Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

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heifadudler
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Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von heifadudler » Freitag 30. August 2013, 08:09

Dazu passte das wunderbare Orgelkonzert mit Michaela Huber (22), Organistin seit 2011 an der Martin-Orgel. Huber ist ausgebildete D-Musikerin und befindet sich derzeit in Ausbildung bei Jörn Barthels zur C-Musikerin, der höchsten Ausbildungsstufe außerhalb eines Musikstudiums. In einem BZ-Gespräch erzählte sie über ihre Liebe zu dem schwierig zu spielenden Instrument; es habe ein verkürztes Pedal mit einem Manual, auf dem nur eine Oktave gespielt werden könne. Normal sind es 20 Oktaven mit dem "C" in der Mitte der Füßen, hier ist jedoch das "F" in der Mitte, man muss hier umdenken. Jetzt ist sie diese Besonderheit gewohnt.
Je nach dem zu spielenden Stück werden alle Register gezogen und der Orgelklang füllt das Kirchenschiff mit der hervorragenden Akustik durch seine holzvertäfelte Decke . In der "Suite du premiere Ton" von Luis-Nicolas Clerambault wird das "Kornett" benötigt, das diese Orgel hat und das einen etwas lauten, "quätschigen" Klang bewirkt; bei "Preludium in G-Moll" von Dietrich Buxtehude wird im Pedal eine Posaune dazu gezogen. Überhaupt sind die an diesem Abend aufgeführten choralbearbeiteten Orgelstücke auf dieses Instrument abgestimmt, sei es das Präludium C-Dur vom Johann Sebastian Bach, vier Chorbearbeitungen von Dietrich Buxtehude, ein Choralvorspiel von Georg Muffart, eine Choralbearbeitung von Johannes Brahms und von modernen Komponisten wie Max Reger "Melodia" und das Choralvorspiel "Sollt’ ich meinem Gott nicht singen" von Ernst Pepping. Da die Orgel nicht so viele Register habe, gut gestimmt sei und die Flöten einen guten Klang hätten, kann auf ihr laut und leise gespielt werden.

(Gefunden in der Badischen Zeitung)

Normal sind 20 Oktaven im Pedal...
Auf dieser Orgel kann laut und leise gespielt werden...

*HEUL*

Axel
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Axel » Freitag 30. August 2013, 15:06

Jo, das ist wieder ein Highleight aus der Provinz. Das Trauerspiel ist allerdings, dass hier nicht ein tölpelhafter Praktikant mit miserablen Sprachkenntnissen der Schuldige ist, sondern Redaktionen, die überhaupt keine Qualität mehr wollen.
Ich habe vor einiger Zeit ein Konzert mit Flöte und Orgel gespielt, wo eine Reporterin anwesend war, die selbst Musikerin mit Examen ist. Es wäre also eine schöne Kritik drin gewesen. Stattdessen kam eine Zusammenstellung von nichtssagenden Allgemeinplätzen. Ich habe dann nachgefragt. Die Antwort hat mich sehr überrascht: Die Reaktion habe ganz klar artikuliert, dass man an einer Konzertkritik kein Interesse habe, das verstehe keiner und wolle keiner lesen. Das ist die organisierte Volksverdummung.
Grüße
Axel

Ronald Henrici
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Ronald Henrici » Freitag 6. September 2013, 21:05

Lieber Axel !
Wenn eine solche Konzertkritik in die Öffentlichkeit kommt, kann ich nur betonen, daß der entsprechende Journalist und Schreiber sein Handwerk mangelhaft ausführt. Als Journalist würde ich zumächst einmal bei den Beteiligten recherchieren, damit nicht solch gravierende Fehler über das Instrument bekundigt werden. Damit hat sich der Journalist selbst ins Bein geschossen, indem er solch Sachunkenntnis seinerseits bekundet.
Häufig habe ich z.B. Konzerte besucht, wobei der Berichterstatter sich sachkundig machte bevor er schrieb, bzw. er oder sie hat sich bemüht, einem Sachkundigen den Bericht zu zeigen mit der Bitte, sachliche "Fehler" bereinigen zu dürfen, bevor der Bericht gedruckt wird.
Oft habe ich es erlebt, daß der Journalist sogar auf den Interpreten zugegangen ist mit der Frage, ob er so berichten kann. Dabei wurden dann auch sachliche Fehler ausgeräumt.
Oft genug hat sogar der Interpret den Journalisten vorher bestellt, um ihm zu zeigen, wie er mit dem Instrument umgeht und was für Fachbegriffe richtig verwendet werden. Dann heißt es im Bericht nicht "zwanzig Pedale" sondern "zwanzig Pedaltasten" um hier nur ein Beispiel einer sachlichen Richtigstellung zu geben.
Die hat nichts damit zu tun, ob in einer Zeitung "Kritik zu Orgelmusiken" wenig oder gar nicht gefragt ist, sondern wie ein guter Journalismus aussieht.
Gruß
Ronald
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heifadudler
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von heifadudler » Dienstag 28. Januar 2014, 08:01

Über eine ganz besonders spezielle Orgel lese ich soeben:

32 Pfeifen und elf Register

Die neue Orgel hat 32 Pfeifen und elf Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Kosten für den Umbau der neuapostolischen Kirche betrugen insgesamt rund 440 000 Euro. Davon fielen gut 60 000 Euro für die Orgel an.

(Hohenloher Tagblatt Crailsheim, 28.1.14)

kernspalter
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von kernspalter » Dienstag 28. Januar 2014, 08:38

heifadudler hat geschrieben:Über eine ganz besonders spezielle Orgel lese ich soeben:

32 Pfeifen und elf Register
Stimmt doch gar nicht! Die Orgel hat nur 25 Pfeifen, ich habe sie eben selber gezählt:

http://cms.nak-schwaebisch-hall.de/wo-w ... inweihung/
Mit kernspalterischen Grüßen

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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von heifadudler » Mittwoch 29. Januar 2014, 08:40

stimmt..... nur 25......

ABER vielleicht zählen die großen Pfeifen doppelt... ^^

Ronald Henrici
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Ronald Henrici » Samstag 19. Juli 2014, 21:52

Wenn Kernspalter, der ja eigentlich zu den "Orgelkennern" gehört, von 25 Pfeifen spricht, die er selbst gezählt hat, dann hat er offensichtlich nur die Prospekpfeifen gezählt, oder die menschlichen "Pfeifen", die ein solches Instrument entworfen, bestellt und bezahlt haben. Dann war das "Instrument" hoffnungslos überteuert, oder die Prospektpfeifen waren teuer vergoldet.
Kann alles sein, aber bei dem Preis gibt es wesentlich bessere Pfeifenorgeln.
Oder soll hiermit der Weg zum orgelinneren verbaut bleiben, der eventuell oder tatsächlich aus Lautsprechern mit Verstärkern besteht ? Selbst dann ist edas "Instrument" zu teuer !
Gruß
Ronald
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Grobgehackt
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Grobgehackt » Sonntag 20. Juli 2014, 23:12

Scherzkeks.....
Ich glaube kaum, dass ein digitales Instrument hier unter orgel-information vorgestellt werden würde....
und auch nicht mit gebrauchten Lautsprechern :-)
http://www.orgel-information.de/Deutsch ... 8ww4bHIy6U

Holger

Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Holger » Montag 21. Juli 2014, 06:55

Das ist doch immer noch besser als ein Elektrium. Wie's klingt kann man sicher vor Ort erhören.

Ronald Henrici
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Ronald Henrici » Dienstag 5. August 2014, 21:16

Lieber Holger !
Das Lästern über ein solches Instrument ist schon angebracht.In meiner Volontärzeit im Orgelbau war ich in den 60er Jahren an einer Orgel am Niederrhein, die ich (II/P/28) zusammen mit einem Orgelbau-Kollegen general zu stimmen hatte. Zeitlich waren dazu 2 Stunden angesetzt, was mir bei der Anfahrt schon sehr komisch vorkam. Das Ergebis war knapp eine Stunde Arbeitszeit, denn das Instrument bestand hinter dem 8 Fuß Pfeifenprospekt mit Zinkpfeifen lediglich aus mehreren zusammengefürfelten völlig verstaubten Lautsprechern. Das Stimmen bezog sich allein nur auf den vorhandenen 8 fuß Prinzipal mit 24 Pfeifen im Prospekt, der Rest stand auf einer elektrisch gesteuerten Kegellage quer über zwei Lautsprechern...
so schön macht man es nicht einmal in einer Friedhofskapelle... :roll:
Denn da hätte das Instrument beerdigt werden müssen, etwas würdevoll, begleitet mit dem Klang eines 8 Fuß Prinzipal...
Bei manchen Instrumenten muß man eben mit Humor gesegnet sein !!
Gruß
Ronald :) 8) :lol: :roll: :x :(
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Holger

Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Holger » Montag 11. August 2014, 06:07

**** Lach ****

Hättet ihr damals alle 28 Register gestimmt und noch unter erschwerten Bedingungen (Schmutzzulage wegen Staub und Gesundheitsgefahr wegen des Klangs), so hättet ihr ins Guinessbuch eingetragen gehört. Und die Kirchengemeinde auch - als dümmste der Welt. Wurde das "Ding" ernsthaft gestimmt? Was verstimmt sich an einem Principal 8'???

Und übringens ein Elektronium darf man nicht vergraben - Elektroschrott - Sondermüll. Mit oder ohne Principal 8'-Abgesang, das ist verboten!

Ronald Henrici
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 14. August 2014, 20:46

Na ja ! Wir hätten der Gemeinde zwei Tage Arbeitszeit berechnen mögen für die Stimmung der Orgel, d.h. des Principal 8 Fuß, jeder Ton 15 minuten Stimmzeit, dazwischen 20 Minuten Pause. Die Verantwortlichen der Gemeinde hätten der "Betrug" nicht einmal gemerkt. So wenig sachkundig waren die Pfarrgemeinderatsmitglieder !!
Gruß
Ronald
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olds
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Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von olds » Freitag 27. Mai 2016, 08:18

Axel hat geschrieben:Jo, das ist wieder ein Highleight aus der Provinz. [...] Ich habe dann nachgefragt. Die Antwort hat mich sehr überrascht: Die Reaktion habe ganz klar artikuliert, dass man an einer Konzertkritik kein Interesse habe, das verstehe keiner und wolle keiner lesen. Das ist die organisierte Volksverdummung.
Grüße
Axel
In dem Dorf wo mein Vadder gelandet ist (Witwer, in zweiter Ehe verheiratet), gibt es zur Bewertung von künstlerischen Veranstaltungen und Vorträgen nur ein Adjektiv: "Ja, es war schön".

War etwas "nicht schön", stellt man andere Eindrücke hervor und bleibt bei einer möglichen Zweitauflage der Veranstaltung weg. Bei einem jungen Organisten der noch studiert und mehr als ein Stück aus der Ecke Dupre/ Messaien/ Guillou vorträgt, würde man das junge Alter des Künstlers hervorheben und betonen, dass er flott spielt, vorallem aber, dass er ja noch an der Uni studiert - also komisches Zeug im Kopf hat, womit man hier wenig anzufangen weiß.

Ein Grund dafür ist oftmals das soziale Gefüge. Selbst eine fundierte fachmännische Kritik mit positivem Lob würde einen Angriff auf eine Person im Umfeld darstellen, auch wenn diese Person gar nicht direkt beteiligt wäre. Da reicht es schon aus, wenn der Kontakt zu dem Gastorganisten über den Vorstand des Kirchenchores hergestellt wurde.

Aus dem selben Grund "gehört es sich auch", dass man bei einer Veranstaltung - wie ich zu sagen pflege - "abgebildet ist".

Die genannte Konzertkritik deckt übrigens fast alle wichtigen Informationen ab.

Wir haben etwas ganz aufregendes: Junge Frau spielt ziemlich gut Orgel!

- Noch spannender: Sie studiert das auch noch!
- Dass die Frau wirklich gut ist, zeigt sich darin, dass das wohl eine besondere und total schwer zu spielende Orgel ist.
- Die Kirche des Dorfes ist ein wunderbarer Bau, hat eine tolle Akustik. Können die aus dem Nachbardorf nicht mithalten.

Kritikpunkte an der Kritik:
- Aufzählung der Stücke verwirrt nur. Interessiert keinen. Es gibt nur "schöne" Musik, "komische" Musik und "Krach".

- Wichtige Informationen fehlen, wie z.B. ob das Mädchen schon verlobt ist, wo sie das nun studiert, etc. ... .

Mit der Volksverdummung liegt man daher nicht falsch, eine kunstgerechte Konzertkritik würde aber als Affront verstanden werden. Das Volk will halt verdummt werden.

Stichworte für eine "schöne Veranstaltung":

- Saal hübsch geschmückt. Nicht zu warm temperiert.
- Musikalische Beiträge nicht anspruchsvoll.
- Mischung zwischen altbekannten Künstlern und jungen Leuten. Geheimtipp: Der Kindergarten tritt auch auf.
- Ausreichend gutes Essen und Trinken, zügige Bewirtung, keine Produkte "aus dem Aldi".
- Ausreichend Gelegenheit des geselligen Austausches.
- Dorfgemeinschaft/ Verein/ Kirchengemeinde erhält ausreichend Möglichkeit sich als besonders herauszustellen.

Holger

Re: Es tut weh, so eine "Konzertkritik" lesen zu müssen...

Beitrag von Holger » Montag 30. Mai 2016, 07:59

... und, neben all den Superlativen nicht zu vergessen die Bepinselung Unbeteiligter:

- der Herr Bürgermeister / Ortsvorsteher nebst Gattin und adrett gekleidter Tochter waren auch anwesend, warum auch
immer.
- Der Herr Pfarrer konnte der Veranstaltung wegen eines Todesfalls in der Gemeinde nicht beiwohnen, ihm gilt der
besondere Dank, da er die Orgel und Kirche zur Verfügung stellte und damit sein besonderes kulturelles Interesse zeigt.
- Der Herr Landrat ließ seine Grüße verlesen, er konnte leider wegen anderer Verpflichtungen nicht kommen.
- Der Herr Dekan schickte dann noch Gottes Segen, auch er ist grundlos verhindert und konnte nicht kommen.
- Danksagung an das örtliche Autohaus mit Landmaschinenhandel, das die Veranstaltung großzügigst mit 50 Euro unterstützt
hat.

Photoklick, auf dem man nur die Honoratioren des Kirchengemeiderats sieht, die Organistin stand hinten und verschwand hinter der Wand der 1,80 m großen Herren mit ihren zarten 155 cm, man kann sie nur an den Orgelschuhen erkennen ...

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