Orgelwerke von Naji Hakim auf neuer CD

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tournemire
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Orgelwerke von Naji Hakim auf neuer CD

Beitrag von tournemire » Freitag 2. Januar 2015, 15:15

Ihr Lieben,
ich wünsche Euch ein gutes Neues Jahr 2015 und viele interessante Begegnungen rund um die Orgel.
Ich selbst habe die Feiertage genutzt, um einen kleinen Text zu machen über eine wirklich gelungene CD-Neuerscheinung mit Werken von Naji Hakim. Hier kommt er:


Als ich zu Pfingsten 1985 die restaurierte Cavaillé-Coll-Orgel der Basilika Sacré-Coeur auf dem Pariser Montmartre zum ersten Mal wiederhörte, war ichschlichtweg begeistert - und ein eminent wichtiges Instrument war in die französische Orgellandschaft zurückgekehrt. Wenig später trat ein 30-jähriger Musiker das Amt des Titularorganisten von Sacré-Coeur an, von dem ich bis dahin noch wenig gehört hatte: Naji Hakim.
Hakim, 1955 in Beirut geboren und in Paris zum Ingenieur, Organisten und Komponisten ausgebildet, machte in der Orgelszene schnell von sich reden. Denn wer Hakim in Sacré-Coeur als improvisierenden liturgischen Organisten erleben konnte, hörte etwas völlig Neues. Wie er mit Klangfarben spielte, rhythmische Raffinesse entfaltete, gregorianische Themen ausdeutete – das war buchstäblich unerhört. Bald kamen Naji Hakims ersten Orgelkompositionen heraus: die dreisätzige „Symphonie“, „The Embrace of Fire“, „Memor“ und die „Hommage à Igor Stravinski“. Just diese vier Werke versammelt der Kölner Organist Christoph Kuhlmann auf seiner CD-Neuproduktion und unterstreicht, dass sie in den zurückliegenden 25 bis 30 Jahren absolut nichts verloren haben von ihrer Faszination und innovativen Kraft, von ihrer subtilen Wirkung und unbändigen virtuosen Attitüde. Hakims musikalische Sprache schlägt nämlich einen immens großen Bogen, exemplarisch erfahrbar beispielsweise im großen Trauermarsch von „Memor“: hämmernde Akkordschläge im Fortissimo werden kontrastiert von einem himmlisch-zarten „Lumen Christi“-Zitat als Hoffnung und Versprechen („Memor“ ist die Trauermusik Hakims für einen verstorbenen Freund). In „The Embrace of Fire“ ist es das ‚verzehrende Feuer’, von dem im Lukas-Evangelium zu lesen ist, und das ‚Wasser’ als ‚Quelle des Heiles’, das der Prophet Jesaia beschreibt – auch hier extreme Gegensätze in der musikalischen Ausdeutung, die Hakim so eindringlich gelingt.
Hakim folgt durchaus der französischen Orgeltradition, die er vor allem bei seinem Lehrer Jean Langlais kennen gelernt hat, entwickelt sie aber weiter um Einflüsse, die nicht nur von innen sondern auch von außen kommen, ganz explizit in der „Hommage à Igor Stravinski“. Anklänge an „Petruschka“, „Le Sacre du Printemps“ und „L’Oiseau du feu“ sind da deutlich zu hören, aber auch an Maurice Ravel. Gleichwohl ist und bleibt Hakims Oeuvre in erster Linie geistlich inspiriert, sind seine Kompositionen von der christlichen Glaubensbotschaft geprägt und getragen. Das verbindet ihn mit Charles Tournemire (1870 bis 1939), für den Musik ebenfalls eine religiöse Dimension hatte, und nicht zuletzt mit Olivier Messiaen (1908 bis 1992), dessen Nachfolger als Organist an der Pariser Église de la Trinité er 1993 wurde und es bis 2008 war.
Christoph Kuhlmann, Jahrgang 1963, Regionalkantor in Köln und Lehrbeauftragter an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz, erweist sich auf dieser CD-Produktion als ein brillanter Interpret, der die irrwitzigen Tücken und Klippen der Partituren mit Grandezza meistert. Dass gerade diese vier frühen Hakim-Kompositionen eher selten auf „ganz normalen“ Konzertprogrammen auftauchen, liegt schlicht und ergreifend daran, dass es eine Wahnsinnsarbeit ist, sie einzustudieren. Christoph Kuhlmann hat sich diese Arbeit gemacht, zeitweise auch zusammen mit Naji Hakim, bei dem er in Paris studiert hat. Er ist also mit Hakims Schreibweise, seinem Stil und seiner Art, das Instrument zu behandeln bestens vertraut. Und das kommt dieser CD absolut zu Gute. Neben der Qualität des Interpreten ist es vor allem aber auch die noble Orgel der Marienbasilika in Kevelaer, von Kuhlmann ganz bewusst als instrumentaler „Partner“ gewählt, bietet sie doch alle Farben, mit denen Hakims Musik rechnet. Und: in Kevelaer krönen bekanntlich drei „Chamaden“ den Gesamtklang - Eins-zu-Eins-Kopien jener Chamaden, die Naji Hakim in Sacré-Coeur zur Verfügung standen und die er oft sehr effektvoll einsetzte. Das für Hakim so Inspirierende der Pariser Cavaillé-Coll-Orgel findet sich auch wieder in Kevelaer.
Aufnahmetechnisch ist Kuhlmanns CD ein Glücksfall, weil der Spagat gelungen ist zwischen möglichst kathedralhaftem Raumklang, der für die eingespielten Werke völlig unverzichtbar ist, und größtmöglicher Transparenz, Durchhörbarkeit und Klarheit der musikalischen Strukturen und Linien. Besser geht es nicht!
Am 31. Oktober 2015 feiert Naji Hakim seinen 60. Geburtstag. Christoph Kuhlmann hat ihm mit seiner CD schon mal ein frühes und schönes Präsent überreicht.

Naji Hakim, Orgelwerke. Christoph Kuhlmann an der Seifert-Orgel der Marienbasilika in Kevelaer. Ambiente-Audio ACD-2032.

der tournemire

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