solospiel nicht in der unteren Oktave)
Prinzipal 4
Flöte 4
Doublette 2
Mixtur

Kuriosität 1.
Cymbelstern
Kuriosität 2.
Nachtigall

Mein Orgellehrer rastete aus, als er das sah.

CounterTenor
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von CounterTenor » Mittwoch 6. April 2016, 14:42

Wie soll denn diese Schwebung hier überhaupt funktionieren?
Da ist gar kein Streicher, zu dem deine schwebende Viola da Gamba gezogen werden kann.
Soll das zum Gedackt gezogen werden?
Dann müsste das Gedackt wahrscheinlich obertönig intoniert sein, damit es zur Gambe passt.
Oder sind es zwei pfeifenreihen?
Warum nimmt man dann die nicht-schwebende Reihe nicht als Vorabzug?
Oder sind es je eine Pfeife mit zwei Labien, die unterschiedlich hoch liegen, so à la Ludwigstone?
Wenn die Mixtur hochgenug liegt, kann ich den Zimbelstern ja noch verstehen.
Aber eine Nachtigall??? Von wann ist die Orgel?
Ich kann die Reaktion deines Orgellehrers sehr gut nachvollziehen.
(Spr 27, 15)

Dorforgler
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von Dorforgler » Mittwoch 6. April 2016, 21:50

CounterTenor hat geschrieben:Wie soll denn diese Schwebung hier überhaupt funktionieren?
Da ist gar kein Streicher, zu dem deine schwebende Viola da Gamba gezogen werden kann.
Soll das zum Gedackt gezogen werden?
Warum nicht???

In meiner Orgel steht das Gedackt genau zwischen den beiden "Schwebungsregistern" Gamba und Vox celestis - das ist schon gut durchdacht, da sich die beiden Register so stimmungsmaessig nicht aneinander angleichen koennen.
Dennoch ziehe ich sehr gerne das Gedackt mit dazu - das gibt nicht nur Fuelle, sondern auch eine gewisse Ungleichmaessigkeit in der Schwebung, was wiederum einen ganz speziellen Charme an sich hat...

Ein guter Kollege von mir (den ich hier natuerlich nicht nennen werde :-] ) hat es sogar fertiggebracht, die Gamba einer Orgel von 17xx schwebend stimmen zu lassen... Der "Orgelsachverstaendigenheini" der Landeskirche war nach seinen Worten wohl doch etwas sehr irritiert :twisted:

violdigamb
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von violdigamb » Mittwoch 6. April 2016, 23:12

Hallo,

das schwebend Einstimmen von Registern kann schon reizvoll sein, ist aber bei kleinen dispositionellen Lösungen von der Effizienz her doch eher fraglich. Bei der Restaurierung der Stumm-Orgel in Mettenheim (Rheinhessen) aus dem Jahr 1762 wurde die Flaut travers 8' discant im Positiv (neben der Hohpfeiff der einzige labiale Achtfuß in diesem Werk) bei der ansonsten insgesamt wirklich vorbildlichen und für die umliegende Orgellandschaft richtungweisenden Restaurierung durch Förster & Nicolaus 1987/88 schwebend eingestimmt. Mir persönlich war der Effekt zu künstlich und, da es einen Tremulanten ins Positiv gibt, auch überflüssig. Gerade bei kleineren Dispositioen ist es m. E. sinnvoller, die vorhandenen Register möglichst vielfältig einsetzen zu können. Für eine 8'-Schwebung gibt es doch eigentlich nur einen einzigen Verwendungszweck, nämlich pianissimo und quasi solo, oder?

Viele Grüße,

violdigamb

P.S.: Der "Orgelsachverständigenheini" hat in der Sache wohl recht. Barocke Gambenregister sind, gerade in Süddeutschland, Klangcharaktere, die (solistisch eingesetzt) instrumentale Idiome auf die Orgel übertragen und auch durch ihr sprödes Anspracheverhalten perkussive Elemente in den Orgelklang hineintragen. Durch das Einstimmen als Schwebung verlieren sie diese Eigenschaft zugunsten einer pseudoromantischen Registrieridee. Die im mainfränkischen Orgelbau verbreiteten Streicherschwebestimmen (Bifara) waren i.d.R. zusätzlich zu weiteren Charakterstimmen in Äquallage disponiert.

Solcena
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von Solcena » Mittwoch 6. April 2016, 23:33

CounterTenor hat geschrieben:Ich kann die Reaktion deines Orgellehrers sehr gut nachvollziehen.
Ich nicht. Zimbelstern und Nachtigall sind vielleicht Zugaben des Orgelbauers oder von irgendeinem Gemeindemitglied gespendet. Natürlich sind das nicht die notwendigsten Register, sie dürften aber längst nicht so teuer sein wie komplette Labialregister. Die Rechnung "hätte man statt Zimbelstern und Nachtigall Prinzipal und Trompete 8' gebaut" dürfte also nicht aufgehen.

Der schwebende Diskantstreicher ist natürlich einigermaßen kurios bzw. erscheint sinnfrei. Vielleicht ist das eine VdG im Sinne Silbermanns, d.h. eher in Richtung Spitzflöte bzw. Gemshorn gebaut.

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olds
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von olds » Donnerstag 7. April 2016, 07:41

Guten Morgen! (Oder wie man hier herzlich hervorzischt: Morsche!)

Habe das Instrument vor 10 Jahren das letzte Mal gesehen, genau habe ich die Disposition nicht im Kopf, kann sein, dass noch einen weiteren 8' gab, auf jeden Fall ist einer der 8' aber schwebend und für solisitisches Spiel im Diskant.

Wobei die Sache hier auch einen Haken hat, denn die Trennung ist in einer sehr tiefen Lage. Literatur zu spielen dadurch fast unmöglich, man kann eigentlich nur in der untersten Oktav Grundtöne spielen und darüber das Vorspiel intonieren. Was wiederrum nicht unbedingt jeder Nebenamtler kann, man muss sich da ja schon einigermaßen von Noten lösen und improvisieren.

Zu Nachtigall und Zymbelstern.

Die Orgel (erbaut 2001) ist Spende des Pfarrers gewesen, der im ganzen Bistum für seine Maxime "Es muss schön aussehen" unter dem Namen "Der schicke Josef" bekannt war. Dazu gehört beispielsweise, dass er Messgewändter sammelte wie andere Briefmarken und jedes Gewand nur einmal im Jahr getragen wurde. Darüber führte der sogar (in seinem Kopf) genau Buch.

Egal ob Renovierungen, Gemälde, Kerzen, Skulputeren, Kruzifixe, Orgel. Es muss schön aussehen.... . Geld bekam der überall her und manchmals ging der echt frech voran.

Daher ärgerte sich mein Orgellehrer doch sehr, man sollte dabei auch bedenken, dass diese kleine einmanualige Orgel preislich nicht weit weg von meiner Heimatort-Orgel ist (15 Register, zwei Manuale, Wechselschleifen). Die kleine Orgel wurde natürlich von einem der nahmhaftesten und teuersten Orgelbauer (mit mehreren Km Anfahrt, direkt um´s Eck gäbe es auch einen guten Orgelbauer, eigentlich....) gebaut und das Prospekt ist auch nicht ohne. :mrgreen:

Denn, immer daran denken: Es muss schön aussehen.... .

Dorforgler
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von Dorforgler » Freitag 7. September 2018, 20:29

Ich hole den Thread hier einfach mal wieder hoch... :D

Ein befreundeter Pfarrer hatte mich die letzte Woche gebeten, mal nach "seiner" Orgel zu gucken, weil die dort ein paar Probleme hatten. Eigentlich eine sehr schoene, alte und kleine Dorfkirche mit vielleicht 150 Plaetzen, aber gut Platz (vor allem Hoehe!) auf der Empore.
(Er war auch besonders interessiert, wie sich eine Gebrauchtorgel gegenueber einem Toaster preislich verhalte wuerde :-/ )

Dort steht ein 60er-Jahre-Hobel mit der ueblichen Aestethik dieser Zeit und ein Teil anderer Fragwuerdigkeiten: Stahlrahmen fuer die Technik (das Gehause haengt dagegen regelrecht in der Luft...), Alutraktur, eingekaufter Spieltisch, Harmoniumfedern an den Baelgen, Plexiglas und Speerholz an den Windladen, Teleskophuelsen, Werksaufbau mit Pedaltuermen fuer jeweils grade mal 5 Subbasspfeifen die auch noch mit pneumatischen Relais angesteuert werden usw, usw....
Vom ersten, optischem Eindruck also wirklich das vollendete 60er-Jahre Horroszenario! :twisted:

Abgesehem vom schlechten Zustand (muss definitiv mal ueberarbeitet werden, ist bisher nie gemacht worden) und in Anbetracht der orginalen Intonation(!) war das klanglich dennoch ein wirklich kleines, aber feines :D Instrument.

Die Disposition (normale Umfaenge, Normalkoppeln):

I- HW
- Gedackt 8
- Prinzipal 4
- Mixtur 3-4f 1 1/3

II-SW
- Spitzgambe 8
- Blockfloete 4
- Prinzipal 2
Tremulant

Ped
- Subbass 16

Das hatte irgendwie was! Im Tutti bekommt man schon ein schoenes Mixturplenum hin (Die Gambe macht dann den Prinzipalersatz), und auch beide Manuale gegeneinander waren sehr schoen auf Tutti og Repenieno abgestimmt (uebrigens ohne dass was geschrien hat).
Die beiden 8-Fuesse (vor allem mit dem SW und Tremulant? - funktionierte nicht als ich da war :? ) machen aber auch schon schoen was auf romantisch her...

Ich habe dem Kollegen dazu geraten, die Orgel ueberholen zu lassen 8)

kernspalter
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Re: Spar-Orgel

Beitrag von kernspalter » Freitag 7. September 2018, 22:05

Wenn keine Materialien verarbeitet wurden, die nach einigen Jahrzehnten Probleme bereiten, z. B. Kunststoffe, die irgendwann zerbröseln,
sehe ich keine Probleme. Gegen Stahlrahmen, Alu, Sperrholz und Plexiglas habe ich nichts einzuwenden, wenn das alles ordentlich verarbeitet wurde. Umso erfreulicher, wenn auch der Intonateur sein Handwerk verstanden hat.
Mit kernspalterischen Grüßen

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