Harmonium

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Ippenstein
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Harmonium

Beitrag von Ippenstein » Montag 19. August 2013, 20:16

Ich hoffe, ich werde nicht aus dem Forum hinausgeworfen, wenn ich hier mit der Hallelujah-Schleuder komme.

Ich besitze zwei Druckwindharmonien. Das eine 4/5-spielig ist von Debain und hat eine ordentliche Klangentfaltung und Lautstärke.

Das zweite, das ich erst seit Freitag habe, ist ein Peter Titz 6/6 mit Perkussion. 5. und 6. durchgehende Schwebetonreihen Äoline 16 und Voix celeste 8. Die Balganlage ist von meinem Vorgänger erneuert worden und die Einlaßventile habe ich auch reguliert. Dennoch habe ich das Gefühl, daß sich der Klang bei weitem nicht so entfalten kann und der Luftverbrauch bei vollem Werk extrem hoch ist - egal ob mit oder ohne Magazinbalg. Die Flöte, der Bordun und die Fifre allein kommen mir schon so vor, wie ich es erwarten würde. Aber sobald die anderen hinzukommen, scheint mir, als ob da ordentlich was an Druck gefressen wird. Morgen schaue ich auch nochmal nach, daß die Dichtungen in Ordnung sind.

Ich habe das Gefühl, daß ich die Zungen erst einmal ordentlich durchpusten und reinigen (und danach stimmen) muß. Auch die Perkussion braucht eine Überholung. Die reagiert momentan fast nicht, weil die Hämmerchen nicht leichtgängig sind.
Das Harmonium scheint mir sehr alt zu sein, da es zwar ein reichhaltiges Werk hat, jedoch noch keine Kunstharmoniumausstattung.

Woran könnte es noch liegen, daß das Mädel sich in Klang und Lautstärke noch nicht so entfalten kann?

Viele Grüße

Ippenstein

Holger

Re: Harmonium

Beitrag von Holger » Dienstag 20. August 2013, 06:41

Halleluja-Schleuder, Seelentraktor, Diakonissen-Klavier, das passt alles nicht so richtig zu den von Dir beschriebenen Instrumenten. Das sind eher die Säusel-Staubsauger. Aber Druckwindinstrument sind meist kernig und von schönem, expressivem Klang. Nun in Franreich heißen die ja auch Orgue-expressif - was den Kern und das Wesen des Harmoniums, wie ich das verstehe, am besten beschreibt.

Schön, guter Fang das Titz, denke ich. Hoffentlich nicht zu viel bezahlt dafür. Und recht groß das Titz-Instrument.

Französische Instrumente sind in der Regel noch etwas Klangkräftiger wie die deutschen. Leider fehlt so eins noch in meiner Sammlung - aber träumen darf man ja von Mustel.

Bei mir befindet sich eine Trayser-Physharmonika (mit gedrechselten Füßen und einer Lyra als Halter der Pedale, ein Schmuckstück aus den 1870-Jahren), die auch recht kräftig klingt, man merkt die frz. Schule Traysers deutlich und ein 4 1/2'-Spiel Hinkel-Druckwind-Harmonium mit Percussion, Prolongation und doppelter Expression, einer außen angebauten und dadurch im Raum sehr präsenten 8'-Schwebung im Diskant und einem 32' im Diskant, gebaut so zwischen 1920 und 1930. Das ganze sieht stark nach einer karg-elertschen Reformdisposition aus. Sporadisch, aber doch alles da, was das Herz so begehrt. Und richtig mächtig im Klang. Zum Glück ist mein Wohnzimmer recht groß. Zugriff habe ich dann auch noch auf ein Alexandre, das eine Celesta hat. Wunderbar. Und bei einem Freund steht noch ein Mustel, der Mercedes unter den Harmoniums, das eine interessante Geschichte hat und an denkwürdigem, berühmten Ort stand.

Ja die Percussionen - die sind etwas empfindlich, ich muss meine auch mal wieder besser gangbar machen, Schmutz, Korrosion - alles feinde der Instrumente.

Stimmen - bist Du sicher, dass Du das musst. Beseitige einfach mal den Schmutz und ich glaube kaum, dass Du da etwas stimmen musst. Da sind Harmoniums recht robust im Stimmung halten. Aber vorsicht, keine Zungen verbiegen!!! Und versuche bloß nicht das Instrument auf eine heutige Stimmung zu bringen, damit wird es nur versaut. Bei mir bleibt das Hinkel auf 435 Hz - basta.

Windverluste sind bei dem Alter in nicht überarbeitetem Zustand sicher normal. Da hast Du was zu basteln. Muss ich auch noch machen. Hab schon mit einem Bekannten gesprochen um demnächst mal die Bälge neu zu beledern. Dann hoffe ich dem asthmatischen Verhalten der Dame schon etwas Einhalt gebieten zu können. Aber auch alle anderen Dichtungen können auch verbraucht sein. Dann wird es noch aufwändiger.

Harmoniums gibt es gerade genug im Angebot. Da ich aber nur Druckwind-Instrumente möchte, reduziert sich das schon wieder deutlich. Und gut erhaltene sind doch eher selten und ein Glücksgriff, vor allem wenn diese größer sind.

Nun ich werde mal meine Fühler nach Frankreich ausstrecken, da scheint noch einiges zu haben zu sein.

Ippenstein
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Re: Harmonium

Beitrag von Ippenstein » Dienstag 20. August 2013, 22:12

Keine Sorge. Ich bin im Akkordeonbau und weiß um die Empfindlichkeit der Zungen. Wenn ich allein durchs Waschen hier einiges herausholen könnte, würde mich das schon sehr freuen.
Unklar ist mir auch noch der Aufbau der Perkussion. Erfreulicherweise scheint mir der Druckraum nur bei einem Register undicht zu sein. Und als letztes muß ich noch die Klappen neu einstellen. Dazu muß ich aber unter die Bodenplatte und ohne zweiten Mann ist das extrem schwer zu machen.

Viele Grüße

Ippenstein
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Holger

Re: Harmonium

Beitrag von Holger » Mittwoch 21. August 2013, 06:19

S C H Ö N !!! 8)

Ippenstein
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Re: Harmonium

Beitrag von Ippenstein » Samstag 24. August 2013, 22:09

- Die Perkussion geht nun wieder, jedoch müssen ein paar Teile nachgearbeitet werden. Irgendwer mochte die wohl nicht und hat jeden einzelnen Stopper so weit reingedreht, daß die Stölzel nicht mehr gegriffen haben.
- Der Luftverbrauch ist nun auch schon besser und je mehr ich spiele, um so kräftiger wird das Mädel.
- Die Lederverschlüsse zu den Schöpfbälgen habe ich gewechselt, da die alten nicht mehr zuverlässig abdichteten. Aber die Dichtung der Kanzellen muß mal erneuert werden.
- Die Registeranlage habe ich auch justiert und geschmiert, jedoch war die nachher sogar zu stramm...
Zudem sollte ein Fachmann das gute Stück mal stimmen. Aber dann ist es vorerst wieder gut. Die Überarbeitung des Gehäuses steht auf einem anderen Blatt.

Viele Grüße

Ippenstein

Ippenstein
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Re: Harmonium

Beitrag von Ippenstein » Freitag 22. November 2013, 21:03

Sodalla. Stimmprotokoll war Katastrophe. Inzwischen hab ich das Mädel auf 440 Hz runtergestimmt, die Zungen geputzt, der Vox Celeste und der Äoline eine Schwebung verpaßt, neue Dämpfer aufgebracht und jetzt klingt das gleich ganz anders. Die Percussion muß ich noch neu beledern.

https://dl.dropboxusercontent.com/u/789 ... nium-1.mp3 (mit beiden Sourdinen im Baß)
https://dl.dropboxusercontent.com/u/789 ... ium-02.mp3 (Mal die Schwebung in Kombination ausprobiert)
https://dl.dropboxusercontent.com/u/789 ... Nimrod.mp3 (Was so "verstimmt" klingt, ist die Vox celeste, die auch bei vollem Werk durchschlägt)
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Holger

Re: Harmonium

Beitrag von Holger » Dienstag 3. Dezember 2013, 06:27

mh .... schön .... recht kernig französisch.

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Re: Harmonium

Beitrag von untersatz32 » Donnerstag 5. Dezember 2013, 13:42

Mit dem Titz hats du aber auch einen Rolls-Royce erwischt, neben Mustel und Debain gibt es nix Besseres!!!

Gratulation
"...Können sie beim Auszug bitte etwas leiser spielen, man versteht sonst sein eigenes Gebrüll nicht..."

Ippenstein
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Re: Harmonium

Beitrag von Ippenstein » Donnerstag 5. Dezember 2013, 21:31

Mit dem Peter Titz? Oder meinen Sie den Johannes Titz, der die Mustels nachgebaut hat?

Aber vielen Dank. Es ist wieder ein sehr schönes Harmonium mit reichen Klangfarben geworden.

Viele Grüße

Ippenstein

Holger

Re: Harmonium

Beitrag von Holger » Freitag 6. Dezember 2013, 06:31

Wahrscheinlich ist Johannes Titz gemeint, aber das Harmonium stammt sicher von Peter Titz, kuk Hoflieferant.

Johannes Titz war in Schlesien beheimatet und ist in den Umkreis von Simon, einem der anfang des 20. Jahrhunderts führenden Verleger für Harmoniummusik und Instrumentenhändler in Berlin (Karg-Elert wurde auch von ihm verlegt):

http://harmonium.ch/site/index.php/fors ... annes-titz

Leider sind nur wenige, der in Lizenz von Mustel gebauten Instrumente erhalten geblieben.

Das wäre dann der Rolls-Royce, das Harmonium unseres Freundes Ippenstein, ist aber auch schon ein Maybach, um im Automobilen Bereich zu bleiben!

Ippenstein
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Re: Harmonium

Beitrag von Ippenstein » Samstag 18. Januar 2014, 21:22

Ja, dann ist es ein Maybach, ein "Peter Titz" aus Wien. Jedoch findet man von ihm kaum noch ein Instrument. Ich frage mich auch, ob das Notenpult und die fehlenden Säulen original sind (Dafür kleine Pyramiden an den Füßen). Ich vermute, wohl nicht...

Anbei mal im Duo mit Akkordeon:

https://soundcloud.com/andreas-schertel/panis-angelicus

Viele Grüße

Ippenstein

Johannes_B
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Re: Harmonium

Beitrag von Johannes_B » Freitag 29. Juli 2016, 10:40

Nachdem ich mich mit Harmonien noch nicht so eingehen beschäftigt habe: Was fehlt dem Peter Titz-Harmonium noch für ein Kunstharmonium? Ist es die geteilte Expression? Peter Titz lernte meines Wissens nach bei J. Deutschmann und verstarb 1870. D.h. dieses Instrument ist 1870 oder vorher gebaut worden. Danach hatte Teofil Kotkiewicz als dessen Schwiegersohn den Betrieb von Peter Titz übernommen.

Johannes

Ippenstein
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Re: Harmonium

Beitrag von Ippenstein » Freitag 29. Juli 2016, 12:54

Die geteilte Expression, Prolongement, dynamische Forte,
und ein paar Register wie Bariton 32 oder Äolsharfe 2.
Dafür hat es 2 Forte (1 2 5) (3 4 6).

Viele Grüße

Ippenstein.

Johannes_B
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Re: Harmonium

Beitrag von Johannes_B » Donnerstag 11. August 2016, 14:45

Habe Dir eine persönliche Nachricht übermittelt.

Johannes

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