Es quietscht und quackt im Gotteslob

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olds
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Es quietscht und quackt im Gotteslob

Beitrag von olds » Donnerstag 2. Juni 2016, 12:34

Hallo Foristen,

folgende Frage:

In meiner Orgelausbildung hieß es zu den Choralsätzen von Erhard Quack immer "Es quietscht und quackt im Gotteslob".

Ich stehe nun vor der netten Aufgabe, das in einem kleinen Vortrag laientauglich zu erklären. Hat jemand Ratschläge dazu, besonders zu "kirchentonal konzipierter Melodik" und "einfacher Entsprechung der Perioden"?

Danke!

kernspalter
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Re: Es quietscht und quackt im Gotteslob

Beitrag von kernspalter » Donnerstag 2. Juni 2016, 20:07

olds hat geschrieben:Hallo Foristen,

folgende Frage:

In meiner Orgelausbildung hieß es zu den Choralsätzen von Erhard Quack immer "Es quietscht und quackt im Gotteslob".

Ich stehe nun vor der netten Aufgabe, das in einem kleinen Vortrag laientauglich zu erklären. Hat jemand Ratschläge dazu, besonders zu "kirchentonal konzipierter Melodik" und "einfacher Entsprechung der Perioden"?

Danke!
Geht es um die Choralsätze oder um die Melodien?
Mit kernspalterischen Grüßen

olds
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Re: Es quietscht und quackt im Gotteslob

Beitrag von olds » Donnerstag 2. Juni 2016, 20:47

Darf ich bei dem Spiel auch die Möglichkeit Nr. 3 "Beides. Choralsätze und Melodien" ankreuzen?

Aber vielleicht eher die Choralsätze? Spiele die auch recht ungern.

Das soll auch keine musiktheoretische Lehrstunde sein, es geht hauptsächlich um die Lebensgeschichte, aber ein wenig sollte seine Bedeutung für das Einheitsgotteslob angesprochen werden und da scheint er ja nunmal seinen eigenen Stil verfolgt zu haben.

kernspalter
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Re: Es quietscht und quackt im Gotteslob

Beitrag von kernspalter » Samstag 4. Juni 2016, 14:05

Zu den Choralsätzen kann ich wenig sagen, zu den Melodien schon eher.

Beim "Lamm Gottes" (altes Gotteslob 492) mit seinen Quint-Quart-Sprüngen (g'-d''-d') wird wohl mancher Kantor gequiekt haben.

Wikipedia listet 14 Quack-Melodien im Stammteil des alten Gotteslobs (ohne Kehrverse) auf.
https://de.wikipedia.org/wiki/Erhard_Qu ... nd_2013.29

Von denen wurden gerade mal drei in den Stammteil des neuen Gotteslobs übernommen. D. h. knapp vier Fünftel wurden entsorgt. Die meisten mit Recht.

Einige sind melodisch und rhythmisch so sperrig, daß beim Einstudieren mit Laien der Frust vorprogrammiert ist (und auch beim erfahrenen Sänger keine Freude aufkommt).

Besonders fies waren einige Melodien, die um 1970 entstanden sind und die wohl keine einzige Gemeinde jemals im Repertoire hatte.
Bei "Gott, der nach seinem Bilde" (altes Gotteslob 74) sind mehrere Stolpersteine eingebaut. Der erste ist die unmotivierte Synkope in Takt 4. Auch im weiteren Verlauf scheint sich der Komponist zum Ziel gesetzt haben, die Gemeinde zu irritieren, indem er metrisch identische Textzeilen immer wieder mit neuen unvorhersehbaren Rhythmen versieht:
"aus Stáub den Mén-schen mácht": Viertel- Halbe - Viertel - Viertel- Halbe
"läßt Mánn und Fráu euch séin!: Halbe - Halbe - Halbe - Viertel - Viertel
"ein-án-der Brót und Wéin": Viertel - Halbe - Viertel - Halbe - Halbe - Ganze
Melodische Stolpersteine sind die schwer nachsingbaren Halbschlüsse mit Quart- und Terzsprüngen d'-g'-g'-e' und f'-b'-g'. Vielleicht auch noch die "Reprise", wo die zwei Viertel a' der Anfangsteile durch zwei Viertel c' ausgetauscht sind, um auch beim einzigen leicht singbaren Teil der Melodie noch eine Schikane einzubauen. (Aber bis dahin singt schon lange niemand mehr mit...)

Nach ähnlichen Prinzipien sind die Melodien von "Gelobt sei Gott in aller Welt" (alt 610) und "In Jubel, Herr, wir dich erheben" (alt 611) gestaltet. Bei "Gelobt sei Gott in aller Welt" (alt 610) kommt der Start mit der sportlichen Doppelquarte und der mixolydische Modus hinzu. Immerhin ist bei dieser Melodie wenigstens teilweise noch der tonale Rahmen klar, was bei "In Jubel, Herr, wir dich erheben" überhaupt nicht mehr der Fall ist. Daß die Melodie eigentlich g-dorisch sein soll, läßt sich nicht erraten, bevor der Schlußton kommt.


Die drei verbliebenen stammen alle aus den 1940er Jahren:

Herr, erbarme dich unser (alt 454, neu 151) in eindeutigem F-Dur, mit einfachem und regelmäßigem Rhythmus, kein Geniestreich, aber gut singbar.

Heilig, heilig (alt 481, neu 193), eine der wenigen Melodien, wo das Spiel mit Kirchentonart und Pentatonik einigermaßen geglückt ist. Die ersten drei und die letzten vier Takte sind rein pentatonisch. Die phrygische Sekunde e'-f' kommt nur als steigende Sekunde vor, die fallende Sekunde wurde konsequent vermieden.
So ist eine Melodie entstanden, die einen gewissen Charakter hat und trotz der phrygischen Tonart nicht allzu melancholisch wirkt. Da ein Prosatext vertont wurde, stört hier auch die unregelmäßige Metrik nicht so sehr.

Laßt uns loben, freudig loben (alt 637, neu 489), in eindeutigem F-Dur mit pentatonischen Elementen, ohne rhythmische Stolpersteine, gehört in vielen Gemeinden zum festen Repertoire.
Zuletzt geändert von kernspalter am Sonntag 5. Juni 2016, 23:33, insgesamt 1-mal geändert.
Mit kernspalterischen Grüßen

olds
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Re: Es quietscht und quackt im Gotteslob

Beitrag von olds » Sonntag 5. Juni 2016, 21:12

Hey, dann werde ich mal schmökern!

Vielen Dank für Deine Ausführungen!

olds
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Re: Es quietscht und quackt im Gotteslob

Beitrag von olds » Mittwoch 24. August 2016, 06:46

So ein Vortrag.

Ein Fass ohne Boden. :oops:

Aber macht Spaß und ich habe verdammt viel gelernt.

U.a., dass es noch Ende der 1960er in der katholischen Kirche Kreise gab, die "dem Volk" die intelektuelle Fähigkeit zum Gesang eines Kirchenliedes absprach.

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