Orgel der Wengenkirche in Ulm

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Mundus
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Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von Mundus » Samstag 16. August 2014, 14:09

Die Wengenkirche hat derzeit zwei Orgeln - die Hauptorgel von Walcker und eine Chororgel von Link.
Mich würde interessieren, ob es davor bereits Orgeln in der Wengenkirche gab und ob etwas zu deren Disposition oder Aussehen überliefert ist.
Weiß hier jemand Näheres?

Grobgehackt
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Re: Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von Grobgehackt » Samstag 16. August 2014, 15:05

INfos zu der aktuellen WALCKER
http://www.ulmer-orgeln.de/orgeln/wenge ... -index.htm

Die Pfarrkirche St.Michael zu den Wengen wurde 1944 vollkommen zerstört und erst wieder 1953/54 neu aufgebaut.
Die kleine Chororgel von SPÄTH(1956) wurde wohl 1996 anlässlich einer Kirchenrenovierung entfernt.
Geschichtlich gab es vorher
1604 vermutlich erste Orgel mit Rückpositiv ANDREAS SCHNEIDER
1743 Neubau GEORG FRIEDRICH SCHMAHL (2 Man.)
1882 Neubau HEINRICH CONRAD BRANMANN (II/P 21), wurde von LINK als op.73 vollendet
diese Orgel wurde 1938 in die Maria-Suso-Gedächtniskirche umgesetzt und dort 1944 ebenfalls zerstört
1931 Neubau SPÄTH (III/P 44)
1944 Kirche und Orgel bei einem Bombenangriff zerstört
(Infos aus "Historische Orgeln Alb-Donau-Kreis.... W.Manecke J.Mayr)

Mundus
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Re: Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von Mundus » Samstag 16. August 2014, 17:27

Vielen Dank.
1604 vermutlich erste Orgel mit Rückpositiv ANDREAS SCHNEIDER
Ist die Disposition dieser Orgel vielleicht noch irgendwo überliefert?

Grobgehackt
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Re: Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von Grobgehackt » Samstag 16. August 2014, 18:14

Da versagen (versiegen) die Quellen.
Für die von A.Schneider (er nannte sich SARTORIUS) gebaute Orgel in Memmingen St.Martin (1598/99) gibt es auch nur eine Rekonstruktion der vermutlichen Disposition
Hauptmanual C–c3
Principal 8′
Octav 4′
Quint 3′
Superoctav 2′
Hörnle II
Mixtur IV 1′
Cymbalum IV 1/2′
Coppel 8′
Hohlflete 8′
Quintatöne 8′
Rorflete 4′
Spitzflete 4′
Trombette 8′
Tremulant

Rückpositiv
Principal 4′
Octav 2′
Quint 11/2′
Mixtur III 1′
Cymbalum II 1/2′
Coppelflete 4′
Spitzflete 2′
Brumhorn 4′
Tremulant

Pedal C–h1
Großprincipal 16′
Octavenbaß 8′
Großprincipal 4′
Harfe IV 4′
Posaunenbaß 8′
Spielhilfen: Sperrventile zum Hauptmanual und zum Rückpositiv.
(Quelle: Wikipedia)
Nun, Ulm schätze ich eher nicht so gross ein..
Gruss
Jürgen

Mundus
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Re: Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von Mundus » Samstag 16. August 2014, 20:43

Die Disposition ist sehr aufschlussreich, danke.
Wenn wir mal zusammenfassen, kann man also sagen, dass die Orgel zweimanualig war (-> Rückpositiv), wahrscheinlich 3-4 8-Fuß-Register im Hauptwerk hatte und sowohl im ersten als auch im zweiten Manual eine Mixtur. Das Pedal sah wohl ähnlich aus wie in Memmingen - ca. 3 Prinzipale in 16', 8', 4' und vielleicht noch eine Zungenstimme.

kernspalter
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Re: Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von kernspalter » Samstag 16. August 2014, 21:39

Das mit den Principalen im Pedal scheint ein wenig anders gewesen zu sein.
Die Disposition geht auf eine Aufzeichnung Joseph Gablers von 1759 zurück und lautet eigentlich so:

HAUPTWERK
Groß-Principal (Prosp.) 16' (20 Pfeifen)
Groß-Principal 4' (25 Pfeifen)
Principal (Prospekt) 8' (45 Pfeifen)
Coppel 8' (45 Pfeifen)
Hohl-flete 8' (45 Pfeifen)
Quinta-töne 8' (45 Pfeifen)
Octav 4' (45 Pfeifen)
Rohr-flete 4' (45 Pfeifen)
Spitz-flete 4' (45 Pfeifen)
quint 3' (45 Pfeifen)
Super Octav 2' (45 Pfeifen)
Hörnle 2f. 1/2 3' [sic] (90 Pfeifen)
Mixtur 4fach [sic] 1' (270 Pfeifen)
Cymbalum 4f. 1/2' (195 Pfeifen)
Trombette 8' (45 Pfeifen)

RÜCKPOSITIV
Principal 4' (45 Pfeifen)
Coppel-flete 4' (45 Pfeifen)
Octav 2' (45 Pfeifen)
Spitz-flete 2' (45 Pfeifen)
quint 1 1/2' (45 Pfeifen)
Mixtur 3f. 1' (149 Pfeifen)
Cymbalum 2f. 1/2' (90 Pfeifen)
Krum horn 4' (45 Pfeifen)

PEDAL
Octaven bass 8' (10 Pfeifen)
Octaven bass 8' (10 Pfeifen)
Harpfen-pfeiffen 4f. 4' (81 Pfeifen)
Posaune bass 8' (20 Pfeifen)

Tremulant Haubt Manual
Tremulant Ruckh Positiv
Ventil Haubt Manual
Ventil Ruckh Positiv

(zit. nach Johannes Mayr, Eine Registrieranleitung Joseph Gablers, in: Ars Organi 49/2, Juni 2001.
In den Anmerkungen heißt es:
-Wahrscheinlich war das Groß-Principal in eine Basshälfte, die dem Pedalumfang entsprach, und eine Diskanthälfte ("4'") geteilt; beide ergänzen sich zum Umfang eines ganzen Registers mit 45 Pfeifen
- Der Octaven bass 8' hatte anscheinend zwei Schleifen mit je zehn Tönen, die Gabler zu einer einzigen zusammenfasste.)
Mit kernspalterischen Grüßen

Ronald Henrici
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Re: Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von Ronald Henrici » Montag 15. September 2014, 19:22

Frage an Kernspalter: bezieht sich die Disposition auf Memmingen (historisch) oder auf Ulm Wengenkirche (historisch) ?
Wenn die Wengenkirche in Ulm gänzlich 1944 zerstört wurde und dann wieder aufgebaut wurde, halte ich es nicht für gerade gut, wenn man dort versucht hätte, ein historische Instrument zu rekonstruieren.
Ich kenne ein Beispiel aus dem Rheinland (Stiftskirche Hochelten), wo man 1970 ff. versucht hat, eine Curtaim - Orgel (1778) wieder zu rekonstruieren, was leider nicht gut gelungen ist. Die Orgel füllt mit ihren 12 Registern bei einem Raum mit ca 500 Sitzplätzen nur schwach. Einfach weil man keine informatorischen Angaben über die Intonation der Register von Damals mehr hatte, d.h., es war niemand mehr da, der die Orgel klanglich aus der Zeit vor 1944 kannte und auf die Intonation entsprechend Einfluss nehmen konnte.Eine vergleichbare Orgel von Courtain wäre an einem Nachbarort (Isselburg) vorhanden gewesen, aber diese wurde leider vor 1938 mehrmals umintoniert und es wurden Register verändert hin zu engeren Mensuren infolge der zu der Zeit herrschenden falschen Verständnisse von "Barockisierung" der Orgeln, was man an den Pfeifenstöcken nachvollziehen konnte. Deshalb konnte man 1970 auch nicht klanglich auf diese Orgel zurückgreifen, um Courtains intonatorische Eigenheiten zu erkennen.
Auf jeden Fall hat der Forumsteilnehmer mich neugierig gemacht und mir Veranlassung gegeben, mich in der Wengenkirche orgelspielend einmal kundig zu machen.
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

kernspalter
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Re: Orgel der Wengenkirche in Ulm

Beitrag von kernspalter » Montag 15. September 2014, 21:56

Ronald Henrici hat geschrieben:Frage an Kernspalter: bezieht sich die Disposition auf Memmingen (historisch) oder auf Ulm Wengenkirche (historisch) ?
Die Disposition bezieht sich auf Memmingen.
Zu den historischen Orgeln der Wengenkirche sind (zumindest in der Literatur) keine Dispositionen bekannt.

Eine weitere Sartorius-Disposition ist aus Meßkirch überliefert:

Principal 8'
Octav 4'
Superoctav 2'
Quint 3'
Mixtur 4f.
Zimbel 2f.
Copel 8'
Quintade 8'
Hohlflöte 4'
Spitzflöte 4'
Posaune 8'

Rückpositiv:
Principal 4'
Octävlein 2'
Hohlflöte 8'
Hörnlin
Krummhörnle
Zimbel

Pedal:
Hölzerner Baß 16'
Offener Baß 8'
Octav 4'
Spitzflöte (4' oder 2')
Mixtur
Fagott 8'

(zit. nach: Hermann Meyer, Orgeln und Orgelbauer in Schwaben, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben, 54. Band, 1941, S. 344)
Mit kernspalterischen Grüßen

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