Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

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Mundus
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Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von Mundus » Sonntag 7. Dezember 2014, 18:13

Mir ist aus Osteuropa an Orgelmusik fast nur Modernes bekannt.
Barockkomponisten fallen mir nur sehr wenige ein, Frantisek Brixi zum Beispiel.

Kennt sich hier jemand besser aus?

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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von Administrator » Montag 8. Dezember 2014, 21:18

Herzliche Grüße

Daniel
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S.L
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von S.L » Dienstag 9. Dezember 2014, 09:05

ivesdkerne hat geschrieben:Es gab mal bei Supraphon in Prag einen Band mit böhmischen Stücken zu Weihnachten mit Brixi Vorizek und anderen. Alles sehr volkstümlich pastoral.
Böhmen würde ich nun nicht Osteuropa zurechnen.

Mundus
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von Mundus » Dienstag 9. Dezember 2014, 17:51

@Admin Das mit den altböhmischen Meistern sieht interessant aus. Aber warum werden auf dem Einband/ in der Beschreibung nur Städte genannt, und keine Komponisten. Sind die Stücke anonym?

Was Osteuropa angeht - Asche auf mein Haupt- das war natürlich unpassend und falsch. In Osteuropa wird man wohl, da orthodox, vor 1900 nichts an Orgelmusik finden. Ich meine Länder wie Polen, Tschechien, Ungarn etc. . Kennt jemand abgesehen von Böhmen noch Komponisten?

chp
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von chp » Dienstag 9. Dezember 2014, 18:34

Hallo,
Mundus hat geschrieben:Was Osteuropa angeht - Asche auf mein Haupt- das war natürlich unpassend und falsch. In Osteuropa wird man wohl, da orthodox, vor 1900 nichts an Orgelmusik finden. Ich meine Länder wie Polen, Tschechien, Ungarn etc. . Kennt jemand abgesehen von Böhmen noch Komponisten?
Also Komponisten aus diesen mitteleuropäischen Ländern (bestenfalls östliches Mitteleuropa) sind etwa:
Bohuskav Czernohorsky
Jan Zach
Josef Seger
Jan Vanhal
August Freyer
Mieczyslaw Surzynski
Felix Nowowiejski
Jan Kuchar
Antonin Dvorak
Frantisek Musil
Keos Janacek
Emil Nikolaus von Reznicek (OK, vielleicht eher Österreicher als Böhme)
Bedrich Wiedermann
Otto Tichy
Bohuslav Martinu
Alois Haba
Petr Eben
Ilja Hurník
Jiri Strejc
Zoltan Kodaly
Tibor Pikethi
Deszo Antallfi-Zsiross
Zoltan Gardonyi
Gabor Szabo
Erzsebet Szönyi
Istvan Koloss
Zsolt Durko
Zolt Gardonyi

So weit erst mal. Die meisten habe ich aus dem Handbuch Orgelmusik. Speziell zu bömischen und schlesischen Komponisten hat Andreas Willscher große Bestände in seinem Archiv und riesiges Wissen.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.

Mundus
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von Mundus » Mittwoch 10. Dezember 2014, 16:28

Also die Liste ist schon mal ganz brauchbar. Aber die meisten wirklich barocken Komponisten darauf sind aus Böhmen/Tschechien. Vielleicht lässt sich das noch um ein paar Komponisten aus dem heutigen Ungarn, der Slowakei, Polen ergänzen?

chp
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von chp » Mittwoch 10. Dezember 2014, 21:39

Hallo,

oh, sorry, in meiner Begeisterung für gerade auch neuere Musik aus Tschechien habe ich das mit dem "Barock" ganz übersehen. Beispiel für den ersten Satz der Sonata von Jiri Strejc (1932-2010):
http://www.organist.cz/
-> Deutsch auswählen
-> Audio auswählen
-> J. Strejc - Preludium auswählen.

Vielleicht fällt mir noch etwas barockes ein.

Beste Grüße von der Waterkant
Crhistoph P.

Holger

Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von Holger » Donnerstag 11. Dezember 2014, 06:39

Ergänzend noch:

Heutiges Polen:
Daniel Magnus Gronau (Danziger Orgelbuch) - wird sicher in Polen gerne adaptiert.

Lettland:
Johann Gottfried Müthel (Riga)

Schlesien:
Georg Philipp Teleman, dieser war in Sorau tätig
Wilhelm Rudnik (Bütow / Liegnitz - o.k nicht Barock!)

Nun wie definiert man diese Region in der Zeit des Barock? Die Landkarte zeigte damals ein deutlich anderes Bild als wir es heute, post "Eisernem Vorhang" gewöhnt sind. Böhmen und Schlesien bis hin in heute Ukrainisches Territorium waren habsburgisch beherrscht. Weite Teile Polens hatten einen sächsischen oder preußischen Herrscher. Damit waren diese Länder wohl eher mitteleuropäisch geprägt, auch kulturell. Im Ostseeraum waren die Schweden und die Reformation für weite Teile maßgebend, ebenso wie der Einfluss der Deutschritter auf Religion und Politik, und die großen Städte waren in der Hanse miteinander wirtschaftlich, wie auch kulturell verbunden, was sicher auch nach dem Ende der Hanse Auswirkungen auf diese Region hatte.

Und selbst in Russland unter Zar Peter dem Großen, der das östliche Baltikum beherrschte, war eine deutliche Hinwendung zu "Westeuropa" und den großen Höfen der damaligen Zeit angesagt. Bestes Beispiel dürfte die von ihm in Auftrag gegebene Stadt St. Petersburg sein.

Dann dürfte sicher auch noch eine Unterscheidung zwischen "höfischer", "kirchenmusikalischer" und "traditioneller" Musik, im besonderen im Hinblick auf die Entwicklung der Tanzformen wie Mazurka, Polonaise, usw. interessant sein, die sich später dann auch im "klassischen" Musikbetrieb etablierten, wie z.B. bei Chopin.

Vielleicht sollte man doch davon absehen den Begriff "osteuropäisch" im Sinne unseres, durch die politischen Umstände ab der Mitte des 20. Jahrhundert geprägten Denkens, für das Zeitalter des Barocks zu verwenden. Ich denke wir reden wirklich über das katholische bzw. reformierte Mitteleuropa in der damaligen Zeit. Eine eigenstaatliche Identität vieler heute existierender Staaten bildete sich dann im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heraus, nach dem ersten Weltkrieg, als eine ganze Reihe neuer Staaten auf den Trümmern der alten politischen Ordnung entstanden.

Für Interessierte:

https://books.google.de/books?id=HVsmHZ ... en&f=false

praetorius
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von praetorius » Samstag 13. Dezember 2014, 22:42

Osteuropa - Terra incognita für Organisten. "Terra incognita" habe ich vor Jahren auch mal ein entsprechendes Konzertprogramm von mir genannt.

Einige ergänzende Hinweise:
Polen (und zwar zur Zeit des Königreichs der Jagellonen): hier gibt es bereits Tabulaturen um 1540. In der damaligen Hauptstadt Krakau wirkte vor allem Nicolaus Cracoviensis (Nikolaus von Krakau, da gibt´s unterschiedliche Schreibweisen, Kompositionen sind datiert 1537-1546). Sein Salve Regina ist ein eindrucksvolles Beispiel polnischer Marienfrömmigkeit an der Schwelle zur Neuzeit.
Petrus de Drusina (Piotr Drusinski, gestorben 1611), geboren in Elbing/Elblag, Ausbildung in Dresden, später Organist in Danzig/Gdansk.
Von Piotr Zelechowski (um 1650) ist nur eine, aber sehr schöne Fantasia erhalten.
Nach 1700 versiegte die Überlieferung der Orgelmusik hier fast vollständig, da das Territorium immer wieder von Kriegen heimgesucht und schließlich zwischen Preußen, Rußland und Österreich aufgeteilt wurde.
Polnische Melodien und Musik wurde später von Chopin populär gemacht. Hier verweise ich gerne auf die beiden von Liszt für Orgel übertragenen Chopin-Preludes...
Im 19.Jahrhundert gab es einige Bestrebungen, die Orgelmusik an das Kirchenlied in der Volkssprache anzulehnen. Gute Kompositionen stammen von den Brüdern Miecyslaw und Jozef Surzynski und von Wladislaw Zelenski, von M.Surzynski findet sich einiges bei IMSLP zum Beispiel.

Böhmen war Königreich bis zum Übergang an Habsburg 1526. Trotz der engen Bindung an Österreich-Ungarn hatte die böhmische Musiktradition eine gewisse Eigenständigkeit. Lohnende Entdeckungen sind hier z.B. Johann Zach, der später in Mainz tätig war.
Die Stücke von Josef (Ferdinand Norbert) Seeger aus Prag waren seinerzeit weit verbreitet, sind alle wunderbar leicht spielbar und trotzdem fantasievoll und nicht alle bedienen das Pastoral-Genre.
Brixi wurde bereits erwähnt; ich möchte noch Johann Baptist (Jan Krtitel) Kuchar erwähnen, er hatte neben seiner Tätigkeit in Prag an der Stiftskirche Strahov auch ein Opernorchester und öfter mit Mozart zu tun. Und hat sehr hübsche Orgelsachen geschrieben!
Wenzel Johann Tomaschek (Jan Vaclav Tomasek) schlägt die Brücke aus dem Spätbarock zu Chopin und Liszt und bahnte zugleich der tschechischen Nationalmusik der Romantik den Weg.
Robert (Johann Nepomuk) Führer war Domorganist in Prag, seine Pastoral-Präludien sind recht bekannt.
Bedrich (Friedrich) Smetana und Antonin Dvorak haben wenige Orgelstücke geschrieben, doch erregen diese Komponisten auf Konzertprogrammen aufgrund der Tatsache, dass man sie nicht mit Orgelmusik in Verbindung bringt, immer wieder Aufmerksamkeit.

Slowakei - da wirds schwieriger. Gehörte ebenfalls zu Habsburg, aber es gab z.B. die 24 Städte der Zips, die einige Vorrechte besaßen. Hier in Leutschau/Levoca (Ostslowakei) wirkte seit 1648 Samuel Marckfelner, der ein 266 Stücke umfassendes Tabulaturbuch für die Orgel geschrieben hat.
Jan Francisci aus Neusohl (Banska Bystrica) war in Wien tätig und traf 1726 in Leipzig auf Bach. Einige Orgelstücke sind verstreut in oberungarischen Manuskripten erhalten.
Preßburg (slowakisch Bratislava, oder ungarisch Pozsony) war aufs Engste mit der Habsburger Monarchie verbunden. Domorganist Ende des 18.Jahrhunderts war Franz Paul Rigler, seine Kompositionen sind hochinteressant, weil sie teilweise auf andere Kompositionen wie z.B. von Haydn Bezug nehmen.

Zu Ungarn gehörte bis 1921 auch das heutige Burgenland. Franz Nikolaus Nowotny aus Eisenstadt hat zahlreiche Kompositionen geschrieben, die von Haydn aufgeführt wurden und Orgelwerke von bemerkenswerter Eigenart.
Dann könnte man auch Liszt hier in dem Zusammenhang anführen, der ja in Raiding/Doborjan im heutigen Burgenland geboren wurde.

Rumänien - hier wirds echt kniffelig. Das Fürstentum Transsilvanien hatte weitgehende Autonomie als Vormauer der Christenheit. Schon mal überlegt, warum das berühmte Lehrwerk von G. Diruta 1591 "Il Transsilvano" heißt? Es ist dem transsilvanischen (siebenbürgischen) Herrscher Stephan Bathory gewidmet. In seiner Residenz Alba Julia wirkte z.b. Antonio Romanini, ein Komponist von bester venezianischer Schule.
Der bedeutendste Komponist der Siebenbürger Sachsen im 17.Jahrhundert war Daniel Croner aus Kronstadt/Brasov; auch von ihm gibt es eine 1681 erschienene umfangreiche Tabulatur.

Schließlich ist das Baltikum zu erwähnen. Hier gibt es in allen Ländern eine reiche und hierzulande vollkommen unbekannte Musik- und auch Orgeltradition, allerdings meist erst Mitte des 18.Jahrhunderts einsetzend. Dies wäre eine eigene Diskussion wert!

praetorius
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von praetorius » Samstag 13. Dezember 2014, 22:55

Mein kleines Programm sah so aus:

Jan Podbielski (um 1680): Toccata con Fuga in d (aus der Warschauer Tabulatur)
Franz Paul Rigler (1747-1796): Offertorium "unter der Auffwandlung" nach Motiven der Nicolai-Messe von Haydn
Franz Nikolaus Nowotny (1743-1773): Praeambulum in C
Franz Liszt (1811-1886): Offertorium aus der Ungarischen Krönungsmesse (1867)
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis (1875-1911): Fuga "Aus tiefer Not schrei ich zu dir"
- " - : Fuga c-moll
Adams Ore (1855-1927): Konzertstück d-moll op. 36 Nr. 1 (ein Super-Teil !!!)
Franz Liszt: Ave Maria von Arcadelt
- " - : Nun danket alle Gott (zur Einweihung der Domorgel in Riga 1884)

Die Noten der weniger bekannten Komponisten stammen aus:
- Organistica, Band 7: Musica Europae Orientalis. Edizioni Carrara, Bergamo.
- Ciurlionis: Visi Kuriniai Vargonams / Complete Compositions for Organ. Kaunas 2005 (schwer zu kriegen, bei Bedarf kann ich Kontakt zur Herausgeberin vermitteln).
- Baltische Orgelmusik aus zwei Jahrhunderten (1785-1950). Eres Edition 2720.

S.L
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von S.L » Sonntag 14. Dezember 2014, 09:40

praetorius hat geschrieben:Schon mal überlegt, warum das berühmte Lehrwerk von G. Diruta 1591 "Il Transsilvano" heißt? Es ist dem transsilvanischen (siebenbürgischen) Herrscher Stephan Bathory gewidmet.
Interessant. Ich habe es als "der Hinterwäldler" abgeleitet, also an blutige Anfänger im Orgelspiel gerichtet.

Mundus
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Re: Barocke Orgelmusik aus Osteuropa

Beitrag von Mundus » Sonntag 14. Dezember 2014, 10:29

@praetorius Besten Dank!! Nach genau so einer Zusammenschau habe ich gesucht.

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