Neues Orgelregister-Lexikon

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Pierre Lauwers
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Beitrag von Pierre Lauwers » Dienstag 27. Januar 2009, 07:23

Ich habe die erste Lektüre -zwischen Arbeit und "Organographia"-Forum, dazu Orgeln-Sachen- beendet, aber fertig mit das Buch bin ich noch von weit entfernt.

So weit zwei Gedanken:

1)- Sehr angenehm ist der Tatsache, dass der Verfasser sich nicht als ein
Richter behandelt.

Das war von die 19er Jahrhundert bis zum Ende der 20er der Fall. Nehmen wir zum Beispiel Rupp und Audsley; sehr interessante Authoren, deren Buchern aber sind die Art, sie können das nicht in die Händen einer Anfanger
weitergeben, ohne ein grosse "Briefing" ihm davor zu geben. Diesen Authoren nahmen ihrer Vorurteile als Gezetze...Während die Neobarocke Epoche war es genau dasselbe.

Hier aber ist nichts davon vorhanden. Stimme X ist als A, B, C, beschreibt, Punkt aus. Das ist sehr, sehr forschtrittlich.

2)- Als Folge sind, für die erste Mal, die Neobarocke Entwicklungen als
solche beschrieben, nicht mehr als "die Wahrheit"; und so kann diese
Epoche seine richtige historische Platz finden, als Teil des Geschichtes. Besonders da habe ich von dieser Buch viel zu lernen, dass es um eine Periode geht, die mich nicht besonders interessiert hat (meine eigene Vorurteile ? )

Peter

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Dienstag 27. Januar 2009, 10:06

Hallo Herr Lauwers, das freut mich sehr, daß Sie sich so intensiv mit dem Buch beschäftigen! Sie haben recht, in der Regel habe ich mich ganz bewußt eines Urteils oder einer Bewertung enthalten und lediglich die Fakten genannt. Allerdings gibt es Ausnahmen, wo ich nicht an mich halten konnte: Immer dann, wenn jemand bewußt und vorsätzlich Fakten verdreht und Geschichtsfälschung betrieben hat. Das betrifft in erster Linie Christhart Mahrenholz, der wirklich ziemlich schlecht wegkommt in meinen Buch. Natürlich geht das meiste von dem, was ich Mahrenholz ankreide, zurück auf Hans Henny Jahnn - nur war Jahnn ein Dilettant und kein Wissenschaftler wie Mahrenholz; von daher kann er eine Art Narrenfreiheit beanspruchen. Mahrenholz aber war promovierter Musikwissenschaftler, von ihm muß man sorgfältige Recherche und das Streben nach Objektivität erwarten. Stattdessen hat er unbesehen die Märchen von Jahnn übernommen und diese sogar noch durch Verdrehungen geschichtlicher Fakten zu beweisen versucht.

Im Vergleich zu Mahrenholz erscheint mir dagegen Audsley als äußerst objektiver, kenntnisreicher Autor. Natürlich hat Audsley seinen Standpunkt, von dem aus er die Entwicklungen seiner Zeit beurteilt. Aber das ist sein gutes Recht und da er dabei vollkommen objektiv bleibt und logisch argumentiert, sehe ich nicht, was dagegen einzuwenden wäre. Von Vorurteilen würde ich bei Audsley nicht sprechen: Er kennt die Dinge, über die er sich ein Urteil erlaubt, sehr genau.

Bei Rupp dagegen haben Sie recht, das ist der erste Ideologe in der deutschen Orgelszene gewesen. Auf ihn geht beispielweise das Märchen zurück, daß Silbermann und die anderen Orgelbauer seiner Zeit auf niedrigem Winddruck (Rupp nennt 70-80 mm Wassersäule) intonierten und die Pfeifen niedrig aufschnitten - dabei hat Rupp, als er dies 1908 in der Zeitschrift für Instrumentenbau (Jahrgang 29, S. 111) schrieb, wahrscheinlich nicht eine einzige Messung an historischen Orgeln oder eine Winddruckangabe aus historischer Zeit vorliegen gehabt. Dieses Märchen wurde von Jahnn und Mahrenholz begierig aufgegriffen und noch ein bißchen dramatisiert - und der gutgläubige Paul Ott setzte es dann 1950-65 an den norddeutschen Barockorgeln gnadenlos um: Er erniedrigte den Winddruck und die Aufschnitte völlig original erhaltener Pfeifen von Schnitger und anderen Orgelbauern und ruinierte auf dieses Weise einzigartige Orgeln.

Bezüglich der orgelbewegten Orgel ging es mir wie Ihnen: Zunächst war ich überhaupt nicht interessiert daran. Ich hatte ursprünglich meine Datenbank mit dem Jahr 1914 enden lassen, in der Annahme, danach komme ja eh nichts Neues mehr - man hat sich dann eben zurückbesonnen auf die barocken Register, die Geschichte der Orgelregister ist damit gewissermaßen an ihr Ende angekommen. Irgendwann fielen mir dann doch die vielen Registernamen in Orgeln der 50er- und 60er-Jahren auf, die in barocken Orgeln nicht zu finden sind, und ich habe dann nachträglich in einem Gewaltakt Tausende von Dispositionen aus der Zeit nach 1920 ausgewertet - und stellte überrascht fest, wie unglaublich viel neue Register ich da zu ergänzen hatte, und wie wenig über die neuen Register in der Literatur zu lesen ist. Und schließlich begriff ich auch, daß selbst die Register mit altem Namen wie z.B. Nachthorn, Schweizerpfeife, Gemshorn etc. keineswegs alte Register sind, sondern völlig neu entwickelte Register mit einem alten Namen. Nach und nach faszinierte mich dieser Abschnitt der Orgelgeschichte, denn die Orgelbewegung hat tatsächlich einen völlig neuen Orgeltyp erfunden. Der Begriff „neobarock“ gefällt mir deshalb heute nicht mehr, er geht meilenweit an den Tatsachen vorbei. Es ist die Orgel der Orgelbewegung, mit dem Barock hat sie im Grunde nichts zu tun, sie sollte gar keine Imitation der Barockorgel sein. Man wollte sich lediglich von der barocken Orgel inspirieren lassen zu einer neuen, modernen Orgel, die wie die barocke Orgel geeignet sein sollte zur Darstellung polyphoner, „objektiver“ Musik - freilich wurde dieser Gedanke von sehr vielen nicht richtig verstanden und verkürzt zu einer Rückkehr zur barocken Orgel. Es freut mich außerordentlich, daß meine versteckte Botschaft, auch die orgelbewegte Orgel sei Teil der Orgelgeschichte, noch dazu ein interessanter Teil, bei Ihnen richtig angekommen ist!

Pierre Lauwers
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Beitrag von Pierre Lauwers » Mittwoch 11. Februar 2009, 20:55

Ein sehr interessante Frage bezeichnet auch die durchschlagende Ophicleide vor. Es war mir immer sehr unklär, ob es von Merklin oder Walcker ursprunglich gefunden war.
Und tatsächlich, wie es in das Buch, von der wir hier sprechen, zu finden ist, haben wir in Belgien zwei Exempläre von Pierre Schyven (ein Lehrling Merklins in Brüssel), in Antwerpen und Laeken.

Also dieser Stimme konnte von Merklin bei Ducroquet gefunden werden sein, was bedeuten sollte, Ducroquet baute diese Register bereits früher als 1855.
Ich habe eine Anfrage auf meine französische Forum lanciert um mehr Datei darüber zu suchen. Falls etwas interessant dort kommt, werde ich es hier weitergeben.

Vielen andere interessante Versuchen werden, garantiert, folgen!

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Mittwoch 11. Februar 2009, 21:57

Daß die einschlagende Ophicléide von Ducroquet stammt, scheint mir eher unwahrscheinlich zu sein - ich weiß bisher von keinem einzigen durchschlagenden Zungenregister bei Ducroquet bzw. den Vorgängern Daublaine & Callinet. Die Callinets bauten im Elsaß zwar viele Ophicléiden, aber die waren aufschlagend mit hölzernen, belederten Kehlen.

Mir scheint es viel wahrscheinlicher zu sein, daß Josef Merklin die durchschlagende Ophicléide nach dem Vorbild durchschlagender Zungenstimmen von Walcker konstruiert hat - er hielt sich 1838-40 bei Walcker auf (vgl. Ars Organi 26, 1978, H. 57, S. 442).

Pierre Lauwers
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Beitrag von Pierre Lauwers » Donnerstag 12. Februar 2009, 07:36

Ja, das ist warscheinlich nur ein Vermutung Paul Smets. Das Register wäre 1855 erfunden, genau die Jahr des Übernahme von Merklin.
Das Ophicléide von Callinet ist von meinen Mitgliedern auf die Fr. Forum wohl bekannt, es scheint aber, dass es mit die durchschlagende Aufgabe nicht der Fall ist...

Pierre Lauwers
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Beitrag von Pierre Lauwers » Donnerstag 12. Februar 2009, 16:35

Es gibt was auf die französischer Forum...
Auch Callinet hat bereits durchschlagende Ophicleiden gebaut.
Siehe hier:

http://decouverte.orgue.free.fr/orgues/oltingue.htm

Darüber sollte ein Ducroquet von 1855 in Roubaix sein (oder gewesen?), auch mit durchschlagende Ophicleide.

Mehr später.

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Rezension "Musik und Kirche"

Beitrag von Administrator » Freitag 13. März 2009, 22:45

Guten Abend,

heute kam die Ausgabe März/April 2009 des Magazins "Musik und Kirche". Darin enthalten eine Rezension zu dem Orgelregisterlexikon. Sehr gute Rezension für ein sehr gutes Buch. Es hätte noch ein klein wenig enthusiastischer klingen können.

Sind Sie mit der Rezension zufrieden, Herr Eberlein?

Allen weiteren: Das Buch - wer es noch nicht hat - ist absolut lesenswert. Nicht nur zum Nachschlagen, sondern auch einfach mal zum Schmökern.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 1. Mai 2009, 22:45

Inzwischen ist noch eine weitere Rezension erschienen in "Informationsmittel für Bibliotheken IFB", ein digitales Magazin:

http://swbplus.bsz-bw.de/IFB_08-1_235.htm

tiratutti
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Beitrag von tiratutti » Samstag 2. Mai 2009, 16:56

Zuletzt geändert von tiratutti am Mittwoch 8. September 2010, 10:13, insgesamt 1-mal geändert.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Samstag 2. Mai 2009, 22:22

Leider ist die Angabe des aktuellen Stichworts in der Fuß- oder Kopfzeile nicht möglich mit der von mir verwendeten, ziemlich einfachen Software, sonst hätte ich es schon bei der ersten Auflage gemacht.

Außerdem liegt die zweite Auflage inzwischen schon vor, denn die erste Auflage ist jetzt bereits fast komplett verkauft, nach nur 6 Monaten! Die Änderungen der zweiten Auflage gegenüber der ersten beschränken sich auf eine Anzahl von inhaltlichen Korrekturen und kleinen Einfügungen; der Gesamtumfang blieb unverändert.

Martin Dufais
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Beitrag von Martin Dufais » Donnerstag 25. Juni 2009, 15:00

Im neuesten Heft von Ars Organi (2/2009) ist endlich die Rezension des Orgelregisterlexikons erschienen - und sie ist noch begeisterter als meine Vorstellung des Buches hier in diesem Thread, und das will etwas heißen. Schon der Beginn ist ein Paukenschlag:

"Die vorliegende Veröffentlichung ist nicht nur eine Standardwerk. Sie verdient vielmehr das Prädikat "Jahrhundertwerk". Selten ist der Begriff "gewichtig" im doppelten Sinn so zutreffend wie bei dieser Arbeit ... Der promovierte und habilitierte Autor Roland Eberlein legt ein inhaltlich gewichtiges Arbeitsergebnis vor, das ihn zweifellos als Universalgelehrten zum Thema ausweist."

Der Text ist viel zu lang, um hier komplett wiedergegeben werden zu können, aber die Stoßrichtung geht ja aus dem Zitat schon zu Genüge hervor.
Zuletzt geändert von Martin Dufais am Sonntag 7. August 2011, 10:35, insgesamt 1-mal geändert.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Freitag 25. September 2009, 22:42

Freut micht, daß Ihnen das Buch gefällt!

Die Behauptung, die Steinfelder Orgel hätte vor 1879 kein Pedal gehabt, ist weit verbreitet, aber definitiv falsch! Im Kostenvoranschlag vom 16.1.1877 war vorgesehen: "Das neue Pfeifenwerk für die Erweiterung des Freipedals: nämlich Subbass 16', Octav 8', Posaune 16', Trompet 8' ... 270 Mark" (zitiert nach "Die Orgel der Basilika Steinfeld", hg. von H. P. Göttgens, Steinfeld 1981, S. 25) Die Orgel besaß also vier Pedalregister, allerdings nur Töne C-d, diese vier Register wurden erweitert auf C-c'. Von diesen vier Registern sind Subbass und Posaune (= Bombart) noch erhalten. Ich habe mir die Pfeifen angesehen - C-d sind unverkennbar viel älter als es-c'. Ich halte sie für Originalpfeifen von 1727. Ein entsprechendes Pedalwerk besaß auch das beinahe dispositionsgleiche König-Instrument von 1738 in Köln, Jesuitenkirche St. Maria Himmelfahrt.

Die Vorstellung, König habe 1727 zwar zwei mächtige Pedaltürme hinzugefügt, aber keine Pfeifen hineingestellt, ist im übrigen schon auf den ersten Blick völlig unglaubwürdig - Pedaltürme sind bei barocken rheinischen Orgeln mit normalerweise angehängtem Pedal so ungewöhnlich gewesen, daß man sie in Steinfeld garantiert nicht aus Jux und Dollerei baute, sondern deshalb, weil man Pedalpfeifen unterzubringen hatte.

Roland Eberlein
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Beitrag von Roland Eberlein » Montag 28. September 2009, 13:25

Die Länge der Posaunenbecher geht aus der mir vorliegenden Mensurtabelle nicht hervor; ich habe nur eine Fotographie die zeigt, daß die Becher volle Länge haben.

Was die Gründe für die Holzattrappen im Prospekt gewesen sind, wird man mangels schriftlicher Quellen von 1727 nicht mehr feststellen können. Allerdings hatte auch die König-Orgel in der Jesuitenkirche Köln nur vier Register im Pedal: Bombart 16', Trompet 8', Bordunbass 16', Octav 8'; also kein Principal 16', obwohl zweifellos Platz dafür da gewesen wäre. Vielleicht war König einfach nicht am Principal 16' interessiert - er kam ja aus Bayern, wo die Standarddisposition des Pedals Subbaß 16' + Octavbaß 8' war; vermutlich hatte König auch den elsässischen, belgischen oder französischen Orgelbau kennengelernt, und da war im Pedal ebenfalls kein Principal 16' üblich.
Zuletzt geändert von Roland Eberlein am Sonntag 7. August 2011, 18:22, insgesamt 2-mal geändert.

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