Wayne Marshall CD, St. Kastor, Koblenz

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kjz1
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Wayne Marshall CD, St. Kastor, Koblenz

Beitrag von kjz1 » Dienstag 27. Dezember 2016, 15:07

Liebe Mitforianer!

Mittlerweile hatte ich gelegenheit, die neue CD von Wayne Marshall mit der Orgel der Basilika St. Kator in Koblenz
etwas näher zu betrachten. (Fugue State Records FSRCD011)

Bei dieser CD handelt es sich quasi um eine 'Demo-CD' der Hauptorgel. Die Orgel stellt meines Wissens nach den größten Neubau
aus dieser Orgelbauwerkstatt bislang dar. Ausserdem hat man hier das erste Mal ein Hochdruckwerk gebaut. Deshalb wurde die
Produktion der CD auch vom Orgelbauer unterstützt.

Als Organisten hat man den international bekannten Konzertorganisten Wayne Marshall engagiert. Wayne Marshall ist recht
technikaffin und auch experimientierfreudig; er betitelt die CD auch als 'Eine Entdeckungsreise'. Mittlerweile agiert Wayne Marshall
mehr und mehr als Dirigent; auch in unserer Stadt wird er nächstes Jahr ein Symphoniekonzert in der Rhein-Mosel-Halle dirigieren.
Für die Wandlung vom Organisten zum Dirigenten gibt es auch ein prominentes Vorbild, ich denke da an Leopold Stokowski.

Wayne Marshall hat die CD auch selbst produziert, wobei einige Spielhilfen der Orgel zum Einsatz kamen (doppelte Spieltraktur: mechanisch/elektrisch).
Einmal kann die Orgeltraktur über eine App zum Stimmen angesteuert werden (das ersetzt den Tastenhalter). Dann ist es aber auch möglich, über
eine App die Recording/Replay Funktion anzusteuern. Wayne Marshall hat dies in zweierlei Hinsicht genutzt.

Erstens hat er zur Probe eine Improvisation eingespielt und dann mit wiederholtem Abspielen die beste Platzierung für die Mikrophone
ermittelt. Die Mikrophone standen auf einem hohen Stativ etwa in Höhe des Hauptwerks leicht aus der Mitte versetzt in etwa 10 m
Abstand zur Orgel. Gleichzeitig kamen aber auch omnidirektionale Mikrophone zum Einsatz. Das Resultat: eine sehr klare Aufnahme
(wie von Wayne Marshall gewünscht), die aber auch den Raumklang nicht vernachlässigt. Die Kirche besitzt mit ca. 7 Sek. Nachhallzeit
eine recht üppige Raumakustik, was auf der Aufnahme auch zu hören ist. Auf der Aufnahme klingt die Orgel 'fast besser' als im Original,
da hier aufnahmetechnisch der Hall noch mehr zum Tragen kommt, ohne an Klarheit der Aufnahme einzubüßen.

Verwendet wurden:

2 Neumann KM 183 Mikrofone, ein Tascam DR100 MK.2 Digitalrecorder und die Sequoia Editing Suite 7.22 zur Nachbearbeitung.

Ausserdem hat Wayne Marshall die Replay Funktion genutzt, um zwei im Konzert am 27. 9. 2015 live eingespielte Stücke dann
später noch einmal ohne Störgeräusche in der leeren Kirche aufzunehmen.

Das Klangbild der Orgel insgesamt ist relativ reich an Obertönen, was mir auch von anderen Orgeln dieses Orgelbauers, die ich bisher gehört habe,
nicht unbekannt vorkommt. Der (französische) Intonateur stammt aus der 'Haerpfer-Erman-Traditionslinie', da scheint immer noch
etwas von der 'orgue neo-classique' durchzuschimmern. Der Orgelbauer selbst beschreibt die Orgel als 'symphonisch', was ich auch
so für richtig halte. Sie ist nämlich weder französisch-, noch englisch-, noch deutsch-romantisch. Also keine irgendwie geartete Stilkopie.
Eher eine Konzertsaal-Orgel, die sich 'in eine Kirche verirrt' hat.
BTW: bei der Kemperin in der hiesigen Rhein-Mosel-Halle ist es eher umgekehrt: eine Kirchenorgel, die sich 'in einen Konzertsaal verirrt hat.'

Neben 2 Repertoire-Werken spielt Wayne Marshall nur Improvisationen. Diese eignen sich natürlich besser, wenn man eine Orgel
vorführen möchte, da man hier an keine Registrierungsanweisungen gebunden ist. Im Gegensatz zu Wolfgang Seifen, von dem auch
eine Improvisations-CD an dieser Orgel erschienen ist, improvisiert Wayne Marshall im 'free style', also an keine historischen Vorbildformen
gebunden. Meist sind es 'Thema und Variationen'. Sein Stil ist sehr virtuos und rhythmisch geprägt, was mich an manchen Stellen an
Pierre Cochereau erinnert. Ausserdem läßt er Jazz-Elemente in seine Improvisationen einfliessen.

Das Programm:

- Improvisation on the hymn tune 'All Creatures of our God and King'
Hier musste ich natürlich unwillkürlich an Mr. Bean denken...

- Improvisation on the chorale 'Wachet auf'
W. Marshall nutzt hier als Grundlage die Melodie aus den Schübler-Chorälen von J. S. Bach

- Improvisation on 'Twinkle Twinkle Little Star'
Die Melodie ist hier eher als 'Morgen kommt der Weihnachtsmann' bekannt.

- Jean Roger-Ducasse: Pastorale
Diese Stück wurde live im Konzert eingespielt und später aufgenommen. Hier kommen insbesondere die
Streicherschwebungen der Orgel zum Einsatz und es wird ein gewaltiges Crescendo-Decrescendo
mit virtuosen Pedalläufen demonstriert.

- Normann Cocker: Tuba Tune
Natürlich zur Demonstration der Hochdruckzunge genutzt. Wobei es sich nicht um eine grundtönige Tuba in
englischer Tradtion handelt. Tuba 16' meint da eher das Orchesterinstrument, die Bezeichnung Fanfare 8' kommt
dem Klangcharakter näher. Es handelt sich um eine Hochdruckzunge mit halber Becherlänge und gekröpften
Zinnbechern im Schwellkasten. In der 16' Lage auch gerne gekoppelt ins Pedal (quasi als 'Auxiliaire' genutzt).
Die Hochdruckzunge 'röhrt' so genutzt unwahrscheinlich rund und kraftvoll in den großen Raum, was z. Bsp. auch im
Pastorale zu hören ist.

- Improvisation 'Flutes and Mutations'
Der Titel besagt eigentlich alles.

- Improvisation on 'Freude schöner Götterfunken'
Auch diese Improvisation wurde live im Konzert eingespielt und dann später mittels Replay-Funktion aufgenommen.
Über die Melodie aus Beethovens neunter Symphonie improvisiert Wayne Marshall mit sehr viel 'Drive' und hochvirtuos.

Was mir bei der Orgel immer noch fehlt, ist die 32' Zunge. Der gedackte 32' ist IMHO zu 'schlank' (relativ enge Mensur,
da habe ich schon sehr viel üppigere Exemplare gesehen), um dem ansonsten gewaltigen und obertonreichen Gesamtklang 'Paroli bieten'
zu können. Aber es gibt da halt das Platzproblem.

Viele Grüße,

- Karl-Josef

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